mini|Dom zu Merseburg am Tag der Wiedereröffnung des Kapitelhauses im Jahre 2006 mini|Innenraum des Doms Der Merseburger Dom St. Johannes und St. Laurentius ist eine evangelische Kirche und eines der herausragenden Baudenkmäler der an der Straße der Romanik gelegenen einstigen Pfalz- und Bischofsstadt Merseburg, jahrhundertelang Zentrum des Bistums Merseburg sowie des Hochstifts gleiches Namens. Der Dom ist der vierte Flügel von Schloss Merseburg.
Geschichte mini|Merseburger Dom (Nordseite)
Errichtung, Umbau und Erhaltung mini|Rundturm an der Ostseite mini|Jacobs Traum im Tympanon des Nordportals Die Kirche des Merseburger Domkapitels geht auf die von Heinrich I. gestiftete Johanniskirche zurück, die auch als Kirche des ersten Bistums in Merseburg genutzt wurde. Der Grundstein für den Bau einer repräsentativen Kathedrale des Bistums Merseburg wurde am 18. Mai 1015 durch den Bischof Thietmar von Merseburg (Thietmar von Walbeck) gelegt, der sich in seiner umfangreichen Chronik aber nicht ausführlich zum Bau und den dahinter stehenden kirchlichen und künstlerischen Absichten äußerte. Er erwähnte jedoch ein Gelübde Ottos I. vor der Schlacht auf dem Lechfeld 955, im Falle des Sieges in Merseburg ein Bistum zu errichten und die Königspfalz zur Laurentiuskirche auszubauen.Thietmar von Merseburg: Chronik. Hrsg.: R. Holtzmann (MGH SS rer. Germ. N. S. 9), Berlin 1935, II, C. 10, S. 48: Postera die, id est in festivitate Christi martyris Laurentii, rex, solum Se pre caeteris culpabilem Deo professus atque prostratus, hoc fecit lacrimis votum profusis: Si Christus dignaretur sibi eo die tanti intercessione preconis dare victoriam Et vitam, ut in civitate Merseburgiensi episcopatum in honore victoris ignium construere domumque suimet magnam noviter inceptam sibi ad ecclesiam vellet edificare. Übersetzung etwa: Am nächsten Tage, d. h. am Feste des Christus-Märtyrers Laurentius, bekannte der König sich vor den anderen als schuldig, warf sich vor Gott nieder und legte unter Tränen dieses Gelübde ab: Wenn Christus ihm an diesem Tage durch seine Fürsprache Sieg und Leben gewähren werde, dann wolle er in der Stadt Merseburg dem Feuersieger [Laurentius] zu Ehren ein Bistum gründen und seinen großen neuerdings begonnenen Palast zu einer Kirche ausbauen lassen. Die erste Weihe des viertürmigen Kirchbaus auf das Laurentiuspatrozinium fand am 1. Oktober 1021 in Anwesenheit des Kaiserpaares Heinrich II. und Kunigunde statt. Nach zwei Einstürzen des Ostchores und den jeweils anschließenden Wiederaufbauten wurde der Dom im Jahr 1042 erneut geweiht. Im Zuge dessen entstanden beiderseits der Ostapsis zwei massive Rundtürme, die als Widerlager zur statischen Sicherung des Chores errichtet wurden. Sie erfüllen bis heute diese Funktion und prägen mit ihrer weitgehend ungegliederten, schlichten Gestaltung den östlichen Abschluss des Bauwerks. Neben der nach 1036 begonnenen Krypta sind vom ursprünglichen romanischen Baukörper nur noch Teile erhalten, und zwar die runden Chorbegleittürme aus der Mitte des 11. Jahrhunderts, die Untergeschosse der Westtürme und die unteren Wandteile des Querschiffs mit den beiden östlichen Apsiden. mini|hochkant|Engel mit dem Trotha-Wappen mini|hochkant|Tafel zur Erinnerung an Predigten Martin Luthers Durch den Merseburger Bischof Werner von Wolkenburg wurde, wohl in Vollendung des ursprünglichen Baukonzeptes, der Bau eines fünften Turmes über der Vierung eingeleitet, der allerdings 1230 einstürzte. Besagtem Bischof, einem Anhänger Rudolfs, ist auch zu verdanken, dass Rudolf von Rheinfelden, der 1080 einer in der Schlacht bei Hohenmölsen erlittenen Verwundung erlegen war, seine Grablege im Merseburger Dom fand, obwohl der Tod des gebannten Gegenkönigs (1077–1080 gegen Heinrich IV.) von nicht wenigen Zeitgenossen als Gottesurteil angesehen wurde.
Spätere Umbauten, vor allem zwischen 1510 und 1517 unter Bischof Thilo von Trotha, überformten den Dom im Stil der Spätgotik. Aus der Basilika wurde eine spätgotische Hallenkirche. Dazu wurde das baufällige Langhaus grundlegend umgebaut und mit hohen Ziergiebeln versehen, um es dem Schloss anzugleichen. An der Nordseite des Doms befindet sich noch heute ein Sandsteinrelief mit einem Engel, der das Trotha-Wappen hält. Am nördlichen Abschluss des Querhauses ließ Thilo von Trotha als Zugang vom Schloss zu seiner Grabkapelle ein Portal einbauen, das im Tympanon den Traum Jakobs von der Himmelsleiter und darunter das Trotha-Wappen zeigt. Thilo von Trotha wird auch der Ausbau der Bischofskapelle zur Bischofsgruft, die Erneuerung des Ost- und Südflügels des Kreuzgangs sowie die Erweiterung des südlich gelegenen Kapitelhauses zugeschrieben.
Um das Jahr 1490 wurde in Merseburg die Stelle eines Dompredigers gestiftet.Anton Schmid: Die Anfänge der Domprädikaturen in den deutschsprachigen Diözesen. In: Römische Quartalschrift für Christliche Altertumskunde und Kirchengeschichte, 1994, 89, Heft 1–2, S. 78–110, hier S. 84. 1545 predigte Martin Luther im Dom. Nach dem Tod des letzten katholischen Bischofs Michael Helding im Jahr 1561 setzte sich in Merseburg die Reformation endgültig durch. Teile der bis heute erhaltenen Kurien in der Domfreiheit wurden nach dem Dreißigjährigen Krieg im Stil des Barocks wiederaufgebaut. Damit verbunden war der Neubau des heute noch bestehenden Gebäudes des Domgymnasiums. In den 1880er Jahren erfolgten Empfehlungen für Restaurierungen an und in der Domkirche, die vermutlich auch durchgeführt wurden.
Bei Luftangriffen während des Zweiten Weltkriegs auf die Stadt selber, aber auch auf die in der Nähe befindlichen BUNA- und Leuna-Werke wurden der Nord- und Ostflügel des Schlosses, das Kapitelhaus und der Chor des Doms beschädigt. Am 17. August 2006 wurde das renovierte Kapitelhaus in einem Festakt in Anwesenheit des Kultusministers Jan-Hendrik Olbertz und des Bischofs Axel Noack eingeweiht. Die Domfreiheit wurde anlässlich der Internationalen Baufachausstellung 2010 in Dessau vitalisiert, indem ein neues Besucher- und Informationszentrum eingerichtet, die Willi-Sitte-Galerie eröffnet sowie das Europäische Romanik-Zentrum angesiedelt wurden. Gemeinsam mit dem Schloss und Schlossgarten in Merseburg gehört der Dom zum Gesamtwerk „Gartenträume Sachsen-Anhalt“. Seit 2011 ist Regine Hartkopf Dombaumeisterin.
Fürstengruft Im Merseburger Dom ist seit 1654 das Erbbegräbnis der wettinischen Sekundogenitur Sachsen-Merseburg untergebracht, die den Dom als Hofkirche nutzte. Diese sogenannte Fürstengruft ist ein bedeutendes Denkmal barocker Bestattungskultur. Die Gruft war ursprünglich in drei Räume unterteilt, welche zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert eingerichtet wurden. Ein prächtiges Portal weist den Eingang zur Fürstengruft, das über dem Portal befindliche Gemälde zeigt die herzogliche Familie. Herzog Christian I. zu Sachsen-Merseburg ließ 1670 die Ruhestätten seines Hauses auf der Ostseite des Doms einrichten. Die Fürstengruft birgt 37 Särge, davon 20 Kindersärge, 10 Frauen- und 7 Männersärge, die aus Blei, Zinn, Holz oder Blei-Zinn-Legierungen bestehen und deren Wappen, Inschriften und Bandelwerk teilweise erhalten sind. Folgende Mitglieder der herzoglichen Familie wurden darin bestattet:
Christian I. (1615–1691), 1. Herzog von Sachsen-Merseburg Christiana von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (1634–1701), Ehefrau von Christian I. Hedwig von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg (1640–1671), Schwägerin von Christian I. Magdalena Sophia (1651–1675), Tochter von Christian I. Johann Georg (1652–1654), Sohn von Christian I. namenlose Totgeburt (*/† 1656), Sohn von Christian I. Christiane (1659–1679), Tochter von Christian I., Ehefrau Christians von Sachsen-Eisenberg Moritz (1662–1664), Sohn von Christian I. Christian Erdmann (1686–1689), Enkel von Christian I. Elisabeth Sibylle (1693–1694), Enkelin von Christian I. Christian II. (1653–1694), 2. Herzog von Sachsen-Merseburg, Sohn von Christian I. Erdmuth Dorothea von Sachsen-Zeitz (1661–1720), Ehefrau von Christian II. Johann Wilhelm (1681–1685), Sohn von Christian II. August Friedrich (1684–1685), Sohn von Christian II. Philipp Ludwig (1686–1688), Sohn von Christian II. Friedrich Erdmann (1691–1714), Sohn von Christian II. Christiane Eleonore Dorothea (1692–1693), Tochter von Christian II. Christian III. Moritz (1680–1694), 3. Herzog von Sachsen-Merseburg, Sohn von Christian II. Moritz Wilhelm (1688–1731), 4. Herzog von Sachsen-Merseburg, Sohn von Christian II. Friederike Charlotte Ulrike (*/† 1720), uneheliche Stieftochter Moritz Wilhelms August (1655–1715), Herzog von Sachsen-Merseburg-Zörbig, Sohn von Christian I. Hedwig Eleonore von Mecklenburg-Güstrow (1666–1735), Ehefrau von August Christiane Magdalene (1687–1689), Tochter von August Totgeburt (*/† 1689), Tochter von August Caroline Auguste (1691–1743), Tochter von August Hedwig Eleonore (*/† 1693), Tochter von August Gustav Friedrich (1694–1695), Sohn von August August (*/† 1696), Sohn von August Philipp (1657–1690), Herzog von Sachsen-Merseburg-Lauchstädt, Sohn von Christian I. Eleonore Sophia von Sachsen-Weimar (1660–1687), 1. Ehefrau von Philipp Christiana Ernestina (1685–1689), Tochter von Philipp Johann Wilhelm (1687–1687), Sohn von Philipp Christian Ludwig (1689–1690), Sohn von Philipp Heinrich (1661–1738), 5. Herzog von Sachsen-Merseburg, Sohn von Christian I. Elisabeth von Mecklenburg-Güstrow (1668–1738), Ehefrau von Heinrich Christiane Friederike (1697–1722), Tochter von Heinrich Gustava Magdalena (*/† 1699), Tochter von Heinrich
Ausstattung Fenster So haben sich Reste der mittelalterlichen Verglasung in vier Medaillons mit einem Durchmesser von ca. 60 cm über dem Westportal in der Vorhalle im Zentrum der Dreifenstergruppe erhalten. Sie stammen aus einer Merseburg-Naumburger Werkstatt um 1260. Die Glasmalerei mit Schwarzlot wurde seit 1839 mehrfach restauriert. Es sind die Verkündigung Mariae, die Geburt Christi, die Anbetung der Könige und die Kreuzigung dargestellt. Für die im Zweiten Weltkrieg zerstörte historistische Chorverglasung von 1885/86 hat Charles Crodel von 1947 bis 1960 in moderner Fortschreibung der mittelalterlichen Bildsprache ähnlich wie im Erfurter Dom und im Dom zu Halberstadt Ersatz geschaffen. Crodel führte die Glasmalerei eigenhändig bei Ferdinand Müller in Quedlinburg aus. Das ikonographische Programm der Fenster umfasst alt- (links) und neutestamentliche (rechts) Ereignisse, die in aufsteigender Lesefolge dargestellt sind, und zwar im linken Fenster die Geschichte des Propheten Jona – Erschaffung Adams und Evas, der vom Fisch verschlungene Jona, der vom Fisch ausgespiehene Jona sowie der geläuterte Jona in der Laubhütte – und im rechtens Fenster das Heilsgeschehen – Geburt Christi, der Gekreuzigte, der auferstandene Gottessohn und der „Gnadenstuhl“ als Darstellung der Dreieinigkeit.
Triumphkreuz und Lettner Ein ursprünglich zu einer Triumphkreuzgruppe gehörendes Kruzifix ist in der Vierung aufgehängt. Das aus Eichenholz geschnitzte romanische Kruzifix ist aus drei Teilen zusammengesetzt; die beiden Arme sind seitlich in den Körper eingezapft. Auf dem um 1240 entstandenen Kruzifix wurden noch geringe Reste der mittelalterlichen Farbfassung nachgewiesen. Heute ist es auf ein Trägerkreuz aus Fichtenholz (1954/55) montiert. Das Kruzifix bildete zusammen mit der dazugehörigen Triumphkreuzgruppe (nicht erhalten) den krönenden Abschluss eines Bühnenlettners. Vergleichbare Lettner mit monumentalen Triumphkreuzgruppen finden sich u. a. im Dom zu Halberstadt und der Stiftskirche in Wechselburg. Von dem Lettner haben sich noch die beiden seitlichen Chorschranken erhalten. In den Nischen der nördlichen Schranke wurden um 1500 in Seccomalerei die 43 Vorgänger Bischof Thilos mit zugehöriger Umschrift abgebildet.
Taufsteine mini|Taufstein im Merseburger Dom, um 1188