mini|Corpus Domini im Plan des Jacopo de’ Barbari aus der Zeit um 1500 (Detail) Corpus Domini war ein Sakralkomplex in Venedig, bestehend aus einer Kirche und einem Nonnenkloster, der sich an der äußersten südwestlichen Spitze des Stadtteils Cannaregio (früher „Cao de Zirada“ genannt) in der Nähe der Kirche Santa Lucia befand. Das Kloster reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Beide Kirchen wurden abgerissen, Santa Lucia, um Platz für den gleichnamigen Bahnhof zu schaffen, Corpus Domini nach der Auflösung der Bruderschaften, darunter derjenigen des Corpus Domini, auch bekannt als Scuola dei Nobili.

Geschichte Flaminio Corner erkannte in seinen Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia die herausragende Bedeutung der Chronik der Bartolomea Riccobona für die frühe Geschichte des Klosters, die sie zwischen 1397 und 1436 abfasste.Maria Teresa Casella, Giovanni Pozzi (Hrsg.): Bartolomea Riccoboni, Cronaca del Corpus Domini, in Giovanni Dominici, Lettere spirituali, Spicilegium Friburgense 13, Freiburg 1969. Sie berichtet, wie Paola Tiepolo, mit 11 Jahren ins Kloster geschickt, zur Äbtissin des Klosters Santi Filippo e Giacomo aufstieg. Dort hatte sie eine Vision, in der sie den Auftrag erhielt, ein Kloster zu gründen. Daraufhin wandte sie sich an den Patriarchen von Venedig, Francesco Querini. Sie erhielt die Erlaubnis, ihr altes Kloster zu verlassen, und zog sich sechs Jahre lang in ein privates Haus zurück. mini|Lazzaro Bastiani: Die Heilige Veneranda auf dem Thron zwischen musizierenden Heiligen und Engeln Am äußersten Westrand der Stadt, dort wo Boote gebaut wurden, bekannt als Cao de Zirada, fand sie demnach einen geeigneten Platz. Durch Betteln konnte sie gerade so viel Geld einsammeln, dass sie das Grundstück kaufen und eine kleine Bretterhütte bauen konnte. Mit Unterstützung eines Händlers namens Francesco Rabia entstand ein Häuschen, in das sich Lucia mit einer weiteren Frau einschloss, die gleichfalls das Benediktinerinnenhabit anlegte. Nun kamen zwei weltliche Frauen, wie es heißt, hinzu. Diese lebten in größter Armut die nächsten 28 Jahre.

Als Venedig während des Chioggia-Krieges in schwere Bedrängnis geriet und Chioggia am Südrand der Lagune von Venedig bereits verloren war, schwor Rabia, ein steinernes Haus für die Frauen errichten zu lassen. Lucias Vorhersage, dass bald 60 Frauen dort als Nonnen leben würden, tat er zunächst ab. Nun kamen die Kinder des Facio Tommasini und der Elisabetta Contarini, nämlich Tommaso, aber vor allem Elisabetta und Andriola, gerade einmal 15 und 11 Jahre alt, hinzu, die unbedingt im Kloster leben wollten. Sie waren, nachdem ihre Eltern gestorben waren, von Matteo Paruta, einem Verwandten, unterrichtet worden, vor allem aber von seiner Frau Margarita. Der später seliggesprochene Giovanni de’ Domenici reiste nach Absprache mit der Klostergründerin nach Perugia zu Papst Bonifatius IX. Dem Bruder der beiden Schwestern, Tommaso Tommasini, schrieb er von seinem Erfolg, wobei Corner ausführlich aus diesem Brief zitiert,Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 314–317. in dem er die Annahme der Augustinerregel nennt. 1395 konnten die Bauarbeiten bereits abgeschlossen werden.

1394 setzte der Bischof von Caorle die Änderung der Regel, nach der die Frauen nun leben sollten, durch, die 1398 päpstliche Anerkennung fand. Erste Äbtissin des nunmehrigen Dominikanerklosters wurde Lucia Tiepolo, die über 100 Jahre alt geworden sein soll. Elisabetta Tommasini wurde ihre Vikarin. Zwei Jahre nach der Gründung lebten dort bereits 72 Frauen, eine Scuola del Corpus Domini entstand ab 1395. mini|hochkant=3|Antonio Vivarini: Polittico della Passione, 1430–1435, Tempera auf Holz, 66,5 × 205 cm, Ca’ d’Oro Papst Gregor XII. stattete das Kloster mit weiteren Mitteln aus, doch zerstörte ein schwerer Sturm im Jahr 1410 das Haus, dessen Glockenturm zusammengebrochen war. Martin V. vergab nun weitreichende Indulgenzen, um der Einrichtung neue Einnahmen zu verschaffen, ebenso im Jahr 1434 Eugen IV.

Tommaso Tomasini, inzwischen Bischof von Feltre und Belluno, sorgte 1436 für die Einrichtung einer infermeria, einer Krankenstation. Der Patrizier Fantino Dandolo stellte die Mittel bereit, um die Innenausstattung des Klosters zu verschönern und die Bauten zu vergrößern – wie Emmanuele Antonio Cicogna konstatiert, entsprach dies wohl eher einem vollständigen Abriss der alten Kirche und einem nachfolgenden Neubau.Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 2, Giuseppe Picotti, Venedig 1827, S. 5. Diese Arbeiten wurden 1444 abgeschlossen. Die Kirche wurde am 12. Juli 1444 geweiht. Schließlich wurde die Pfarrei Santa Lucia der Priorin des Klosters unterstellt. Diese Aufgabe übernahm Niccolò Friuli im selben Jahr. Bis 1476 unterstand die Kirche nunmehr dem Kloster, bis sie vom Kloster Santa Lucia übernommen wurde.

Nach Auseinandersetzungen innerhalb des Klosters ordnete Papst Clemens VII. 1534 an, dass das Kloster nicht mehr dem Predigerorden, sondern unmittelbar dem Heiligen Stuhl unterstehen sollte, und zwar über den Apostolischen Nuntius in Venedig. Diese Aufsicht wurde 1560 von Pius IV. auf die Patriarchen von Venedig übertragen. mini|links|Der Komplex um 1790, Musei Civici di Belluno, Fondo Alpago-Novello mini|Dionisio Moretti: Scuola dei Nobili und die Reste des Konventes Corpus Domini, Ausschnitt von tavola 21 von Il Canal Grande di Venezia, 1831 von Antonio Quadri herausgegeben Mit einem Dekret vom 28. Juli 1806 dehnte Napoleon die bereits im Vorjahr erlassene Maßnahme zur Neuordnung der religiösen Orden auch auf die venetischen Provinzen aus. Alle Einrichtungen wurden in Staatsbesitz überführt und die dort lebenden Mönche und Nonnen sollten in einer kleinen Anzahl von Klöstern desselben Ordens konzentriert werden. Ausnahmen galten nur für Häuser, die sich dem Unterricht und der Fürsorge widmeten. So kamen die Nonnen aus Santa Maria del Rosario und San Sepolcro nach Corpus Domini.

Bereits 1810 wurde der Konvent jedoch gleichfalls geschlossen und bis spätestens 1815 vollständig abgerissen, nachdem er seiner Kunstschätze beraubt worden war. Die besagte Chronik, von der nur Abschriften existieren, ist seither verschollen,Daniel Bornstein (Hrsg.): Sister Bartolomea Riccoboni. Life and Death in a Venetian Convent. The Chronicle and Necrology of Corpus Domini, 1395–1436, University of Chicago Press, Chicago/London 2000, S. 23. Emmanuele Antonio Cicogna, der die Inschriften der abgerissenen Kirche suchte, die er teils noch herumliegend vorfand, nannte die Chronik „accuratissima“. Nach ihm wurde die Chronik zuerst von Chiara Riccoboni, vielleicht ihrer Schwester, fortgesetzt, dann von anderen Nonnen.

Literatur Daniel Bornstein (Hrsg.): Sister Bartolomea Riccoboni. Life and Death in a Venetian Convent. The Chronicle and Necrology of Corpus Domini, 1395–1436, University of Chicago Press, Chicago/London 2000 (mit englischer Übersetzung). Emmanuele Antonio Cicogna: Delle Inscrizioni Veneziane, Bd. 2, Giuseppe Picotti, Venedig 1827, S. 3–47. (digitalisiert beim Münchener Digitalisierungszentrum) Cesare Augusto Levi: I campanili di Venezia. Notizie storiche, Ferdinando Ongania, Venedig 1890, S. 26 f. Flaminio Corner: Notizie storiche delle Chiese e Monasteri di Venezia, Padua 1758, S. 312–320. (Digitalisat) Johann C. Maier: Beschreibung von Venedig, Teil I, Christian Gottlieb Hertel, Frankfurt/Leipzig 1787, S. 338 f., n. 83 („Corpus Domini, Dominikaner-Nonnen“). (Digitalisat)

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Anmerkungen

Kategorie:Weltkulturerbe Venedig und seine Lagune Corpus Domini Kategorie:Abgegangenes Bauwerk in Venetien Kategorie:Zerstört in den 1810er Jahren Corpus Domini Venedig Kategorie:Corpus-Christi-Kirche