Ascha (avestisch 𐬀𐬴𐬀, aša, englisch asha; Nomen Neutrum) ist die avestische Entsprechung des vedischen Rita; beide haben eine gemeinsame indoiranische Wurzel. Im Zoroastrismus steht Ascha für die Wahrheit und ist ein zentrales Konzept seiner Lehre. Mancherorts wird die Bedeutung von Ascha um die kosmische, soziale oder moralische Ordnung erweitert. Weitere gebräuchliche Übersetzungen sind die Begriffe Harmonie, Gerechtigkeit, Gestaltung und Kosmos, die aus dem Kontext abgeleitet werden.

Etymologie Sowohl das avestische Ascha als auch das vedische Rita leiten sich vom rekonstruierten Begriff *Hṛtá- ab, der auf die Indoiraner um 2000 v. Chr. zurückgeht. Das Namenwort *Hṛtá- kommt vom Partizip Perfekt des Zeitworts *h2erZur Erläuterung siehe Laryngaltheorie. (einbauen, verbinden) und bezeichnet das fertige Ergebnis dieser Handlung.Amir Ahmadi: What is aṣ̌a-? In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies. University of London, Band 78, Nr. 2. 2015, S. 293–315. (jstor.org) Das Partizip Perfekt – übersetzt mit „gestaltet“,Jean Kellens, Éric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 2. Band. Wiesbaden 1990, ISBN 978-3-88226-463-0, S. 209. oder „gefügt, geordnet“Rüdiger Schmitt: Wörterbuch der altpersischen Königsinschriften. Reichert, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-95490-017-6, S. 240. – wandelte sich im Namenwort zur Bedeutung „Wahrheit“. Ob die Wandlung zum Namenwort noch zur Zeit der Indoiraner stattfand oder eine avestische Innovation ist umstritten.

Der avestische Laut -š- in Ascha ist eine Weiterführung des indoiranischen -rt-. Sein phonetischer und phonologischer Status ist etwas unklar. Häufig tritt die Abwandlung auf, wenn der vorangegangene Vokal betont wird. Von einigen Sprachwissenschaftlern wurde deshalb – basierend auf Christian BartholomaeChristian Bartholomae: Arische Forschungen. 2. Heft. Halle 1886, S. 46. (digitale-sammlungen.de) – Ascha nach Arta rekonstruiert.Jean Kellens, Éric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 2. Band. Wiesbaden 1990, ISBN 978-3-88226-463-0, S. 209–210. Der US-Amerikaner D. Gary Miller interpretiert die Abwandlung von -rt- nach -š- als regulären phonetischen Reflex eines Sprachstadiums.D. Gary Miller: rt-Clusters in Avestan. In: Language. Band 44, Nr. 2, Teil 1. 1968, S. 274–283, hier S. 274. (jstor.org)

Bedeutung Im Avesta (und im Rigveda) kommt der indoiranische Begriff *Hṛtá- in vielen sprachlichen Wendungen vor. Die wichtigsten Bedeutungen aus beiden Werken sind: „über die Wahrheit nachdenken“, „die Wahrheit ans Licht bringen“, „der Weg der Wahrheit“, „der Wahrheit folgen“, „mit der Wahrheit gewinnen“, „die Wahrheit wahren“, „die Wahrheit verehren“, „im Dienste der Wahrheit“ und „die gute Wahrheit“. Das indoiranische Verständnis des Begriffs ist im älteren und jüngeren Avesta unverändert erhalten geblieben.

Übernommene Formen, die *Hṛtá- enthalten, betonen in einem zusätzlichen Konzept die innere Stimmigkeit religiöser Sprache. Am Beispiel der Wendung „Weisheit ist der Vater der Wahrheit“ (avestisch ptā aṧahiia mazdǡ)Yasna 47.2. wird deutlich, wie die präzise Verknüpfung von Begriffen Wahrheit konstituiert und diese zugleich zur kosmischen „Ordnung“ erweitert. Da *ṛtá- jedoch erst durch den Akt des Sprechens Realität erlangt, bleibt die Übersetzung als „Wahrheit“ – im Sinne der Übereinstimmung von Wort und Struktur – erforderlich.

Viele Forscher erweitern die Bedeutung von Ascha mit der kosmischen, sozialen und moralischen Ordnung, oder übersetzen es mit Harmonie, Gerechtigkeit,Jean Kellens, Éric Pirart: Les textes vieil-avestiques. 2. Band. Wiesbaden 1990, ISBN 978-3-88226-463-0, S. 209. GestaltungJean Kellens: Les cosmogonies iraniennes entre héritage et innovation. In: Brigitte Huber, Marianne Volkart, Paul Widmer (Hrsg.): Chomolangma, Demawend und Kasbek. Festschrift für Roland Bielmeier zu seinem 65. Geburtstag. International Institute for Tibetan and Buddhist Studies XXIII, 2 Bände. (Beiträge zur Zentralasienforschung. Band 12, 1–2) Halle (Saale) 2008, S. 505–512. und Kosmos.Amir Ahmadi: What is aṣ̌a-? In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies. University of London, Band 78, Nr. 2. 2015, S. 293–315. (jstor.org) Die Forscher argumentieren, dass ein solch zentrales Konzept nicht mit einem einzelnen Wort in einer anderen Sprache wiedergegeben werden könne. Dem wird entgegen gehalten, dass in allen Religionen oder philosophischen Richtungen zentrale Begriffe eine spezielle Bedeutung haben, deren Inhalt nur über den Kontext festgelegt werden kann. Deshalb sei es methodisch korrekter, unter Ascha stets die Wahrheit zu verstehen und aus der Gesamtheit seiner Vorkommen deren genaue Bedeutung abzuleiten.

*ṛtá- in altpersischen Überlieferungen Die Inschrift XPh des achämenidischen Königs Xerxes I. aus Persepolis ist die einzige altpersische Inschrift mit Begriffen, die auf das indoiranische *ṛtá- zurückverfolgt werden könnten. Das Adjektiv ṛtāvan-,Rüdiger Schmitt: Wörterbuch der altpersischen Königsinschriften. Reichert, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-95490-017-6. das in den Zeilen 48 und 55 der Inschrift vorkommt, wird unbestritten auf dieses indoiranische *rta- zurückgeführt und mit „wahrhaftig“ oder „selig“ übersetzt. Es bezeichnet den Zustand eines Verehrers von Auramazda nach seinem Tod. Die große Bandbreite an Bedeutungen, die im Avesta und in den Veden übermittelt werden, lässt sich für das altpersische Adjektiv nicht nachweisen.

Die Existenz eines eigenständigen altpersischen Nomens ist hingegen umstritten; konsequenterweise verzichtet das aktuelle Altpersische Wörterbuch aus dem Jahr 2014 auf einen entsprechenden Eintrag. Die fraglichen Belegstellen der Wendung ṛtācā brazmaniyaRüdiger Schmitt: Die altpersischen Inschriften der Achaimeniden. Editio minor mit deutscher Übersetzung. Reichert, 2. Auflage Wiesbaden 2023. ISBN 978-3-7520-0716-9. finden sich in den Zeilen 41, 50f. und 53f der Inschrift XPh. In dieser dreisprachig konzipierten Inschrift wird der Ausdruck in der elamischen sowie der babylonischen Fassung unübersetzt übernommen. Dies deutet darauf hin, dass es sich um eine archaische, überlieferte oder entlehnte religiöse Formel handelt. Während ein Teil der Forschung das Wort ṛtācā auf den indoiranischen Begriff *ṛtá- zurückführt und als „mit Wahrheit“ (oder „gemäß der Wahrheit“) deutet, sieht die Gegenseite die Wurzel im avestischen ratu- (altindisch ṛtu-) und übersetzt die Passage mit „zur rechten (Jahres-)Zeit“. Der ganze Satz mit der Wendung am Schluss kann dann je nach Standpunkt folgendermaßen lauten:

Außerhalb der Inschrift XPh kommt die die indoiranische Wurzel *ṛtá- in zwei Eigennamen vor. Artavardiya (altpersische Transkription Ṛtavardiya) ist der Name eines Feldherrn des Dareios I. und von der Inschrift DB überliefert. Das Wort ist eine medische Dialektform und bedeutet „durch die Wahrheit bezw. gemäß der Wahrheit wirkend“. Der zweite Eigenname Artaxerxes (altpersische Transkription Ṛtaxšaça-) ist als Thronname mehrerer achämenidischer Könige (Artaxerxes I., Artaxerxes II. und Artaxerxes III.) über zahlreiche Inschriften hinweg belegt. Der Name bedeutet „dessen Herrschaft/Reich sich auf die Wahrheit gründet“.

Literatur Christian Bartholomae: Altiranisches Wörterbuch. Karl J. Trübner Verlag, Straßburg 1904, S. 229–238. (archive.org) Franciscus B. J. Kuiper: THE BLISS OF AŠA. In: Indo-Iranian Journal. Band 8, Nr. 2. Leiden 1964, S. 96–129 (jstor.org) Amir Ahmadi: What is aṣ̌a-? In: Bulletin of the School of Oriental and African Studies. University of London, Band 78, Nr. 2. 2015, S. 293–315. (jstor.org)

Einzelnachweise

Kategorie:Altiranische Religion