Das Panafrikanische Sekretariat (französisch: Secrétariat Panafricain) war das gemeinsame Büro der afrikanischen Bischöfe beim Zweiten Vatikanischen Konzil. Es ermöglichte ihnen, ihre Anliegen in die Konzilsdebatten und in die Dokumente des Konzils einzubringen. Es war ein Vorreiter transnationaler Zusammenarbeit in der katholischen Kirche in Afrika und ein frühes Beispiel für praktischen, funktionierenden Panafrikanismus. Es wurde zum Vorläufer des Symposiums der Bischofskonferenzen von Afrika und Madagaskar.
Geschichte Ein Vorläufer und Wegbereiter der Zusammenarbeit der afrikanischen Bischöfe beim Konzil war eine Initiative der kongolesischen Bischofskonferenz im Vorjahr der Konzilseröffnung. Sie hatte bei ihrer sechsten Vollversammlung vom 20. November bis zum 2. Dezember 1961 beschlossen, anderen afrikanischen Bischofskonferenzen ihre Anregungen für eine afrikanische Inkulturation der Liturgie zukommen zu lassen und umgekehrt deren Vorschläge zu erbitten, um so eine gemeinsame Haltung bei der konziliaren Diskussion über das Thema der Liturgie entwickeln zu können.Actes de la VIe Assemblée plénière de l’Épiscopat du Congo. Éditions Secrétariat général de l’Épiscopat, Léopoldville 1961, S. 18. Aus diesem ursprünglich auf dieses eine Thema bezogenen Meinungsaustausch entwickelte sich eine Dynamik der wechselseitigen Zusendung von Memoranden und der Abstimmung von Stellungnahmen in der Vorbereitung auf das anstehende Konzil insgesamt.Alfred Guy Bwidi Kitambala: Des vœux de la VIème Assemblée plénière de l’épiscopat du Congo de 1961 au Missel romain pour les diocèses du Zaïre de 1988. Réception et application. In: Revue Africaine des Sciences de la Mission, Heft 51, Juni 2022, S. 55–80, hier S. 66.
Am 13. Oktober 1962, zwei Tage nach der feierlichen Eröffnung des Konzils, bewirkte unter anderem eine Intervention von Kardinal Achille Liénart, Bischof von Lille, im Konzilsplenum, dass sich die Konzilsväter nicht sogleich in die von der Kurie vorgelegten Texte stürzten, sondern Zeit und Raum erhielten, erst einmal einander kennenzulernen.Andrea Riccardi: Die turbulente Eröffnung der Arbeiten. In: Giuseppe Alberigo (Hrsg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Band 2: Klaus Wittstadt (Hrsg. der deutschen Ausgabe): Das Konzil auf dem Weg zu sich selbst. Erste Sitzungsperiode und Intersessio, Oktober 1962 – September 1963. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz / Peeters, Leuven 2000, ISBN 3-7867-2227-7, S. 1–81, hier S. 43–52.
Joseph Blomjous MAfr, Bischof von Mwanza, und Jan Van Cauwelaert CICM, Bischof von Inongo, nutzten die Gelegenheit und schlugen vor, über die informellen Gespräche der afrikanischen Bischöfe hinaus einen festen Rahmen der Zusammenarbeit zu schaffen, der es ihnen ermöglichte, erstens die Schemata des Konzils im Licht der Gegebenheiten ihrer Ortskirchen gemeinsam zu lesen, zweitens jemanden aus ihrem Kreis zu benennen, der in ihrem Namen ihre Anmerkungen zu den jeweiligen Schemata vorträg, und drittens – wo nötig – durch eine übereinstimmende Stimmabgabe das Gewicht der Gruppe der afrikanischen Bischöfe wirksam werden zu lassen.Jean-Paul Messina: Évêques africains au concile Vatican II (1959–1965). Le cas du Cameroun. Éditions Karthala, Paris 2000, ISBN 2-86537-905-1, S. 71. Ihre Initiative fand weite Zustimmung. Die afrikanischen Bischöfe konstituierten sich offiziell als „Zusammenschluss der Bischöfe Afrikas, Madagaskars und der Inseln“ (lateinisch: Coetus Episcoporum Africae, Madagascariae et Insularum).Marie-Dominique Chenu: Notes quotidiennes au Concile. Éditions du Cerf, Paris 1995, S. 53. Schon am 25. Oktober 1962 richtete der Coetus Episcoporum Africae, Madagascariae et Insularum das Secrétariat Panafricain ein,Anne Béatrice Faye: „Perfectae caritatis“: Ein „Observatorium“ für das geweihte Lebens in der Kirche Afrikas. In: Edoh Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 364–387, hier S. 367, Fußnote 8. gewissermaßen „als afrikanischen Überbau des Konzils“.Alfred Guy Bwidi Kitambala: Die Ortskirchen in Zentral- und Äquatorialafrika mit französisch- und portugiesischsprachiger Bevölkerung – während und nach dem Vatikanischen Konzil. In: Edoh F. Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 43–73, hier S. 49. Eine der ersten Aufgaben des Sekretariates war es, afrikanische Bischöfe für die Wahl der Konzilskommissionen vorzuschlagen.Gerald Fogarty: Das Konzil beginnt. In: Giuseppe Alberigo (Hrsg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Band 2: Klaus Wittstadt (Hrsg. der deutschen Ausgabe): Das Konzil auf dem Weg zu sich selbst. Erste Sitzungsperiode und Intersessio, Oktober 1962 – September 1963. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz / Peeters, Leuven 2000, ISBN 3-7867-2227-7, S. 83–127, hier S. 93–94.
Der Coetus episcoporum und das Secrétariat Panafricain organisierten sich sowohl „vertikal“ als auch „horizontal“: Zum einen arbeitete man „mit stark hierarchischer Struktur“.Anne Béatrice Faye: „Perfectae caritatis“: Ein „Observatorium“ für das geweihte Lebens in der Kirche Afrikas. In: Edoh Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 364–387, hier S. 367. Es gab eine größere französischsprachige Abteilung, der sich auch die portugiesischsprachigen Bischöfe anschlossen, und eine kleinere englischsprachige Abteilung. Die Aufteilung nach Sprachgruppen vereinfachte die Kommunikation und verringerte den Übersetzungsaufwand. In der Ebene darunter schuf der Coetus episcoporum aus den 32 nationalen Bischofskonferenzen, die damals in Afrika bestanden,Alfred Guy Bwidi Kitambala: Die Ortskirchen in Zentral- und Äquatorialafrika mit französisch- und portugiesischsprachiger Bevölkerung – während und nach dem Vatikanischen Konzil. In: Edoh F. Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 43–73, hier S. 48. neun regionale Bischofskonferenzen, die zu den „Ahnen“ der neun regionalen Bischofskonferenzen im Symposium der Bischofskonferenzen von Afrika und Madagaskar wurden.Jean-Paul Messina: Jean Zoa. Prêtre, archevêque de Yaoundé, 1922–1998. Éditions Karthala, Paris 2000, ISBN 2-84586-122-2, S. 75. Die horizontale Zusammenarbeit und Vernetzung erfolgte in den elf Kommissionen, die der Coetus episcoporum eingesetzt hatte,Josée Ngalula: Die Beteiligung Afrikas auf dem Weg zur Verabschiedung des Dekretes „Unitatis redintegratio“ und dessen anschließende Rezeption. In: Edoh Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 388–412, hier S. 396. und in den informellen, thematisch bestimmten Gesprächskreisen, in denen sich Bischöfe aus ganz Afrika organisierten. Zum steten Austausch trug auch bei, dass fast alle aus Afrika stammenden Konzilsväter in Rom im selben Hotel wohnten.Jean-Paul Messina: Évêques africains au concile Vatican II (1959–1965). Le cas du Cameroun. Éditions Karthala, Paris 2000, ISBN 2-86537-905-1, S. 73.
Die von den elf Kommissionen oder von den neun regionalen Bischofskonferenzen eingebrachten vota (Eingaben) wurden durch die Hierarchie des Coetus episcoporum approbiert und vom Panafrikanischen Sekretariat als gemeinsame animadversiones (Stellungnahmen) dem Konzilsplenum bzw. den Konzilskommissionen übermittelt.Josée Ngalula: Die Beteiligung Afrikas auf dem Weg zur Verabschiedung des Dekretes „Unitatis redintegratio“ und dessen anschließende Rezeption. In: Edoh Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 388–412, hier S. 400–401. Oft übernahm das Jean-Baptiste Zoa, Erzbischof von Yaoundé, den die nichtafrikanischen Konzilsväter infolgedessen als den „Sprecher“ der afrikanischen Bischöfe wahrnahmen.Alfred Guy Bwidi Kitambala: Die Ortskirchen in Zentral- und Äquatorialafrika mit französisch- und portugiesischsprachiger Bevölkerung – während und nach dem Vatikanischen Konzil. In: Edoh F. Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 43–73, hier S. 52. Auch Kardinal Laurean Rugambwa und Bischof Jan Van Cauwelaert sprachen in den Generalkongregationen im Namen des Panafrikanischen Sekretariates.Didier Mupaya Kapiten: Die Rezeption von „Sacrosanctum concilium“ in Afrika. Fort- und Rückschritte der Liturgie seit dem Vatikanischen Konzil. In: Edoh Bedjra, Nontando Hadebe (Hrsg.): Das Zweite Vatikanische Konzil in Afrika. Verlag Herder, Freiburg im Breisgau 2026, S. 243–277, hier S. 257–258. In die Debatten über die Theologie und die Praxis der Missionen, die zum Dekret Ad gentes führen sollten und die die Kirche in Afrika unmittelbar betrafen, brachte das Panafrikanische Sekretariat einen Entwurf mit dem Titel Reflexions au sujet de contenu d’un schéma „De missionibus“ ein.Riccardo Burigana, Giovanni Turbanti: Zwischen den Sitzungsperioden. Vorbereitung des Konzilsabschlusses. In: Giuseppe Alberigo: (Hrsg.): Geschichte des Zweiten Vatikanischen Konzils (1959–1965), Band 4: Günther Wassilowsky (Hrsg. der deutschen Ausgabe): Die Kirche als Gemeinschaft, September 1964 – September 1965. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz / Peeters, Leuven 2006, ISBN 3-7867-2526-8, S. 531–726, hier S. 680. Nachlässe der Bischöfe, die am Konzil teilgenommen hatten, zeigen, dass die Denkschriften des Panafrikanischen Sekretariates teils große Beachtung fanden.Secrétariat panafricain: Schéma du Décret sur l’adaptation et la rénovation de la vie religieuse, n°1, 19. In: Fonds V. Keuppens im Bestand Collection Vatican II der Katholieke Universiteit Leuven.
Das Secrétariat Panafricain bestand bis zum Ende des Konzils am 8. Dezember 1965.Jean-Paul Messina: Évêques africains au concile Vatican II (1959–1965). Le cas du Cameroun. Éditions Karthala, Paris 2000, ISBN 2-86537-905-1, S. 78.
Personal und Sitz Der afrikanischen Tradition zufolge kam das Amt des Präsidenten demjenigen zu, der den höchsten kirchlichen Rang innehatte: Laurean Rugambwa, der einzige aus Afrika stammende Kardinal unter allen Konzilsvätern.Georges Conus: L’Église d’Afrique au Concile Vatican II. Éditions Nouvelle Revue de Science Missionnaire, Immensee 1975, S. 57. Mit den laufenden Geschäften waren als Sekretäre zwei Bischöfe betraut: Erzbischof Jean-Baptiste Zoa leitete die französischsprachige Abteilung, Joseph Blomjous leitete die englischsprachige Abteilung.Etienne Lock: La panafricaine épiscopale au Concile Vatican II: simple tactique ou souci de représentativité? In: Guillaume Cuchet, Charles Mériaux (Hrsg.): La dramatique conciliaire de l’Antiquité à Vatican II. Presses Universitaires du Septentrion, Villeneuve-d’Ascq 2019, S. 405–420, hier S. 411. In Rom studierende Ordensschwestern und Priester leisteten den Großteil der Übersetzungsarbeit und der Büroarbeiten im Panafrikanischen Sekretariat.
Das Panafrikanische Sekretariat hatte seinen Sitz in Rom in der Hochschule der Unione Santa Caterina da Siena delle missionarie della Scuola in der Via della Traspontina 21, heute die Libera Università Maria Ss. Assunta (LUMSA), unweit des Vatikans.
Unterstützer Tatkräftige Unterstützung erfuhr das Panafrikanische Sekretariat unter anderem durch Alioune Diop. Er sensibilisierte afrikanische Intellektuelle für die Bedeutung des Konzils für Afrika. Aus einer breit angelegten Konsultation erhielt er von ihnen eine Fülle von Überlegungen, Anregungen und Handlungsempfehlungen aus afrikanischer Warte. Dieses Material veröffentlichte er unter dem Titel Afrikanische Persönlichkeit und Katholizismus (Personnalité africaine et catholicisme) und verteilte es an die afrikanischen Konzilsväter.Tharcisse Tshibangu Tshishiku: Alioune Diop et le concile Vatican II (1962–1965). In: Présence Africaine, Heft 195/196 (2017), S. 271–277.