mini|Die Fassade der Kirche mini|Der Campo de l’Abazia, links die Scuola Vecchia della Misericordia, rechts die Chiesa dell'Abazia mini|Karte der Inseln Venedigs im 13./14. Jahrhundert mini|Der 14 m hoheCesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, n. 107, S. 75. Campanile aus dem 14. Jahrhundert mini|Innenansicht Santa Maria delle Misericordia, auch Chiesa dell’Abbazia della Misericordia, ist ein venezianischer Kirchenkomplex, der seit dem 10. Jahrhundert im Norden des Sestiere Cannaregio an den Fondamenta de l’Abazia und dem Campo de l’Abazia besteht. Nördlich befindet sich die Sacca della Misericordia. Der Komplex, zunächst nach der Insel, auf der sich die Kirche befand, Santa Maria di Val Verde genannt, bestand aus einer Kirche, einem Hospiz für arme Frauen und einer der Scuole der Stadt; letztere entstand im Jahr 1310. Das Jahr 939 ist ein legendäres Gründungsjahr, das Patronatsrecht lag bei der Familie Moro. Nach 1828 wurde die Kirche unter Abt Pietro Pianton restauriert, dann mehrfach verkauft, 1967 geschlossen, 1973 profaniert.

Geschichte Nach der legendenhaften Überlieferung wurde die Einrichtung entweder von „Cesare de’ Giulj“, auch „Andreardi“ genannt, oder von den Familien „Giulj“ und „Moro“ gegründet. Ersteres nahm Jacopo Sansovino an, letzteres nahmen verschiedene Chronisten an, so Flaminio Corner.Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 337. In Dokumenten der Zeit um 1300 erscheinen ein „Fra Almerico Custode della Casa della Misericordia“ und ein „Fra Pietro Civrano Priore del luogo di Santa Maria di Valverde Madre di Misericordia“.

1308 kam es zur Gründung einer gleichnamigen Scuola im Einverständnis mit dem Prior des Hauses, Pietro Civran, und mit Genehmigung des Dogen Pietro Gradenigo und seiner Ratsgremien. 1310 wies der Prior Giovanni Donato der Bruderschaft ein angemessenes Baugelände zu. Dort entstanden ein Hospiz und ein Friedhof für die Bruderschaft. Die Zahl der Bewohner wuchs, so dass sie 1317 ein neues Haus aus dem Besitz des Priorats erhielten, in dem drei Augustinermönche lebten. Die Bauarbeiten dauerten bis 1341. Doch auch dies genügte bald nicht mehr den Ansprüchen der wachsenden Zahl der Bewohner, so dass ab 1361 ein drittes Hospiz entstand. Die Erlaubnis räumte am 28. Februar 1361 (more veneto) der Prior Bartolommeo Donato ein. Am 21. Oktober 1386 erteilte der Große Rat, die Versammlung des gesamten männlichen venezianischen Patriziats, die Erlaubnis zum Bau eines Hauses für die verarmten oder kranken Mitglieder der Bruderschaft.

Da gegenüber dem Priorat eine kleine Kapelle zu Ehren der hl. Christina errichtet worden war, beschlossen sowohl der Prior Giacomo Negri als auch die Familie Moro, den Kult in die Hauptkirche zu verlegen und zu Ehren der Heiligen eine würdigere Kapelle zu errichten. Die Reliquien der Heiligen sollten von der Kirche Sant’Antonio auf der Insel Torcello, auch Sant’ Antonio Abbate genannt, in die Misericordia verbracht werden. Doch der Rat der Zehn lehnte dies 1442 trotz bereits erteilter päpstlicher Genehmigung ab.

1348 war das Haus von der Pest so hart betroffen, dass nur der Prior überlebte, der erst am 25. Juli 1369 starb. Kurz vor seinem Tod, am 15. Juli, folgte ihm Luca Moro im Amt. Die Familie Moro war Patronin des Hospizes und daher wehrte sich der Prior gegen eine Unterstellung unter den Patriarchen von Grado. Der Familie Moro wiederum wurde als Gründerin das Recht eingeräumt, den Prior zu benennen.

Einer der Prioren war Giacomo Negri, dem eine erste weitgehende Veränderung der rechtlichen Situation der Misericordia gelang. Als im Jahr 1454 Cristoforo Moro, der spätere Doge als Gesandter bei Papst Nikolaus V. tätig war, erlangte dieser die päpstliche Erlaubnis, dass das Priorat, das Hospiz, die Armen und die Geistlichen von jeglicher Unterstellung unter die Pfarrei San Marziale befreit wurden. Außerdem sollten ihnen fortan die kirchlichen Sakramente von einem Priester gespendet werden, der vom Prior selbst ausgewählt wurde.Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 337 f.

Der gesellschaftliche und kirchliche Aufstieg der Prioren der Misericordia setzte sich nicht nur fort, sondern er wurde ab 1500 auch vielfach öffentlich sichtbar gemacht. Clemens VIII. gestattete dem Prior Girolamo Savina mit einem am 27. Mai 1500 ausgestellten Indult, dass die Prioren der Misericordia sowohl bei den Diözesansynoden in denen sie nach dem Patriarchen den zweiten Platz einnehmen, als auch in den Provinzialkonzilien das Rochett und die Tracht der Apostolischen Notare tragen. Außerdem durften sie in ihrer eigenen Kirche bei jeder Feierlichkeit die Mitra und die anderen päpstlichen Insignien tragen. Darüber hinaus durfte der Prior dem in dieser Kirche versammelten Volk den feierlichen Segen erteilen. Allerdings wurde Girolamo Savina von einem Priester vergiftet. Er starb am 9. Juni 1502 im Alter von 50 Jahren, wie Flaminio Corner berichtet.Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 339.

Die marmorne Fassade der gotischen Backsteinkirche geht auf die Initiative Gasparo Moros († 1671) zurück. Sie entstand ab 1659 unter dem Baumeister Clemente Molli († 1664). Eine der Statuen auf der Kirche stellt Gasparo Moro dar.

Nach 1806 wurde die Scuola aufgehoben, die Kirche ihres Schmuckes beraubt und vom Militär als Lager benutzt. Das zugehörige Kloster, bereits im Verfall begriffen, wurde abgerissen. Die Kirche wurde zwischen 1825 und 1864 neu geschmückt und renoviert. Abate Pietro Pianton gelang es dabei, zahlreiche Kunstwerke aus anderen Kirchen zu erwerben. Die Familie Moro-Lin erwarb das Gebäude und verkaufte zwischen 1868 und 1882 die Kunstwerke. 1890 diente das Bauwerk als Lazarett. Der Patriarch Domenico Agostini erwarb, um die Ansiedlung einer evangelischen Kirche zu verhindern, das Bauwerk, doch gelang ihm nicht die Schenkung an die venezianische Kurie. So gelangte sie in den Besitz seiner Verwandten, die sie wiederum verkauften.

Zeitweise nutzten Serviten die Kirche, die am 17. August 1967 zum letzten Mal einen Gottesdienst begingen.Gino Bortolan: Le chiese del Patriarcato di Venezia, Venedig 1975, S. 79 f. Am 28. März 1973 wurde die Kirche profaniert.

Nani Sartorio erwarb das Bauwerk, der es 1980 an Roberto Benedetti weiterverkaufte, der dort ein Lager und einen Souvenirladen einrichtete. Der Glockenturm wurde für „meteorologische und astronomische Beobachtungen“ vermietet, auch die Biennale nutzte die Räumlichkeiten.

Literatur Marcello Brusegan: Guida insolita ai misteri, ai segreti, alle leggende e alle curiosità delle chiese di Venezia, Newton Compton, Rom 2004, S. 36 f. Cesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, n. 107, S. 75. Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 337–339 (Priorato) (Digitalisat) und daselbst, S. 339–342 (Scuola Grande della Misericordia). (Digitalisat) Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 313–317, n. 72 („S. Maria di Misericordia“, S. 314–316: „La Scuola Grande della Misericordia“, S. 316: „Schule de Tessitori da Seta“). (Digitalisat)

Weblinks

Anmerkungen

Maria della Misericordia Maria della Misericordia Kategorie:Marienkirche Kategorie:Kirchengebäude im Patriarchat von Venedig Kategorie:Profaniertes Kirchengebäude in Italien Kategorie:Gotische Kirche Maria della Misericordia Kategorie:Gotischer Backsteinbau in Italien Kategorie:Kirchengebäude in Europa