page=11|mini|rechts|180px|Titelkopf und Beginn des ersten Kapitels der anonym erschienenen Erstausgabe von 1763, gedruckt in Genf bei den Brüdern Cramer.Voltaire: Traité sur la tolérance, à l’occasion de la mort de Jean Calas, 1763, Digitalisat bei Gallica: gallica.bnf.fr. Traité sur la tolérance ist eine 1763 erschienene philosophische Streitschrift von Voltaire und gilt als ein Schlüsseltext der europäischen Aufklärung.

Der vollständige Titel lautet Traité sur la tolérance, à l’occasion de la mort de Jean Calas („Abhandlung über die Toleranz aus Anlass des Todes von Jean Calas“). Voltaire verfasste das Werk im Zusammenhang mit der Affäre Calas, die zu den bekanntesten Justizskandalen des französischen 18. Jahrhunderts zählt.

Entstehung und historischer Hintergrund Die Schrift entstand vor dem Hintergrund der Affäre Calas. Jean Calas, ein zur reformierten Minderheit der Hugenotten gehörender Kaufmann aus Toulouse, wurde beschuldigt, seinen Sohn Marc-Antoine ermordet zu haben, um dessen angebliche Konversion zum Katholizismus zu verhindern. Er wurde am 10. März 1762 hingerichtet. Der Fall wurde rasch zu einem Symbol für religiöse Intoleranz und für die Gefahr, dass Gerüchte, konfessionelle Vorurteile und Justizverfahren einander verstärken konnten.

Voltaire setzte sich publizistisch für die Rehabilitierung der Familie Calas ein. Der Traité sur la tolérance erschien 1763 und steht in engem Zusammenhang mit diesem Engagement. Die Schrift ist jedoch nicht nur eine Verteidigungsschrift im engeren Sinn, sondern erweitert den konkreten Justizfall zu einer allgemeinen Reflexion über Toleranz, Fanatismus, Religion und staatliche Gewalt.

Aufbau Der Traité sur la tolérance ist in 25 kurze, meist essayistisch angelegte Kapitel gegliedert. Die Schrift entwickelt ihre Argumentation nicht als systematischer philosophischer Traktat, sondern in einer Folge von Fallbeschreibung, historischen Beispielen, religionsgeschichtlichen Vergleichen, moralischen Reflexionen und polemischen Zuspitzungen.

Die ersten Kapitel gehen vom Fall Jean Calas aus und stellen die Umstände seiner Verurteilung und Hinrichtung dar. In den folgenden Kapiteln erweitert Voltaire den konkreten Justizfall zu einer allgemeinen Kritik an religiöser Intoleranz. Spätere Kapitel behandeln Beispiele aus der Geschichte des Judentums, des frühen Christentums, der Kirchengeschichte und anderer Kulturen. Das 23. Kapitel, Prière à Dieu („Gebet zu Gott“), bildet einen rhetorischen Höhepunkt der Schrift; die abschließenden Kapitel führen die Argumentation weiter und schließen sie zusammenfassend ab.

Inhalt Der Traité sur la tolérance erweitert die Affaire Calas zu einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit religiöser Intoleranz. Voltaire stellt zunächst den Tod Calas’ und die Folgen des Urteils dar. Der konkrete Justizfall dient ihm als Beispiel dafür, wie konfessionelle Vorurteile, öffentliche Erregung und gerichtliche Fehlentscheidungen zusammenwirken können.

Im weiteren Verlauf der Schrift wendet sich Voltaire gegen religiösen Fanatismus und gegen den Anspruch, Glaubensfragen mit Zwang, Verfolgung oder staatlicher Gewalt zu entscheiden. Er führt historische Beispiele aus der Antike, aus dem Judentum, aus der christlichen Geschichte und aus außereuropäischen Gesellschaften an, um zu zeigen, dass Duldung nicht zur Auflösung gesellschaftlicher Ordnung führen müsse. Die Schrift verbindet dabei historische Argumentation, moralische Reflexion, Ironie und polemische Zuspitzung.

Ein zentrales Argument Voltaires lautet, dass Menschen trotz unterschiedlicher religiöser Überzeugungen in einer gemeinsamen moralischen und politischen Ordnung zusammenleben können. Toleranz erscheint als Voraussetzung von Humanität, Rechtssicherheit und gesellschaftlichem Frieden. Prière à Dieu

page=176|mini|rechts|150px|Beginn von Kapitel XXIII, Prière à Dieu, 1763; Digitalisat bei Gallica. Das 23. Kapitel, Prière à Dieu („Gebet zu Gott“), gehört zu den bekanntesten Passagen des Traité sur la tolérance. Voltaire gestaltet das Gebet als moralischen Appell, der sich nicht an eine einzelne Konfession richtet, sondern an den deistischen Gott als gemeinsamen Bezugspunkt aller Menschen. Im Zentrum steht die Forderung, religiöse Unterschiede nicht zum Anlass von Hass und Verfolgung zu machen.

Die Passage bündelt zentrale Motive der Schrift: die Kritik am Fanatismus, die Ablehnung konfessioneller Gewalt und die Berufung auf die gemeinsame Menschlichkeit aller Menschen. Voltaire bittet nicht um religiöse Einheitlichkeit, sondern um die Einsicht, dass Menschen trotz unterschiedlicher Formen der Gottesverehrung friedlich zusammenleben können.

Wirkung und Rezeption Der Traité sur la tolérance gehört zu den bekanntesten Schriften Voltaires gegen religiösen Fanatismus und Justizwillkür. Seine unmittelbare Wirkung stand im Zusammenhang mit der Affäre Calas. Voltaire nutzte den Fall, um über den konkreten Justizirrtum hinaus die Gefahren konfessioneller Vorurteile und einer von religiöser Erregung beeinflussten Rechtsprechung sichtbar zu machen.Traité sur la tolérance, BnF Essentiels.

Die publizistische Kampagne zugunsten der Familie Calas trug dazu bei, den Fall in der französischen Öffentlichkeit bekannt zu machen. 1765 wurde Jean Calas postum rehabilitiert; die übrigen Angeklagten wurden freigesprochen.L’affaire Calas, Ministère de la Justice, 14. September 2011. Der Traité sur la tolérance wurde dadurch auch zu einem Beispiel für die politische Wirksamkeit aufklärerischer Publizistik.

In der späteren Rezeption gilt die Schrift als Schlüsseltext der französischen Aufklärung. Sie verbindet die Verteidigung religiöser Duldung mit einer Kritik an Fanatismus, Aberglauben und institutioneller Gewalt. Der konkrete Fall Calas wird dabei zum Ausgangspunkt einer allgemeineren Argumentation über Gewissensfreiheit, Humanität und die Grenzen religiös begründeter Verfolgung.

Eine erneute öffentliche Aktualität gewann der Traité sur la tolérance nach dem islamistisch motivierten Anschlag auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo am 7. Januar 2015. Robert Darnton zufolge entwickelte sich Voltaires Schrift in Frankreich nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo binnen kurzer Zeit zu einem Bestseller („instant bestseller“). 2015 seien 185.000 Exemplare verkauft worden. Darnton stellt diese Wiederentdeckung in den Zusammenhang der Demonstrationen vom 11. Januar 2015 gegen religiösen Fanatismus und für Toleranz und Meinungsfreiheit.Robert Darnton: „Preface: Nicholas Cronk’s Voltaire“. In: Modern Languages Open, 2024, Article 14, DOI: 10.3828/mlo.v0i0.507.

Ausgaben

Erstausgabe Voltaire: Traité sur la tolérance, à l’occasion de la mort de Jean Calas. o. O. 1763. Digitalisat der Erstausgabe bei Gallica: Traité sur la tolérance.

In Cramer Gesamtausgabe Œuvres complètes de Voltaire Voltaire: Œuvres complètes de Voltaire, Bd. 35, [Genf]: Cramer, 1775, S. 205–325: Traité sur la tolérance, à l’occasion de la mort de Jean Calas. Digitalisat bei HathiTrust, Seite 205.

Kritische Ausgabe

Voltaire: Traité sur la tolérance. Hrsg. von John Renwick. In: Les œuvres complètes de Voltaire (OCV), Bd. 56C. Voltaire Foundation, Oxford 2000, ISBN 978-0-7294-0744-1. Martin Fontius: Rezension (auf Deutsch) zu: Voltaire: Traité sur la tolérance. Critical Edition by John Renwick, Oxford 2000. In: Francia. Forschungen zur westeuropäischen Geschichte, Bd. 34/2, 2007, S. 383–385, online – bei perspectivia.net

Deutsche Ausgaben Voltaire: Über die Toleranz. Veranlaßt durch die Hinrichtung des Johann Calas im Jahre 1762. Klaus Boer Verlag, München 2019, ISBN 978-3-96662-015-4. Verlagsseite – Inhaltsverzeichnis. Voltaire: Über Toleranz. Aus Anlass des Todes von Jean Calas. Übersetzt von Ulrich Bossier. Reclam, Ditzingen 2020, ISBN 978-3-15-014018-5.

Literatur

Ingrid Gilcher-Holtey (Hrsg.): Voltaire, Die Affäre Calas Insel-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-458-17481-3. Ingrid Gilcher-Holtey: Voltaire und die Affäre Calas. Zur sozialen Rolle des Intellektuellen. In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, Jg. 51, Heft 585, Dezember 1997, S. 1105–1117.

Weblinks

Einzelnachweise

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