mini|Alvise Mocenigo, gemalt von Jacopo Tintoretto, Öl auf Leinwand, 117 × 99 cm, 1570/73, seit 1812 in den Gallerie dell’Accademia, Venedig mini|Verschlüsselte Nachricht über die Seeschlacht vor Lepanto aus der Feder des Bailò von Konstantinopel Marcantonio Barbaro, Oktober 1571 mini|Cifrario des Bailò Marcantonio Barbaro von 1573.Tommaso Bertelè: Il Palazzo degli Ambasciatori di Venezia a Costantinopoli e le sue antiche memorie, Apollo, Bologna 1932.

Alvise Mocenigo I. (* 26. Oktober 1507 in Venedig; † 4. Juni 1577 ebenda) war von seiner Wahl am 15. Mai 1570 bis zu seinem Tod, folgt man der Zählweise der staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung der Republik Venedig, ihr 85. Doge.

Seine Ämterlaufbahn führte ihn in mehrere Städte Oberitaliens, das zu dieser Zeit sehr umkämpft war, aber auch als Botschafter, bzw. Gesandten an den Hof Kaiser Karls V. und nach Rom zu den Päpsten Paul IV. und Pius IV.

Während er Doge war, siegte 1571 die katholische Koalitionsflotte gegen die Osmanen in der Seeschlacht vor Lepanto, doch kam es gegen Ende seiner Amtszeit zum Ausbruch der Pest, die 1575 und 1576 in der Stadt wütete. Aus Dankbarkeit für die Erlösung von dieser Epidemie entstand die Kirche Il Redentore (der Erlöser). Mocenigos gewaltiges Grabmal wurde zu einer Stätte der Selbstverherrlichung.

Familie Alvise Mocenigo stammte aus der verzweigten Familie Mocenigo, die insgesamt sieben Dogen stellte. Diese waren: Tommaso Mocenigo (1414–1423), dann Pietro (1474–1476), Giovanni (1478–1485) und Alvise Mocenigo selbst. Im 18. Jahrhundert trugen drei weitere Dogen diesen Namen, nämlich Alvise Mocenigo II. (1700–1709), dann der dritte (1722–1732) und schließlich der vierte Träger dieses Namens (1763–1778).

Alvise wurde am 26. Oktober 1507 als erster von fünf Söhnen des Prokurators von San Marco Tommaso Mocenigo geboren. Die Familie gehörte dem Zweig (ramo) an, der in der Gemeinde San Stae lebte. Alvises Mutter war Lucrezia Marcello di Alvise di Pietro. Wie ihr Ehemann, so gehörte sie einer der angesehensten Familien an.

Alvise, der zu dieser Zeit ganz am Anfang seiner Ämterlaufbahn stand, heiratete 1533 Loredana Marcello di Alvise di Gian Francesco, die aus einem anderen Familienzweig stammte, als seine Mutter, wie der Zusatz di Gian Francesco anzeigt. Diese Verbindung war zwar günstig für die beiderseitigen Handelsinteressen, besonders des Fernhandels der großen Familien, doch hatte das Paar keine Kinder. Loredana war naturwissenschaftlich und literarisch gebildet; sie starb am 11. Dezember 1572, war also wenig mehr als eineinhalb Jahre Dogaressa.Dorit Raines: La dogaressa erudita. Loredana Marcello Mocenigo tra sapere e potere, in: Letizia Arcangeli, Susanna Peyronel (Hrsg.): Donne di potere nel Rinascimento, Viella, Rom 2008, S. 375–404 (academia.edu).

Leben Ämterlaufbahn Erste Ämter (ab 1532), Wohnsitz bei Santa Margherita (1533–1566), Capitano in Vicenza (1539/41) Alvise Mocenigo erhielt eine gründliche Ausbildung, und er begann seine Ämterlaufbahn als Savio agli Ordini, ein Amt, in das er vom Großen Rat für die Zeit von Oktober 1532 bis März 1533 gewählt wurde. In diesem Amt beschäftigte er sich vor allem mit der Verpachtung von Frachtraum für die jährlich auszustattenden Schiffskonvois, die Mude oder Mudue. Nach der Hochzeit verlegten Alvise und seine Frau ihren Wohnsitz in die Gemeinde Santa Margherita im Westen der Stadt, um nach 1566 auf die Giudecca zu übersiedeln.

Von Oktober 1534 bis März 1535 füllte er erneut die besagte Position aus, abermals von Oktober 1537 bis März 1538. Doch am 14. Dezember 1539 wurde er Capitano in Vicenza, wo er sich ab Juni 1540 für ein Jahr aufhielt.

Terraferma (1544), Botschafter bei Kaiser Karl V. (1546–1548) mini|Darstellung einer Audienz beim Dogen aus dem Jahr 1573, Wolf-Dietrich-Klebeband: Städtebilder Erst am 22. Februar 1544 setzte er seine Laufbahn fort, denn er wurde einer der Savi alle Decime, um sich im Juli für den Savio di Terraferma zu entscheiden, womit er erneut mit den Angelegenheiten des oberitalienischen Festlands betraut wurde. Am 11. Juni 1545 wurde er zum Gesandten am Hof Karls V. gewählt. Er verließ Venedig im März 1546 und erreichte den Kaiser in Augsburg. Er begleitete den Kaiser auf seinen Feldzügen bis zum 3. Juni 1548, also mehr als zwei Jahre lang. Dann ließ er sich beurlauben.

Sein Abschlussbericht (relazione) unterschied sich von denen anderer Gesandter und Botschafter durch seine scharfen Beobachtungen und durch Vollständigkeit. Nach der üblichen Beschreibung des Kaisers und seiner Familie – dabei erstaunt ihn das enge Verhältnis Karls zu seinem Bruder Ferdinand, der doch von so anderer Natur war – listet er die zahlreichen Herrschaften auf, die Karl zu Gebote standen. Allerdings bleibt „il Mondo novo“, wie er Amerika nennt, schemenhaft, vielleicht, weil ihm die Kolonien jenseits des Atlantiks nicht sehr bedeutend zu sein schienen.Luigi Firpo (Hrsg.): Le relazioni degli ambasciatori veneti al Senato, Bd. II: Germania (1506–1554), Turin 1970, S. 531–699, hier: S. 575. An einigen der Kämpfe nahm Mocenigo persönlich teil, etwa an der Schlacht von Mühlberg vom 24. April 1547, die die Habsburger für sich entscheiden konnten. Einerseits bewunderte Mocenigo den Kaiser, andererseits fürchtete er ihn als gefährlichen Gegner Venedigs. In seinem Abschlussbericht beschreibt er den Kaiser als überraschend schüchternen Menschen, von übermäßigem Appetit, von Angstzuständen geplagt, aber zugleich als großen Kaiser, der im Frieden seine besten Eigenschaften zeigte, im Krieg aber grausam und zynisch sein konnte.Daniele Santarelli: Itinerari di ambasciatori veneziani alla corte di Carlo V, in: Medioevo Adriatico 2 (2008) 121–152, hier: S. 138–141 (online, PDF). Mit dem Titel eines Ritters kehrte Alvise Mocenigo nach Venedig zurück.

Terraferma: Savio (1549–1552, 1554), Aufsicht über die Festungen (1551), Rat der Zehn (1554), Podestà von Crema (1552–1554) mini|Der Innenhof des Dogenpalasts, rechts die Scala dei giganti („Treppe der Giganten“) mini|Die Scala dei giganti Dort wurde er zum Savio di Terraferma, und zwar von 1549 bis 1552 jeweils im ersten Halbjahr, dann wieder von April bis September 1554. Am 3. Oktober 1551 folgte der Posten eines Provveditore sopra le Fortezze, er war also für den Festungsbau verantwortlich. Am 12. Juli 1552 wurde er zum Podestà von Crema gewählt, wo er sich vom 21. September 1552 bis zum 15. Februar 1554 aufhielt.

Alvise Mocenigo wurde zwar am 8. November 1553 zum Botschafter in Frankreich gewählt, doch erlangte er diesmal Dispens. Erstmals trat er im Oktober 1554 dem mächtigen Rat der Zehn bei. Am 2. Oktober 1555 wurde er Mitglied einer Kommission, deren Aufgabe darin bestand, die Scala dei giganti („Treppe der Giganten“) im Dogenpalast zu bauen, deren vier namensgebenden Skulpturen Jacopo Sansovino schuf.

Am 5. Januar 1556 wurde er zum Bailò von Konstantinopel gewählt, doch erhielt er auch diesmal Dispens. Stattdessen wurde er am 30. Juni desselben Jahres Sopraprovveditore alla Sanità, was ihm Aufgaben im Bereich der Vorsorge gegen Epidemien einbrachte. Erneut wurde er von Oktober 1556 bis März 1557 Savio di Terraferma, daran anschließend am 29. April Savio alle Acque, er war also für die Lagune von Venedig zuständig.

Botschafter in Rom (1557/1558–1560) Am 17. September 1557 wurde er zum Botschafter in Rom gewählt. Im April 1558 erreichte er seinen Amtssitz, an dem er 27 Monate und acht Tage blieb. Seine Relazione hielt er im Oktober 1560 vor dem Senat. Darin bewunderte er, dass jeder, und sei er noch so bescheidener Herkunft, der sich mit den Angelegenheiten der Kirche ernsthaft auseinandersetzte, Bischof, Kardinal oder sogar Papst werden könne. Andererseits sei mancher aufgestiegen, der ohne Tugenden war, ja, sündhaft lebte und übel handelte.Eugenio Albèri (Hrsg.): Le relazioni degli ambasciatori veneti al Senato, Bd. X, s. II, t. 4 (Relazione di Roma di Luigi Mocenigo), Florenz 1857, S. 21–64, hier: S. 31. Noch während er sich in Rom aufhielt, wurde er zum Savio del Consiglio gewählt. Von den päpstlichen Machtmitteln, etwa dem Interdikt, glaubt er, das Volk habe sich ihnen früher gern unterworfen, da derlei Befehle gleichsam von ihrem Gott gekommen seien. Doch in der Gegenwart, mit ihren Häresien und Schismen, habe sich dies geändert, überall herrsche Ungehorsam und Konfusion. Dann folgt die übliche Beschreibung der politischen Gliederung, der wirtschaftlichen Verhältnisse, die Höhe der Staatseinnahmen und ihre Aufgliederung nach Einnahmequellen bis hin zum Ämterkauf, schließlich kommt er auf die Stadt Rom zu sprechen.

Im inneren Kreis: Savio del Consiglio (ab 1560), Padua (1560–1562), Gesandter am Kaiserhof, Friaul Savio del Consiglio wurde Mocenigo ab dem 1. Oktober 1560, doch am 8. Dezember ging er stattdessen nach Padua, wo er zum Podestà gewählt worden war. Dort blieb er bis April 1562, befasst vor allem mit Adelsfehden und dem Hunger, unter dem die Provinz zu leiden hatte. Nach seiner Rückkehr kehrte er auf seinen Posten als Savio del Consiglio zurück (Juni bis September 1562), dann saß er im Rat der Zehn, um auf seine vorherige Position vom April bis September 1563 zurückzukehren. Wie auch in anderen höheren Ämterlaufbahnen wurde er zum Consigliere eines der Stadtteile, nämlich des Sestiere Dorsoduro (1. Oktober 1563 bis 4. August 1564).

Am 4. August 1564 wurde er gemeinsam mit Marino Cavalli zum Gesandten am Hof Kaiser Maximilians II. gewählt, um dem neuen Herrscher zu gratulieren. Die beiden Männer hielten sich vom 28. September bis zum 23. Oktober am Hof des Habsburgers auf. Wieder kehrte Mocenigo auf seine Position als Savio del Consiglio zurück (erste Jahreshälfte 1565, dann wieder in der ersten Jahreshälfte 1567, 1568 und 1569). Wieder erhielt er am 20. August 1565 eine militärische Aufgabe, nämlich als Provveditore alle difese del Friuli, verlängert am 17. Dezember desselben Jahres. Am 27. Februar 1566 wurde er zum Procuratore di San Marco de ultra gewählt, dem zweithöchsten Amt nach dem des Dogen.

In dieser Zeit war Mocenigo auch Savio all’Eresia, befasste sich also mit den Häresien, den Abweichungen von der Lehre Roms. Trotz der massiven Bedrohung durch die Osmanen hatte er keine Neigung zur päpstlichen Position in Fragen der Rechtgläubigkeit, doch näherte sich Venedig unter dem äußeren Druck dem Papst an.

Wahl zum Dogen Dieser Gegensatz verhinderte aber keineswegs, dass er am 15. Mai 1570 die Wahl zum Dogen für sich entscheiden konnte. Seine übermäßige Strenge und seine Impulsivität verhinderten jedoch beinahe seine Wahl, in der er sich gegen seine späteren Nachfolger Sebastiano Venier und Nicolò da Ponte durchzusetzen vermochte.

Das Dogenamt mini|Zecchino des Dogen, kniend vor dem Evangelisten Markus, Museo Correr Die Amtszeit Mocenigos war durch militärische Auseinandersetzungen mit dem Osmanischen Reich dominiert, durch Bündnisse mit dem Papst, Frankreich und Spanien einerseits und politische Spannungen mit denselben Mächten andererseits sowie durch einen wirtschaftlichen Niedergang der Lagunenstadt und eine Dezimierung der Bevölkerung Venedigs und der Terraferma durch Typhus und vor allem durch die Pest.

In seinem ersten Amtsjahr, am 3. August 1571, fiel die Stadt Famagusta auf Zypern an die Osmanen. Der Verteidiger der Stadt, Marcantonio Bragadin, wurde auf bestialische Weise hingerichtet. Erst nach zehn Jahren kam die Haut, die man ihm abgezogen hatte, nach Venedig.

Sieg in der Seeschlacht bei Lepanto (1571), Verlust Zyperns, dauerhafter Frieden (ab 1573) mini|Die Schlacht in einem Druckwerk von Martino Rota (um 1520–1583), Venedig 1572 mini|links|Bündniseid von 1571; rechts eine Personifizierung des Glaubens, links knien sechs Männer, die 1571 an der Schlacht von Lepanto beteiligt waren: Papst Pius V., König Philipp II., Doge Alvise Mocenigo, der Admiral und spätere Doge Sebastiano Venier, Marcantonio Colonna und Don Juan’Austria, 23,5 mal 18,1 cm, 1610, heute im Rijksmuseum