Bei den Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof zwischen protestierenden Menschen und Volkspolizisten kam es am 4. Oktober 1989 bei der Durchfahrt der Flüchtlingszüge aus Prag zu zahlreichen Verletzten und über 1300 Festnahmen.

Vorgeschichte Ab dem 1. Oktober 1989 wurden die ausreisewilligen DDR-Bürger aus der von ihnen besetzten westdeutschen Botschaft in Prag nach der Vermittlung durch Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher mit Sonderzügen in die Bundesrepublik gebracht. Dabei bestand die DDR-Führung aber darauf, dass diese durch ihr Staatsgebiet fahren sollten, damit sie deren Personalien feststellen und die Personalausweise einbehalten konnte. Diese fuhren über Bad Schandau, Dresden, Karl-Marx-Stadt nach Hof.Günter Hofmann: Prager Flüchtlingszüge 1989, 2014, mit vielen Einzelheiten Bereits auf der Strecke versuchten in den folgenden Tagen einzelne Personen, auf diese Züge aufzuspringen, um mitfahren zu können.

Ereignisse am 3./4. Oktober 1989 Am 3. Oktober 1989 verkündete die DDR, dass eine Einreise in die ČSSR nur noch mit Visa und nicht mehr wie bisher mit einem Personalausweis möglich sei, um die Flüchtlingswelle über Prag in die Bundesrepublik zu stoppen. Junge Reisende, auch mit Kindern, wurden vor dem Grenzübergang Bad Schandau aus den Zügen geholt und mit Bussen zurück nach Dresden gebracht.Karin Urich, Besonderheiten der Bürgerbewegung in Dresden, in Hans Timmermann (Hrsg.), DDR, 2021, S. 223–224, mit einigen Angaben zu den Entwicklungen am 3. Oktober. Aus den Zügen geholte Fluchtwillige hatten zuvor auf den Gleisen demonstriert und „Deutschland-Deutschland“ gerufen.Michael Richter: Die friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36914-2, S. 849.

In Dresden kamen am Abend etwa 2000 Menschen auf den Bahnsteig im Hauptbahnhof, durch den ein Leerzug nach Prag fahren sollte und hielten ihn an. Ein Mann legte sich auf die Gleise und verlor dadurch ein Bein.Tilmann Steffen: Dresden 1989, in Die Zeit vom 6. Oktober 2014 Bereitschaftspolizei und Staatssicherheitsmitarbeiter räumten daraufhin den Bahnsteig und nahmen zahlreiche Beteiligte mit. Diese wurden ab 1 Uhr nachts im neu eröffneten Zuführungspunkt in der Dr. Kurt-Fischer-Straße registriert und verhört, wobei auch Vertreter der Staatsanwaltschaft Dresden anwesend waren.Chronologie Aufbruch 89 Dresden, nach Bahr, Sieben Tage, 1990

Ereignisse am 4./5. Oktober 1989 Im Laufe des 4. Oktober 1989 versammelten sich zahlreiche Ausreisewillige aus der DDR sowie interessierte Dresdner vor dem Hauptbahnhof.Andreas Naumann Zeitzeugenportal Gegen 20:15 Uhr befanden sich etwa 2.500 Menschen in der Bahnhofshalle an den unteren Bahnsteigen.Chronologie Aufbruch 89 Dresden, nach Bahr, Sieben Tage, 1990, mit Details, auch im MfS-Video zu sehen Die Polizei verbarrikadierte sich vor den Zugängen zum oberen Gleis und versuchte die Menge mit Wasserstrahlern mit geringem Druck auf Abstand zu halten. Einige junge Männer bewarfen diese mit Steinen. Die versammelten Menschen riefen lautstark Freiheit, Freiheit, Wir sind das Volk und Nazis raus (womit sie die Polizisten meinten). Es erklangen „Deutschland-Deutschland“-Rufe und die erste Strophe der DDR-Hymne mit der Zeile „Deutschland einig Vaterland“ wurde angestimmt.Michael Richter: Die friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36914-2, S. 850; dort auch zu Plauen (unten).

In der folgenden Zeit gelang es der Polizei, die Menge aus dem Bahnhof zu vertreiben und einige zu verhaften. Danach setzten sich die Auseinandersetzungen auf dem Bahnhofsvorplatz fort.Dramatische Szenen am Dresdner Hauptbahnhof MfS-Videoausschnitte zwischen 21:50 Uhr und 23:15 Uhr, vor dem Bahnhof Dort waren inzwischen weit über 10.000 Menschen, darunter auch viele, die Veränderungen in der DDR forderten. Die Polizei setzte weiter Wasserstrahler und Knüppel ein, einige Protestierer bewarfen sie mit Pflastersteinen und anderen Gegenständen.Tilmann Steffen: DDR-Bürger entern Züge in die Freiheit, in Die Zeit vom 6. Oktober 2014 (Text 2), mit Aussage eines Steinewerfers Es wurden Einheiten der Nationalen Volksarmee (NVA) und der Kampfgruppen zur Unterstützung angefordert.Urich, 2021, S. 224, mit Angabe eines Telegramms, es ist unsicher, ob und wann diese eintrafen Gegen 0:30 Uhr fuhren die drei Sonderzüge aus Prag unbemerkt auf einem Nebengleis mit mehreren Stunden Verspätung durch den Hauptbahnhof. In den folgenden Stunden wurde die Ansammlung aufgelöst.

Es gab durch die Auseinandersetzungen der vorangegangenen Stunden schwere Verletzungen bei einigen Polizisten und Protestierern, sowie Sachbeschädigungen am Bahnhof und dessen Umgebung, mit eingeworfenen Scheiben, verwüsteten Räumen und einem umgekippten und ausgebrannten Polizeifahrzeug.Fotodokumentation über Schäden am Dresdner Hauptbahnhof Stasi MediathekZusammenstöße am Dresdner Hauptbahnhof, in Dresdner Neueste Nachrichten vom 2. Oktober 2019, mit einigen MfS-Fotos Aufbruch 89 – Dresden Wir waren so frei, Dokumentarfilm, mit Aussage eines Unfallchirurgen über die schweren Verletzungen von Polizisten und Protestierern (ca. Minute 10)Zusammenstöße zwischen Bürgern und Volkspolizei Stasi Mediathek, mit verwüsteten Räumen Über 1300 Personen wurden festgenommen.Gewalteskalation am Dresdner Hauptbahnhof Bundesarchiv, mit dieser Zahl

Weitere Ereignisse Am 5. Oktober versammelten sich wieder viele Menschen vor dem Hauptbahnhof und in der Prager Straße, am 6. Oktober auch an weiteren Orten. Etwa 2000 Sicherheitskräfte waren im Einsatz. Die Züge von Prag wurden nicht mehr durch Dresden gefahren. Am 7. Oktober gab es eine friedliche Demonstration mit etwa 10.000 Menschen. Am 8. Oktober gab es bei einer weiteren größeren Demonstration zahlreiche Verhaftungen, bei denen viele Menschen misshandelt und gedemütigt wurden. Danach begann ein Entspannungsprozess in der Stadt, der dann erheblich zu den friedlichen Veränderungen in der DDR beitrug.

Aufgrund der Auseinandersetzungen in Dresden wurden die fünf weiteren Sonderzüge über Vojtanov und Bad Brambach nach Plauen umgeleitet. Auch hier riefen Hunderte „Deutschland-Deutschland“ und einige Jugendliche schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen.Michael Richter: Die friedliche Revolution. Aufbruch zur Demokratie in Sachsen 1989/90, Band 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2009, ISBN 978-3-525-36914-2, S. 850.

Die gewalttätigen Auseinandersetzungen am Dresdner Hauptbahnhof vom 4. Oktober waren die schwersten in der DDR nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 und den Ausschreitungen am Alexanderplatz 1977. Sie blieben die einzigen ihrer Art im Wendeherbst 1989.Gewalteskalation am Dresdner Hauptbahnhof Bundesarchiv (letzter Satz)

Literatur

Eckhard Bahr: Sieben Tage im Oktober. Aufbruch in Dresden. Forum, Leipzig 1990. S. 35–54, mit Abschlußbericht der Unabhängigen Untersuchungs-Kommission (UUK) Benjamin Priebst: 7 Tage im Oktober 1989. Dresden zwischen Volksaufstand und Dialog. Grin 2017, Seminararbeit, S. 7–12 Hans Kromer: Dresden. Die friedliche Revolution Oktober 1989 – März 1990. 1990. S. 7 Tilmann Steffen: Dresden 1989. In: Die Zeit vom 6. Oktober 2014 (Text), mit einigen Einzelheiten

Weblinks Gewalteskalation am Dresdner Hauptbahnhof Bundesarchiv Zusammenstöße zwischen Bürgern und Volkspolizei Stasi Mediathek Auseinandersetzungen auf dem Bahnhofsvorplatz MfS-Videoausschnitt

Einzelnachweise

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