mini|Gedenktafel an Romain Garys Wohnhaus in Wilna Romain Gary (Geburtsname Roman Kacew oder Katsev, in offiziellen französischen Dokumenten Romain KacewgariJournal officiel der franz. Regierung vom 16. Oktober 1951; * in Vilnius, Russisches Kaiserreich; † 2. Dezember 1980 in Paris) war ein französischer Schriftsteller, Regisseur, Übersetzer und Diplomat. Im Zweiten Weltkrieg war er Pilot der Luftwaffe der Freien Französischen Streitkräfte (Forces françaises libres). Gary schrieb ganz überwiegend auf Französisch, auch wenn die englische Fassung einiger seiner Werke zuerst erschienen ist.Huston geht davon aus, dass Gary fast alles auf Französisch geschrieben hat, auch wenn er einen Text zuerst auf Englisch publizierte. Die jeweilige Übersetzung (z. T. auch als Überarbeitung) hat Gary in unterschiedlichem Maß geleistet, oft mit anderen Übersetzern zusammen. Genaueres bei Nancy Huston: Tombeau de Romain Gary. Actes Sud, Arles 1995, ISBN 2-7427-0313-6 (2004, ISBN 2-7427-3790-1), S. 101, Anm. 12. Nur die LIFE-Essays, die die Grundlage für Chien Blanc bilden, sind direkt in amerikanischem Englisch geschrieben. Huston ist zusammen mit ihrem Mann, Tzvetan Todorov, eine wichtige Interpretin Garys im französischen und englischen Sprachraum.
Leben Roman Kacew wuchs in seiner Geburtsstadt, Vilnius, und später in Warschau, Polen, als Sohn einer jüdischenGoogleBooks: Die Heimatsuche eines Heimatlosen: der Konflikt des Juden in der Diaspora Familie auf. Als er elf Jahre alt war, verließ sein Vater, Arieh-Leib Kacewseine Vaterschaft ist bis dato nicht zu belegen und wird von der Wissenschaft lediglich als die wahrscheinlichste Angabe tradiert. Gary gab zeitlebens Mosschuchin, der in den 1920er/1930er Jahren in Frankreich wirkte, als Vater an, was jedoch allgemein nicht als glaubwürdig angesehen wird., die Familie und heiratete ein zweites Mal. Roman blieb bei seiner Mutter, Nina Owczinski. 1928 zogen die Mutter und der Sohn nach Nizza, Frankreich, wo er das Gymnasium abschloss. Anschließend studierte er Rechtswissenschaft in Aix-en-Provence und Paris; er schloss sein Studium mit der Licence ab. 1935 erhielt er die französische Staatsangehörigkeit.
1938 ging Kacew zur französischen Luftwaffe und wurde in Salon-de-Provence ausgebildet, Kampfflugzeuge zu fliegen. Romain Gary wurde sein Kampfname bei der Luftwaffe, vermutlich nach dem von ihm bewunderten Schauspieler Gary Cooper. (Als er später Diplomat wurde, empfahl ihm das Außenministerium Quai d’Orsay, einen französischen Namen anzunehmen. Daraufhin beantragte Kacew die Legalisierung seines Kampfnamens, die mit Wirkung vom 9. Oktober 1951 in Kraft trat.Journal officiel der frz. Regierung vom 16. Oktober 1951)
In der Luftwaffe wurde Gary Ausbilder und leitete Schießübungen. Nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 floh er nach Großbritannien und trat der Luftwaffe der von Charles de Gaulle geführten Streitkräfte des Freien Frankreichs bei. Er avancierte zum Staffelkapitän der Bomberstaffel Lorraine und kämpfte in England, Äthiopien, Libyen und der Normandie. Für seine Verdienste wurde er zum Kommandeur der Ehrenlegion ernannt und mit dem Ordre de la Libération ausgezeichnet.
1945 heirateten Romain Gary und die britische Schriftstellerin und Journalistin Lesley Blanch.
Unmittelbar nach Kriegsende trat Gary in den Auswärtigen Dienst ein. Sein erster Einsatz erfolgte in der französischen Botschaft in Sofia, Bulgarien (1946–1947). Nach einer kurzen Dienstzeit im Außenministerium in Paris diente er in der Schweiz (1950–1951) und in der ständigen Vertretung Frankreichs bei den Vereinten Nationen (1951–1954) in New York. Nach einem Aufenthalt in London (1955) wurde er schließlich von 1956 bis 1960 Generalkonsul Frankreichs in Los Angeles, USA.
1961 beendete Gary seine diplomatische Laufbahn. Seine Frau, Lesley Blanch, ließ sich 1962 von ihm scheiden, nachdem er ein Verhältnis mit der US-amerikanischen Schauspielerin Jean Seberg eingegangen war. Das Geburtsdatum des gemeinsamen Sohnes, Alexandre Diego Gary, ließ Gary umdatieren auf einen Zeitpunkt nach der Heirat mit Seberg.
Während der folgenden zehn Jahre reiste er viel, schrieb das Drehbuch für Der längste Tag (1962) und drehte zwei Filme, Birds in Peru (1968) und Kill! (1971). 1970 wurde Jean Seberg erneut schwanger, die Tochter starb jedoch nach der Geburt. Die Ehe wurde im selben Jahr geschieden. Seberg versuchte sich an jedem folgenden Todestag ihres Babys das Leben zu nehmen. Im September 1979 wurde sie schließlich tot auf der Rückbank ihres Autos aufgefunden.
Gary erschoss sich am 2. Dezember 1980 in Paris. In seinem Abschiedsbrief hinterließ er folgende Nachricht: Für die Presse. D-Day. Kein Zusammenhang mit Jean Seberg. Die Anhänger des gebrochenen Herzens mögen sich woanders hinwenden. Offensichtlich kann man dies einer nervösen Depression anlasten. Allerdings muss man dann zugeben, dass sie andauert, seitdem ich das Mannesalter erreicht habe, und dass sie mir erlaubt hat, mein literarisches Gesamtwerk zu vollenden. Warum also? Vielleicht muss man die Antwort im Titel meines autobiographischen Werkes suchen: „Ruhig wird die Nacht sein,“ und in den letzten Worten meines letzten Romans: „Man könnte es nicht besser sagen.“ Ich habe mich endlich vollständig ausgedrückt.«Pour la presse. Jour J. Aucun rapport avec Jean Seberg. Les fervents du cœur brisé sont priés de s’adresser ailleurs. On peut mettre cela évidemment sur le compte d’une dépression nerveuse. Mais alors il faut admettre que celle-ci dure depuis que j’ai l’âge d’homme et m’aura permis de mener à bien mon œuvre littéraire. Alors, pourquoi? Peut-être faut-il chercher la réponse dans le titre de mon ouvrage autobiographique : «La nuit sera calme» et dans les derniers mots de mon dernier roman : «Car on ne saurait mieux dire». Je me suis enfin exprimé entièrement.» Nach Pierre Bayard: Il était deux fois Romain Gary. PUF, Paris 1990, ISBN 2-13-043132-1, S. 124, Anm. 2, Schreibfehler bereinigt (Auslassung des Artikels vor âge). Das Buch ist auszugsweise im Online-Handel einsehbar.- Zum Sinn des Zitats aus Les cerfs-volants siehe genauer den verlinkten Artikel zu diesem Buch. Engl. Version z. B. in Time, 15. Dezember 1980, jedoch mit sinnentstellender Zeichensetzung am Ende
Werk Bereits 1935 veröffentlichte Kacew in der französischen Zeitschrift Gringoire zwei Kurzgeschichten: L’orage über eine gescheiterte Ehe und die in Indochina spielende Erzählung La petite femme.L’orage gab auch den Titel für den deutschen Erzählband Das Gewitter von 2006. Obwohl die antisemitische Tendenz der Zeitschrift bekannt war, entschied er sich für die Publikation in diesem Blatt, vermutlich weil es eine hohe Auflage erzielte (bis zu eine Million Leser).
Im Jahr 1945, nachdem er in den diplomatischen Dienst eingetreten war, veröffentlichte Gary seinen ersten Roman, Éducation européenne, den er während des Krieges geschrieben hatte und der in 27 Sprachen übersetzt und mit dem Prix des Critiques ausgezeichnet wurde. Es ist die Geschichte eines vierzehnjährigen polnischen Jungen, der während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg einer Widerstandsgruppe beitritt und zum Mann heranwächst. Die deutsche Version wurde aus der amerikanischen Fassung übersetzt, die von Gary 1959 in Kalifornien selbst erstellt worden war.Die US-Version wurde von Gary gegenüber der frz. Erstfassung verändert, Literaturkritiker sagen: verbessert
Für Les racines du ciel erhielt er im Jahr 1956 und für La vie devant soi 1975 den Prix Goncourt. Er ist der einzige Schriftsteller, der zweimal mit dem bedeutenden französischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Die zweifache Auszeichnung desselben Autors war in diesem Fall ausnahmsweise möglich, weil Gary La vie devant soi unter einem Pseudonym, Émile Ajar, veröffentlicht hatte und längere Zeit unbekannt war, wer Émile Ajar war. Erst nach Garys Freitod wurde bekannt, dass Ajar mit ihm identisch war.
Pseudonyme Das Pseudonym Émile Ajar, unter dem Gary zeitweise veröffentlichte, wird in einem seiner Bücher mit „Paul Pawlowitsch“ als bürgerlichem Namen in Verbindung gebracht, ein freier Schriftsteller, der 1940 in Nizza geboren sein soll. Pawlowitsch war ein Großcousin Garys.also Sohn eines Cousins. In der älteren Lit. oft fälschlich als Neffe bezeichnet Der Verlag Werner Classen in Zürich beteiligte sich 1977 an dem Verwirrspiel, indem er auf dem Waschzettel von Monsieur Cousin und die Einsamkeit der Riesenschlangen schrieb: „Émile Ajar, 1940 in Nizza geboren, bekennt in seinem Lebensbericht ‚Pseudo‘: ‚Ich habe meine Bücher alle in Kliniken geschrieben, auf Anraten der Ärzte, die mir sagten, dies hätte für mich einen therapeutischen Effekt. Zuerst rieten sie mir, Bilder zu malen, aber das hat zu nichts geführt.‘“eine andere Verwirrung auf dem Waschzettel der Verlag-Volk-und-Welt-Ausgabe von La vie… von 1978: „1941 geboren … abgebrochenes Medizinstudium … Reisen durch mehrere Länder…“ usw. Sogar ein Foto eines jüngeren Mannes wird dort reproduziert
Gary lüftete das Geheimnis erst nach seinem Tod in einem von ihm hinterlassenen Text.
Weitere von Romain Gary benutzte Pseudonyme waren Shatan Bogat, Lucien Brûlard und Fosco Sinibaldi.Siehe BNF-Eintrag
Zitate Zur Literaturtheorie: „Man soll (als Autor) keineswegs den Leser mit einem Fertigbrei, einem Nahrungsmittel versorgen (wollen). Im Gegenteil geht es um die Gesamtheit (menschlicher) Erfahrungen, wobei dem Leser die Möglichkeit gegeben wird, sich selbst für den Hauptaspekt eines Buchs zu entscheiden; also darum, dass ein Leser aus all den (vielen) Charakteren, welche die Protagonisten darstellen, denjenigen bezeichnet, welcher ihm am ehesten zum Kern seiner eigenen Vorstellungen zu passen scheint.“Il ne s’agit nullement de fournir au lecteur un magma, un matériau, mais une totalité d’expériences qui lui laisserait la possibilité de décider du sens dominant de l’oeuvre, de désigner, parmi toutes les identités mimées par le personnage, celle qui lui paraît correspondre le plus à la nature de ses propres préoccupations. „Patriotismus ist Liebe zu den Seinen. Nationalismus ist Hass auf die anderen.“ (Pour Sganarelle(1965): Le patriotisme c’est l’amour des siens. Le nationalisme c’est la haine des autres.) „Avantgardisten sind Leute, die nicht genau wissen, wo sie hinwollen, aber als erste da sind.“ „Bei der nächsten Sintflut wird Gott nicht Wasser, sondern Papier verwenden.“Zitat von Romain Gary bei gutezitate.com, abgerufen am 29. August 2021. „Sind wir wirklich nicht mehr in der Lage, die Natur zu respektieren, diese lebendige Freiheit, die weder gewinnbringend noch nützlich ist, sondern ab und zu einfach da ist?“ „Wenn Toleranz und Achtung von Schwäche, Abscheu vor Gewalt und Unterdrückung und dieser ungelenke Versuch, Sensibilität und Herz höher zu stellen als alle Windungen der Logik, als alle Leitsätze der Ideologie: wenn all das nur eine Doktrin, eine Philosophie, ein weiteres System auf unserem Weg wäre; dann hätte ich jene Farben lieber tausendfach an meinem Himmel ersterben lassen, als soviele Kameraden ihr Leben für sie geben sehen. Es sind nicht nur Ideen, für die ich eintrete.“aus: The colours of the day, frz. Les couleurs du jour, 1952. „Jene Farben“ bezieht sich auf die franz. Nationalfarben und die Werte, für die sie stehen. Das Sterben der Kameraden bezieht sich auf seine Tätigkeit als Kampfflieger im Krieg „Für mich, lieber Elefant, Sir, stellen Sie in perfekter Weise all das dar, was heutzutage bedroht ist, und zwar bedroht im Namen des Fortschritts, der Nützlichkeit, des Materialismus oder sogar der Vernunft.“1966 „Letter to an Elephant“, französisch: Lettre à l’éléphant, Le Figaro Littéraire, März 1968
Ehrungen 1945: Prix des Critiques für seinen Roman Éducation européenne (General Nachtigall) 1956: Prix Goncourt für seinen Roman Les Racines du ciel (dt. Die Wurzeln des Himmels) 1975: Prix Goncourt für seinen Roman La Vie devant soi (dt. Du hast das Leben noch vor dir) unter seinem Pseudonym „Émile Ajar“