Die Bahnstrecke Chomutov–Reitzenhain ist eine Eisenbahnverbindung in Tschechien, die ursprünglich von der k.k. priv. Buschtěhrader Eisenbahn (BEB) erbaut und betrieben wurde. Sie beginnt in Chomutov (Komotau) und führt im Erzgebirge über Hora Svatého Šebestiána (Sebastiansberg) nach Reitzenhain, wo sie in die deutsche Bahnstrecke Reitzenhain–Flöha einmündete. In Betrieb ist heute nur noch der Abschnitt Chomutov–Křimov, die weitere Strecke über den Erzgebirgskamm nach Reitzenhain ist seit 1972 stillgelegt und abgebaut.
Nach einem Erlass der tschechischen Regierung ist die Strecke Chomutov–Křimov (–Vejprty) seit dem 20. Dezember 1995 als regionale Bahn („regionální dráha“) klassifiziert.
Geschichte Vorgeschichte und Bau
Ausgangspunkt für den Bau der Strecke Komotau–Reitzenhain war die Verbindung von Komotau nach Weipert mit Anschluss nach Annaberg in Sachsen. Die Genehmigung für diese Strecke erhielt die BEB am 1. Juli 1868 im Zusammenhang mit der Konzession der Linie von Prag über Komotau nach Eger. Sie sollte innerhalb von drei Jahren ab Konzessionserteilung fertiggestellt und dem öffentlichen Verkehr übergeben werden.Reichsgesetzblatt für das Kaisertum Österreich vom 17. Oktober 1868 Am 1. August 1872 wurde die Strecke von Komotau nach Weipert in Betrieb genommen. Die durch die Konzession vorgegebene Baufrist wurde damit um über ein Jahr überschritten.
Am 28. Juni 1872 wurden der Buschtěhrader Eisenbahn per Gesetz für die noch zu bauende Linie von Krima nach Reitzenhain die gleichen Vergünstigungen wie schon für die vorhandenen Strecken gewährt. Die Realisierung dieser Strecke sollte nach Abschluss eines weiteren Staatsvertrages mit Sachsen erfolgen.Reichsgesetzblatt für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder vom 28. Juni 1872
Die Konzession zum Bau und Betrieb der Linie von Krima nach Reitzenhain zum Anschluss an die Strecke der Chemnitz-Komotauer Eisenbahngesellschaft wurde am 12. November 1872 ausgestellt. Reichsgesetzblatt für die im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder vom 4. Jänner 1873 Am 23. August 1875 wurde die Strecke eröffnet.
Betrieb bis 1945
Der Sommerfahrplan von 1912 verzeichnete zwischen Komotau und Weipert vier Personenzugpaare 2. und 3. Klasse. Der Abschnitt zwischen Krima-Neudorf und Reitzenhain wurde mit zwei gemischten Zugpaaren bedient, die in Krima-Neudorf jeweils Anschluss von und nach Komotau hatten. Die Reisezeit zwischen Komotau und Reitzenhain betrug fast zwei Stunden.Fahrplan der kkStB – gültig vom 1. Mai 1912. mini|links|Grenzbrücke über die Schwarze Pockau in Reitzenhain (um 1918) Zum 1. Jänner 1924 ging die Strecke infolge der Verstaatlichung der BEB an die Tschechoslowakischen Staatsbahnen (ČSD) über. Ab den 1930er Jahren setzten die ČSD zwischen Krima-Neudorf und Reitzenhain moderne Motorzüge ein. Dies ermöglichte einerseits eine signifikante Verkürzung der Fahrzeiten als auch eine Verdichtung des Fahrplanes. In Dörnthal, Krima, Märzdorf sowie direkt an der Staatsgrenze bei Reitzenhain wurden neue ortsnahe Haltestellen eingerichtet.
Im Winterfahrplan von 1937 gab es werktags sieben Personenzugpaare zwischen Komotau und Weipert, von denen vier direkten Anschluss an die Motorzüge nach Reitzenhain hatten. Sonn- und Feiertags verkehrte ein weiteres für Ausflügler.Winterfahrplan 1937/38 der ČSD – gültig ab 3. Oktober 1937.
Nach der Angliederung des Sudetenlandes an Deutschland im Oktober 1938 kam die Strecke zur Deutschen Reichsbahn, Reichsbahndirektion Dresden. Im Reichskursbuch war die Verbindung nun unter den Kursbuchstrecken 140c Weipert–Komotau und 140d Reitzenhain–Krima enthalten. Im Fahrplan 1939 wurde ein Eilzugpaar zwischen Chemnitz und Komotau neu eingeführt. Die mit modernen Triebwagen geführten Züge benötigten für diese Relation fast zweieinhalb Stunden.Deutsches Kursbuch - gültig vom 15. Mai bis 7. Oktober 1939
Nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde der Triebwageneinsatz aufgrund der Rationierung flüssiger Kraftstoffe bis auf einen Zug in Tagesrandlage aufgegeben. Vier Personenzugpaare liefen nun lokomotivbespannt von Chemnitz bis Krima durch, wo weiterhin in Richtung Komotau umgestiegen werden musste. Der Eilzug entfiel ersatzlos.Deutsches Kursbuch - gültig ab 5. Mai 1941
Der Niedergang nach dem Zweiten Weltkrieg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam die Strecke wieder vollständig zu den ČSD. Im Sommerfahrplan 1947 gab es fünf durchlaufende Personenzugpaare zwischen Chomutov und Vejprty, zwei weitere verkehrten nur bis Křimov. Die Relation Křimov–Reitzenhain v Čechách wurde mit vier als Motorzug geführten Zugpaaren bedient, von denen eines weiter grenzüberschreitend von und nach Reitzenhain fuhr. Am 9. Mai 1948 wurde der Reiseverkehr auf diesem Abschnitt eingestellt. Der Bahnhof Hora Sv. Šebestiána wurde im Güterverkehr noch bis Ende der 1950er Jahre weiter bedient. mini|Abgebautes Gleis der Strecke nach Reitzenhain im Bahnhof Křimov (2007) Am 20. Februar 1950 entliefen im Bahnhof Suniperk der Strecke Křimov–Vejprty neun Wagen eines Güterzuges. Sie entgleisten mit hoher Geschwindigkeit in einem Gleisbogen am Kilometer 16,5 bei Krásná Lípa (Schönlind). Unter den verunfallten Güterwagen waren auch einige Kühlwagen der Norwegischen Staatsbahn (NSB) mit Seefisch für die Fischfabrik (vorm. Kalla) in Kovářská. Der Schaden betrug mehrere Millionen Kronen.Erzgebirgs-Zeitung - Deutsche Ausgabe - Jahrgang 2019, S. 50: Norwegische Fische sind im Jahr 1950 in der Fabrik nicht eingetroffen. Českojiřetínský spolek / Georgendorfer Verein, Litvínov 2019,
Am 12. Oktober 1972 genehmigte das tschechoslowakische Verkehrsministerium die Stilllegung der Strecke von Křimov bis zur Staatsgrenze bei Reitzenhain. An Stelle der Grenzbrücke wurde in den 1970er Jahren der neue Straßengrenzübergang Hora Sv. Šebestiána–Reitzenhain (Silnice I/7 / Bundesstraße 174) neu gebaut. Der Bahnkörper an der Staatsgrenze wurde dabei restlos beseitigt. Zwischen 1985 und 1987 wurden die Gleise und die Brücken abgebaut. Der Viadukt über die Chomutovka bei Hora Sv. Šebestiána wurde im Sommer 1986 gesprengt.Fernsehbeitrag zur Sprengung - Archiv ČT24, Minute 16.10
Ende der 1980er Jahre gab es konkrete Planungen für eine Neutrassierung im Stadtgebiet von Chomutov, um die niveaugleiche Kreuzung mit der vierspurig ausgebauten Fernstraße Silnice I/13 aufgeben zu können. Gerechnet wurde mit Kosten von 10 Millionen Kronen, von denen die ČSD drei Millionen übernehmen sollte. Die Strecke sollte fortan auf der Westseite des Bahnhofes Chomutov beginnen und in einem weiten S-Bogen zum Bahnhof Černovice u Chomutova führen. Aufgrund der gesellschaftlichen Umwälzungen nach der Samtenen Revolution von 1989 wurde das für 1990 geplante Vorhaben nicht umgesetzt.
Zum Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2007 wurde der Reisezugverkehr durch den verantwortlichen ÖPNV-Aufgabenträger Ústecký kraj abbestellt. Als Grund für die Einstellung wurde vor allem die geringe Auslastung der Züge genannt.www.zelpage.cz/zpravy/5040?oddil=1 Danach wurde nur noch ein touristisch orientierter Verkehr mit zwei Zugpaaren an den Wochenenden aufrechterhalten, darunter eine durchgehende Verbindung Leipzig–Chemnitz–Chomutov der Erzgebirgsbahn. Seit 2015 ist der Betrieb zwischen Chomutov und Vejprty saisonal auf die Sommermonate beschränkt.
Seit dem Fahrplanwechsel am 9. Dezember 2018 wird der saisonale Reiseverkehr unter der neu eingeführten touristischen Linie T7 geführt. Nach einer Neuausschreibung werden die Züge seit 2020 durch Die Länderbahn (DLB) gefahren.Pressemeldung der Die Länderbahn Der Jahresfahrplan 2026 sieht drei Zugpaare in der Relation Chomutov–Cranzahl an den Wochenenden und Feiertagen vom 28. März bis 1. November vor.Jahresfahrplan 2026 - gültig ab 14. Dezember 2025
Streckenbeschreibung Verlauf mini|Vereinfachtes Höhenprofil Chomutov-Reitzenhain Die Strecke beginnt in Chomutov am Fuße des Erzgebirges im Anschluss an die Verbindung von Praha und Cheb. Noch im Stadtgebiet beginnt die Maximalsteigung von 20 Promille. In mehreren Serpentinen und engen 180°-Bögen windet sich die Strecke nun am Steilhang des Erzgebirges aufwärts. Bemerkenswert ist die günstige Trassenführung unter Nutzung des vorhandenen Geländes, welche die Anlagen von Tunneln und Großbrücken vermied. Die Kammhochfläche wird am Bahnhof Křimov erreicht, wo die Strecke nach Vejprty abzweigt.
Ab dem Bahnhof Křimov stieg die Strecke weiter stark an. In einem großen Bogen wurde der Menhartický vrch umfahren, wo noch vor dem Erzgebirgskamm der Scheitelpunkt lag. Von Hora Svatého Šebestiána bis Reitzenhain hatte die Verbindung leichtes Gefälle. Die Täler von Chomutovka und der Schwarzen Pockau wurden mit größeren Brücken überquert.
Betriebsstellen
Chomutov mini|Bahnhof Chomutov mit Zug der Linie T7 (2020)
Der Bahnhof Chomutov (bis 1945: Komotau) wurde am 8. Oktober 1870 mit dem Abschnitt Dux–Komotau der Bahnstrecke Aussig–Komotau der Aussig-Teplitzer Eisenbahn (ATE) eröffnet. Nach dem Bau der Verbindung Prag–Eger der Buschtěhrader Eisenbahn (BEB) war er ein Gemeinschaftsbahnhof beider Eisenbahnunternehmen. Die Dux-Bodenbacher Eisenbahn (DBE) eröffnete 1872 zudem einen eigenen Bahnhof, der parallel zu den bereits bestehenden Anlagen von ATE und BEB angeordnet ist. Die Strecke nach Reitzenhain und Weipert wurde 1872 in Fortführung der Strecke von Prag trassiert. Sie verlässt den früheren Gemeinschaftsbahnhof auf seiner Ostseite in einem engen Linksbogen.
Černovice u Chomutova mini|Bahnhof Černovice u Chomutova (2010), das Aufnahmsgebäude wurde 2014 abgerissen Der Bahnhof Černovice u Chomutova (bis 1945: Tschernowitz) befindet sich nordöstlich des Orts Černovice u Chomutova in einem Industriegebiet. Der Bahnhof besaß bis 2014 ein stattliches Empfangsgebäude, vier Gleise und mehrere Anschlussgleise. Nach dem im Jahr 2014 erfolgten Abriss des Empfangsgebäudes und dem Rückbau der Gleisanlagen im nördlichen Teil besitzt die Station eine massive Schutzhütte, zwei Gleise und ein Anschlussgleis der Industriefirma Firma ZZN Cernovice u Chomutova.Der Bahnhof Černovice u Chomutova auf der Webseite www.ceskedrahy.de
Domina mini|Bahnhof Domina (2010), das Aufnahmsgebäude wurde 2013 abgerissen
Der Bahnhof Domina (bis 1937: Domina-Schönlind) liegt 800 m südwestlich des Dorfes Domina und südöstlich des Dorfs Krásná Lípa (Schönlind) über dem Hačkatal. Beide Orte werden von Süden nach Norden Bahnstrecke Chomutov–Vejprty in mehreren Gleisbögen umfahren. Das stattliche Empfangsgebäude und die restlichen Hochbauten wurden im Herbst 2013 abgerissen, sodass die Station heute nur noch eine massive Wartehalle besitzt. Nachdem Ende 2017 das Ausweichgleis vom Streckengleis abgebunden wurde, ist die Station Domina betrieblich nur noch ein Haltestelle.
Křimov-Suchdol
Die Haltestelle Křimov-Suchdol (bis 1951: Suchdol u Chomutova, bis 1945 deutsch: Dörnthal bei Komotau) wurde am 2. Dezember 1934 eröffnet. Sie befindet sich im Süden des zu Křimov gehörigen Ortsteils Suchdol (Dörnthal). Die Station besitzt an Hochbauten lediglich ein Wartehäuschen.
Křimov zastávka
Der Haltepunkt Křimov zastávka (bis 1945: Krima Haltestelle) wurde am 2. Dezember 1934 eröffnet. Sie befindet sich am Nordwestrand des Orts Křimov (Krima) und somit näher als der zwei Kilometer weiter westlich gelegene Bahnhof Křimov. Die Station besteht nur aus einer hölzernen Wartehütte.
Křimov
mini|Bahnhof Křimov (2006) Der Bahnhof Křimov (bis 1945: Krima-Neudorf) besaß als Trennungsbahnhof ein großzügig dimensioniertes Aufnahmsgebäude und einen zweiständigen Lokschuppen für den Lokomotiveinsatz nach Reitzenhain. In der einstigen Lokomotiveinsatzstelle ist heute der Eisenbahnverein společnost LOKO-MOTIV ansässig, der dort ein kleines Museum zur Geschichte der Strecke aufbaute. Im Jahr 2011 wurden die dem Verkehr nach Reitzenhain dienenden Gleise vor dem Aufnahmsgebäude abgebaut.
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