Alterssexualität ist das Ausleben von Sexualität und das sexuelle Empfinden von Menschen im Alter. Gerade in Bezug auf die Zielgruppe alter Menschen wird ein breites Begriffsverständnis von Sexualität gefordert, welches über Geschlechtsverkehr hinausgeht und andere sexuelle Aktivitäten, wie Masturbation oder den Austausch von Zärtlichkeit, mitberücksichtigt.Leo Zehender: Alter und Emanzipation. Eine sozialphilosophische Spurensuche im gerontologischen und pflegewissenschaftlichen Kontext. Facultas-Verlag, Wien 2006, ISBN 3-85076-738-8, S. 46.

Überblick Wichtigen Einfluss auf Alterssexualität haben die gesellschaftliche Tabuisierung der Geschlechtlichkeit älterer Menschen, die Veränderung ihres körperlichen Erscheinungsbildes, einige typische Beeinträchtigungen sexueller Funktionen, aber auch demographische Faktoren und die individuellen Lebensumstände.

Im höheren Lebensalter nimmt – insgesamt betrachtet – die Häufigkeit sexueller Kontakte im Durchschnitt kontinuierlich ab, während ältere Menschen zunehmend Wert auf eine erfüllende und für beide Partner psychisch und sexuell befriedigende Gestaltung des gesamten Zusammenlebens legen. Dies schließt jedoch nicht aus, dass auch Menschen in höherem Alter in ihren sexuellen Präferenzen keine Veränderung wahrnehmen.

Altersbegriff Altersbedingte Veränderungen der Sexualität beginnen bereits um das 40. Lebensjahr. Die meisten Frauen erleben im darauf folgenden Lebensjahrzehnt hormonelle Veränderungen, die das Klimakterium (Wechseljahre) einleiten. Bei einigen Männern tritt in dieser Zeit ein als Midlife-Crisis bezeichneter Einschnitt in der psychosozialen Altersentwicklung auf, der auf psychischen Veränderungen, geänderten Lebensumständen und der Erfüllung von Reproduktionsaufgaben basiert. In psychologischer Hinsicht spricht man daher von Alterssexualität meist als von der Zeit nach diesen Veränderungen und datiert den Übergang vom mittleren zum späten Erwachsenenalter, je nach individuellen Lebensumständen, auf einen Zeitraum zwischen dem 45. und 55. Lebensjahr.Toni Faltermaier, Philipp Mayring, Winfried Saup: Entwicklungspsychologie des Erwachsenenalters. 2. Auflage. Kohlhammer, 2002, ISBN 3-17-016054-0.

Da Alter jedoch überwiegend sozial definiert ist und individuell sehr verschieden wahrgenommen wird, spricht man von Alterssexualität in der Regel erst ab einem deutlich höheren Alter als dem 60. Lebensjahr.

Die wissenschaftliche Altersforschung (Gerontologie) und die medizinische Altersheilkunde (Geriatrie) beziehen sich in der Regel auf Menschen, die sich im „Rentenalter“ befinden, also überwiegend das 65. Lebensjahr überschritten haben, wobei hier oft nochmals zwischen „jungen Alten“ und „alten Alten“ sowie „Hochbetagten“ unterschieden wird, deren Sexualität entsprechend ihrem Alter weiteren Veränderungen unterliegen kann.Vgl. Alterdefinition nach WHO, zitiert in Ulla Walter, Uwe Flick u. a.: Alt und gesund? Altersbilder und Präventionskonzepte in der ärztlichen und pflegerischen Praxis. VS Verlag, Wiesbaden 2006, ISBN 978-3-8100-4084-8, S. 40 (Abschnitt 3.1).

Statistische Daten Entgegen der überwiegend von Jüngeren gehegten Vorstellung, dass mit dem Alter die Sexualität stark nachlasse und keine sexuellen Bedürfnisse mehr existieren, haben verschiedene statistische Befragungen ergeben, dass das Verlangen nach Sexualität und der Befriedigung sexueller Wünsche bis in ein hohes Alter ausgelebt wird. Laut einer jüngeren Untersuchung waren in der Altersgruppe der 51- bis 60-Jährigen von der Gruppe der in einer Partnerschaft lebenden Männer noch 89 Prozent sexuell aktiv, die in Partnerschaften lebenden Frauen zu 85,6 Prozent. Die sexuelle Aktivität nimmt im Lauf der Jahre ab, in der Gruppe der über 80-Jährigen üben noch 30,8 Prozent der in einer Beziehung lebenden Männer ihre Sexualität aus, während noch 25 Prozent der Frauen innerhalb einer Beziehung sexuell aktiv sind.A. Klaiberg, E. Brähler, J. Schumacher: Determinanten der Zufriedenheit mit Sexualität und Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte. In: H. Berberich, E. Brähler (Hrsg.): Sexualität und Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte. Psychosozial-Verlag, Gießen 2001, ISBN 3-89806-067-5, S. 105–127.

Maßgeblich unterscheidet sich hiervon die Aktivität der nicht in einer Partnerschaft lebenden Menschen: 55,3 Prozent der Männer und 25,3 Prozent der Frauen zwischen 51 und 60 waren sexuell aktiv, der Anteil der sexuell Aktiven sinkt im Alter über 80 auf 7,1 Prozent der Männer – bei Frauen über 80 war kein nachweisbarer Anteil mehr vorhanden. Amerikanische Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen, wobei die Frage, ob der ältere Mensch in einer Beziehung lebt, ebenfalls zu signifikanten Unterschieden bei der Häufigkeit sexueller Kontakte führt. Bei einer Befragung gab etwa die Hälfte der sexuell aktiven Befragten an, mindestens unter einer störenden sexuellen Einschränkung zu leiden. Am häufigsten vertreten waren bei Frauen ein vermindertes sexuelles Verlangen (43 %), eine trockene Scheide (39 %) und die Unfähigkeit einen Orgasmus zu erreichen (34 %). In der Gruppe der Männer wirkte sich die erektile Dysfunktion (37 %) am stärksten behindernd auf das Sexualleben aus, wobei 14 Prozent angaben, ihre sexuelle Funktion mit Medikamenten oder anderen Mitteln zu unterstützen.Stacy Tessler Lindau, L. Philip Schumm u. a.: A Study of Sexuality and Health among Older Adults in the United States. In: New England Journal of Medicine 357, 2007, Nr. 8, S. 762–774 (online).

Demographische Einflussfaktoren Nach den Untersuchungen von Klaiberg, Bucher und Brähler ergab sich ein enger Zusammenhang zwischen der demographischen Entwicklung und der statistischen Häufigkeit sexueller Aktivität. Begründet wird dies vor allem dadurch, dass insbesondere ältere Frauen ihre Sexualität vorzugsweise in einer Partnerschaft ausleben. Aufgrund der höheren Lebenserwartung von Frauen und dem in vielen europäischen Ländern durch die Weltkriege entstandenen demographischen Einschnitt ist der Prozentsatz der Witwen in diesen Altersgruppen erhöht. Diese suchen häufig nicht nach einer neuen Partnerschaft und stellen ihre paarbezogenen sexuellen Aktivitäten ein.

Individualperspektive Sexuelles Lustempfinden Mit zunehmendem Alter verändert sich die Rolle der Sexualität, die eigentliche Fortpflanzungsfunktion verliert nach dem Klimakterium ihre Bedeutung, und Sexualität ist nicht mehr zwangsläufig auf den Geschlechtsverkehr als zentralen Akt sexuellen Lustempfindens ausgerichtet. Je nach persönlicher Veranlagung bleiben Erotik und Lust jedoch ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Menschen, die aufgrund ihrer Erziehung oder ihres individuellen Bedürfnisses nach sexuellem Kontakt als jüngere Menschen sexuell nicht sehr häufig oder ungern Sexualverkehr hatten, werden dies im Alter eher nicht verändern, während sexuell sehr aktive Menschen diese Aktivität bis ins hohe Alter hinein erhalten können. Zärtlichkeit, Bindung und Nähe werden für viele ältere Menschen wichtiger. Teilweise verändern sich die bevorzugten Praktiken und Stellungen, meist als Folge einer Anpassung an eine geänderte körperliche Verfassung, oder weil das Lustempfinden sich verändert, beispielsweise durch eine empfindlichere Haut im Vaginalbereich oder eine notwendige direktere Stimulation im Zusammenhang mit erektiler Dysfunktion.

Wesentliche Grundlage für eine erfüllte sexuelle Beziehung ist nach Studien eine vertraute, vertrauende und intime Beziehung, in der körperliche Veränderungen und eventuelle Einschränkungen nicht als Behinderung, sondern als Option für eine neue, dem Alter und dem Erfahrungshorizont angepassten Möglichkeit des Ausdrucks von Zärtlichkeit, körperlicher und emotionaler Nähe verstanden wird. Ein gesundes Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, mit der eigenen, sich verändernden Ästhetik umzugehen, hat ebenfalls eine wesentliche Bedeutung für einen schamfreien und entspannten Umgang mit der eigenen Sexualität.

Amerikanische Sexualwissenschaftler stellten 2007 in Befragungen fest, dass auch das Erreichen sexueller Erfüllung über Masturbation im letzten Lebensdrittel für viele Menschen eine wichtige Rolle spielt. Etwa die Hälfte aller Männer und ein knappes Viertel aller Frauen gaben an, sich selbst zu befriedigen. Hierbei wurde deutlich, dass sich dabei die Zahlen zwischen Alleinstehenden und in festen Partnerschaften lebenden Menschen nur unwesentlich unterschieden; dies also in allen Lebensformen als Teil der Sexualität empfunden wurde. In Partnerschaften masturbierten 52 Prozent der Männer und 25 Prozent der Frauen, ähnliche Zahlen ergaben sich für allein lebende Männer (55 %) und Frauen (23 %).

mini|Vergleich zwischen gewünschter und tatsächlich erlebter sexueller Aktivität in Bezug auf GeschlechtsverkehrDatenquelle: Bucher et al.: Sexualität in der zweiten Lebenshälfte. Erste Ergebnisse einer Studie in der deutsch-sprachigen Schweiz. In: Hermann Berberich, Elmar Brähler (Hrsg.): Sexualität und Partnerschaft in der zweiten Lebenshälfte. Psychosozial-Verlag, Gießen 2001, S. 42, 45.

Alterstypische Beeinträchtigungen sexueller Funktionen Das Bedürfnis nach sexuellen Kontakten richtet sich in allen Altersgruppen nach individuellen Vorlieben und der persönlichen Neigung. Dabei verändert sich die Sexualität im Laufe des Lebens, möglicherweise hin zu einer eher auf Nähe und Zärtlichkeit ausgerichteten Form des sexuellen Kontakts, der nicht zwingend den Geschlechtsverkehr zum Inhalt hat. Körperliche Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen, sind überwiegend hormonell bedingt. Insbesondere der Abfall des Oestrogenspiegels kann bei Frauen zu einer veränderten Libido, einer anderen Empfindsamkeit und Veränderung der Sekretmenge in der Vagina führen. Bei Männern verursacht der Abfall des Testosteronspiegels und die Herabregulation der Hormonrezeptoren, der etwa ein Drittel der 60-jährigen und mehr als 80 Prozent der über 80-jährigen Männer betrifft,J. S. Tenover: Declining testicular function in aging men. In: International Journal of Impotence Research, 15. August 2003, Supplement 4, S. 3–8 (PMID 12934044). Teilweise wird dieser Hormonrückgang mit dem kritisch diskutierten Begriff Andropause bezeichnet. eine weniger starke und dauerhafte Erektion und macht häufig eine direktere sexuelle Stimulation notwendig. Weitere mögliche Beeinträchtigungen sind:

Verändertes sexuelles Verlangen: Neben klar zuordenbaren körperlichen Ursachen können auch verschiedene andere Gründe zu einer Verminderung des sexuellen Verlangens führen. Beispielsweise können moralische Vorstellungen, Scham über das veränderte Körperbild, aber auch psychische Ursachen wie eine Altersdepression die sexuelle Appetenz verändern. Ein weiterer Aspekt können veränderte Lebensumstände darstellen, zum Beispiel kann sich das Ausleben der Sexualität nach dem Umzug in ein Pflegeheim schwierig gestalten, oder demente Veränderungen des Partners führen zu einem Abflauen der Lust auf geschlechtlichen Kontakt. Erregungsstörungen: Als Erregungsstörung werden Funktionseinschränkungen bezeichnet, die sich auf die weibliche Sexualität beziehen und sich häufig bereits nach den Wechseljahren in Form einer während der sexuellen Erregung trockeneren und engeren Scheide bemerkbar machen (vaginale Atrophie). Eine weitere Ursache können auch die Behandlung verschiedener Krebsarten darstellen, bei denen eine Bestrahlung des Bauchraumes zu ähnlichen Veränderungen führt. Dadurch kann der Geschlechtsverkehr als unangenehm oder schmerzhaft empfunden werden. Das Verwenden von Gleitmitteln kann solche Beschwerden weitgehend beheben oder lindern.