Étienne Doublier (* 1985 in Pescara) ist ein deutsch-italienischer Mittelalterhistoriker und Hochschullehrer an der Universität zu Köln mit einem Schwerpunkt im Hochmittelalter.

Leben Von 2004 bis 2010 studierte Doublier Geschichte an der Università G. D’Annunzio Chieti mit einem Auslandsaufenthalt an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Nach einer kurzen Zeit als Mitarbeiter der Vereinigten Domstifter zu Merserburg und Naumburg und des Kollegialstifts Zeitz wurde er ab 2012 im Cotutelle-Verfahren bei Jochen Johrendt, bei dem er ab 2014 auch Wissenschaftlicher Mitarbeiter war, an der Bergische Universität Wuppertal und bei Maria Pia Alberzoni an der Università Cattolica del Sacro Cuore (Mailand) promoviert. Das Thema war „Ablass, Papsttum und Bettelorden im 13. Jahrhundert“. Nach einer weiteren kurzen Tätigkeit beim Landesarchiv NRW, Abt. Westfalen in Münster wurde er zum Sommersemester 2017 als Juniorprofessor für Historische Hilfswissenschaften an die Bergischen Universität Wuppertal berufen. Zum Wintersemester 2019/20 wechselte er mit der Juniorprofessur an die Universität zu Köln, wo er im Juli 2023 durch die Philosophische Fakultät habilitiert wurde. Neben der positiven Evaluierung publizierte er 2024 auch seine Habilitationsschrift „Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert“ bei den MGH. An der Universität zu Köln lehrt er Hochmittelalter und Historische Grundwissenschaften und hatte zwischenzeitlich Gastprofessuren in Turin und Florenz inne.

Forschungsschwerpunkt In seiner Dissertation behandelte Doublier den „Übergang von den Wurzeln zur festen Etablierung des Ablasses in Kirche und Gesellschaft des Mittelalters“. Dabei zeigte er insbesondere anhand der Untersuchung von 4000 päpstlichen Ablassurkunden, wie die Verflechtungen und Interferenzen von Papsttum und rasant wachsenden Bettelorden die Entstehung und Popularisierung des Ablasswesens beförderten. Jonathan Reinert rezensierte sie für die „drei Forschungsfelder – Bettelorden, Papsttum und Ablass im 13. Jahrhundert – [als] einen echten Meilenstein.“Jonathan Reinert: Rezension von: Étienne Doublier: Ablass, Papsttum und Bettelorden im 13. Jahrhundert, Köln / Weimar / Wien: Böhlau 2017, in: sehepunkte 21 (2021), Nr. 3 [15. März 2021]

Mit seiner Habilitationsschrift bearbeitete Doublier ein Desideratum - die Reichspolitik auf der Italienischen Halbinsel im 11. Jahrhundert. Mit der Betrachtung der Herrschaft römisch-deutscher Könige im regnum Italicum zwischen 1056 und 1152 charakterisierte er die Epoche neu jenseits bisheriger Deutungen als Periode des Niedergangs der Königsherrschaft südlich der Alpen. Dazu brachte er deutsche und italienische Forschungsstränge zusammen und analysiert „vielfältige Akteure von Verflechtung und Disruption in ihren kulturellen Handlungsweisen und sozialen Interessen.“Bernd Schneidmüller: Rezension zu: Étienne Doublier, Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert, Wiesbaden 2024, in: Francia Recensio 2025.2, https://doi.org/10.11588/frrec.2025.2.111088. Er untersuchte dies anhand der Motive, Wege und Träger der Interaktion sowie der südalpinen Mitwirkung in der königlichen Kanzlei, der Rezeption königlicher Praktiken und Symbole in den Urkunden italienischer Amtsträger und Notare sowie der Beschreibung von Königen und ihrer Herrschaft in ausgewählten Werken der italienischen Geschichtsschreibung. So konnte er erklären, „dass das Königtum im regnum Italicum unbeschadet seines Akzeptanzverlusts in den Konflikten des ausgehenden 11. und frühen 12. Jahrhunderts deshalb weiterhin Bestand hatte, weil sich wichtige Akteure nach wie vor als Bestandteile und Träger des regnum verstanden und inszenierten.“Knut Görich: Rezension zu: Étienne Doublier, Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert (Monumenta Germaniae Historica. Schriften, Bd. 84.), Wiesbaden 2024, in: Historische Zeitschrift 322/1 (2026), S. 191–193, https://doi.org/10.1515/hzhz-2026-1027. Damit sei die Habilitationsschrift ein „mustergültiges Standardwerk [für das] regnum Italicum zwischen dem mittleren 11. und dem mittleren 12. Jahrhundert“, das noch lange Zeit die wichtigste Bezugsgröße für das regnum Italicum des 11. und 12. Jahrhunderts bleiben werde.Levi Roach: Rezension zu: Étienne Doublier, Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert (Monumenta Germaniae Historica. Schriften, Bd. 84), Wiesbaden 2024, in: Early Medieval Europe 34 (2026), S. 183–185. Eine Besonderheit seiner Habilitation wie seiner Forschung insgesamt ist der Anspruch, aus der Forschung zur politischen Kultur des Hochmittelalters auch Bezüge zur Gegenwart zu ziehen und die Befunde „für die orientierungssuchende Gesellschaft unserer Gegenwart“ zu erschließen.Étienne Doublier, Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert, (MGH Schriften, 84), Wiesbaden 2024, S. 602.

Immer wieder bringt Doublier mit seinen Publikationen deutsche und italienische Forschung zusammen. Weitere Forschungen führte er zum Regnum Siciliae im hohen und späten Mittelalter durchÉtienne Doublier: Consenso e partecipazione nel Regno di Sicilia all’epoca del Vespro, in: Costruire il consenso. Modelli, pratiche, linguaggi (secoli XI–XV), hg. v. M.P. Alberzoni – R. Lambertini, Mailand 2019 (Ordines, 9), S. 95–122. sowie zu historischen GrundwissenschaftenÉtienne Doublier: Vom Sorgenkind zum Sonnenkind. Die Historischen Grundwissenschaften nach der Krise, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 75 (2024), S. 533–543. und zuletzt auch zum Erzbistum Köln, Niederrhein und Westfalen im hohen Mittelalter, etwa mit Impulsen zu einer neuen Engelbert von Berg-Forschung.Renate Helena Bierman / Miriam Ortmann, Tagungsbericht: Engelbert von Berg (1225). Ein Kölner Erzbischof in Beziehungsgeflechten und Konflikten, in: H-Soz-Kult, 4. März 2026

Schriften

Monografien

Ablass, Papsttum und Bettelorden im 13. Jahrhundert, Köln/Weimar/Wien 2017 (Papsttum im mittelalterlichen Europa, 6). Ein Reich ohne König? Akzeptanz, Deutung und Repräsentation königlicher Herrschaft im regnum Italicum zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert, Wiesbaden 2024 (MGH Schriften, 84). L'Europa cambia volto. Cronache dall'anno 1087, Bari-Rom 2026 (Cultura storica).

Sammelbände

É. Doublier, J. Johrendt: Economia della salvezza e indulgenza nel medioevo, Mailand 2017 (Ordines, 6). É. Doublier, J. Johrendt, M. P. Alberzoni: Der Rotulus im Gebrauch Einsatzmöglichkeiten – Gestaltungsvarianz – Deutungen, Köln/Weimar/Wien 2020 (Beihefte zum Archiv für Diplomatik Schriftgeschichte Siegel- und Wappenkunde, 19). É. Doublier, D. Schulz, D. Trump: Die Historischen Grundwissenschaften heute. Tradition – Methodische Vielfalt – Neuorientierung, Köln/Weimar/Wien 2021. É. Doublier, E. Faini: Krise und Aufbruch. „Deutschland“ und „Italien“ jenseits des Investiturstreits, Berlin/Boston 2025 (Bibliothek des Deutschen Historischen Instituts in Rom, 149).

Weblinks

Literatur von und über Étienne Doublier im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek Veröffentlichungen von Étienne Doublier im Opac der Regesta Imperii Seite von Étienne Doublier an der Universität zu Köln Profil bei academia.edu ORCID-Profil

Anmerkungen

Kategorie:Mediävist Kategorie:Mittelalterhistoriker Kategorie:Hochschullehrer (Universität zu Köln) Kategorie:Deutscher Kategorie:Italiener Kategorie:Geboren 1985 Kategorie:Mann