Évelyne Sullerot, geborene Évelyne Henriette Annie Hammel (* 10. Oktober 1924 in Montrouge, Hauts-de-Seine; † 31. März 2017 in Paris), war eine französische Soziologin und feministische Aktivistin. Sie wurde bekannt als Autorin zahlreicher Werke über Frauenrechte sowie Familie und Gesellschaft.

Biographie

Elternhaus Évelyne Hammel wurde am 10. Oktober 1924 in Montrouge geboren und wuchs in Compiègne auf. Ihre Eltern waren der protestantische Pastor André Hammel und dessen sehr fortschrittlich denkende Ehefrau Georgette, geborene Roustain. Hammels Eltern waren sozial und politisch sehr engagiert. Sie erhielten posthum die „Médaille des Justes de Yad Vashem“ (Medaille der Gerechte von Yad Vashem), da sie während des Krieges elf Juden gerettet hatten. André Hammel gründete bei Compiègne eine der ersten psychiatrischen Kliniken Frankreichs. Die Mutter starb 1943 am Bahnhof von Valence an einem Asthmaanfall. Évelyne Hammel ist eine Cousine der Widerstandskämpferin Elisabeth Rioux-Quintenelle und ist die Großnichte der Feministin Louise Massebiau-Compain.

Privatleben und beruflicher Werdegang Hammel erhielt eine sehr altruistische Erziehung, die die Grundlage für all ihr künftiges Engagement bilden sollte. Sie besuchte das Lycée in Nimes (oder Uzès). Hier studierte sie auch ein Jahr lang Philosophie. Nach dem Tot ihrer Mutter 1943 kümmerte sie sich um ihre jüngeren Geschwister. 1946 heiratete sie François Sullerot, der zwei Kinder mit in die Ehe brachte. Mit ihm hatte sie auch zwei Kinder. 1947–1949 arbeitete sie als Lehrerin und wurde danach Hausfrau.

Évelyne Sullerot nahm später ihr Studium der Soziologie wieder auf. Sie arbeitete 1960–1963 als Wissenschaftlerin am Centre d’études des communications de masse der École pratique des hautes études und zählt zu den Pionierinnen der Erforschung der Sprache, die in der Frauenpresse gegenüber Frauen verwendet wird. In Folge veröffentlichte sie 1963 La Presse féminine. 1965 beendete sie ihre Doktorarbeit am Institut français de presse (Doktorvater war Jacques Godechot). Sie war 1967 als Dozentin an der geisteswissenschaftlichen Fakultät der Universität Paris X in Nanterre tätig, arbeitete von 1966 bis 1968 als Professorin an der Université libre de Bruxelles, war 1969–1992 Expertin in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) sowie in der Internationalen Arbeitsorganisation (1970).

Anfang der 1960er Jahre gehörte Sullerot zu den Mitgliedern des „Club des bandes dessinées“, einer historischen Gruppe, die den Comic-Kult in Frankreich begründete. Sie war auch Vizepräsidentin des Clubs. Zu den Mitgliedern gehörten unter anderem Francis Lacassin und Alain Resnais. Sie hielt am „Institut français de presse“ (1963–1968) einen Kurs über Comics und veröffentlichte 1966 zum Thema das Buch Bande dessinée et culture.

Auf Initiative von Évelyne Sullerot wurde 1974 der Veband „Retravailler“ (Wiederarbeiten) gegründet, der Frauen bei dem Wiedereinstieg ins Berufsleben helfen soll. Unter ihrer Präsidentschaft entwickelte „Retravailler“ in Frankreich die ersten Instrumente zur Berufsberatung für Erwachsene, denen ein psychosozialer Ansatz sowie eine neue Methode zugrunde lagen. Diese Instrumente bilden die Grundlage der „Methode der Kompetenzbilanz“.

Von 1974 bis 1984 war sie Mitglied des „Conseil économique, social et environnemental“ (Wirtschafts- und Sozialrat) sowie von 1986 bis 1999 Mitglied der „Commission nationale consultative des droits de l'homme“ (Nationale Beratungskommission für Menschenrechte), die bei den Vereinten Nationen akkreditierte französische Institution zur Förderung und zum Schutz der Menschenrechte. 1999 wurde sie zum korrespondierenden Mitglied der konservativen „Académie des sciences morales et politiques“ gewählt (2019 Neubesetzung ihres Sitzes). Im Jahr 2000 wurde sie zur Kommandeurin der Ehrenlegion ernannt und 2010 zur Großoffizierin. Darüber hinaus war sie Mitglied der französischen UNESCO-Kommission. Évelyne Sullerot starb am 31. März 2017 im Alter von 92 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.

Engagement im Widerstand Als Gymnasiastin, zu Beginn der Besatzung Frankreichs durch die Wehrmacht, wurde sie von der Polizei des Vichy-Regims wegen „antistaatlicher Propaganda und Äußerungen gegen das Staatsoberhaupt“ verhaftet und im Alter von 17 Jahren für zwei Monate inhaftiert weil sie in ihrem Gymnasium das Porträt von Pétain abgerissen hatte. Nach ihrer Freilassung und ihrer Rückkehr in die besetzte Zone Frankreichs schloss sie sich dem Widerstand bei der „Organisation civile et militaire des jeunes“ an, der Jugendorganisation der Organisation civile et militaire. Sie arbeitete im Widerstandsnetzwerk von Charles Verny und unterstützte eine Gruppe Maquis in der Sologne. In einer Zeugenaussage am 2. Februar 1999 sagte sie: „Frankreich verteidigen, Frankreich befreien, die Deutschen vertreiben, unsere Feinde, die überall waren und unser Land besetzt hielten und die Stadt meiner Kindheit, Compiègne, zerstört hatten. Die Republik wiederherstellen. Auch christliche Ziele, denn meine ganze Familie war sehr gläubig und „anti-papistisch“, also der Kollaboration zwischen Vichy und dem Katholizismus feindlich gesinnt. Auch eine soziale Revolution zu vollziehen, aus Gerechtigkeitssinn. Aber vor allem unser Land zu befreien“.

Engagement für Familienplanung Im Jahr 1956 las Sullerot in der Zeitung Le Monde einen Artikel über den Vortrag der Gynäkologin Marie-Andrée Lagroua Weill-Hallé vor der Académie des sciences morales et politiques. Daraufhin nahm sie schriftlich Kontakt mit der Gynäkologin mit dem Ziel auf, einen Verein zur Aufklärung über Empfängnisverhütung zu gründen. Als Reaktion auf die sogenannten Bac-Affaire, dem Tod eines acht Monate alten Kindes wegen mangelnder Pflege am 24. Februar 1953, gründen beide Frauen am 8. März 1956 den Verein „La Maternité heureuse“ (Die glückliche Mutterschaft). Évelyne Sullerot übernahm in dem Verein von 1955 bis 1958 den Posten der Generalsekretärin und kümmerte sich gleichzeitig um die vier Kinder ihres Haushalts. Der Verein wurde 1960 zur „Mouvement français pour le planning familial“ (Französische Bewegung für Familienplanung) umbenannt.

Mit ihrer Erklärung, sie wolle „Frauen helfen, ein erfüllteres Leben zu führen, und gleichzeitig Männer in die Verantwortung nehmen“, stieß sie sowohl in katholischen und medizinischen Kreisen als auch bei den Kommunisten auf Ablehnung. Ihre zahlreichen Veröffentlichungen trugen letztendlich zur Liberalisierung der Empfängnisverhütung d. h. zum Gesetz zur Entkriminalisierung von Verhütungsmitteln und zur Entkriminalisierung der Abtreibung bei.

Engagement für Frauenrechte Schon als junge Mutter in den Nachkriegsjahren fragte sich Sullerot was Frauen daran hindere, innerhalb ihrer Partnerschaft und in der Gesellschaft mehr Selbstbestimmung und Macht zu erlangen. Nach der Gründung von „La Maternité heureuse“ verfasste sie zahlreiche erfolgreiche feministische Werke. Besonders hervorzuheben ist der Bestseller von 1965: „Demain les femmes“ (Morgen die Frauen), in dem sie aufzeigt, dass Stellung und Situation der Frauen keineswegs natürlich und unveränderlich ist, sondern das Ergebnis einer historischen Entwicklung. 1965 war Évelyne Sullerot zusammen mit den französischen Feministinnen Madeleine Guilbert, Marguerite Thibert, Gisèle Halimi, Colette Audry und Andrée Michel Teil des „Mouvement démocratique féminin“ (Demokratische Frauenbewegung), eine Art linke Vorläufervereinigung, die Sozialismus und Feminismus vereinen wollte. Die Demokratische Frauenbewegung unterstützte die Kandidatur von François Mitterrand in den Präsidentschaftswahl von 1965. Ihre Vorlesung an der Universität Paris X Nanterre im Jahre 1967 über Frauenstudien trug den Titel: „de la génétique à la place des femmes dans la vie politique, en passant par la sociologie et le travail des femmes“ (von der Genetik über die Soziologie und die Arbeit von Frauen bis hin zur Stellung der Frauen im politischen Leben).

Sullerot engagierte sich auch viel im Bereich Berufstätigkeit von Frauen. Im Jahr 1968 wurde sie von der EWG beauftragt eine umfassende Erhebung zur Beschäftigung von Frauen in den Mitgliedstaaten durchzuführen. Ihr Bericht mit dem Titel „L'emploi des femmes et ses problèmes dans la CEE“ (Die Beschäftigung von Frauen und ihre Probleme in der EWG) gilt als die Basis für die „Europäische Richtlinie zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen“. Im selben Jahr begann sie, ihre feministischen Artikel in der Frauenzeitschrift Marie Claire zu veröffentlichen. 1984 wurde sie von der EWG beauftragt einen Bericht über die Diversifizierung der Berufswahlmöglichkeiten für junge Mädchen und Frauen zu erstellen. In diesem Bericht formulierte sie 80 „Empfehlungen“, von denen 78 vom Rat der Europäischen Union angenommen wurden.

Späte Jahre In den letzten Jahren ihres Lebens hatte sich Évelyne Sullerot von der feministischen Bewegung distanziert. Sie sprach sich in den 1990er Jahren gegen gleichgeschlechtliche Elternschaft und die 1999 in Frankreich eingeführte, zivilrechtliche Partnerschaft für gleich- und gemischtgeschlechtliche Paare (PACS) aus. In ihrem Werk mit dem Titel „Pilule, sexe et ADN, trois révolutions qui ont bouleversé la famille“ (Pille, Sex und DNA – drei Revolutionen, die die Familie erschüttert haben) schreibt Évelyne Sullerot folgendes über die sexuelle Revolution der 68er-Generation: „Die sexuelle Revolution hat ein Paar nicht gestärkt, sondern geschwächt: Der Kult des unmittelbaren Vergnügens hat den Wunsch nach Zukunft und Erfüllung durch Kinder übertrumpft, und [die Familienplanung] ist in einen Krieg der Geschlechter ausgeartet, was zur Negierung des Paares und zur Ausgrenzung der Väter führte.“ Obwohl sie mit der Gründung von „La Maternité heureuse“ den Grundstein für den Zugang zu Verhütung und Abtreibung gelegt hatte schrieb sie später zum Thema Abtreibung: „Ich war dagegen, sie zu einem Recht zu machen. […] Doch heute ist die Abtreibung zu einer „Verhütungsmethode plus“ geworden, ja sogar zu einem „Recht auf Vernichtung“.“ Sie stand der Eizellspende für unfruchtbare Frauen skeptisch gegenüber und lehnte Leihmutterschaft ab: Die Vorstellung, „einen Brutschrank zu kaufen“, fände sie „zutiefst abstoßend“. Schließlich engagierte sie sich auch für die Anliegen von Vätern, denen der Umgang mit ihren Kindern verwehrt wurde, und unterstützte insbesondere den Verein SOS Papa. Der Verein steht in der Kritik in Frankreich den Maskulinismus voranzutreiben und die Entwicklung und Organisation der Männerrechtsbewegung zu fördern.

Weblinks

Podcast in 10 Folgen über Évelyne Sullerot (französisch) Einige online verfügbare Artikel von Évelyne Sullerot (französisch)

Einzelnachweise

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