Germaine Kruip (* 1970 in Castricum) ist eine niederländische Künstlerin, die mit Licht, Raum und geometrischen Formen arbeitet und Installationen, Bühnenarbeiten sowie architektonische Interventionen entwickelt, die Wahrnehmung und räumliche Erfahrung untersuchen.
Leben Germaine Kruip wuchs in Belgien auf und wurde an der HKU University of the Arts Utrecht zur Szenografin ausgebildet. Von 1998 bis 1999 studierte sie an der Kunstschule DasArts in Amsterdam und absolvierte dort ihren Master in Tanz- und Theaterwissenschaften. Von 2000 bis 2001 studierte Kruip Bildende Kunst an der Rijksakademie van beeldende kunsten und schloss dieses ebenfalls mit dem Mastergrad ab.
Kruip entwickelte einen multidisziplinären Ansatz, der die Korrelationen zwischen Theater und Bildender Kunst erkundet. Die Erfahrungen als Bühnenbildnerin ermöglichten ihr neue Strategien der Ausstellungsgestaltung und deren Übertragung auf Theaterkontexte. Kruip lebt und arbeitet in Amsterdam, Brüssel und London.
Werk Kruip arbeitet mit einfachen geometrischen Formen wie Kreis, Quadrat und Raute, um Wahrnehmung und wiederholte Handlungen zu untersuchen. Dabei stellt sie die Idee einer vollständig abstrakten Form infrage, indem sie deren körperliche und gestische Grundlagen betont. Die geometrischen Formen, oft in Weiß, Schwarz und in Spiegeloberflächen, sind bewusste Anspielungen auf die Stilmittel der Künstlergruppe De Stijl um Theo van Doesburg und Piet Mondrian. Im Unterschied dazu verändern jedoch die beweglichen Arbeiten von Kruip permanent ihre Gestalt. Zwischen Bildender Kunst, Bühne und Architektur untersucht und präsentiert sie ihre Beobachtungen durch architektonische, skulpturale und performative Interventionen.
In einem Interview beschreibt Kruip ihre Auffassung von Wahrnehmung und Publikumsbeteiligung in ihren Bühnenarbeiten:
A Possibility of an Abstraction (2012-14) Hierbei handelt es sich um ein 55-minütiges Bühnenstück, das mit Licht, Schatten und räumlicher Wahrnehmung arbeitet. Das Stück wurde 2012 entwickelt und erstmals in der Londoner Galerie „The Approach“ präsentiert. 2014 beauftragte das „Experimental Media and Performing Arts Center“ in Troy eine erweiterte performative Fassung der Arbeit. Eine weitere Aufführung fand im Stedelijk Museum in Amsterdam statt.
Durch präzise choreografierte Lichtbewegungen entsteht eine filmähnliche Atmosphäre, in der architektonische Elemente, Reflexionen und Schatten selbst zu bildbestimmenden Bestandteilen werden. Die Arbeit bezieht sich auf frühe Formen des Schattenspiels sowie auf experimentelle Ansätze des „Paracinema“, bei denen filmische Wahrnehmung ohne klassische Filmtechnik erzeugt wird. Kruip versteht solche Arbeiten als architektonische Interventionen, die den Ausstellungsort in eine performative Wahrnehmungssituation verwandeln und das Publikum aktiv in die räumliche Erfahrung einbeziehen. Das Projekt markiert Kruips erneute Auseinandersetzung mit Theatertechnologie und Dramaturgie, nachdem sie sich zunächst stärker auf den Bereich der bildenden Kunst konzentriert hatte.
Counter Movement (2013) Dieses Werk aus mechanischen Komponenten, Edelstahl und Carbon befindet sich im Museum Ritter in Waldenbuch und besteht aus rotierenden schwarzen und weißen Flächensegmenten mit spiegelnden Rückseiten, die sich gegenläufig um die eigene Achse bewegen. Durch die Bewegung und die Spiegelungen entstehen wechselnde Eindrücke zwischen zweidimensionalen Flächen und räumlich wirkenden Körperformen. Dabei werden auch der Umraum sowie die Betrachtenden in die Reflexionen einbezogen. Die Arbeit untersucht Wahrnehmung, Bewegung und Raum und verändert je nach Blickwinkel und Moment ihre visuelle Erscheinung.
A Square, Spoken (2015) Hierbei handelt es sich um eine Performance, die auf der Biennale of Sydney gezeigt wurde. Kruip untersucht die Bedeutung des Quadrats als geometrische Form und kulturelles Symbol. Dafür kombiniert sie historische Zitate, darunter von Künstlern wie Kasimir Sewerinowitsch Malewitsch, sowie chinesische Sprichwörter zu einem textbasierten Skript. Die Arbeit findet als intime Begegnung zwischen Darstellender und Publikum statt. Dabei wird das Quadrat als menschliche Erfindung verstanden, dessen Wiederholung in Kunst und Geschichte als eine Art ritueller Prozess interpretiert wird, der die Wahrnehmung von Raum und Zeit schärft.
A Room, 4 Minutes (2015) Diese Arbeit verbindet Licht, Klang sowie die Wahrnehmung von Zeit und Raum zu einer sich wiederholenden Choreografie. Zwei Uhren innerhalb und außerhalb des Ausstellungsraums zählen gegensätzlich von vier Minuten auf null beziehungsweise von null auf vier. Ausgelöst wird der Ablauf durch das Geräusch eines Händeklatschens, das an die Filmklappe im Kino erinnert und den Beginn der Lichtsequenz markiert.
Diamond (2018-19) Bei dieser ortsspezifischen Lichtinstallation mit Sperrholz, Metallbeschlägen und -träger, Scheinwerfern, DMX-Rekorder, Dimmerpack, Roboterarm, schwarzem Molton, Filter, Elektrokabel und Klemmen im Kunstmuseum Basel erscheint eine leuchtende, frei im Raum schwebende Form, die keinen festen Objektcharakter besitzt. Die Arbeit erzeugt eine optische Illusion, die sich im Moment der Wahrnehmung entfaltet und an filmische Prozesse ohne technische Bildträger erinnert.
Portal Brass Line (2022) Seit 2017 stellt Kruip in Zusammenarbeit mit dem Instrumentenbauer Thein Brass sogenannte „Klangskulpturen“ aus einer speziellen Metalllegierung her, die sowohl als Skulptur als auch als Instrument dienen. Dieses Werk aus einem geometrisch polierten Messingrahmen stellt ein Tor zu einem erweiterten Wahrnehmungsfeld dar. Das Publikum kann den Raum betreten und das Instrument mit einem Hammer bespielen.
A Possibility (2025) Bei diesem Werk handelt es sich um ein Theaterstück, das im Royal Northern College of Music in Manchester aufgeführt wurde. Das Stück bündelt Arbeiten und künstlerische Ansätze, die Kruip in den vergangenen 25 Jahren entwickelt hat, und überträgt diese in eine Bühnenform. Strukturell begleitet wurde Kruip dabei durch den Dramaturgen Bart Van den Eynde.
Das Stück beinhaltet neue Kompositionen der britischen Komponistin Emily Howard, die Streichinstrumente und Perkussion mit Klangarbeiten des amerikanischen Tonkünstlers Hahn Rowe verbindet. Die zweiteilige Arbeit greift im ersten Teil zentrale Elemente von Kruips Performance „A Possibility of an Abstraction“ aus dem Jahr 2014 auf, wobei Licht zum zentralen Gestaltungsmittel wird. Die Aufführung setzt sich mit Wahrnehmung, Klang und Raum auseinander, verbindet Licht, Schatten, Nebel und Klang zu einer abstrakten Inszenierung ohne lineare Handlung und erzeugt dabei wechselnde Wahrnehmungssituationen. Im zweiten Teil treten vier Perkussionisten auf, die an Stahlseilen aufgehängte Bronze-Rohre mit Schlägeln zum Klingen bringen. Die gemeinsam mit dem Instrumentenhersteller Thein Brass entwickelten Messingskulpturen, die zugleich als Bühnenbild dienen, verbinden Klang, Licht und Raum zu einer performativen Installation, deren Wirkung besonders im abgedunkelten Raum hervortritt und in der Rhythmus und körperliche Wahrnehmung eine zentrale Rolle einnehmen.
Reflection (2026) alternativtext=Foto des Kunstwerks Reflection in Meeswijk|mini|Reflection in Meeswijk Diese Klangskulptur in Maasmechelen erinnert an eine ehemalige Fähre, die bis in die 1950er Jahre die Orte Meeswijk in Belgien und das niederländische Urmond miteinander verband. Das Werk entstand in Zusammenarbeit mit lokalen Initiativen sowie den Institutionen Z33 und dem Regionalen Landschaftsverband Kempen & Maasland und wurde in die Landschaft integriert. Die Installation besteht aus einer fünf Meter langen vertikalen Messingstange, die zwischen zwei zehn Meter hohen Pfosten aufgehängt ist und zugleich als Musikinstrument genutzt werden kann. Beim Anschlagen mit einem eigens entwickelten Klöppel entsteht ein tiefer Klang, der an das Signal der früheren Fähre erinnert. Zwei Sitzbänke aus schwarzem Granit ergänzen die Arbeit und ermöglichen den Blick auf die Maas und die Umgebung. Die gemeinsame Geschichte, der Dialekt und die Bräuche der Bevölkerung des Maastals bilden dabei einen kulturellen Bezugspunkt der Arbeit, wodurch die ehemalige Fähre sowohl als Verbindungsmittel als auch als symbolisches Element verstanden wird.
Weitere Werke (Auswahl)
2000: Amsterdam 2000, Karton 2000: Two Seconds 2002-09: Rehearsal, Lichtinstallation 2002-09: A Shimmering of Grey 2003-09: Wish 2004-09: Daytime, Installation, Spiegel und Stahl 2004-09: I See a Landscape Seit 2004: Image Archive 2005: The Wavering Skies, Installation, transluzente Decke und 300 computergesteuerte Halogenlampen, die eine langsam wandernde Schattenbewegung erzeugen 2005: Daytime, rotierende Spiegel, die Tageslicht in den Raum reflektieren Seit 2005: A Shadow Cloud, at the still point oft he turning world, 78 35-mm-Dias mit gefundenen Fotografien, 400-Watt-Diaprojektor, 16-Sekunden-Intervall, Endlosschleife 2006: Counter Composition, Skulptur, Spiegel, Holz, Edelstahl und Motor 2006-09: Reading Room 2007: Counter Composition II, Skulptur, Edelstahl 2008: Counter Shadow, beschichtetes Aluminium und Scheinwerfer 2008: Counter Shadow II 2008: Counter Composition III 2009: Aesthetics as a way of Survival Rehearsal, Great Bowerbird, Video. In diesem Film begleitet Kruip den Laubenvogel in seinem natürlichen Lebensraum im Nordosten Australiens. Das Männchen lockt die Weibchen mit kunstvollen Strukturen aus Zweigen an, die es mit bunten Mustern aus Blüten, Beeren, Blättern und sonstigen Fundstücken schmückt. 2009: Aesthetics as a Way of Survival: Rehearsal, Two Great Bowerbirds 2009: Marble Untitled, Marmor und Holzsockel 2009: Gypsum Ellipse 2009: Messing Ellipse 2009: Circular Shadow 2010: Circular, Dark, Green, Shadow, dunkelgrünes Antikglas, Metall und Scheinwerfer
2010: Daytime, Spiegel, Edelstahl und mechanische Komponenten 2011: Ohne Titel, Scheiben aus Carrara-Marmor und bewegte Edelstahlrohre, gezeigt im Rahmen der Mercedes-Benz „avant/garde diaries – transmission one“ in der Kongresshalle (Berlin-Mitte) 2012: Circle Dance, Performance 2012: Column Untitled, weißer Marmor und Metall 2012: Square Kannadi, handgefertigter Metallspiegel, Holzsockel und Wachs. Für Kannadi-Werkserie arbeitete Kruip mit traditionellen Spiegelhandwerkern in Kerala zusammen. Die handpolierten Metallspiegel bewahren bewusst sichtbare Spuren ihres Herstellungsprozesses, wobei auch die Halterung aus der Bearbeitung Teil der Präsentation und der skulpturalen Wirkung der Arbeit wird. 2013: Carry on, Performance 2013: Untitled Circle, Spiegel 2015: Beam – Spot, Holz und Scheinwerfer 2015: Le Bron James I, Tintenstrahldruck 2016: A Square Spoken 2016: Untitled Circle Copper, Kupfer, Scheinwerfer und Spiegel 2017: Dodecagon Kannadi, handgefertigter Metallspiegel, Holzsockel und Wachs 2017: Drop, Projektor, optisches System, Holzsockel 2017: Kannadi, From Square to Circle 2017: Rhombus, Poliertes Messing
2018: Double Brass Line (Thein No. 183114) 2019: After Image, Lichtinstallation 2019: Kannadi, Square and Circle Sequence 2020: A Square Without Corners, 5-minütiger Film 2021: 1:1 Resonance, vertical (Black), polierter Messingbalken und Messingschläger 2021: 1.37:1 Resonance, diagonal (high), weiß gestrichenes Holzbrett, polierte Messingbalken und Schläger 2021: 1.37:1 Resonance, vertical. Diese Arbeit wird mithilfe eines Messingbalkens aktiviert und knüpft an die Klangkunst von Bernhard Leitner an. 2021: 1.618 Rhombus, Brass (Thein n°3634), polierter Messing-Rhombus, Schläger und gravierter Thein Brass-Code 2022: The Concert 2022: 1.618 ellipse, dual resonance, weiß gestrichenes Holzbrett, 2 polierte Messingbalken und Schläger 2022: Patio Untitled, Vor-Ort Installation 2022: Portal Brass Line, polierter Messingrahmen 2023: 360 Polyphony, Brass, 3 polierte Messingbalken, drei polierte Messingschläger und metallischer Ringaufsatz