mini|hochkant=1.5|Eine Chipewyan-Frau mit Kind auf der Jagd nach Bisamratten entlang der flachen Ränder des Garson-Sees in West-Saskatchewan

Die Chipewyan (engl. Aussprache: ‘Chip-uh-WHY-an’), Denesuline (auch Denésoliné, Dënesųłiné, Dënë Sųłınë́ – ‘ursprüngliche/echte Menschen’, sprich [tɛ̀nɛ̀ sũ̀ɬìnɛ́] in Chipewyan, engl.: Aussprache: ‘Dene-su-lee-neh’)Cook, Eung-Do. 2004. A Grammar of Dëne Sųłiné (Chipewyan). Winnipeg: Algonquian and Iroquoian Linguistics. ISBN 0-921064-17-9. S. 90. oder einfach Dene (sprich: [tɛ̀nè]) sind eine kanadische Gruppe der sogenannten First Nations (kanadische Indianer). Zu Beginn der europäischen Expansion wurden sie von den Franzosen „Montagnais“ genannt (nicht zu verwechseln mit den Innu-Montagnais) und von den Engländern „Nördliche Indianer“.Barry M. Pritzker: A Native American Encyclopedia. History, Culture and Peoples. Oxford University Press, New York 2000, ISBN 978-0-19-513877-1. S. 493–495. Die Chipewyan-Sprache wird von den Gruppen außerhalb der Städte noch häufig gesprochen und überliefert.Ethnologische Informationen nach ISO-Sprachcode 639-3: chp auf ethnologue.com. SIL International, abgerufen am 11. Februar 2016.

Die Chipewyan gehören zu den fünf Gruppen der Dene (Dené), die sprachlich zu den Nördlichen Athapasken der Na-Dené-Sprachfamilie zählen. Die Dene (Dene ist der unter Athapasken übliche Begriff für ‘Volk’) der Nordwest-Territorien, Nunavuts sowie der im Süden angrenzenden Gebiete von Manitoba, Saskatchewan und Alberta umfassen neben den Chipewyan die Yellowknife (T'atsaot'ine, Tatsanottine), Dogrib (Tłįchǫ oder Tåîchô, auch Thlingchadinne), die South Slavey (Deh Cho) sowie North Slavey (Sahtu Dene oder Sahtu).

Die Diné (Navajo) und Apachen (T'Inde, Inde, N'de, N'ne) haben ähnliche Namen wie die Dené, zählen jedoch zu den Südlichen Athapasken.

Namensgebung Der Name Chipewyan leitet sich, wie viele andere Stammes- und Ortsbezeichnungen auf den Nordwestlichen Plains, aus der Cree-Sprache ab, die zu den Nördlichen Algonkin-Sprachen gehört. Die südlich von ihnen lebenden Cree nannten sie Wetcipwayi Wiyiniwuk oder Cīpwayān (abgeleitet von cīpwāw (ᒌᐚᐤ) – ‘to be pointed’ und wayān (ᐘᔮᐣ) – ‘skin’ oder ‘hide’, d. h. ‘Cīpwayān’ (ᒌᐘᔮᐣ) – ‘People wearing Pointed Skins’ – ein Verweis auf den Schnitt und Stil der Chipewyan-Parkas).Edward S. Curtis: The North American Indian, Bd. 18: The Chipewyan. The Western woods Cree. The Sarsi, Classic Books Company 1928, S. 3.

Trotz der offensichtlichen Ähnlichkeit der Namen dürfen die Chipewyan nicht mit den algonkianischen Chippewa (einer teilweise gebräuchlichen Übertragung des Namens ‘Ojibwa’), die sich selbst Anishinabe (‘das erste Volk’) nennen, verwechselt werden.

Die Chipewyan selbst bezeichneten sich als Dene, Denesuline oder Dënesųłiné – ‘die echten Menschen’. Ihre Sprache, die wie erwähnt zum Nördlichen Zweig der Athapaskischen Sprachen gehört, wird ebenfalls als ‘Denesuline’ (auch Dene Suline) oder meist von Linguisten als ‘Chipewyan’ bezeichnet. Die Chipewyan sprechen meist den 't'-Dialekt des Denesuliné, mit Ausnahme der Chipewyan von Fond du Lac, die den 'k'-Dialekt sprechen.

Wohngebiet Die verschiedenen Gruppen der Chipewyan lebten in den weiten Wald- und Seengebieten in den südlichen Nordwest-Territorien zwischen der Hudson Bay im Osten und dem Großen Sklavensee im Westen. Ihr Wohngebiet erstreckte sich in den weiten borealen Wald- und Seengebieten vom Churchill River im Süden nordwärts in die Waldtundra und Tundra (Barren grounds), sowie zwischen der Hudson Bay im Osten und dem Großen Sklavensee und Lake Athabasca in Alberta im Westen. Es umfasst eine Fläche, die mit rund 400.000 km² noch deutlich größer ist als ganz Deutschland.

Lebensweise und Kultur mini|Násurēťhūr, ein Chipewyan, fotografiert 1926 von Edward S. Curtis

Wie benachbarte subarktische Völker auch zogen die Chipewyan in kleinen Gruppen (engl. bands), bestehend aus einer oder mehreren Großfamilien (engl. extended families), als nomadisierende Jäger und Sammler durch ihr aus vielen Seen und Flüssen bestehenden Gebiet, jagten Wild (Karibu, Moschusochsen, Elche), lebten vom Fischfang (insbesondere Lachse) sowie vom Sammeln von Wurzeln, Beeren und Flechten. Für ihre Kleidung sowie später als Handelsgut im Pelzhandel jagten sie zudem Vielfraße, Minks, Hermeline, Biber und Otter. Obwohl die Chipewyan neben den Cree und Anishinabe eine der größten Bevölkerungsgruppen in Kanada waren, waren sie nicht zentralistisch organisiert und bildeten keine Stämme im kolonialen Sinn.

Es war ihre gemeinsame Sprache sowie Kultur, über die sich die Chipewyan als Einheit definierten und gegenüber anderen Dene abgrenzten. Innerhalb und zwischen den Gruppen gab es große Fluktuation und Flexibilität. Früher identifizierten sich die Chipewyan gegenseitig als Denesuliné durch ihre Sprache – ‘wenn er verstanden wird, dann ist er ein Chipewyan, wenn er nicht verstanden wird, so ist er kein Chipewyan’.Henry Sharp. The Kinship Systems of the Black Lake Chipewyan. Dissertation. Drake University, 1973:3

Vor der Etablierung des Pelzhandels waren die Chipewyan – wie alle Athabasken – in kleinen, unabhängigen Jägerhorden mehr oder weniger herrschaftsfrei organisiert. Erst durch die Einrichtung der Pelzhandelsstationen und das Vorbild der Europäer entwickelten sich langsam politische Strukturen und abgrenzbare Chipewyan-Bands. Die Häuptlinge hatten nur begrenzte Autorität, die auf ihrer Führungsqualität, Urteilsfähigkeit sowie Großzügigkeit beruhte. Trotz der für Jägervölker egalitären Sozialstruktur standen die Frauen der Chipewyan – die überdies die meisten anfallenden Arbeiten erledigten und für ihre Quillarbeiten, Perlen- und Seidenstickereien bekannt waren – unter dem Mann, dessen Willkür sie nicht selten ausgeliefert waren.Carl Waldman: Encyclopedia of Native American Tribes. 3. Auflage, Checkmark Books, New York (USA) 2006, ISBN 978-0-8160-6273-7. S. 64–65. Da sie in ihrer Kultur traditionell individuelle Freiheit hochschätzten, hatten sie im Gegensatz zu den meisten Plains-Stämmen ihrer Zeit kein System der organisierten Kriegsführung mit Militär- und Kriegsgesellschaften entwickelt, obwohl sie die Inuit (Caribou Inuit) im Norden, mehrere Dene-Stämme (Yellowknife, Slavey, Dogrib) im Westen und Nordwesten sowie die in ihr Stammesgebiet vordringenden Cree im Süden zu ihren Feinden zählten.

In ihrer Lebensweise ähnelten sie hierbei stark den benachbarten Dene-Stämmen, besonders den nördlich lebenden Yellowknife, so dass diese oft als eine Untergruppe der Chipewyan angesehen wurden. Die Yellowknife galten jedoch im Gegensatz zu den benachbarten Völkern als kühne und wagemutige Krieger, sowie als skrupellos, anmaßend und selbstherrlich in ihrem Verhalten, die die Gutmütigkeit ihrer Nachbarvölker oft zu ihrem Vorteil nutzten. Aus Vergeltung wurden die Yellowknife schließlich von den benachbarten Völkern mit Rachezügen überzogen und dezimiert.Frederick Webb Hodge: Handbook of American Indians North of Mexico V. 4/4, Verlag: Digital Scanning Inc, 2003, ISBN 978-1-58218-751-8.

Religion In der ursprünglichen athabaskischen Religion hatte der Hund einen besonderen Platz bei diesem Volk. In ihrem Schöpfungsmythos war es ein Hund, der den Menschen erschuf. Hunde wurde daher – sofern keine Hungersnot herrschte – besonders gut behandelt. Ihre Toten ließen die Chipewyan im Freien aufgebahrt, so dass sie von den Tieren gefressen werden konnten. Bis heute hält sich der Glaube an die Beseeltheit aller Lebewesen und natürlicher Erscheinungen (→ Animismus), insbesondere bei den traditionellen Bewohnern der Wälder. Eine Besonderheit bei den Chipewyan (und einigen benachbarten Denegruppen) ist der Glaube an Inkoze, eine unpersönliche und übernatürliche Macht, die alle Tiere bzw. ihre Geister in einem großen Tierbewusstsein verbindet und deren Besitz der Mensch in Träumen und Visionen erlangen kann. Inkoze verschafft dem Menschen außergewöhnliche Kenntnisse, die etwa zum Heilen von Krankheiten oder zum Aufspüren von Beutetieren genutzt werden können. Ursprünglich handelte es sich vor allem um eine Kraft, die dem Jäger Macht über die Tiere verschaffte. Es ist tabu, von seinem Inkoze zu sprechen. Stattdessen muss man durch kreative Taten beweisen, dass man es hat. Inkoze war früher der Dreh- und Angelpunkt der Chipewyan-Weltanschauung; die Weisheit, um zu überleben und das menschliche Leben zu organisieren. Besonders viel Inkoze wurde den Medizinmännern zugesprochen. Sie waren bis zur Christianisierung für ihre Gruppen als Heiler, Zauberer, Jagdmagier und Beschützer vor negativen Einflüssen tätig. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wurden ihre Aufgaben immer geringer und ihr Wirken findet seither nur noch im Geheimen statt. Die Chipewyan haben den Glauben an Inkoze und andere traditionell-religiöse Vorstellungen synkretistisch in das Christentum integriert, dem heute offiziell nahezu alle angehören. Real sind die meisten Chipewyan heute demnach sowohl Christen als auch Animisten.encyclopedia.com: Chipewyan. Abgerufen am 11. Februar 2016.Henry S. Sharp: Loon: Memory, Meaning, and Reality in a Northern Dene Community. University of Nebraska Press 2001, ISBN 0-8032-9321-6. S. 48–58.

Geschichte mini|Chipewyan erhalten staatliche Zahlungen in Portage La Loche, Saskatchewan. Im Hintergrund die Station der Hudson Bay Company (ca. 1911)

Im 17. und 18. Jahrhundert standen Franzosen und Engländer um die Hudson Bay in scharfer Konkurrenz um die Pelze von Füchsen, Bibern und Bisamratten.

Jedoch hatten Swampy Cree und Woodland Cree, die entlang der südlichen Hudson Bay und James Bay wohnten, bereits früher Kontakt zu den europäischen Händlern und deren Produkten (Eisenwaren, Waffen, Munition, Perlen). Besonders als 1670 die Hudson’s Bay Company mitten im Cree-Gebiet die Handelsstation York Factory errichtete, hatten diese einen unmittelbaren militärischen Vorteil gegenüber benachbarten Stämmen wie den südlich lebenden Assiniboine und nördlich lebenden Dene-Gruppen. Besonders Chipewyan und Slavey hatten unter den Raubzügen und der Ausbeutung ihrer Jagdgründe durch vordringende Cree zu leiden. Die Assiniboine bildeten daraufhin mit den Cree (Anfang des 18. Jahrhunderts kamen die west- und südwestwärts gezogenen Plains Ojibwa hinzu) eine starke Militärallianz, die als ‘Iron Confederacy’ bezeichnet wurde – die Cree nannten die Allianz jedoch Nehiyaw-Pwat (in Cree: Nehiyaw – ‘Cree’ und Pwat oder Pwat-sak – ‘Sioux (Feinde)’).

Diese Allianz ermöglichte es den verbündeten Stämmen ab 1680 ein umfangreiches Kanu-Handelssystem entlang des Winnipegsees und des Nelson River, des Rainy Lake, des Lake of the Woods, des Winnipeg River und vom Lake Winnipeg nordostwärts bis zur York Factory an der Hudson Bay aufzubauen. Viele Cree-Gruppen siedelten sich in der Nähe der Handelsstationen an, um so zunächst an die für sie wichtigen Güter (besonders Gewehre, Munition, Metallwaren, Messer, Ahlen, Äxte, Tomahawks, Kessel, Tabak und Alkohol) zu gelangen, um dann den Zwischenhandel mit den Völkern im Westen (Blackfoot, Gros Ventre, Sarcee), im Norden (Chipewyan, Dogrib, Daneẕaa, Slavey, Yellowknife) und im Süden (Hidatsa, Mandan) möglichst zu monopolisieren. So etablierten die Nehiyaw-Pwat ein Handelsmonopol mit den First Nations abseits der Forts um Pelze, die sie den Europäern, vor allem der Hudson’s Bay und der North West Company, anbieten konnten. Ohne die Cree und Assiniboine, die die Kontrolle über die einzigen Transportwege, die mit den sogenannten Pelzhandelskanus befahrenen Flüsse und Seen, innehatten, hätte es den Pelzhandel nie gegeben. Gleichzeitig gestattete ihnen die bessere Waffenausrüstung die Expansion nach Westen und Norden – wobei sie militärisch gegen die Chipewyan im Norden und die Dakota im Süden (1670–1700) vorgingen. Viele Cree verließen nun den Hudson-Bay-Raum (ab etwa 1740), wo die Pelzhandelsgesellschaft eine erste Handelsstation am Waswanipi Lake eingerichtet hatte.