Gewitterasthma bezeichnet das gehäufte Auftreten akuter asthmatischer Beschwerden im zeitlichen Zusammenhang mit einem Gewitter. Betroffen sind vor allem Menschen mit Pollenallergie beziehungsweise allergischer Rhinitis (sog. Heuschnupfen). Zum Teil treten Beschwerden auch bei Personen ohne bekannte Asthmadiagnose auf.
Beschreibung Die Symptome beginnen typischerweise etwa 20 bis 30 Minuten nach Einsetzen eines Gewitters. Treten sie bei einer großen Zahl von Menschen gleichzeitig auf, kann es zu einer sprunghaften Häufung von Notfallbehandlungen kommen. Das Phänomen wird als epidemisches Gewitterasthma bezeichnet.
Als Auslöser gilt eine kurzzeitige, sehr hohe Belastung der Atemluft mit Allergenen, vorwiegend aus Gräserpollen. Pollenkörner sind im Normalfall zu groß, um in die unteren Atemwege zu gelangen, und werden meist im Bereich der oberen Atemwege abgefangen. Bei einem Gewitter können die Pollenkörner jedoch in feinste, allergenhaltige Bruchstücke (sogenannte Subpollenpartikel) zerfallen. Diese sind klein genug, um tief in die Bronchien eingeatmet zu werden. Fallwinde des Gewitters tragen diese Partikel in Bodennähe und erhöhen so kurzzeitig die Konzentration einatembarer Allergene stark. Der genaue Mechanismus, der zum Platzen der Pollenkörper führt, ist bislang nicht wissenschaftlich geklärt. Während hohe Luftfeuchtigkeit weithin als Grund angenommen wurde, diskutieren alternative Erkläransätze unter anderem mechanische Reibung durch Windböen, elektrische Aufladung und Entladung sowie Blitzeinschlag.
Dokumentierte Ereignisse Ein Fall von Gewitterasthma wurde bereits 1983 in Birmingham, England, dokumentiert. Bis Mitte der 2020er Jahre wurden weltweit epidemische Ereignisse beschrieben. Die meisten ereigneten sich in Australien, insbesondere in Melbourne, sowie im Vereinigten Königreich.
Das größte und folgenschwerste bekannte Ereignis fand am 21. November 2016 in Melbourne, Australien, statt, während des Höhepunkts der Gräserpollensaison. Innerhalb weniger Stunden kam es zu mehreren tausend akuten Atemwegsnotfällen, zehn Menschen starben in der Folge. An jenem Tag wurden außergewöhnlich Gräserpollenkonzentrationen von mehr als 100 Pollenkörnern pro Kubikmeter Luft gemessen. Ein erheblicher Teil der notfall mäßig behandelten Personen hatte zuvor keine ärztliche gesicherte Asthmadiagnose.
Gewitterasthma in Deutschland und Bezug zum Klimawandel Auch in Deutschland sind Einzelfälle von Gewitterasthma dokumentiert. Einige Experten schätzen das Phänomen als unterschätzte Gefahr ein. Der Sachstandsbericht Klimawandel und Gesundheit, erstellt unter Federführung des Robert-Koch-Instituts (2023), führt aus, dass das Phänomen durch zunehmende Extremwetter-Ereignisse an Bedeutung gewinnen könnte. Höhere Temperaturen und steigende Konzentrationen von Kohlenstoffdioxid in der Erdatmosphäre verändern Blühzeiten, Pollenkonzentration, Pollenspektrum und Allergenität von Pollen. Dies kann die Häufigkeit und Schwere allergischer Atemwegserkrankungen beeinflussen.
Prävention Fachstellen empfehlen insbesondere Risikogruppen, Wetter- und Pollenwarnungen zu beachten und sich bei aufziehenden Gewittern während der Pollensaison in geschlossenen Räumen mit geschlossenen Fenstern aufzuhalten. Nach dem Melbourne-Ereignis richtete der australische Bundesstaat Victoria ein mehrstufiges Vorsorgeprogramm mit öffentlicher Aufklärung, saisonalen Risikoprognosen und Notfallplänen ein.
Einzelnachweise
Kategorie:Gewitter Kategorie:Krankheitsbild in der Pneumologie