Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil,Deutscher Titel Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil in Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten, 2002, S. 93. auch Madame Monet und ihr SohnWeiterer Bildtitel Madame Monet und ihr Sohn in J. Carter Brown: Französische Impressionisten und ihre Wegbereiter. S. 134. oder Madame Claude Monet mit ihrem Sohn Jean im Garten von ArgenteuilWeiterer Bildtitel Madame Claude Monet mit ihrem Sohn Jean im Garten von Argenteuil in Götz Adriani: Renoir, Gemälde 1860–1917. S. 123. () ist ein Gemälde des Malers Pierre-Auguste Renoir. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 50,4 cm und eine Breite von 68 cm. Dargestellt sind Camille Monet, Frau des Malers Claude Monet, und deren Sohn Jean im Garten ihres Hauses im Pariser Vorort Argenteuil. Die Szene mit erholungsuchenden Städtern auf dem Land und die spontane Malweise sind typische Merkmale für ein Bild im Stil des Impressionismus. Das Gemälde schuf Renoir im Sommer 1874 im Freien direkt vor dem Motiv, während sein Malerkollege Édouard Manet ebenfalls bei der Familie Monet zu Gast war. Dieser malte zeitgleich ein nahezu identisches Bild, indem neben Mutter und Sohn als weitere Figur Claude Monet dargestellt ist. Renoirs Gemälde Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil gehört seit 1970 zur Sammlung der National Gallery of Art in Washington, D.C. Beschreibung Das Gemälde zeigt im Querformat Camille Monet und ihren Sohn Jean auf einer Rasenfläche im Garten ihres Hauses im Pariser Vorort Argenteuil. Die beiden von leicht erhöhtem Standpunkt ausJulia Welch: Moments of Ease. In: Paul Perrin, Chiara Di Stefano, Katie Hanson, Christopher Riopelle: Renoir & Love. 2026, S. 168. in Nahsicht wiedergegebenen Figuren sind pyramidal angeordnet.Götz Adriani: Renoir, Gemälde 1860–1917, 1996, S. 123. Camille sitzt mit dem Körper in Seitansicht nahe der Bildmitte mit zum linken Bildrand ausgestreckten Beinen, wobei ihre Körper nahezu den gesamten Bereich zwischen oberen und unteren Bildrand einnimmt. Ihr Oberkörper ist leicht nach vorn gebeugt, der linke Arm angewinkelt, die geschlossene linke Hand stützt ihr Kinn. Während der zum Betrachter gedrehte Kopf sich ein weinig zur Seite neigt, geht ihr Blick – scheinbar in Gedanken versunken – nach links unten zu einem unbestimmten Punkt außerhalb des Bildes. Camille hat eine helle rosig-weiße Gesichtsfarbe, von der sich die etwas geöffneten roten Lippen und die bläulich-dunklen Augen absetzen. Ihr braunes Haar ist nach hinten hochgesteckt, wo es sich größtenteils unter einem modischen weiß-blauen haubenartigen Sommerhut verbirgt, der mit schwarzer Schleife und rotem Blumenschmuck versehen ist.Colin B. Bailey: Renoir’s portraits: impressions of an age. 1997, S. 130. Ein weiteres, deutlich schmaleres schwarzes Band liegt als schmückendes Accessoire um den Hals und fällt am Rücken locker herunter. In der rechten Hand hält sie einen offenen Fächer, dessen Blatt mit rot-weiß-blauen Farbstreifen an die französische Trikolore erinnert. Der Fächer dient als praktische Requisite zur Erfrischung in der mittäglichen Hitze eines sonnigen Sommertages.Götz Adriani: Renoir, Gemälde 1860–1917, 1996, S. 124. Camille trägt ein langes weißes Kleid, das sowohl die Arme wie die Beine bedeckt. Der weit ausgebreitete Rock des Kleides wird vom unteren Bildrand beschnitten. Links schauen aus dem Rock beigefarbene Schuhe und bläuliche Strümpfe hervor.

Der siebenjährige Sohn Jean, ist frontal lässig liegend dargestelltFlorence E. Coman: Pierre Auguste Renoir, Madame Monet und ihr Sohn in Französische Impressionisten und ihre Wegbereiter, S. 134. während er den Kopf an den Körper der Mutter stützt und die Beine teils angewinkelt nach vorn gelegt, teils zur rechten unteren Bildecke ausgestreckt hat. Er blickt mit seinen dunklen Augen – im Gegensatz zu seiner Mutter – direkt nach vorn zum Betrachter. Sein Gesicht hat einen rosigen Teint, seine roten Lippen sind geschlossen. Auf dem Kopf trägt er einen strohgelben Hut mit rotem Rand. Darunter schaut das zu einem Pony geschnittene blonde Haar hervor. Der Junge hat einen schwarz abgesetzten hellblauen Matrosenanzug mit langen Ärmeln an. In seiner locker-liegenden Körperhaltung sind die Hosen hochgerutscht, sodass die nackten Knie hervorschauen. Ein weißer Farbauftrag unter dem Kinn könnte ein Halstuch andeuten. Graue Strümpfe und rote Schuhe komplettieren die Aufmachung.

Der Hintergrund wird fast vollständig durch das Grasgrün der Wiese ausgefüllt. Hinter dem Rücken der Frau ragt ein dünner Stamm eines blattlosen Baumes hervor, der sich nach oben verzweigt, bevor er vom Bildrand abgeschnitten wird. Der Kunsthistoriker Paul Hayes Tucker hat hierzu angemerkt, es sehe so aus, als wenn der Baum direkt aus ihrem Rücken zu wachsen scheine, in einem Maßstab, der keinen Sinn ergebe.Paul Hayes Tucker: The impressionists at Argenteuil. 2000, S. 96. Oben links gibt ein kurvenartig abgegrenztes Blumenbeet mit roten Blüten einen Farbakzent. Auf der rechten Seite gesellt sich zu Mutter und Sohn ein farbenprächtiger „aufgeplusterter Hahn“Nina Zimmer: Renoir, zwischen Bohème und Bourgeoisie, die frühen Jahre. 2012, S. 111. in Seitansicht, der seinen Kopf zu den Porträtierten gerichtet hat. Er deutet auf einen nahen Bauernhof hin und verweist auf die ländliche Umgebung. Der Hahn agiert nicht mit Camille und Jean, obschon er ihnen direkt zugeordnet ist. Sehr viel kleiner sind hinter dem Hahn mit schwarzen und weißen Farbstrichen drei Küken angedeutet. Tucker sieht hierbei einen Widerspruch zur logischen Lesart des Raumes, da die Grasfläche steil nach oben kippt und die kleineren Vögel nicht genau lokalisiert werden können. Zudem stimme der Maßstab zwischen dem Hahn und dem Blumenbeet in der rechten oberen Ecke nicht. Für Götz Adriani dient „das Federvieh“ vor allem als „Farbakzent“, „der mit dem angeschnittenen Blumenbeet links oben aufs angenehmste korrespondiert.“ Das Bild ist im Stil des Impressionismus mit lockeren sichtbaren langen Pinselstrichen gemalt, ohne jedoch einen tupfenden oder strichelnden Farbauftrag zu nutzen.Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten. 2002, S. 93.

Renoir konzentrierte sich in diesem Bild vor allem auf die Darstellung von Mutter und Kind, ein Thema das als Marienbildnis eine lange Tradition hat. Für die Kunsthistorikerin Ina Conzen „wirkt die Inszenierung fast altmeisterlich gestellt“, ihren Kollegen Richard R. Brettell erinnert die unmittelbare Darstellung an Werke von Jean-Honoré Fragonard und François Boucher.Richard R. Brettell: Impression, painting quickly in France 1860–1890. S. 162. Obwohl das Bild „mit eiligen Pinselstrichen“ scheinbar wie ein spontane Momentaufnahme wirkt, ist das Sujet sorgfältig in Szene gesetzt. Renoirs Bild ist jedoch kein Porträt im traditionellen Sinn, wie Paul Hayes Tucker anmerkte. Hierzu fehlt der nonchalant im Gras sitzenden Camille Monet und dem noch lässiger angelehnten Jean – so Tucker – die förmliche oder würdevolle Pose. Camille und Jean Monet erscheinen zwar in ländlicher Umgebung, aber sie entsprechen nicht der Landbevölkerung im eigentlichen Sinn. Sie posieren als „herausgeputzte Städter“, „die die Natur als Ort der Erholung aufsuchen“. Götz Adriani sieht in diesem Gemälde „eine Huldigung Renoirs an die ländliche Daseinsfreude seiner Gastgeber.“ Da die Darstellung von Camille und Jean als Geschenk direkt an den Freund Claude Monet ging, verzichtete Renoir auf eine Signatur und eine Datierung des Bildes.

Künstlertreffen in Argenteuil Claude Monet lebte mit seiner Familie vom Winter 1871 bis Ende September 1874 in einem angemieteten Haus in der Rue Pierre Guienne Nr. 2 im Pariser Vorort Argenteuil.Françoise Cachin, Charles S. Moffett, Juliet Wilson-Bareau: Manet: 1832–1883. deutsche Ausgabe 1984, S. 360. Von hier aus war die französische Hauptstadt mit der Eisenbahn in nur 15 Minuten erreichbar, das Leben zugleich aber günstiger und es fanden sich geeignete Malmotive in der Umgebung. Das Haus hatte Monets Malerfreund Édouard Manet durch Beziehungen zur ortsansässigen Familie Aubry-Vitet vermittelt. Manets Familie verfügte über einen Landsitz im benachbarten Gennevilliers, wo er die Sommerferien im Juli und August verbrachte und von dort gelegentlich zu Besuch bei Monet vorbeikam.Ina Conzen: Edouard Manet und die Impressionisten. S. 73. An einem Tag im Sommer 1874 trafen im Garten des Hauses in Argenteuil Monet und seine beiden Malerkollegen Manet und Renoir zusammen, die dann vor Ort spontan nebeneinander an Gemälden arbeiteten. Dabei schuf Renoir das Gemälde Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil, das er motivisch teilweise von Manets bereits auf seiner Leinwand begonnenem Bild Die Familie Monet in ihrem Garten in Argenteuil übernahm. Vom Tag des Zusammentreffens der drei Maler berichtete Monet 50 Jahre später dem Schriftsteller Marc Elder:

Manet, der sich scheinbar auf Renoirs Kosten einen Scherz erlaubt hatte, nahm für sein Gemälde Die Familie Monet in ihrem Garten in Argenteuil eine größere Leinwand. Er porträtierte zwar wie Renoir die im Gras sitzende Camille und den Sohn Jean, zudem ist in seinem Bild Claude Monet bei der Gartenarbeit zu sehen.Anne Distel: Camille Monet and her son Jean in the garden at Argenteuil. In: Michael Raeburn: Renoir. 1985, S. 205. Der dazugekommene Renoir platzierte seine Staffelei näher vor dem Motiv und wählte einen engeren Bildausschnitt, bei dem Camilles Kleid vom unteren Bildrand angeschnitten ist und der bei Manet gezeigte Claude Monet mit seiner Gießkanne fehlt.

Renoirs Arbeit ist im Vergleich zu jener von Manet deutlich freier gehalten. Beispielsweise gelang es Renoir mit wenigen gekonnten Strichen das Gesicht von Camille einzufangen, während Manet seine Darstellung deutlicher ausgearbeitet hat. Vermutlich porträtierte Renoir in seinem 1874–1876 entstandenen Gemälde Frau mit Sonnenschirm und kleinem Kind (Museum of Fine Arts, Boston) erneut Camille Monet, worauf unter anderem das gleiche Kleid hindeutet, dass sie auch im Gemälde Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil trägt. Das Kind im Bostoner Bild ist jedoch deutlich jünger als ihr Sohn Jean. Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil Erneut posiert die Frau im weißen Kleid auf einer Wiese, Renoir zeigt sie jedoch nicht in der prallen Sonne, sondern arbeitete hier mit dem Spiel von Licht und Schatten. Das Motiv der im Gras sitzenden Frau findet sich bei Renoir zudem bereits 1873 im Bild Zwei Frauen im Gras (Barnes Foundation, Philadelphia) oder im 1874 entstandenen Gemälde Der Angler am Ufer (Privatsammlung). Das Gemälde Camille Monet und ihr Sohn Jean in Argenteuil ist somit die Variation eines Sujets, das Renoir wiederholt aufgriff, nicht nur an jenem Sommertag, als er Manet an einem ähnlich Motiv arbeiten sah.