Die Geschichte des Drachen ist ein äthiopisches Märchen und eine Legende.Caspar Detlef Gustav Müller (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Äthiopien. Eugen Diederichs Verlag, München 1992, S. 14–16, 304.

Handlung Ein Drache oder eine Schlange namens Wäynabä herrschte vierhundert Jahre über Abessinien. Alle Menschen und Tiere mussten dem Drachen Tribut in Höhe von einem Gäbäta Milch und ihrer erstgeborenen Tochter zahlen. Ein Mann namens Ängäbo aber, der sein Diener gewesen war, verschwor sich gegen ihn, zusammen mit dem Volk, um den Drachen zu töten, mit der Bedingung, dass er danach Herrscher werden würde. Als der Drache dann in Tämbēn war, reinigte Ängäbo die Straße in Äksum und stellte darunter ein Eisen auf. Zurück in Äksum sah der Drache links und rechts der Straße Feuer, sodass er sich dazwischen hinwälzte und durch das Eisen starb. Er wurde in May Wäyno begraben, wo sein Grab noch heute das Grab des Drachen genannt wird. Ängäbo aber herrschte zweihundert Jahre lang und wurde der Vater der Königin des Südens, der Königin von Saba, die mit König Salomon den Sohn Menilek bekam. Das Grab der Königin von Saba und von Menilek, der in Äksum starb, ist dort bis auf den heutigen Tag auf dem Gebiet von Mäläkya Äksum.

Hintergrund Das Märchen stammt aus Enno Littmanns (u. a.) Deutsche Aksum-Expedition 1–4 (Berlin 1913, I, 39) und trägt in Caspar Detlef Gustav Müllers Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Äthiopien (München 1992) den Titel Die Geschichte des Drachen. Die Stelle, an der der Drache seinen Tribut empfing, und sein Grab sind noch heute bekannt. Nach Müller steht der Drache für die christlichen Äthiopier für das zu bekämpfende Heidentum. Nach Ernst Hammerschmidts Äthiopien (Wiesbaden 1967, 45) müsse der Kampf gegen die Schlange oder den Drachen, also gegen das Heidentum, immer wieder geführt werden. Auch die neun römischen Heiligen, die das Christentum im Land verbreiteten, mussten den Drachen erneut töten. Nach Littmanns Werk (1913, 4, Nr. 11, Zeile 25) sieht er in dem Namen des Mannes Ängäbo einen afrikanischen Namen. Er verweist auf den Ortsnamen Ängäbo und den Ängäbonawi der cĒzana-Inschrift. Ein Gäbäta ist ein großes Holzgefäß, das etwa fünfzig Liter fasst. Der Ort Tämbēn liegt in Tegrē.

Nach Littmanns La leggenda del dragone di Aksum in lingua tigrai (In Rassegna di studi etiopici 6, 1947, 42–45) erhielt die Geschichte noch einen Anhang. So heißt es, dass sich auf dem Boden von Mäläkya Äksum eine Löwenskulptur befindet, da der Löwe zu gefräßig war und der heilige Michael ihn deswegen dort anband. In der Nähe davon lag bis zur Zeit König Johannes’ ein Dorf, wo ein Fürst namens Ayana Äzgi sein Heer sammelte, um nach Westen zu ziehen. Er befahl seinen Soldaten, dass jeder von ihnen einen Stein aufsammeln und geordnet ablegen sollte, und als sie am Abend zurückkehrten, sollte jeder wieder einen Stein aufheben, sodass viele zusammengesammelte Steine liegenblieben und er wusste, wie viele Männer er verloren hatte. Die Geschichte trägt bei Müller den Titel Die Geschichte vom Drachen und wurde von einem Presbyter in Äksum während der Deutschen Äksum-Expedition 1906 erzählt. Mit dem Löwen ist wahrscheinlich die Löwin von Gobedra gemeint (Littmann, 1913, 2, 73e). Die Steine liegen östlich oder südöstlich von Äksum.

Literatur Caspar Detlef Gustav Müller (Hrsg.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus Äthiopien. Eugen Diederichs Verlag, München 1992, S. 14–16, 304.

Einzelnachweise

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