Frederic Spiegelberg, auch Friedrich H. Spiegelberg (* 24. Mai 1897 in Hamburg-Harvestehude, Deutsches Reich; † 10. November 1994 in San Francisco, Kalifornien) war ein Hochschullehrer für asiatische Religionen (Indologie) und zuletzt an der Stanford University tätig. Spiegelberg galt als akademischer Lehrer für indische Religionen, buddhistische Religionspsychologie und vergleichende Religionswissenschaft. Im Zuge ausgedehnter Forschungsreisen suchte er spirituelle Lehrer und religiöse Gemeinschaften in Ashrams und Klöstern (etwa Mathas, Vihara) Indiens, Tibets, Siams, Sri Lankas, Chinas und Japans auf.
Leben und Wirken Spiegelberg wurde 1897 in Hamburg als Sohn des Kaufmanns Fritz SpiegelbergFX 228; Titel: [Hamburger Adressbuch] Erscheinungsjahr 1922, Bandzählung: 136.1922, Lizenz-/Rechtehinweis: Public Domain Mark 1.0, Strukturtyp: Band: Hamburger Adressbücher Digital, -II 1010, auf adressbuecher.sub.uni-hamburg.de in einem liberal-lutherischen Elternhaus geboren; die Familie lebte 1923 im Alsterkamp 11siehe hierzu auch Sophienterrasse. In Hamburg besuchte er eine Oberrealschule. Nach seinem Abitur studierte er Theologie sowie klassische Sprachen, unter anderem an einer Universität in den neutralen Niederlanden. Während seines Studiums erlebte er 1917 nach eigener Darstellung eine religiöse Erfahrung, die sein weiteres Denken nachhaltig prägte und die er später als das „Wunder des Seins“ bezeichnete. Vor dem Hintergrund der geistigen und politischen Krisen Europas nach dem Ersten Weltkrieg wandte er sich verstärkt religionsphilosophischen und vergleichend-religionswissenschaftlichen Fragestellungen zu.
Nach weiteren Studien in Halle und Leipzig wurde er 1922 an der Universität Tübingen promoviert. Wichtige Lehrer in seiner Tübinger Zeit waren der Philosoph Erich Adickes und der Theologe Karl Heim.
Ab dem Sommersemester 1923 war er zudem an der Universität Rostock für den Fachbereich Philosophie eingeschrieben.Immatrikulation von Friedrich Spiegelberg. Permalink: http://purl.uni-rostock.de/matrikel/200018531, auf matrikel.uni-rostock.de Anschließend erwarb er 1925 einen theologischen Abschluss an der Lutherischen Kirche.
Es folgten weitere Studien bei den Theologen Rudolf Otto an der Philipps-Universität in Marburg und Paul Tillich an der Technische Universität Dresden sowie dem Philosophen Martin Heidegger und dem Psychologen Carl Gustav Jung. Spiegelberg nahm an Jungs Eranos-Symposien teil und lehrte an Jungs Institut in Zürich. Spiegelberg und Jung verband eine langjährige Freundschaft. Sie begegneten sich erstmals 1928 in Zürich auf einer Konferenz in Dresden, woraufhin Spiegelberg 1931 an das Jung-Institut in Zürich eingeladen wurde.Oliver Knox: The Religion Of No Religion: Jung’s Psychology In The History Of Zen Buddism In The 20th Century. Phanês, Volume 4, 2021, S. 51–81, auf phanes.live S. 58–59
Paul Tillich war von 1925 bis 1929 Professor für Religionsphilosophie und Sozialphilosophie in Dresden. In dieser Zeit erhielt Friedrich Spiegelberg an der Technischen Hochschule Dresden 1927 einen Lehrauftrag und 1930 ein Lektorat für Religionsgeschichte.Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender, 5. Ausgabe, Berlin/Leipzig 1935, Sp. 1330. 1937 wurde er jedoch im Zuge der nationalsozialistischen Hochschulpolitik entlassen. Unter anderem wurde ihm die Teilnahme an einer verbotenen Konferenz vorgeworfen. Daraufhin floh er mit seiner Frau Rosalie, geborene Michels († 1968), und der Hilfe von Tillich – der seit 1933 schon in den USA lebte – aus dem nationalsozialistischen Deutschland.Paul Tillich im Dialog mit dem Kultur-und Religionsphilosophen Fedor Stepun. Eine Korrespondenz im Zeichen von Bolschewismus und Nationalsozialismus. Mit einer Einleitung herausgegeben von Alf Christophersen, Evangelisch-Theologische Fakultät, auf epub.ub.uni-muenchen.de , S. 103; 118Judy Matthews: An Appreciation DR. Frederic Spiegelberg. May 24, 1897 - November 10, 1994, auf mysterium.com Das Paar suchte zunächst vorübergehend Zuflucht in England, wo Spiegelberg am „World Congress of Faiths“ (deutsch ‚Weltkongress der Religionen‘) und der „Bahá’í Summer School“ (‚Baha'i-Sommerschule‘) teilnahmen.
In den Vereinigten Staaten, wo sie zunächst in New York ankamen, lehrte Spiegelberg an der Columbia University, der University of Rochester, der University of California, dem Union Theological Seminary und der Pacific School of Religion. 1941 trat er eine Stelle als Dozent für Religionswissenschaft an der Stanford University an und ging 1962 als Professor für indische Kultur am Institut für Asien- und Slawistik in den Ruhestand. Von 1941 bis 1962 lebte er in Palo Alto und Menlo Park.Harold E. Cross: Deaths. Palo Alto Online, Publication Date: Friday Nov 18, 1994, auf paloaltoonline.com
Er galt als Experte für asiatische Religionen mit einem klassisch-vergleichenden Schwerpunkt. Bekannt war er für seine Sprachkenntnisse, darunter Sanskrit, Pali, Hebräisch, Altgriechisch, Latein, Deutsch und Französisch.Comparative religions expert Frederic Spiegelberg dies at 97. News Release 11/15/94; CONTACT: Stanford University News Service (415) 723-2558, auf web.archive.org
Spiegelberg kehrte 1949 von einer sechsmonatigen Reise nach Indien und Tibet zurück, die von der Rockefeller-Stiftung finanziert worden war. Er berichtete über Inhalte, die er in einer etwa 200 Jahre alten Reproduktion eines bis dahin unbekannten Manuskripts aus dem ersten Jahrhundert gefunden haben will und die sich auf das Konzept eines ‚schwarzen Zeitalters‘ im Werk des buddhistischen Philosophen Nāgārjuna beziehen sollen.
1950 lud Spiegelberg den indischen Philosophieprofessor Haridas Chaudhuri, der eine Dissertation über die Integrale Philosophie Sri Aurobindos verfasst hatte, an die neu gegründete „American Academy of Asian Studies“ in San Francisco ein. Diese war die erste akkreditierte US-amerikanische Graduiertenschule, die sich ausschließlich dem Studium asiatischer Länder und Völker widmete. Die Schule wurde 1968 geschlossen und durch das „California Institute of Asian Studies“ (heute Integral Studies, CIISoffizielle Webseite des „CIIS“, ) ersetzt, das von Haridas Chaudhuri gegründet worden war und dessen Präsident Spiegelberg von 1976 bis 1978 war.Office of the President CIIS Presidents on Integral Education. California Institute of Integral Studies, auf ciis.edu 1960 veröffentlichten Spiegelberg und Chaudhuri einen Gedenkband über Sri Aurobindo. Spiegelberg lud Alan Watts, den damaligen Kaplan (, 1944 bis 1950) der Northwestern University, nach San Francisco ein, um dem „California Institute of Integral Studies“ beizutreten.From the American Academy of Asian Studies to the California Institute of Integral Studies. (From the CIIS Archives), auf mysterium.com
Spiegelberg war außerdem zusammen mit dem ehemaligen Schüler Michael Murphy und Dick Price an der Gründung des Esalen-Instituts beteiligt.Ahmed M. Kabil: The New Myth: Frederic Spiegelberg and the Rise of a Whole Earth, 1914-1968. Integral Review, July 2012, Vol. 8, No. 1, auf integral-review.org John Callahan: A History of Esalen Institute. Ground of Belonging LLC, 2012, auf
Spiegelberg starb 1994 an Komplikationen nach einer Bauchoperation. Spiegelberg hinterließ eine Tochter, Corinne Wilkinson, sowie zwei Kinder aus seiner ersten Ehe mit Rosalie Michels, einen Sohn, Valentin Spiegelberg und eine weitere Tochter, Dorothea Florian.Nachruf New York Times, 1994, auf nytimes.com
Spiegelbergs Überlegungen zur Religion Spiegelberg vertrat eine mystisch-universalistische Sicht auf die Religion oder die spirituellen Systeme. Für ihn waren die verschiedenen Religionen weniger „starre Glaubenssysteme“ als vielmehr unterschiedliche Ausdrucksformen einer gemeinsamen „spirituellen Wirklichkeit“. Er interessierte sich besonders für eine unmittelbare religiöse Erfahrung, Mystik und die Verbindung zwischen westlichem und östlichem Denken. Mit seiner Formulierung der „Religion keiner Religion“ meinte er, dass das Heilige nicht an eine einzelne Kirche oder Lehre gebunden sei, sondern sich in vielen Wegen und Erfahrungen zeige.Frederic Spiegelberg: The religion of no-religion. James Ladd Delkin, Stanford 1953, auf archive.org „Introduction by Gerald Heard“
Publikationen (Auswahl) Die Profanisierung des japanischen Geistes als religionsgeschichtliches Phänomen dargestellt an Hand einer Analyse der Farbenholzschnitte des Ukiyo-ye. (Aus der Reihe: Veröffentlichungen des Forschungsinstituts für vergleichende Religionsgeschichte an der Universität Leipzig, herausgegeben von Prof. Dr. Hans Haas) E. Pfeiffer, Leipzig 1929 Bushidō. Das Geheimnis der Japaner. (= Bd. 2, Reihe „Talisman-Bücherei“), 2. Auflg. 1940, Rudolph’sche Verlagsbuchhandlung, Dresden 1937 Bible of the World. Viking, 1939, zusammen mit Robert Oleson Ballou Die lebenden Weltreligionen. Insel, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-4580-5055-8 Spiritual Practices of India. Citadel Press, 1962. Zen, Rocks, and Waters. Pantheon Books, 1961. Living Religions of the World. Prentice-Hall, 1956. The Religion of No-Religion. J. L. Delkin, 1948. Alchemy as a Way of Salvation. J. L. Delkin, 1945. Spiritual Practices of India. zusammen mit Alan Watts, Kessinger Publishing, 2006
Literatur Werner Röder; Herbert A. Strauss (Hrsg.): International Biographical Dictionary of Central European Emigrés 1933–1945. Band II, 2, Saur, München 1983, ISBN 3-598-10087-6, S. 1100. Kürschners Deutscher Gelehrtenkalender, 5. Ausgabe, Berlin/Leipzig 1935, Sp. 1330.
Weblinks Fotografie von Frederic Spiegelberg Nachruf der Stanford University Frederic Spiegelberg's 1968 Talk at Esalen: „India and the Saints.“ February 11, 2025, auf esalen.org Wilkinson, Corinne Spiegelberg, correspondence 1949-1964 and undated. Archival Collections at Stanford, auf srchives.stanford.edu Frederic Spiegelberg papers, 1916-2005, bulk 1936-1994. Stanford Libraries, Archival Collections at Stanford, auf archives.stanford.edu Sander Verhaegh: Introduction: American Philosophy and the Intellectual Migration. In: Sander Verhaegh (Hrsg.): American Philosophy and the Intellectual Migration: Pragmatism, Logical Empiricism, Phenomenology, Critical Theory. (Reihe History of Philosophy and Science), De Gruyter, Berlin/Boston 2025, Textauszug auf repository.tilburguniversity.edu Kapitel: „1 Introduction: American Philosophy and the Intellectual Migration“ S. 1–28, hier 2; 12;
Einzelnachweise
Kategorie:Religionswissenschaftler (20. Jahrhundert) Kategorie:Absolvent der Eberhard Karls Universität Tübingen Kategorie:Hochschullehrer (Technische Universität Dresden) Kategorie:Hochschullehrer (Columbia University) Kategorie:Hochschullehrer (University of California) Kategorie:Hochschullehrer (University of Rochester) Kategorie:Hochschullehrer (Stanford University) Kategorie:Autor Kategorie:Person (Deutsches Reich) Kategorie:Deutscher Emigrant im Vereinigten Königreich Kategorie:Deutscher Emigrant in den Vereinigten Staaten Kategorie:Emigrant aus dem Deutschen Reich zur Zeit des Nationalsozialismus Kategorie:US-Amerikaner Kategorie:Person (Kalifornien) Kategorie:Geboren 1897 Kategorie:Gestorben 1994 Kategorie:Mann