Die Tochter der Erde und die Tochter des Himmels (Kònsò-s-Sììḍó tí kònsò-r-rá) ist ein aitiologisches und mythologisches Märchen der Mukulo aus dem Tschad.Herrmann Jungraithmayr (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus dem Tschad. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1981, S. 7–11, 266–267.
Handlung Die Tochter der Erde geht Wasser holen, wodurch sie den Bruder der Tochter des Himmels trifft. Dieser meint, dass sie seiner Schwester ähnele und schlägt ihr vor, sich am nächsten Morgen wiederzutreffen. Tags darauf stellt er ihr seine Schwester vor und die Tochter des Himmels und die Tochter der Erde werden Freunde. Die Tochter des Himmels lädt ihre neue Freundin daraufhin zu sich ein, sodass ihr Vater den Boden ihres Hauses mit Gewändern auslegt. Sie nehmen auf Sitzbänken aus Metall platz und die Tochter des Himmels bereitet später eine Sauce aus Perlhuhnfleisch sowie einen Sorgho-Brei zu, damit die Zähne weiß werden.
Auch die Tochter der Erde lädt die Tochter des Himmels zu sich ein, wobei sie unterwegs eine Äffin treffen, die sie mitnehmen und im Haus der Tochter der Erde verläuft alles, wie im Haus der Tochter des Himmels. Danach gehen sie in das Haus der Äffin, deren Vater Rindenstücke auf den Boden des Hauses wirft. Die Töchter von Himmel und Erde müssen sich darin auf Steinbrocken setzen und es wird ihnen ein Brei aus roter Hirse sowie eine Sauce aus verwelkten Tamarindenblüten zubereitet. Die Tochter der Erde spuckt das Essen daraufhin wieder aus, während die Tochter des Himmels trotzdem vom Essen nimmt. Die Tochter des Affen aber nimmt alte Bierrückstände und mischt sie mit Asche, Pfeffer und mehreren Sorten Salz, um das Gemisch der Tochter der Erde ins Gesicht zu werfen.
Darüber bestürzt stimmt die Tochter des Himmels einen Gesang an, sodass ein Gewitter mit schwarzen Wolken heraufzieht und Regen losbricht, womit sie der Tochter der Erde das Gesicht wieder rein wäscht. Die Tochter des Affen hat sich derweil vor dem Unwetter in einem weißen Akazienbaum versteckt und so schlägt in diesen ein Blitz ein. Der Baum bricht auseinander, doch nachdem die Äffin ins Freie geschleudert wird, schließt sich die Akazie wieder. Hinkend sucht die Äffin wieder Schutz in dem Baum, woraufhin erneut ein Blitz in ihn einschlägt und ihn sprengt. Die Äffin liegt danach auf der Erde, während der Baum wieder zusammengesetzt wird. Das Gewitter rät der Akazie dann, nicht so weiterzumachen, sonst werde sie kein Wasser mehr bekommen, worauf die Akazie antwortet, dass sie Wasser in der Kalebasse habe, auch wenn sie keines mehr bekäme. Seit dieser Zeit blüht die Akazie in der Trockenzeit und nicht in der Regenzeit.
Hintergrund Das Märchen wurde 1973 in N’Djamena von Jean Touri Nakouma erzählt und in Herrmann Jungraithmayrs Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus dem Tschad (Düsseldorf / Köln 1981) unter dem Titel Die Tochter der Erde und die Tochter des Himmels veröffentlicht. Der Originaltext ist in einem Tonbandarchiv in Marburg registriert (Sammlung Jungraithmayr). Eine andere Variante findet sich in Johannes Lukas’ Ein Text in der Sprache der Djonkor des Gera-Massivs (République du Tschad) (Afrika und Übersee LVIII, 1975). In dieser wird von der Tochter des Erdherrn geschrieben. Das Wort rá bedeutet Himmel oder Gott, sodass die Tochter des Himmels auch die Tochter Gottes sein könnte. Für die Begriffe Erdherr und rá kann Peter Fuchs’ Kult und Autorität. Die Religion der Hadjerai. (Berlin 1970) verglichen werden. Die Mukulu sind die Mokilagi, die in dem Dorf Mukulu leben.
Nach Stith Thompsons Motif-Index of Folk-Literature (6 Bände, Kopenhagen 1955–1958) wurde das Märchen den Motiven A 2770: Charakteristika von Pflanzen und Bäumen + D 1393.1: Baum als Zufluchtsort zugeordnet.
Literatur Herrmann Jungraithmayr (Hrsg. und Übers.): Die Märchen der Weltliteratur – Märchen aus dem Tschad. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1981, S. 7–11, 266–267.
Einzelnachweise
Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Afrikanische Literatur Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Märchen Kategorie:Kultur (Tschad)