Nicholas Ridley, Baron Ridley of Liddesdale PC (* 17. Februar 1929; † 4. März 1993) war ein britischer Politiker. Er war Mitglied des Kabinetts von Margaret Thatcher als Minister in verschiedenen Positionen und galt als Thatcherist.
Leben Nicholas Ridley war der zweite Sohn des Matthew Ridley, 3. Viscount Ridley, aus dessen Ehe mit Ursula Lutyens. Mütterlicherseits war er ein Enkel von Sir Edwin Lutyens. Er wurde am Eton College erzogen und studierte am Balliol College der Universität Oxford. 1955 scheiterte er als Kandidat der Conservative Party in der Labour-Hochburg Blyth. Bei der Unterhauswahl 1959 siegte er im Wahlkreis Cirencester and Tewkesbury und zog ins House of Commons ein. Dort stieg er schnell zum Frontbänkler auf.
1970 wurde er in der Regierung Heath unter Premierminister Edward Heath kurzzeitig zum Parlamentarischen Sekretär im Technologieministerium ernannt, bevor er Parlamentarischer Unterstaatssekretär im Ministerium für Handel und Industrie wurde. Ridley geriet unter Druck, nachdem ein von ihm im Dezember 1969 verfasster politischer Bericht über die Zerschlagung und Privatisierung von Upper Clyde Shipbuilders an die Öffentlichkeit gelangt war; darin hatte er vorgeschlagen, eine konservative Regierung solle UCS zerlegen und „ausschlachten“ sowie die staatlichen Anteile verkaufen – „selbst für einen Spottpreis“.
Ridley schied bereits 1972 aus der Regierung aus, nachdem er das Amt als Parlamentarischer Unterstaatssekretär für Kunst abgelehnt hatte. Wenige Tage später erklärte Ridley gegenüber Patrick Cosgrave: „Ted [Heath] dachte, da ich zeichne und male, würde ich gerne Kunstminister werden. Ich musste ihm erklären, dass es dieses Ministerium gar nicht geben sollte, da es öffentliche Ausgaben mit sich bringe.“Patrick Cosgrave: „Obituary: Lord Ridley of Liddesdale“ In: The Independent, 6. März 1993.
1973 formte er die Selsdon Group, eine einflussreiche politische Interessenvereinigung, die Ideen vertrat, die ab 1975 unter der neuen Vorsitzenden Margaret Thatcher hervorgehoben wurden.
1979 wurde er von der neuen konservativen Regierung als neuer Unterhändler für die Falklandinseln ernannt. Nach einer Reise auf die Inseln machte er den Vorschlag, die Souveränität an Argentinien zu übergeben, jedoch die Inseln nach dem Hongkong-Modell an die Bewohner auf unbestimmte Zeit zu verpachten. Weder bei den Inselbewohnern noch im Parlament fand sein Vorschlag Zustimmung. Im September 1981 wurde Ridley durch Richard Luce ersetzt; am 1. April 1982 begann der Falklandkrieg. Ab 1981 war er Unterstaatssekretär im Schatzamt.
Nach der Unterhauswahl 1983 profitierte Ridley – von Margaret Thatcher stets als „einer von uns“ und enger ideologischer Verbündeter betrachtet – von ihrem Bestreben, die „Tory Wets“ auszusortieren, und wurde – als Verkehrsminister – von Thatcher in ihr Kabinett berufen.Charles Moore: Margaret Thatcher: The Authorized Biography, Volume Two: Everything She Wants. Penguin Books, 2016. Ridley galt bald aufgrund seiner ideologischen Nähe zu Thatcher als Anhänger des Thatcherismus, der sich als Thatcherist im Sinne einer unbedingten Loyalität zur Politikerin Margaret Thatcher definierte.Richard Vinen: Thatcher’s Britain. The Politics and Social Upheaval of the 1980s. Simon & Schuster, London 2009, S. 117 ff. Als Verkehrsminister spielte er eine maßgebliche Rolle bei den Vorbereitungen auf einen möglichen Ausfall der Kohleversorgung – ein Faktor, der sich als entscheidend für den Ausgang des Bergarbeiterstreiks erweisen sollte. Ridley war sich der Bedrohung, die die Gewerkschaften für die Umsetzung konservativer Politik darstellen konnten, schon lange schmerzlich bewusst; im Gefolge der gewerkschaftlichen Schwierigkeiten der Regierung Heath hatte er den „Ridley-Plan“ entworfen. Dieser skizzierte Strategien für den Umgang mit den Gewerkschaften und diente als ein Art Blaupause für spätere Entwicklungen. Die Regierung Thatcher maß einer gründlichen Vorbereitung auf einen großangelegten Bergarbeiterstreik erhebliche Bedeutung bei und war während ihrer ersten Legislaturperiode einer Konfrontation mit den Bergarbeitern noch ausgewichen. Als ab Anfang März 1984 der langerwartete einjährige große Bergarbeiterstreik begann,Richard Vinen: Thatcher’s Britain. The Politics and Social Upheaval of the 1980s. Simon & Schuster, London 2009, S. 155. waren bereits beträchtliche Anstrengungen unternommen worden, um die Verfügbarkeit von Kohlereserven in den Kraftwerken, den Einsatz nicht gewerkschaftlich organisierter Transportarbeiter sowie die Betriebsbereitschaft ölbefeuerter Kraftwerksanlagen sicherzustellen. Zudem nahm er die Deregulierung des Bus-Dienstes im öffentlichen Verkehr vor, was ein Vorspiel zur Privatisierung des Bus-Dienstes darstellte. Obwohl ein Verfechter der Privatisierungen in der Thatcher-Ära, sprach er sich dennoch immer gegen eine Privatisierung der Eisenbahnen aus, die erst in der Regierungszeit von Thatchers Nachfolger im Amt, John Major, erfolgte.
Anfang 1986 war Ridley auslösend in die Westland-Affäre involviert: Am 9. Januar 1986 gingen Ridley und Thatcher den temperamentvollen Michael Heseltine, der sich im Kabinett zunehmend isoliert fand, bei einer Kabinettssitzung hart an. Daraufhin stürmte Heseltine aus dem Kabinettsraum.Robert Blake: The Conservative Party from Peel to Major. Faber and Faber, London 1997, S. 369. Kurz danach veröffentlichte Heseltine ein ausführliches Memorandum, in dem er seinen Rücktritt erklärte und von einem kompletten Zusammenbruch der gemeinschaftlichen Kabinettsverantwortung sprach.John Campbell: Margaret Thatcher. Volume Two: The Iron Lady. Vintage Books, London 2008, S. 488. Im Unterhaus beklagte Heseltine wenig später erneut den Zusammenbruch der gemeinschaftlichen Verantwortung des Kabinetts.Richard Vinen: Thatcher’s Britain. The Politics and Social Upheaval of the 1980s. Simon & Schuster, London 2009, S. 265 ff. Im Nachgang der Westland-Affäre kam es zu einer Kabinettsumbildung und Ridley wurde Umweltminister. 1989 spielte Thatcher nach eigenen Angaben mit dem Gedanken, Ridley als Nachfolger des zurückgetretenen Nigel Lawson ins Schatzamt zu berufen, entschied sich jedoch schließlich, ihn als Minister für Handel und Industrie zu benennen, da sie Ridleys undiplomatischen Umgang mit der Presse kannte.
Ridley, sich immer freimütig äußernd, musste sich nach der Katastrophe der „Herald of Free Enterprise“ im Jahr 1987 entschuldigen, da er geäußert hatte, er werde eine bestimmte politische Maßnahme nicht „mit offenen Bugtoren“ verfolgen. Das Schiff war – infolge einer Fahrt mit geöffneten Bugtoren – gekentert, wobei 193 Menschen ums Leben kamen. Als er Anfang 1990 um eine Stellungnahme zum Rücktritt seines Kabinettskollegen Norman Fowler gebeten wurde – der als Grund für seinen Rücktritt den Wunsch angegeben hatte, „mehr Zeit mit meiner Familie zu verbringen“ –, bemerkte Ridley schlagfertig, das Letzte, was er tun wolle, sei, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Im Juli 1990 wurde Ridley aufgrund eines Interviews in der britischen Zeitschrift The Spectator von den Hinterbänklern des 1922-Komitees zum Rücktritt gezwungen. Thatchers Versuch, Ridley zu halten, scheiterte jedoch. In diesem Interview hatte er sich dahingehend geäußert, dass es sich bei der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion um eine deutsche Masche mit dem Ziel handle, die Herrschaft über Europa zu erringen (a German racket designed to take over the whole of Europe), weshalb die Übertragung von Souveränitätsrechten auf die Europäische Gemeinschaft ebenso schlimm sei, als wenn man diese Rechte Adolf Hitler übertrüge. Diese Aussage war Ausdruck eines tiefgreifenden Wandels in Ridleys Ansichten. Während Ridley in den 1970er-Jahren verschiedentlich noch positiv über die europäische Gemeinschaft gesprochen hatte, änderten sich irgendwann in den 1980er-Jahren seine Ansichten völlig und Ridley wurde wie Margaret Thatcher und andere namhafte Tories zum Gegner der europäischen Einigung.
Zur Unterhauswahl 1992 trat er nicht mehr an und wurde am 28. Juli 1992 als Baron Ridley of Liddesdale, of Willimontswick in the County of Northumberland, zum Life Peer erhoben und wurde dadurch Mitglied des House of Lords. Ridley war zudem Sekretär des Canning Club, Ratsmitglied im Castle Ward Rural District Council und Mitglied des Exekutivkomitees des National Trust.
Ridley war mit Clayre Campbell verheiratet, der Tochter von Alistair Campbell, dem 4. Baron Stratheden und Campbell. Die Ehe wurde 1974 geschieden. Aus ihr gingen drei Töchter hervor: die Sozialarbeiterin Susanna Rickett, die Designerin und Autorin Jessica Ridley sowie die Historikerin Jane Ridley, Professorin für Geschichte an der University of Buckingham. Ridley war ein begeisterter Aquarellmaler und Fotograf.
Ridley, ein passionierter Kettenraucher, der in der satirischen Spitting-Image-Fernsehshow bei allen Auftritten stets mit einer Zigarette abgebildet wurde, verstarb an Lungenkrebs am 4. März 1993.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Life Peer Kategorie:Mitglied des House of Lords Kategorie:Mitglied des Privy Council (Vereinigtes Königreich) Kategorie:Politiker (20. Jahrhundert) Kategorie:Brite Kategorie:Geboren 1929 Kategorie:Gestorben 1993 Kategorie:Mann