mini|links|1764, Dictionnaire philosophique, portatif. Titelblatt der Erstausgabe mit fingiertem Druckort London. page=9|mini|1769, La Raison par alphabet, sechste, vom Autor revidierte, korrigierte und erweiterte Ausgabe Dictionnaire philosophique ist der geläufige Kurztitel des erstmals 1764 anonym und klandestin erschienenen Dictionnaire philosophique, portatifDer Titelzusatz portatif bedeutet „tragbar“ bzw. „handlich“. von Voltaire. In der modernen Forschung und Edition wird die Bezeichnung auch auf die spätere, erweiterte Fassung von 1769 angewandt, die bei Cramer unter dem Titel La Raison par alphabet erschien.Christiane Mervaud bezeichnet die 1769 bei Cramer unter dem Titel La Raison par alphabet erschienene Ausgabe als „l’édition la plus complète du Dictionnaire philosophique“ („die vollständigste Ausgabe des Dictionnaire philosophique“) und legt sie ihrer kritischen Ausgabe als Basistext zugrunde: Voltaire, Dictionnaire philosophique. Kritische Ausgabe, hrsg. von Christiane Mervaud. In: Œuvres complètes de Voltaire (OCV), Bd. 35: Abbé–Critique. Voltaire Foundation, Oxford 1994, Introduction, Abschnitt La Raison par alphabet, 1769, S. 60.

Der Titel wird im Deutschen meist mit „Philosophisches Wörterbuch“ oder „Philosophisches Taschenwörterbuch“ wiedergegeben.Voltaire: Philosophisches Taschenwörterbuch. Nach der Erstausgabe von 1764 erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt von Angelika Oppenheimer. Herausgegeben von Rainer Bauer. Nachwort von Louis Moland. Reclam, Ditzingen 2023, ISBN 978-3-15-020699-7.

Die Erstausgabe enthielt 73 Artikel und erschien mit dem fingierten Druckort London; als tatsächlicher Druckort gilt Genf.Voltaire: Dictionnaire philosophique, portatif, 1764, Digitalisat bei Gallica.Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Honoré Champion, Paris 2003, ISBN 2-7453-0765-7. 1769 erschien bei Cramer eine erweiterte, vom Autor revidierte Ausgabe unter dem Titel La Raison par alphabet (Die Vernunft in alphabetischer Ordnung), die 118 Artikel umfasste.La Raison par alphabet, sechste Ausgabe, Cramer 1769, Digitalisat und Transkription bei Wikisource.

Das Werk ist weniger ein systematisches Nachschlagewerk als eine alphabetisch angeordnete Sammlung kurzer, essayistischer und polemischer Artikel. Die Form entsprach Voltaires später Vorliebe für offene, bewegliche Schreibweisen: Sie erlaubte kurze, voneinander unabhängige Beiträge, rasche Zuspitzungen und die Behandlung religiöser, philosophischer oder politischer Fragen ohne systematischen Anspruch. Die einzelnen Artikel verbinden philosophische Reflexion, religionskritische Polemik, historische Beispiele und satirische Pointe. Anders als eine Enzyklopädie bietet das Dictionnaire philosophique keine umfassende Ordnung des Wissens, sondern eine pointierte, oft ironische Auseinandersetzung mit Religion, Moral, Geschichte, Metaphysik und politischer Intoleranz. In diesem Sinne lässt es sich als ein Lesebuch der Aufklärung verstehen.

Als kämpferische, kirchenkritische Schrift der Aufklärung steht das Dictionnaire philosophique im Zusammenhang mit Voltaires Kampagne gegen die Infâme und mit seiner Mitarbeit an der von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert herausgegebenen Encyclopédie.

Voltaire selbst schrieb 1764 ironisch an d’Alembert:

Inhalt und Charakter Das Dictionnaire philosophique behandelt in alphabetisch angeordneten Artikeln vor allem Fragen der Religion, Moral, Geschichte, Philosophie und Politik.

Die Artikel sind nicht in einem strengen akademischen Stil geschrieben, sondern wenden sich häufig unmittelbar an den Leser. Mehrere Artikel des Dictionnaire philosophique sind nicht als systematische Abhandlungen, sondern in dialogischer Form gestaltet. Zu den eigentlichen Dialogartikeln zählen insbesondere die vier Katechismen – Catéchisme chinois, Catéchisme du curé, Catéchisme du Japonais und Catéchisme du jardinier – sowie unter anderem die Artikel Dieu, Fraude, Liberté, Liberté de penser, Nécessaire und Papisme. In ihnen lässt Voltaire gegensätzliche oder komisch verfremdete Stimmen auftreten, um religiöse, politische und philosophische Positionen indirekt zu prüfen und satirisch zu unterlaufen.

Ein besonders prägnantes Beispiel ist Liberté de penser (Freiheit des Denkens), ein fiktives Gespräch zwischen Mylord Boldmind, einem aufgeklärten englischen General, und seinem Gegenpart, einem ängstlichen iberischen Grafen mit dem sprechenden Namen MédrosoIm Spanischen und Portugiesischen bedeutet medroso furchtsam, ängstlich. In der Formel:

verdichtet Voltaire die Forderung nach geistiger Selbständigkeit. Die Wendung steht in sachlicher Nähe zu dem später von Kant programmatisch verwendeten Wahlspruch der Aufklärung, Sapere aude. Voltaire möchte die Leser zum Gebrauch des eigenen Verstandes ermutigen.

Sein Stil folgt dem aufklärerischen Ideal des Plaire et instruire, also dem Anspruch, den Leser zugleich zu unterhalten und zu belehren. Diese offene Form zeigt sich auch in der direkten Leseransprache. Am Ende des Artikels Sensation (Sinnliche Wahrnehmung) fordert Voltaire den Leser auf, selbst den Schluss zu ziehen: „Vous qui lisez et pensez, concluez.“ (Ihr, die ihr liest und nachdenkt, zieht daraus eure Schluss.)

Für Nicholas Cronk, den Direktor der Voltaire Foundation, ist dies charakteristisch für das Dictionnaire philosophique. Voltaire bevorzuge Bewegung gegenüber Stillstand und Formen, die keine endgültigen Festlegungen treffen, sondern Skepsis, Toleranz und eigenes Urteil fördern:

Tabellarische Übersicht wichtiger Lemmata Im Mittelpunkt stehen Voltaires Kritik an religiösem Fanatismus, Aberglauben, kirchlicher Autorität, dogmatischer Theologie und Justizwillkür sowie seine Verteidigung von Vernunft, Toleranz und bürgerlicher Freiheit. Hinzu kommen skeptische Überlegungen zu Metaphysik, Seele, Offenbarung und Theodizee.

+ Zentrale Artikel des Dictionnaire philosophique Artikel / Lemma Thema / Inhalt Bedeutung im Werk Âme Seele Skepsis gegenüber metaphysischen Aussagen über Wesen, Ursprung und Unsterblichkeit der Seele Athéisme Atheismus Erörterung des Verhältnisses von Gottesglauben, Moral und gesellschaftlicher Ordnung Bien. (Tout est [bien]) Philosophischer Optimismus und Theodizee Kritik an der Formel „tout est bien“ (alles ist gut) und an der Leibnizschen Vorstellung der „besten aller möglichen Welten“; wichtiger Bezugspunkt zu Candide und zum Poème sur le désastre de Lisbonne Bornes de l’esprit humain Grenzen menschlicher Erkenntnis Skeptische Reflexion über die Grenzen des Wissens und Kritik an metaphysischem Dogmatismus Catéchisme chinois, Catéchisme du curé, Catéchisme du Japonais, Catéchisme du jardinier Dialogische Religionskritik Beispiele für Voltaires dialogische und ironische Schreibweise; religiöse und moralische Fragen werden aus wechselnden Perspektiven vorgeführt Christianisme Christentum und Kirchengeschichte Polemische Auseinandersetzung mit Lehre, Institution und historischer Wirkung des Christentums Dieu Gottesbegriff und Deismus Entfaltung eines vernunftbezogenen Gottesbegriffs jenseits kirchlicher Dogmatik Égalité Gleichheit der Menschen Kritik sozialer und ständischer Ungleichheit; Verbindung moralischer und politischer Argumentation Enfer Höllenvorstellungen Satirische Kritik an religiöser Angstrhetorik und theologischen Drohbildern Fanatisme Religiöser Fanatismus Einer der zentralen Angriffe auf religiöse Verblendung, Intoleranz und Gewalt Foi Glaube Abgrenzung von Glauben, Vernunft und Überzeugung; Kritik an blindem Autoritätsglauben Guerre Krieg und Gewalt Moralische Kritik an Krieg, Herrschaftsinteressen und organisierter Gewalt Liberté de penser Freiheit des Denkens Programmartiger Dialog über geistige Unabhängigkeit; Formulierung des aufklärerischen Gebotes, selbstständig zu denken Miracles Wunderkritik Rationalistische Kritik an Wunderglauben und an religiöser Autoritätsbegründung Superstition Aberglaube Analyse des Zusammenhangs von Aberglauben, Unwissenheit, Angst und Intoleranz Théiste Theismus, Deismus und religiöse Erkenntnisskepsis Schlüsselartikel für Voltaires nichtkirchlichen Gottesbegriff; die Forschung diskutiert, ob dieser eher als Deismus oder als agnostisch begrenzter Vernunftglaube zu verstehen ist.Vgl. René Pomeau: La Religion de Voltaire. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Nizet, Paris 1969, S. 476; dort zur Auseinandersetzung mit Theodore Bestermans These vom „Voltaire agnostique“.Theodore Besterman: Voltaire’s God. In: Studies on Voltaire and the Eighteenth Century, Bd. 55, 1967, S. 23–41. (Theodore Besterman deutet Voltaire nicht als Deisten im religiös-dogmatischen Sinn, sondern als skeptischen, letztlich agnostischen Denker, für den der Gottesgedanke vor allem eine moralisch-politische Funktion besitzt). Tolérance Religiöse und soziale Toleranz Schlüsselbegriff von Voltaires Aufklärungsprogramm; Kampf gegen religiöse Verfolgung und Justizirrtümer Tyrannie Tyrannei Politische Kritik an Willkürherrschaft, Machtmissbrauch und Unterdrückung

Exemplarische Artikel Exemplarisch für den polemischen Charakter des Dictionnaire philosophique sind der kurze Artikel Fanatisme und der längere, Christianisme, mit dem Untertitel Recherches historiques sur le christianisme (Historische Untersuchungen über das Christentum).

Fanatismus Voltaire behandelt Fanatismus nicht als bloßen Irrtum, sondern als gesteigerte, affektive und gefährliche Form des Aberglaubens. Der Artikel zeigt die typische Verbindung von begrifflicher Zuspitzung, Religionskritik und aufklärerischem Kampf gegen Intoleranz. Voltaire eröffnet ihn mit einer medizinisch zugespitzten Definition:

Die Analogie deutet Fanatismus als krankhafte Steigerung religiöser Verblendung. Wie der Wahn das Fieber und die Raserei den Zorn übersteigt, so übersteigt der Fanatismus den bloßen Aberglauben. Voltaire beschreibt ihn damit als Zustand, in dem Vernunft und Menschlichkeit verdrängt werden und religiöse Leidenschaft in Gewalt umschlagen kann.

Als Gegenmittel erscheint der esprit philosophique, der philosophische Geist der Aufklärung, der religiöse Leidenschaft durch Vernunft, kritische Distanz und Toleranz eindämmen soll. In diesem Sinne lässt sich der Artikel auch als Ausdruck des esprit voltairien verstehen.Vgl. Sylvain Menant: L’Esprit voltairien, l’esprit français par excellence ? In: Revue d’Histoire littéraire de la France, Jg. 122, Nr. 3, 2022, S. 543–558.

Christentum

Dieser Text nimmt in der Reclam-Ausgabe die Seiten 149–174 einVoltaire: Philosophisches Taschenwörterbuch. Nach der Erstausgabe von 1764 (Abraham–Vertu) erstmals vollständig ins Deutsche übersetzt von Angelika Oppenheimer. Herausgegeben von Rainer Bauer. Nachwort von Louis Moland. Reclam, Ditzingen 2023, ISBN 978-3-15-020699-7, S. 149–174. und gehört somit zu den umfangreichsten Artikeln des Dictionnaire philosophique.Philosophisches Taschenwörterbuch: Christianisme – Christentum (Inhaltsangabe).

Bereits der Untertitel Recherches historiques sur le christianisme zeigt, dass Voltaire das Christentum nicht dogmatisch, sondern historisch-kritisch behandelt. Er fragt nach den frühen Quellen, nach der Entstehung christlicher Überlieferungen und nach dem Verhältnis von biblischer Erzählung, Kirchengeschichte und historischer Wahrscheinlichkeit. Charakteristisch ist seine ironische Bemerkung über das Schweigen römischer Quellen zu den in den Evangelien berichteten Wundern:

Dieses Zitat veranschaulicht Voltaires typische Strategie: Er wahrt scheinbar den Ton religiöser Ehrfurcht, macht aber zugleich durch Ironie auf die fehlende außerchristliche, geschichtliche Bezeugung zentraler Wunderberichte aufmerksam.

Bien. (Tout est): Kritik des Optimismus

Der Artikel Bien. (Tout est) behandelt die Formel „Tout est bien“ („Alles ist gut“) als Ausdruck des philosophischen Optimismus. Voltaire richtet sich dabei gegen die Vorstellung, das Übel in der Welt lasse sich durch den Verweis auf eine höhere Ordnung oder auf die „beste aller möglichen Welten“ rechtfertigen.