page=5|mini|rechts|180px|Titelseite des Ersten Bandes, 1770, von Voltaires Questions sur l’Encyclopédie.Digitalisat des ersten Bandes der neunbändigen/„neunteiligen“ Erstausgabe von Voltaires Questions sur l’Encyclopédie (Genf: Gabriel Cramer, 1770–1772) beim Internet Archive. Questions sur l’Encyclopédie (QSE, deutsch etwa: Fragen zur Encyclopédie) ist ein 1770–1772 beim Genfer Verleger Gabriel Cramer in neun Bänden veröffentlichtes aufklärerisch-philosophisches Werk von Voltaire.Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Paris: Honoré Champion, 2003, ISBN 2-7453-0765-7, S. 1019–1023. Eine vollständige deutsche Übersetzung ist bisher nicht bekannt. In rund 440 alphabetisch angelegten ArtikelnChristiane Mervaud: L’encyclopédisme des Questions sur l’Encyclopédie de Voltaire. ― PDF. entfaltet Voltaire eine ironisch-skeptische Kritik zentraler Begriffe der Religion, der Metaphysik, der Moral sowie vermeintlicher philosophischer und naturwissenschaftlicher Gewissheiten. Das Werk steht in enger Beziehung zur Enzyklopädiebewegung seiner Zeit und nutzt deren Form zur polemischen Zuspitzung aufklärerischer Religions-, Gesellschafts- und Erkenntniskritik. Voltaire hatte selbst rund 40 Artikel für die monumentale Encyclopédie der Aufklärer Diderot und d’Alembert verfasst.OBVIL ZusammenstellungOlivier Ferret: Voltaire dans l’« Encyclopédie ». Société Diderot 2020, ISBN 978-2-9543871-0-9, Voltaire dans l’Encyclopédie In veränderter Form übernahm er einige seiner Artikel in die Questions sur l’Encyclopédie, darunter die Lemmata Éloquence, Esprit, Goût, Grâce, Idole, idolâtre, idolâtrie und Imagination.

Bei den QSE handelt es sich nicht um einen Kommentar zur monumentalen Encyclopédie Diderots und d’Alemberts, die in ihren 17 Textbänden über 70.000 Stichwörter umfasstdigitalisiert – ARTFL Encyclopédie – Diderots Encyclopédie ist digitalisiert und online konsultierbar, sondern vielmehr um ein eigenständiges alphabetisches Reflexions- und Polemikwerk Voltaires. Er wählte die Mehrzahl seiner Lemmata frei und nutzte sie, um in seinem ironisch-sarkastischen, voltairianischen Stil, dem style voltairienSylvain Menant: L’Esprit voltairien, L’esprit français par excellence ? In : Revue d’Histoire Littéraire de La France, vol. 122, no. 3, 2022, pp. 543–58. JSTOR, eigene philosophische und religionskritische Reflexionen zu entwickeln und seine Kampagne gegen die Infâme fortzuführen.

Nicholas Cronk beschreibt dieses letzte Meisterwerk des fast achtzigjährigen Autors« le dernier chef-d’œuvre de Voltaire » Voltaire: Questions sur l’Encyclopédie. Édition présentée et annotée par Nicholas Cronk, Christiane Mervaud et Gillian Pink. Robert Laffont / Bouquins, Paris 2019, ISBN 978-2-221-12210-5, S. VII. als einen „polemischen Kraftakt, der zugleich die Summe von Voltaires Schaffen darstellt.“Nicholas Cronk: Voltaire: A Very Short Introduction. Oxford University Press, Oxford 2017, ISBN 978-0-19-968835-7, S. 90: “The work as a whole […] amounts to a polemical tour de force that is also a summation of Voltaire’s achievement.”

Entstehung und Veröffentlichung Voltaire verfasste die Questions sur l’Encyclopédie im letzten Jahrzehnt seines Lebens, als er bereits auf ein umfangreiches Œuvre philosophischer, historischer und polemischer Schriften zurückblickte. Das Werk entstand im Zusammenhang mit der von Denis Diderot und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert herausgegebenen Encyclopédie, an der Voltaire selbst mit zahlreichen Artikeln beteiligt gewesen war.

Allerdings charakterisierte Voltaire bereits 1770 sein entstehendes Werk in einem Brief an den Duc de Richelieu als « une Encyclopédie de ma façon » („eine Enzyklopädie nach meiner Art“).Voltaire an den Duc de Richelieu, 11. Juli 1770, in: Correspondance de Voltaire, Garnier, Bd. 47, Paris 1882, S. 135–136, Lettre 7954 – auf Wikisource. Den eigenwilligen Charakter dieses Vorhabens brachte d’Alembert bereits am 22. Februar 1770 in einem Brief an Voltaire ironisch auf den Punkt:

Die Erstausgabe erschien zwischen 1770 und 1772 unter dem Titel Questions sur l’Encyclopédie, par des amateurs beim Genfer Verleger Gabriel Cramer in neun Bänden.Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Paris: Honoré Champion, 2003, ISBN 2-7453-0765-7, S. 1019–1023. Der Titelzusatz „par des amateurs“ lässt sich als Teil von Voltaires Strategie fingierter Bescheidenheit und autorialer Selbstmaskierung verstehen. Zugleich stellt er das Werk spielerisch in die Nähe des kollektiven Modells der von Diderot und d’Alembert herausgegebenen Encyclopédie, an der rund 140 Enzyklopädisten mitarbeiteten.

Mit ihrer alphabetischen Anlage stehen die Questions sur l’Encyclopédie nicht nur im Kontext von Diderots und d’Alemberts Encyclopédie, sondern auch in der älteren Tradition gelehrter Wörterbücher der französischen Frühaufklärung, insbesondere von Pierre Bayles Dictionnaire historique et critique (1697). Voltaire übernimmt jedoch nicht Bayles gelehrten Apparat aus ausführlichen Anmerkungen und kritischen Exkursen, sondern verwandelt die alphabetische Form in ein Instrument essayistischer und polemischer Argumentation.

Die QSE treten nicht als geschlossenes Lehrgebäude eines einzelnen Autors auf, sondern als scheinbar zwanglose Sammlung von Fragen, Einwürfen und Reflexionen. Der Titelbegriff der „Fragen“ verweist zugleich auf eine charakteristische Denk- und Darstellungsform Voltaires. Die Artikel treten weniger als abschließende Lehrsätze denn als offene Prüfungen überlieferter Begriffe, Autoritäten und Gewissheiten auf. Die Frageform erlaubt eine scheinbar naive Annäherung, die den Leser zur eigenen Urteilsbildung herausfordert, statt ein geschlossenes philosophisches System vorzulegen.

Bereits zu Voltaires Lebzeiten wurde der Text erweitert, überarbeitet und in verschiedenen Ausgaben verbreitet. In späteren Werkausgaben, so in der ersten posthumen Kehler Ausgabe von 1784 bis 1789 – in 70 Bänden – Inventaire Voltaire, Editions Gallimard (Quarto Gallimard) 1995, ISBN 978-2070737574, S. 780. wurden die Artikel der QSE häufig mit anderen alphabetisch angelegten Schriften Voltaires zusammengeführt, insbesondere dem Dictionnaire philosophique portatif (oder: La Raison par alphabet)Rainer Bauer (Herausgeber) Philosophisches Taschenwörterbuch, (Reclam Taschenbuch) Reclam Verlag 2023, ISBN 978-3150206997Philosophisches Taschenwörterbuch von 1764.Raymond Trousson, Jeroom Vercruysse (Hrsg.): Dictionnaire général de Voltaire. Paris: Honoré Champion, 2003, ISBN 2-7453-0765-7, S. 1019.

Diese Editionsgeschichte hatte zur Folge, dass die Eigenständigkeit der Questions sur l’Encyclopédie lange Zeit in den Hintergrund trat. Bemerkenswert ist dabei die Rolle Condorcets. In seiner Vie de Voltaire, 1787, würdigte er das Werk als Sammlung von Voltaires Gedanken, die dieser „sous la forme de dictionnaire“ („in Form eines Wörterbuchs“) zusammengetragen habe.Condorcet: Vie de Voltaire, in: Œuvres complètes de Voltaire, édition Garnier, online bei Wikisource: Vie de Voltaire par Condorcet, édition Garnier. Zugleich gehörte Condorcet zu den Herausgebern der Kehler Ausgabe, in der die Artikel der Questions in den alphabetischen Bestand der philosophischen Wörterbuchtexte eingegliedert wurden.Voltaire: Questions sur l’Encyclopédie. Édition présentée et annotée par Nicholas Cronk, Christiane Mervaud et Gillian Pink. Robert Laffont / Bouquins, Paris 2019, ISBN 978-2-221-12210-5, S. IX.

Erst die neuere Forschung und die moderne kritische Edition der Questions sur l’Encyclopédie in den Œuvres complètes de Voltaire (OCV) haben das Werk wieder als eigenständige alphabetische Schrift Voltaires sichtbar gemacht.Rediscovering the Questions sur l’Encyclopédie – Website der Voltaire Foundation Oxford.Questions sur l’Encyclopédie, hrsg. von Christiane Mervaud und Nicholas Cronk, in: Œuvres complètes de Voltaire (OCV), Bände 37–41, 42A–42B und 43, Oxford: Voltaire Foundation, 2007–2018.

Themen und zentrale Artikel Die Questions sur l’Encyclopédie behandeln ein breites Spektrum philosophischer, religiöser, historischer und moralischer Fragen. Die Bouquins-Ausgabe erschließt das Werk durch eine thematische Gliederung der Artikel in zwölf Themenbereiche (« classement thématique des articles »):Voltaire: Questions sur l’Encyclopédie. Édition présentée et annotée par Nicholas Cronk, Christiane Mervaud et Gillian Pink. Robert Laffont / Bouquins, Paris 2019, ISBN 978-2-221-12210-5, S. XXXIII–XXXVII. Kunst und Literatur, Bibelkritik, Recht und Justiz, Wirtschaft, Geschichte, Kirchengeschichte, Sprache, Sitten, Philosophie, Politik, Religion und Aberglaube sowie Naturwissenschaften.

Im Zentrum stehen Voltaires Kritik an theologischer Dogmatik, religiösem Fanatismus und metaphysischer Spekulation sowie seine Verteidigung einer vernunftgeleiteten, erfahrungsnahen Betrachtung des Menschen und der Gesellschaft. Artikel wie Âme, Dieu, Miracle und Trinité richten sich gegen spekulative Aussagen über Seele, Gott, Wunder und kirchlicher Dogmen. Sie verbinden religionskritische Argumentation mit Ironie, historischer Relativierung und begrifflicher Skepsis.

Ein zweiter Schwerpunkt liegt auf Fragen von Moral, Toleranz und gesellschaftlicher Ordnung. In Artikeln wie Athéisme, Fanatisme, Liberté und Tolérance verhandelt Voltaire das Verhältnis von Religion und Moral, die Gefahren religiöser Intoleranz, die Bedingungen menschlicher Freiheit sowie die politische Bedeutung der Toleranz. Die alphabetische Form erlaubt es ihm, systematische Abhandlungen durch pointierte Einzelartikel zu ersetzen, in denen historische Beispiele, Anekdoten, begriffliche Unterscheidungen und polemische Zuspitzungen ineinandergreifen.

Als Beispiel für Voltaires polemisch-aufklärerischen Stil kann der Artikel Question, torture („peinliche Befragung, Folter“) – aus dem Themenbereich Recht und Justiz – gelten. In ihm wird Voltaires Verbindung von polemischer Zuspitzung, rationaler Argumentation und humanitärer Rechtskritik sichtbar. Die Folter erscheint nicht als legitimes Mittel der Wahrheitsfindung, sondern als absurde und grausame Praxis, die den Angeklagten bereits vor dem Schuldnachweis bestraft. Voltaires sarkastische Vermutung, die Folter sei von Dieben erfunden worden, verbindet satirischen Witz mit aufklärerischer Institutionenkritik. Der Artikel zeigt Voltaire damit nicht nur als Religionskritiker, sondern auch als Kritiker unmenschlicher Rechts- und Strafpraktiken.

Voltaire eröffnet den Artikel mit der Vermutung, die Folter sei von Dieben erfunden worden:

Daneben enthalten die Questions sur l’Encyclopédie zahlreiche Artikel zu Literatur, Sprache, Geschichte und Erkenntnis. Lemmata wie Éloquence, Esprit, Goût, Histoire und Imagination greifen Themen auf, die Voltaire bereits in seinen Beiträgen zur Encyclopédie Diderots und d’Alemberts behandelt hatte. In den Questions werden sie jedoch in einen stärker eigenständigen Zusammenhang gestellt: Die enzyklopädische Ordnung dient nicht der neutralen Wissenssammlung, sondern der freien, oft ironischen Prüfung überlieferter Begriffe, Autoritäten und Gewissheiten.