miniatur|Journalisten im Schwimmbad der Waldsiedlung am 23. November 1989 (ADN-Foto) Wandlitz: Einzug ins Paradies ist eine Fernsehdokumentation von Jan Carpentier von Ende November 1989 über die ehemalige SED-Funktionärssiedlung Waldsiedlung Wandlitz.
Inhalt Gezeigt wird ein Rundgang durch die Waldsiedlung Wandlitz durch den Leiter der Verwaltung, zusammen mit weiteren DDR-Journalisten. Zu sehen sind zunächst einige Häuser von außen, die kleine Schwimmhalle von innen und die ehemalige Wohnung des Politbüro-Mitglieds Herbert Häber. Das Filmteam trifft danach zufällig Kurt Hager, den ehemaligen Chefideologen im Politbüro, und dessen Frau und befragt ihn vorsichtig zu seiner jetzigen Situation. Dieser beklagt sich und erklärt unter anderem, dieses sei ein Internierungslager, und vergleicht es mit einem Konzentrationslager und mehreren Internierungslagern, in denen er in den 1940er Jahren war.
In der kleinen Verkaufsstelle wird ein breites Warenangebot gezeigt, das (erstaunlicherweise) fast ausschließlich aus der DDR und den sozialistischen Bruderländern stammt, außer einigen Bananen, Ananas, Kiwis und Orangen sowie einem Puma-Sweatshirt in einer Schauvitrine (das offenbar beim vorherigen Ausräumen übersehen worden war). Die Verkaufsstellenleiterin erklärt, diese Produkte seien alle auch in der restlichen DDR erhältlich.
Der Reporter Jan Carpentier führt sehr ruhig und zurückhaltend durch diese Reportage. Er bedrängt niemanden, erklärt einmal in der Wohnung, er fühle sich unangenehm „wie ein Voyeur oder Spanner“, und verzichtet sogar auf das Angebot von Kurt Hager, gleich dessen Wohnung zu filmen, mit dem Verweis auf dessen Privatsphäre. Er erklärt mehrmals, er wolle nur zeigen, was er gesehen habe, ohne Verurteilungen oder Bewertungen.
Entstehung
In einer abgeschlossenen Siedlung bei Wandlitz nördlich von Berlin lebten seit 1960 die führenden Mitglieder des SED-Politbüros verhältnismäßig dicht beieinander. Bei der Redaktion des DDR-Jugendmagazins elf 99 mehrten sich nach der Maueröffnung und den politischen Veränderungen die Forderungen, auch das Leben der ehemaligen Führungselite zu untersuchen; ein Anrufer berichtete zudem, dass dort Sachen fortgeschafft würden.Hans-Erdmann Gringer, Einblicke ins SED-Paradies, in Mitteldeutsche Zeitung vom 23. November 2004 (Text), mit einigen Hintergrundinformationen Daraufhin fuhr der Fernsehjournalist Jan Carpentier am 21. November 1989 mit einem Kamerateam unangemeldet dorthin, um zu sehen, was dort geschehe. Er erhielt keine Dreherlaubnis, ihm wurde erklärt, er solle sich dafür an das Zentralkomitee wenden. Darüber berichtete er am selben Tag in einem kurzen Beitrag des Jugendmagazins. Am nächsten Tag rief das Politbüro-Mitglied Günter Schabowski in der Redaktion an und erklärte nach kurzem Zögern, dass das Kamerateam am folgenden Tag dort filmen dürfe.Vom Lada zum Lambada, in Spiegel vom 3. Dezember 1989 (Text), in der Mitte des langen Artikels; auch Erdmann, Mitteldeutsche Zeitung, 2004
Am 23. November gab es um 13 Uhr einen offiziellen Pressetermin in der Waldsiedlung Wandlitz, bei dem auch Vertreter der Nachrichtenagentur ADN, der Nachrichtensendung Aktuelle Kamera, des SED-Zentralorgans Neues Deutschland, des FDJ-Zentralorgans Junge Welt und weiterer DDR-Medien teilnahmen. Ein Schweizer Fernsehteam wurde abgewiesen, angeblich, weil es keine Voranmeldung hatte.
Es war die erste Besichtigung dieser Art. Die meisten Politbüromitglieder wohnten zu dieser Zeit noch dort, waren aber nicht zu sehen. Die Verkaufsstelle wurde vorher offenbar gesäubert, so dass dort fast keine Westwaren mehr zu finden waren, diese wurden vorher „palettenweise“ weggeschafft.Uwe Rada, Innenansichten aus dem Ghetto, in taz vom 26. Mai 2016 (Text), erwähnte das palettenhafte Wegschaffen.Roberto Yañez, Ich war der letzte Bürger der DDR. Mein Leben als Enkel der Honeckers, Fischer, Frankfurt 2018, S. 134, schrieb von dem Eindruck von Jan Carpentier, dass dort vorher ausgeräumt worden sei. Der Filmtitel bezog sich wahrscheinlich lakonisch auf die Fernsehserie Einzug ins Paradies (1983/1987) über das neue Leben von mehreren Familien in einem Neubau in Berlin-Marzahn.Thomas Großmann, Fernsehen, Revolution und das Ende der DDR, Wallstein, Göttingen 2015, S. 264 Anm. 241, auch weitere Literatur.
Ausstrahlungen Der Film wurde am 24. November um 18:30 im 2. Programm des DDR-Fernsehens in einer Spezial-Sendung mit einer Einschaltquote von 28,3 Prozent gesendet und danach mehrfach wiederholt.Hans-Erdmann Gringer, Einblicke ins SED-Paradies, in Mitteldeutsche Zeitung vom 23. November 2004 (Text), die höchste Einschaltquote für eine elf 99-Sendung. Das dargestellte Leben in der Waldsiedlung rief in der Bevölkerung breite Empörung hervor.
Dabei waren die Häuser und die Ausstattung gemessen an der Bedeutung der Bewohner nicht übermäßig luxuriös.
Nachwirkungen Der Film verstärkte die Delegitimierung der SED und die Auflösung ihrer bisherigen Strukturen erheblich.Henrik Bispinck, Friedliche Revolution und Wiedervereinigung?, utb, 2023, S. 79; am 30. November erhielten die Honeckers die Kündigung, am 3. Dezember traten das ZK und das Politbüro geschlossen zurück Der Lagervergleich Kurt Hagers wurde kurz darauf in einem Kommentar der SED-eigenen Berliner Zeitung als „ungeheuerlich“ bezeichnet und Hager zum Verlassen von Wandlitz aufgefordert. Jan Carpentier drehte im Dezember 1989 noch eine Reportage Wandlitz mit neuem Antlitz, über die weitere Nutzung der Waldsiedlung, in der er auch einige Ausschnitte aus dem vorherigen Film zeigte, diese wurde 1990 bei der Berlinale gezeigt.Drei Beiträge des Jugendmagazins 'elf 99' 20. Internationales Forum des jungen Films (PDF); (dort wurde auch die kritische Reportage Der aufrechte Gang gezeigt) Wandlitz: Einzug ins Paradies wurde die bekannteste Reportage des DDR-Fernsehens aus der Wendezeit, von der Ausschnitte in zahlreichen späteren Dokumentationen über diese Zeit enthalten sind.
Rezeption Die Reportage Wandlitz: Einzug ins Paradies wurde später mehrfach ausdrücklich gewürdigt. Jan Carpentier wurde sogar als Held von Wandlitz bezeichnet.Jan Carpentier wurde mit seinen Wandlitz-Reportagen berühmt, in Berliner Zeitung, 2002 (Text), nach Thomas Schuhbauer, Umbruch im Fernsehen. Fernsehen im Umbruch, Logos, Berlin 2001, S. 237ff.
Michael Meyer erklärte 2010 im Deutschlandfunk
Der Mitteldeutsche Rundfunk schrieb 2022
Der Spiegel schrieb 2009
Literatur
Jan Carpentier: Schockreport im Bonzenviertel. In: Spiegel vom 22. Oktober 2009 (Text), mit vielen Hintergrundinformationen Hans-Erdmann Gringer: Einblicke ins SED-Paradies. In: Mitteldeutsche Zeitung vom 23. November 2004 (Text), mit einigen Hintergrundinformationen Thomas Großmann: Umbruch im Fernsehen. Fernsehen im Umbruch. Logos, Berlin 2001. S. 238–241
Weblinks Siedlung der DDR-Führung. Erste Reportage aus Wandlitz MDR 2022, mit kurzem Ausschnitt mit Kurt Hager
Wandlitz: Einzug ins Paradies Wir waren so frei
Wandlitz: Einzug ins Paradies Politikersiedlung Wandlitz Spiegel 2009, mit einigen Fotos
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1989 Kategorie:Fernsehfilm (DDR) Kategorie:Dokumentarfilm Kategorie:Kurzfilm Kategorie:Wende und friedliche Revolution in der DDR Kategorie:Wandlitz Kategorie:Bernau bei Berlin