Pin (Khmer ), auch pĭn, pinn, ist eine historische kambodschanische Bogenharfe, die nur von Steinreliefs an einigen Tempeln der ehemaligen Hauptstadt des Khmer-Reichs Angkor bekannt ist. Die Form und der von der Sanskrit-Bezeichnung vina abgeleitete Name des in Südostasien verschwundenen Saiteninstruments gehen auf den indischen Kultureinfluss im 1. Jahrtausend zurück. Nach ersten Reliefs im 7. Jahrhundert aus Sambor Prei Kuk sind bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts keine Abbildungen von Khmer-Harfen überliefert, ihr Name ist in der Zwischenzeit lediglich aus Inschriften bekannt. Die Bogenharfe ist auf zahlreichen Reliefs aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts und zuletzt aus dem 13. Jahrhundert abgebildet. Die Bezeichnung des klassischen kambodschanischen Orchesters pinpeat geht auf die Bogenharfe zurück. Es gibt Versuche, unter dem Namen pin wieder eine Bogenharfe in die kambodschanische Musik einzuführen. mini|Älteste Darstellung einer präangkorianischen Bogenharfe auf einem Sandsteinrelief von einem Tempel in Sambor Prei Kuk in der ehemaligen Hauptstadt des Chenla-Reichs Isanapura, 7. Jahrhundert

Herkunft Die im 3. Jahrtausend v. Chr. zuerst in Mesopotamien und danach in Altägypten eingeführten Bogenharfen verbreiteten sich nach Südasien, während die seit etwa 1900 v. Chr. in Mesopotamien bekannten Winkelharfen in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr. über Zentralasien ( Pasyryk-Harfe) nach Ostasien gelangten (konghou in China, kugo in Japan).Bo Lawergren: Harp. II. Ancient harps. 1. Introduction. In: Grove Music Online, 2001 Winkelharfen blieben in ihren Ursprungsregionen und im Iranischen Hochland als arabisch/persisch tschang bis um das 17. Jahrhundert erhalten. Die Bogenharfe verschwand dort um 1900 v. Chr. und lebte zunächst nur im alten Indien fort, wo sich ihre Existenz während der Indus-Kultur auf Piktogrammen der Indusschrift, die zwischen der Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. und etwa 1800 v. Chr. gebraucht wurde, erkennen lässt. Mit einem großen zeitlichen Abstand taucht die Bogenharfe erst wieder im 2. Jahrhundert v. Chr. auf Reliefs auf, die zur buddhistischen Kultur gehören. In der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends n. Chr. (um 700) verschwanden die Bogenharfen aus Indien.Bo Lawergren: Angular Harps Through the Ages. A Causal History. In: Arnd Adje Both, Ricardo Eichmann, Ellen Hickmann, Lars-Christian Koch (Hrsg.) Herausforderungen und Ziele der Musikarchäologie. Papers from the 5th Symposium of the International Study Group on Music Archaeology at the Ethnological Museum, State Museums Berlin, 19–23 September, 2006. (Orient-Archäologie 22. Studien zur Musik-Archäologie 6). Rahden/Westfalen 2008, S. 261–281, hier S. 262

mini|Ein gehender Musiker spielt eine Bogenharfe (vina) zur Begleitung eines Zeremonialtanzes. Relief vom Stupa von Amaravati nahe der indischen Ostküste. Um 200 n. Chr., British Museum Von Indien wanderten Bogenharfen über Gandhara und Sogdien im südlichen Zentralasien bis zu ihrer entferntesten nordöstlichen Verbreitung in der westchinesischen Provinz Gansu, wo sie auf Wandmalereien in den Mogao-Grotten erscheinen.Bo Lawergren: In: Neville Agnew (Hrsg.): Conservation of Ancient Sites on the Silk Road. Proceedings of the Second International Conference on the Conservation of Grotto Sites, Mogao Grottoes, Dunhuang, People's Republic of China, June 28 – July 3, 2004. Getty Conservation Institute, Los Angeles 2010, S. 117–124, hier S. 129 In Nordindien verschwand die vina genannte Bogenharfe ebenso wie die Bogenharfe yazh in Südindien in der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends. Von musikhistorischem Interesse ist die im 20. Jahrhundert in der Volksmusik einer kleinen Region in Zentralindien noch in Einzelexemplaren anzutreffende fünfsaitige Bogenharfe bin-baja.

mini|Bogenharfe der Karen mit Hautdecke, sechs Saiten und Stimmpflöcken in einfacher Konstruktion. Die Spielhaltung entspricht den auf Reliefs dargestellten ausgereifteren Khmer-Harfen, 1889. Vor ihrem Verschwinden in Indien gelangte die Bogenharfe wohl mit der Ausbreitung des Buddhismus nach Myanmar. Die früheste bekannte Abbildung findet sich auf einem Steinrelief der im Gebiet der Pyu gelegenen Stadt Sri Ksetra aus der Mitte des 7. Jahrhunderts. Die burmesische Bogenharfe saung gauk mit 16 Saiten hat bis heute als Nachfolgerin der Pyu-Harfe überlebt und ist die einzige in einem klassischen Musikstil in Asien gespielte traditionelle Harfe. Daneben verwenden heute die Minderheitenvölker Mon und Karen in Myanmar noch eine andere Harfe mit fünf bis sieben Saiten.Muriel C. Williamson: Saùng-gauk. In: Grove Music Online, 2001 Die Karen-Harfe tünak oder na den mit sechs bis acht SaitenTünak. Música Para Ver gilt als ein Bindeglied zwischen altindischen Harfen, der indischen Bogenharfe bin-baja und der ausgereiften saung gauk der Burmesen. Junge Männer der Karen stellen traditionell ihre Harfe selbst her, die sie zur Begleitung von Brautwerbeliedern verwenden.Theodore Stern, Theodore A. Stern: „I Pluck My Harp“: Musical Acculturation among the Karen of Western Thailand. In: Ethnomusicology, Band 15, Nr. 2, Mai 1971, S. 186–219, hier S. 190 Während die Form der saung gauk standardisiert ist, kann die tünak unterschiedliche Formen von archaisch bis handwerklich sorgfältig gestaltet besitzen.

Möglicherweise gelangte eine frühe Form der Bogenharfe nicht aus dem benachbarten Bengalen, sondern in der ersten Hälfte des 1. Jahrtausends aus Südindien nach Myanmar, wie Judith Becker (1967) annimmt. Eine chinesische Chronik aus dem 9. Jahrhundert erwähnt eine Bogenharfe der Pyu, deren Hals am Ende auswärts gebogen ist und an seiner Spitze die Darstellung eines Vogels trägt. Eine derartige Besonderheit ist historisch vor allem von Reliefs im Ort Amaravati nahe der Ostküste SüdindiensJudith Becker: The Migration of the Arched Harp from India to Burma. In: The Galpin Society Journal, Band 20, März 1967, S. 17–23, hier S. 21 und von einigen Harfenabbildungen in Angkor bekannt.

Die indische Herkunft der burmesischen Harfe gilt als wahrscheinlich, auch wenn keine sprachliche Beziehung zwischen saung gauk und der alten Sanskrit-Bezeichnung vina besteht. Vina bezeichnet in der altindischen Sanskrit-Literatur seit Anfang des 1. Jahrtausends v. Chr. unterschiedliche Saiteninstrumente, zunächst eine Bogenharfe, die auf Abbildungen von ungefähr 200 v. Chr. bis 700 n. Chr. belegt ist. Die letzte Darstellung einer indischen Bogenharfe ist eine in Nalanda gefundene Bronzefigur aus dem 10. Jahrhundert der Pala-Dynastie.Roderic Knight: The Harp in India Today. In: Ethnomusicology, Band 29, Nr. 1, University of Illinois Press, Winter, 1985, S. 9–28, hier S. 11

Der Legende nach soll die vina von dem Weisen Narada, einem der himmlischen Musiker (gandharva), erfunden worden sein. Abgebildet wird Narada entweder mit einer vina genannten Langhalslaute oder einer Stabzither, die beide im Verlauf des 1. Jahrtausends an die Stelle der Bogenharfe traten.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 35 Im Epos Buddhacharita, einer Biografie Buddhas des Dramatikers Ashvaghosha aus dem 1. Jahrhundert n. Chr., ist noch von der Bogenharfe vina mit sieben Saiten die Rede.Emmie te Nijenhuis: Indien. II. Musik der älteren Zeit. 3. Die Zeit des älteren Hinduismus, Buddhismus und Jainismus (600 v. Chr. bis 200 n. Chr.). In: MGG Online, Juni 2015

Mit der Gründung des Reiches Funan, dessen Kerngebiet das südliche Vietnam war, verbreitete sich Anfang des 1. Jahrtausends der indische Kultureinfluss in Südostasien. Aus dieser frühen Zeit sind noch keine Bogenharfen bekannt.

Etymologie Sanskrit vina wurde mit altägyptisch b(ỉ)n.t in Verbindung gebracht. Die ägyptischen Hieroglyphen für das Wort b(ỉ)n.t (andere Umschrift benet), das eine Bogenharfe mit einem schaufelförmigen Resonanzkörper bezeichnete,Bow harp. Metropolitan Museum of Art (fünfsaitige Bogenharfe mit einem schaufelförmigen Resonanzkörper aus dem Mittleren Reich) tauchen erstmals in der 4. Dynastie (Mitte 3. Jahrtausend v. Chr.) auf.Amaury Pétigny: The harp of good and evil: Egyptian bỉn(.t) and b(ỉ)n.t. In: Chronique d'Égypte, Band 192, Brüssel 2021, S. 206–219, hier S. 207 Die Namensherleitung ist allerdings strittig.Die Herleitung von vina von einem gleich klingenden Wort für ägyptische Harfen geht auf Curt Sachs zurück (Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Berlin/Leipzig 1923, S. 140, später in: The History of Musical Instruments. W.W. Norton & Company, New York 1940, S. 224), wurde von anderen übernommen, von Manfred Mayrhofer wird sie aber abgelehnt (vgl. Monika Zin: In: Ellen Hickmann, Ricardo Eichmann (Hrsg.): Studien zur Musikarchäologie IV. Musikarchäologische Quellengruppen: Bodenurkunden, mündliche Überlieferung, Aufzeichnung. Vorträge des 3. Symposiums der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie im Kloster Michaelstein, 9.–16. Juni 2002, S. 321–362, hier S. 323)

Vina entspricht Tamil vinai und Hindi bin für heute mehrere Stabzithern und Langhalslauten.Pia Sinivasan Bonomo: Vīṇā. I. Begriff und Geschichte. In: MGG Online, November 2016 Im bis ins 14. Jahrhundert gebräuchlichen Alt-Khmer wurde vina übernommen, aber nicht wie in Indien als generische Bezeichnung für unterschiedliche Saiteninstrumente (Bogenharfe, Lauten und Stabzithern), sondern offenbar nur für die Bogenharfe. Lauten wurden wahrscheinlich auf Alt-Khmer kinnara genannt; beide Namen kommen in Aufzählungen nebeneinander in der Nähe des Verbs tin („Saiten zupfen“) vor.Saveros Pou: Music and Dance in Ancient Cambodia as Evidenced by Old Khmer Epigraphy. In: East and West, Band 47, Nr. 1/4, Dezember 1997, S. 229–248, hier S. 236

Im modernen Khmer, das seit dem 18. Jahrhundert gesprochen wird, heißt die Bogenharfe pin. Auf vina geht neben der Bezeichnung für die Bogenharfe auch das Wortumfeld pin für ebenfalls aus Indien stammende thailändische Stabzithern zurück. Deren älteste Form ist die verschwundene einsaitige Stabzither phin nam tao, der in Kambodscha die kse diev entspricht. Phin phia ist eine in Nordthailand in der Volksmusik gespielte Stabzither mit zwei bis fünf Saiten. Wie zur phin phia eine seltene, praktisch baugleiche Stabzither namens tuila in einer abgelegenen Region im östlichen Indien erhalten geblieben ist, so gab es zumindest bis Ende des 20. Jahrhunderts in Zentralindien noch die mit der pin verwandte, kaum bekannte einfache Bogenharfe bin-baja. Beide Saiteninstrumente erscheinen als in die Volksmusik herabgesunkene Überbleibsel der altindischen Traditionen.Vgl. Ferdinand J. de Hen: A Case of Gesunkenes Kulturgut: The Toila. In: The Galpin Society Journal, Band 29, Mai 1976, S. 84–90

Zur Begleitung von Volksliedern wird in Nordostthailand die Langhalslaute phin gespielt. Die Etymologie dieser und anderer südostasiatischen Namen wird als ein Beleg für die indische Herkunft der so bezeichneten Musikinstrumente herangezogen.David Morton: The Traditional Music of Thailand. University of California Press, Berkeley 1976, S. 91f Auf Inschriften an Khmer-Tempeln aus dem 7. bis 11. Jahrhundert finden sich mehr Sanskrit-Namen für Musikinstrumente (insgesamt 14, darunter vina, kinnara und dundubhi) als Khmer-Instrumentennamen (insgesamt 6, darunter khloy).Arsenio Nicolas: Musical Instruments on the 16th century bas reliefs in the North Gallery-East Wing of Angkor Wat: Dating and Significance. In: The SEAMEO SPAFA International Conference on Southeast Asian Archaeology and Fine Arts, Bangkok 2021, S. 324–355, hier S. 335