Die Taufe Christi (it. Battesimo di Cristo) ist ein in Öl auf Olivenholz ausgeführtes Gemälde des italienischen Renaissancemalers Pietro Perugino (* um 1450; † 1523). Das vermutlich zwischen 1498 und 1500 fertiggestellte Werk befindet sich im Bestand der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien (KHM).
Motiv Die Taufe Christi wird in allen vier kanonischen Evangelien geschildert (unter anderem in ). Danach kam Jesus wie viele andere an den Jordan, um sich von Johannes dem Täufer taufen zu lassen. Nach dem Vollzug der Taufe kam der Heilige Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab, und eine Stimme vom Himmel sprach: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“
Bildbeschreibung In der Bildmitte stehen Jesus links und Johannes der Täufer rechts einander im flachen Wasser eines kleinen Bachlaufs gegenüber.
Der nur mit einem hellblauen Lendentuch bekleidete Jesus hat sich im Viertelprofil Johannes dem Täufer zugewandt. Er steht im Kontrapost, einer harmonischen Standbein-Spielbein-Haltung, so dass sein Körper einer leichten S-Linie folgt. Sein Kopf ist in Demut gesenkt, seine Hände hat er vor der Brust im Gebet zusammengelegt. Er wird als junger Mann mit etwa schulterlangem dunkelblonden Haar und einem kurzen Kinnbart gezeigt.
Der ungefähr gleichaltrige Johannes steht Jesus zugewandt ebenfalls im Viertelprofil. Auch er hat die für Peruginos Stil typische Kontraposthaltung eingenommen. Sein rechter Arm ist erhoben, in der Hand hält er eine hellblaue Schale über dem Kopf Jesu, aus der das Taufwasser fließt. In der abgesenkten linken Hand hält er sein Heiligenattribut, den mehr als mannshohen Kreuzstab, während er mit denselben Fingern einen weiten roten Umhang greift, der um seine Hüften liegt und dessen anderes Ende seine linke Schulter bedeckt. Darunter trägt er ein mit einer Schnur gegürtetes ärmelloses braunes Untergewand. Beide Figuren stehen bis zu den Knöcheln im blauen Wasser des flachen Bachlaufs, der sich im Bildvorder- und -mittelgrund stark windet.
Hinter Jesus, ganz am linken Bildrand, sind drei kleinere Assistenzfiguren mit androgynen Gesichtszügen auf einem kleinen Landvorsprung abgebildet, die als Engel zu identifizieren sind. Die beiden vorderen knien mit im Gebet zusammengelegten Händen; sie tragen ein blaues beziehungsweise rotes langes Gewand und verdecken weitgehend den Körper der dritten Figur hinter ihnen, sodass deren Positur nicht erkennbar ist. Am rechten Ufer hinter Johannes steht eine weitere flügellose Assistenzfigur, die sich im Gespräch zu befinden scheint; ihr vermuteter Gesprächspartner ist jedoch durch den Bildrand abgeschnitten. Sie trägt eine hellblaue Tunika und darüber ein gelboranges Pallium (Mantel). Obwohl diese Tracht in zeitgenössischen bildlichen Darstellungen typischerweise für Apostel verwendet wurde – die Jesus zu diesem biblischen Zeitpunkt allerdings noch nicht berufen hatte –, dürfte es sich auch hier um eine engelsgleiche Begleitfigur handeln. Möglicherweise als Folge des Erhaltungszustandes des Bildes ist sie die einzige Figur mit einem deutlich erkennbaren Heiligenschein, während die Nimben Jesu und des Täufers auch auf einer guten Reproduktion kaum auszumachen sind.
An den oberen Bildrand hat der Maler die im biblischen Bericht erwähnte Taube als Symbol für den Heiligen Geist vor eine goldfarbene Kreisscheibe gesetzt.
Der Bachlauf entspringt scheinbar unmittelbar am unteren Bildrand. Hinter den beiden Hauptfiguren sind seine ersten drei Windungen visuell zu verfolgen; danach verschwindet er links hinter Jesus aus dem Blick und scheint eine breite Landzunge zu umfließen. Hinter dieser ist in der Ferne eine weite Wasserfläche erkennbar, die sich bis zum Horizont fortsetzt.
Interpretiert man das Gemälde als naturnahe Darstellung, kann es sich bei dem Bächlein nur um einen Zufluss oder einen schmalen Seitenarm des Jordans handeln. Perugino dürfte indes den Aspekt der Wirklichkeitsnähe hintangestellt und im Interesse der Bildkomposition den Jordan selbst nach dem Prinzip des pars pro toto („der Teil für das Ganze“) so schmal gezeigt haben. Damit schuf er im Vordergrund eine intime Bühne für die Hauptfiguren, während das Gewässer im Hintergrund weit anschwillt. Die Landzunge wird als flache mit Bäumen bewachsene und einer Stadt bebaute Landschaft dargestellt, die nach rechts in gebirgiges Terrain übergeht. Auch am linken Ufer der Wasserfläche ziehen sich ferne Gebirgszüge entlang.
Die morphologische Gestalt und der Bewuchs der kleinen Landvorsprünge ist detailliert ausgeführt; insbesondere sind direkt hinter Jesus einige Gewächse erkennbar, die auf Naturstudien schließen lassen. Dagegen ist die Landschaftsdarstellung auf der Landzunge eher schematisch. Zudem bedient sich Perugino in diesem Gemälde einer ausgeprägten Luftperspektive, die schon verhältnismäßig nahe Bildelemente wie die Bebauung in einem dunstigen Blau verschwimmen lässt.
Aus Sicht des Kunsthistorischen Museums ist in diesem Gemälde die malerische Gestaltung wichtiger als die kompositorischen Aspekte: Die Verwendung komplizierter Öllasuren erlaubte Perugino das durch niederländische und venezianische Vorbilder angeregte Studium der Lichtreflexionen in der Luft und auf dem Wasser, was auch zum Vorbild für den jungen Raffael (* 1483; † 1520) wurde. Einen verwandten Aspekt der Darstellung hebt Alfredo Bellandi hervor, indem er die hier und auch in anderen Gemälden, etwa der Beweinung Christi von 1495, gezeigte Fähigkeit Peruginos lobt, die atmosphärische Wirkung der Bildtiefe – die vorerwähnte Luftperspektive – zu erfassen; er sieht ein vollständiges Aufgehen der Figuren in einer Landschaft leonardesker Prägung.
Technischer Zustand Scarpellini verwies 1984 auf eine kurz zuvor durchgeführte Restaurierung. Das Gemälde wies zu diesem Zeitpunkt an mehreren Stellen Farbverluste durch Abbröckelungen (sgranature) sowie Retuschierungen (riprese) auf.
Auftraggeber und Provenienz Die Auftragsvergabe an Perugino ist nicht dokumentiert. Die sehr sorgfältige Ausführung und das Bemühen des Malers, die Szene hinsichtlich Licht und Atmosphäre möglichst realistisch zu schildern, lassen auf die Erwartung einer nahsichtiger Betrachtung schließen. Zusammen mit dem kleinen Format deutet dies darauf hin, dass das Gemälde in die Reihe der privaten Andachtsbilder einzureihen ist, die Perugino um 1500 unter dem Einfluss niederländischer Vorbilder fertigte.
Gegen diese Annahme spricht jedoch, dass eine „Taufe Christi“ als Thema der privaten häuslichen Andacht sehr ungewöhnlich war. Denkbar ist stattdessen, dass es sich bei dem vorliegenden Gemälde um eine Tafel aus der Predella eines heute verlorenen Altarretabels handelt. Obgleich der Bildaufbau in sich stimmig ist, erscheint die Tafel am linken und rechten Rand stark beschnitten. Dies tritt an der Figur auf der rechten Bildseite, die ihren mutmaßlichen Gesprächspartner verloren hat, besonders deutlich hervor; die Tafel könnte demnach ursprünglich ein Querformat besessen haben.
Die oben erwähnten Fehlstellen und Übermalungen erschweren eine exakte chronologische Einordnung der Taufe Christi. Adolfo Venturi datierte das Gemälde 1913 auf den Zeitraum 1483–1492, während Umberto Gnoli 1923 eine Entstehung „nach 1490“ annahm. Ettore Camesasca vertrat in zwei Arbeiten 1959 und 1969 den Zeitraum 1498–1500, eine Ansicht, der sich auch das Kunsthistorische Museum anschließt. Alfredo Bellandi ordnet das Werk 2004 der zweiten Hälfte der 1490er Jahre zu.
Im Jahr 1663 ist die Taufe Christi in der Ambraser Sammlung nachgewiesen; ab 1725 ist sie auch physisch auf Schloss Ambras dokumentiert. Im Jahr 1783 wird sie im von Christian von Mechel verfassten Verzeichniß der Gemälde der Kaiserlich Königlichen Bilder Gallerie in Wien erwähnt.
Die Taufe Christi im Œuvre Peruginos In der Fachliteratur wird regelmäßig auf weitere Gemälde Peruginos mit demselben Motiv hingewiesen. Anhand dieser lässt sich der Erfolg bestimmter Kompositionsmodelle nachvollziehen, die Perugino in verschiedenen Phasen seines künstlerischen Werdegangs in Altarbildern und Fresken immer wieder aufgriff. Diese oftmaligen Wiederholungen, die der frühe Künstlerbiograph Giorgio Vasari (* 1511; † 1574) Perugino zum Vorwurf machte, waren in den Florentiner Werkstätten der letzten beiden Jahrzehnte des 15. Jahrhunderts weit verbreitet. Dort war man vor allem darauf bedacht, die große Nachfrage des Kunstmarktes zu bedienen.
Bei der Darstellung der Taufszene im berühmten Wandfresko der Sixtinischen Kapelle (entstanden 1481–1482) ließ sich Perugino von der Taufe Christi von Andrea del Verrocchio (* 1435; † 1488) inspirieren, die um 1475 unter Mitarbeit des jungen Leonardo da Vinci (* 1452; † 1519) entstanden war. Dieses Fresko diente Perugino in der Folge als Prototyp für fast alle späteren Darstellungen des Themas.
Bellandi zufolge steht die Figur des Christus insbesondere jener Darstellung der Taufe nahe, die Teil der Predella des San-Pietro-Polyptychons (datiert auf 1496–1499) war (heute im Musée des Beaux-Arts in Rouen), weshalb er das Wiener Bild in denselben Zeitraum datiert. Eine weitere Ableitung des Themas ist die Taufe Christi in einer Kapelle der Kathedrale Santi Gervasio e Protasio in Città della Pieve; sie entstand um 1510 und ist damit dem Spätwerk Peruginos zuzurechnen. Bis auf wenige kleine Variationen zeigt Perugino auch in seinen späteren Werken keine wesentlichen kompositorischen oder ikonographischen Änderungen.
Einzelnachweise Alfredo Bellandi: Catalogo delle opere. I.52 Battesimo di Cristo. In: Vittoria Garibaldi, Francesco Federico Mancini (Hrsg.): Perugino – il divin pittore. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Galleria Nazionale dell'Umbria vom 28. Februar bis 18. Juli 2004. Silvana Editoriale, Cinisello Balsamo 2004, ISBN 88-8215-683-4. S. 284. Vittoria Garibaldi: Perugino. Catalogo completo. Octavo, Florenz 1999, ISBN 88-8030-091-1, S. 124f., Nr. 49. Die Taufe Christi im KHM, abgerufen am 19. Mai 2026 Heinrich Krauss, Eva Uthemann: Was Bilder erzählen. Die klassischen Geschichten aus Antike und Christentum. 6., durchgesehene Auflage. Verlag C. H. Beck, München 2011, ISBN 978-3-406-62408-7. S. 278. Hannelore Sachs, Ernst Badstübner, Helga Neumann: Wörterbuch der christlichen Ikonographie. 8., veränderte Auflage. Verlag Schnell & Steiner, Regensburg 2004, ISBN 3-7954-1653-1. S. 287. Pietro Scarpellini: Perugino. L’opera completa. Electa Editrice, Mailand 1984, ISBN 88-435-1090-8. S. 105, Nr. 121. Andreas Schumacher: 11 Taufe Christi. In: Andreas Schumacher (Hrsg.): Perugino – Raffaels Meister. Publikation anlässlich der gleichnamigen Ausstellung in der Alten Pinakothek München vom 13. Oktober 2011 bis 15. Januar 2012. Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2011, ISBN 978-3-9814578-1-0. S. 218.
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