Narihiko Itō (; geb. 24. Oktober 1931 in Kamakura oder Kanazawa; gest. 29. November 2017 in Tokio) war ein japanischer Friedensforscher und Literaturwissenschaftler, der als weltweit führender Experte für das Leben und Wirken der polnisch-deutschen Sozialistin Rosa Luxemburg galt. Als Gründer und langjähriger Vorsitzender der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft hat er die internationale Forschung zu Luxemburg stark geprägt. Er war Professor an der Tokioter Chūō-Universität.

Leben Itō studierte Deutsche Philosophie an der Universität Tokio und spezialisierte sich auf Themen rund um den Sozialismus und die internationale Arbeiterbewegung. Später lehrte er bis zu seiner Emeritierung 2002 als Distinguished Professor an der Fakultät für Sozialwissenschaften der Chūō-Universität; er war außerdem Gastprofessor an der Universität Osnabrück.

In den 1950er Jahren stieß er durch Georg Lukács’ Essaysammlung Geschichte und Klassenbewußtsein (1923) auf das Werk Rosa Luxemburgs. 1971 reiste er nach Budapest, um den schwerkranken Lukács zu besuchen – der ungarische Philosoph starb im selben Jahr – und mit ihm über Rosa Luxemburg zu diskutieren.Michael Löwy: [Rezension zu:] Wegweiser zum Gedanken Rosa Luxemburgs (Guide to the Thought of Rosa Luxemburg). In: Actuel Marx. Nr. 43, 2008, S. 192 f., .Vgl. Narihiko Itō an Georg Lukács, Brief vom 5. März 1971, Bibliothek der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, Repositorium REAL-MS (deutsch, Digitalisat). 1972 gab Itō die Briefe Rosa Luxemburgs an Mathilde Jacob in japanischer Sprache heraus. Als der italienische Sozialist Lelio Basso in Reggio Emilia vom 18. bis 22. September 1973 die erste wissenschaftliche Tagung zu Rosa Luxemburg in Westeuropa ausrichtete, nutzte Narihiko Itō die Gelegenheit, um eine internationale Zusammenarbeit in der Luxemburg-Forschung vorzuschlagen. Unter seiner Federführung kam es 1980 in Zürich, dem Studienort Luxemburgs, zur Gründung der Internationalen Rosa-Luxemburg-Gesellschaft, an der sich unter anderem Gilbert Badia (1916–2004), Michael Löwy, Irène Petit (1928–2012), Theo Pinkus, Feliks Tych und Claudie Weill (1945–2018) beteiligten. Itō wurde Vorsitzender der Gesellschaft und Pinkus ehrenamtlicher Sekretär. Die Gründung sei, so wurde später von Teilnehmenden berichtet, auch eine Reaktion auf die Verschärfung des Kalten Krieges infolge der sowjetischen Invasion in Afghanistan gewesen. Die Stiftung bemühte sich um einen Ost-West-Dialog in der Luxemburg-Forschung, der auch nach 1990 mit Konferenzen in China oder Russland weitergeführt wurde.

Zeitlebens war Itō als Antikriegsaktivist tätig und setzte sich in seinen Schriften häufig für Artikel 9 der japanischen Verfassung ein, der Krieg durch den japanischen Staat sowie die Unterhaltung von Streitkräften verbietet. Er setzte sich ebenso für die Aussöhnung Japans mit Korea und China ein. Von 2002 bis 2004 war er Ko-Vorsitzender des „Internationalen Strafgerichtshofs für Afghanistan“ (IC-TA)Vgl. und von 2004 bis 2005 des „Internationalen Strafgerichtshofs für den Irak“ (ICTI).

Itō gab die umfangreichste Rosa-Luxemburg-Gesamtausgabe auf Japanisch in Tokio heraus und gehörte dem wissenschaftlichen Beirat des Historisch-kritischen Wörterbuchs des Marxismus an, für das er das Stichwort Etwas verfasste.

Narihiko Itō starb 2017 nach längerer schwerer Krankheit im Alter von 86 Jahren. Die Beisetzung fand im engsten Familienkreis statt; sein ältester Sohn Akira fungierte nach japanischem Bestattungsritus als „Haupttrauernder“ ().

Schriften (Auswahl) Autor . Ronsōsha, Tokio 1978. . Tanizawa Shobō, Tokio 1990. . Ochanomizu Shobō, Tokio 1995, ISBN 4-275-01600-9. . Kage Shobō, Tokio 2001, ISBN 4-87714-283-5. deutsch: Der Friedensartikel der japanischen Verfassung. Für eine Welt ohne Krieg und Militär. Hrsg. und mit einer Einleitung versehen von György Széll. Agenda-Verlag, Münster 2006, ISBN 3-89688-274-0 (übersetzt von Asa-Bettina Wuthenow).Rezension von Carmen Schmidt in: Asien. The German Journal on Contemporary Asia. Nr. 101, 2006, S. 99 f., doi:10.11588/asien.2006.101.20012. . Ochanomizu Shobō, Tokio 2003, ISBN 4-275-00294-6. Wegweiser zum Gedanken Rosa Luxemburgs (Guide to the Thought of Rosa Luxemburg). Jugetsusha, Tokio 2007. Japan und die friedliche Wiedervereinigung Koreas. Vortrag an der Universität Osnabrück am 6. April 2001. Forschungsstelle Japan, Osnabrück 2001 (26 S.).

Übersetzer Georg Lukács: (= . Band 3). Hakusuisha, Tokio 1969.

Herausgeber Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Clara Zetkin u. a.: Briefe an Mathilde Jacob (1913–1918). Gendaishi-Kenkyukai, Tokio 1972. Rosa Luxemburg: „Ich umarme Sie in großer Sehnsucht“. Briefe aus dem Gefängnis 1915–1918. Dietz, Berlin 1980, ISBN 3-8012-0044-2. mit Siegfried Schaarschmidt, Wolfgang Schamoni: Seit jenem Tag. Hiroshima und Nagasaki in der japanischen Literatur. Fischer, Frankfurt am Main 1984, ISBN 3-596-25862-6. mit Kamata Sadao, Kōmura Fujihiko: Literature Under the Nuclear Cloud. Reports From the Hiroshima International Conference of Asian Writers. Sanyusha, Tokio 1984. mit Annelies Laschitza, Ottokar Luban: Rosa Luxemburg im internationalen Diskurs. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Chicago, Tampere, Berlin und Zürich (1998–2000). Dietz, Berlin 2002, ISBN 3-320-02033-1. mit Theodor Bergmann, Stefan Hochstadt, Ottokar Luban: China entdeckt Rosa Luxemburg. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Guangzhou am 21./22. November 2004. Dietz, Berlin 2007, ISBN 978-3-320-02101-6. mit Annelies Laschitza, Ottokar Luban: Rosa Luxemburg, ökonomische und historisch-politische Aspekte ihres Werkes. Internationale Rosa-Luxemburg-Gesellschaft in Tokio, April 2007, und Berlin, Januar 2009. Dietz, Berlin 2010, ISBN 978-3-320-02233-4.

Literatur

Weblinks

Rosa Luxemburg in China 2004 Dokumentarfilm über die Rosa-Luxemburg-Konferenz in Guangzhou 2004

Einzelnachweise

Kategorie:Friedensforscher Kategorie:Literaturwissenschaftler Kategorie:Rosa Luxemburg Kategorie:Autor Kategorie:Herausgeber Kategorie:Übersetzer ins Japanische Kategorie:Hochschullehrer (Chūō-Universität) Kategorie:Japaner Kategorie:Geboren 1931 Kategorie:Gestorben 2017 Kategorie:Mann