Ruth Agnes Veit Simon (* 3. Januar 1914 in Berlin; † 26. Juli 1943 im Ghetto Theresienstadt) war eine jüdische Illustratorin, Grafikerin und Opfer des Holocaust.
Werdegang Ruth Agnes Veit Simon kam als Tochter der evangelischen Irmgard Veit Simon, geb. Gabriel, und des jüdischen Rechtsanwalts und Notars Heinrich Veit Simon (1883–1942) in Berlin in einer der ältesten und angesehensten jüdischen Familien der Stadt zur Welt. Mit ihren Geschwistern Harro Herman (1911–2011), Ulla Phillipine (1915–2004), Rolf Gabriel (1916–1943), Etta Ottilie (1918–2009) und Judith Leonore (* 1925) wuchs sie in einer vom Architekten Alfred Breslauer erbauten Villa in der Gelfertstraße 29–31 in Berlin-Dahlem auf. Die Familie konnte zudem zwei Autos unterhalten und beschäftigte eine Hausangestellte, eine Köchin und einen Gärtner. Die Kinder wurden von ihren Eltern im jüdischen Glauben erzogen und im Alter von dreizehn Jahren feierte Ruth Agnes Veit Simon, wie auch ihre Schwestern, ihre Bat Mitzwa.
Ruth Agnes Veit Simon besuchte ab 1926 die Auguste-Viktoria-Schule (die heutige Fichtenberg-Oberschule) in Berlin-Steglitz, an der sie Ende Februar 1932 das Abitur ablegte, nachdem sie nach einem Skiunfall ein Jahr wiederholt hatte. Im Anschluss begann sie in Freiburg ein Philosophiestudium, verbrachte dann aber zunächst zwei Jahre in England.
Leben in der Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtergreifung und den ersten antijüdischen Gesetzen vermietete Heinrich Veit Simon 1934 die auf seinen Namen eingetragene Villa in Dahlem und zog mit der Familie in das Geburtshaus von Ruth Agnes Veit Simons Mutter Irmgard am Hindenburgdamm 11 in Berlin-Lichterfelde, das auf ihre Tante Gisela Gabriel eingetragen war. Nach ihrer Rückkehr aus England wohnte auch Ruth Agnes Veit Simon am Hindenburgdamm 11 und absolvierte eine Ausbildung zur Grafikerin an der Schule Reimann, einer privaten Kunst- und Kunstgewerbeschule in Berlin-Schöneberg. Danach war sie als Illustratorin tätig. 1936 erschien das vom Verlag Erwin Löwe in Berlin herausgegebene Kinderbuch Die bunte Schüssel. Ein jüdisches Kinderbuch zum Lesen und Malen mit Illustrationen von ihr. Sie arbeitete auch als Übersetzerin für Englisch in einem Dolmetscherbüro und reiste viel, häufig besuchte sie ihren wesentlich älteren Freund Otto Maron in Budapest. 1937 wurde eine Lungentuberkulose bei ihr diagnostiziert.
Nach Erlass des Reichsbürgergesetzes wurde Ruth Agnes Veit Simon als sogenannte Geltungsjüdin eingestuft, weil sie – nach NS-Definition – ein jüdischer Mischling war und sich als Mitglied der jüdischen Gemeinde zu ihrem Glauben bekannte. Sie unterlag damit den Repressalien im NS-Staat, ebenso wie ihre Geschwister, ihr Vater und dessen gehörlose Schwestern Eva und Katharina Simon, die 1938 von ihrem Obstgut Katharinenhof am Meseberger Weg in Gransee vertrieben worden waren. Ab 1939 lebten diese und auch Heinrich Veit Simons Mutter Hedwig mit im Haushalt am Hindenburgdamm 11. Ruth Agnes Veit Simons Geschwister Harro, Ulla und Rolf waren bis Ende 1938 noch rechtzeitig emigriert und ihre Schwester Judith gelangte mit einem Kindertransport am 30. Dezember 1938 nach England. Ihre eigenen Auswanderungspläne für Großbritannien scheiterten unter anderem daran, dass an Tuberkulose Erkrankte als „unerwünscht“ galten. Nach von ihrem Vater finanzierten Reise- und die Behandlungskosten für ihren Aufenthalt in Bad Neuenahr und ihre mehr als drei Monate dauernde Behandlung in der „M. A. von Rothschild’schen Lungenheilstätte“ in Nordrach im Schwarzwald wurde Ruth Agnes Veit Simon im Juli 1940 in der Thoraxklinik Heidelberg in Heidelberg-Rohrbach operiert. Begleitet wurde sie bei ihren Sanatoriums- und Krankenhausaufenthalten meist von ihrer Schwester Etta Ottilie. Im Anschluss kehrten die Schwestern nach Berlin zurück.
Deportation und Tod Ruth Agnes Veit Simons Schwester Etta Ottilie musste Zwangsarbeit bei der Zeiss Ikon AG Görzwerk in Berlin-Zehlendorf leisten, sie selbst war als chronisch Kranke davon ausgenommen. Wegen der steigenden Deportationsgefahr versuchte Heinrich Veit Simon, seinen beiden Töchtern mittels Ausweisen belgischer Fremdarbeiterinnen des Görz-Werkes die Flucht über Belgien und Frankreich nach Spanien zu ermöglichen. Der Plan scheiterte, Etta Ottilie wurde am 18. April 1942 verhaftet, ihr Vater einige Tage später. Er starb am 18. Mai 1942 im Polizeigefängnis Alexanderplatz an seinen Verletzungen. Ruth Agnes Veit Simon entging der Verhaftung im April, sie wurde bis Anfang Juli 1942 im Jüdischen Krankenhaus Berlin wegen ihrer wieder ausgebrochenen Tuberkulose behandelt und von dort am 7. Juli 1942 zu ihrer Schwester in das Sammellager Große Hamburger Straße 26 gebracht. Von dort wurden die Schwestern nach Theresienstadt deportiert. Im Lager wurde Ruth Agnes Veit Simon von den jüdischen Tuberkuloseärzten František Löwit und Evžen Kraus in der als Tb-Krankenhaus eingerichteten Theresienstädter Geniekaserne betreut, wo sie am 26. Juli 1943 starb.
Die Großmutter Hedwig und die Tanten Eva und Katharina Simon wurden im Oktober 1942 nach Theresienstadt deportiert und ermordet, der Bruder Rolf wurde aus den Niederlanden in das KZ Auschwitz gebracht und ermordet. Etta Ottilie überlebte das Lager und emigrierte im Herbst 1945 mit ihrer Mutter Irmgard, die in Berlin untergetauchten Juden geholfen hatte, zunächst nach London. Die Geschwister Harro, Ulla und Judith überlebten in der Emigration.
Gedenken
Im Jahr 2004 wurde für Ruth Agnes Veit Simon ein Stolperstein in der Rothenburgstraße 18 vor der Fichtenberg-Oberschule verlegt. Ein zweiter Stein wurde am 16. Oktober 2014 an ihrem früheren Wohnort am Hindenburgdamm 11 verlegt, ebenso wie für ihre ermordeten Familienangehörigen.
In den Sammlungen des Jüdischen Museums Berlin befinden sich Alltagsgegenstände, Dokumente, Fotografien und ein Fotoalbum der Familie Veit Simon.
2019 erschien im Verlag Hentrich & Hentrich ein Buch über die Familie.
Literatur Anna Hájková, Maria von der Heydt: Die letzten Berliner Veit Simons: Holocaust, Geschlecht und das Ende des deutsch-jüdischen Bürgertums. Verlag Henrich & Hentrich, Berlin 2019, ISBN 978-3-95565-301-9
Einzelnachweise Marianne Büning: Werte im Wandel. Gesichter eines Berliner Gymnasiums: Fichtenberg-Oberschule 1904–2004. Edition Hentrich, 2003, S. 320–321
Michael Ehmann: Die Thoraxklinik in der NS-Zeit unter der Leitung von Walter Schmidt und Ludwig Adelberger. In: Norbert Giovannini (Hrsg.), Ingrid Moraw, Reinhard Riese, Claudia Rink: Stille Helfer. Eine Spurensuche in Heidelberg (1933 – 1945)., Kurpfälzischer Verlag 2019, ISBN 978-3-92456-671-5, S. 55–56
Maria von der Heydt, Michael Ehmann: Ruth Veit Simon: 1940 Patientin der Thoraxklinik in Rohrbach. Die Spuren einer großbürgerlich‐jüdischen Familie in Berlin. In: Heidelberg. Jahrbuch zur Geschichte der Stadt 21, 2017, S. 189–205, https://doi.org/10.57962/regionalia‐24246
Sammlung Herbert Veit Simon. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 4. Juni 2026
Die letzten Berliner Veit Simons. In: Jüdisches Museum Berlin. Abgerufen am 4. Juni 2026
Die Geschichte der Familie Veit Simon. In: Kirchenkreis Steglitz. Abgerufen am 4. Juni 2026
Ruth Agnes Veit Simon. In: stolpersteine-berlin.de. Abgerufen am 4. Juni 2026
Die Geschichte einer jüdischen Berliner Familie. In: Die Tageszeitung vom 16. November 2019. Abgerufen am 4. Juni 2026
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