Der Newtonraupenfänger (Lalage newtoni, Synonyme: Coracina newtoni, Oxynotus newtoni, Coquus newtoni) ist eine vom Aussterben bedrohte Singvogelart aus der Familie der Raupenfänger (Campephagidae). Er ist im Nordwesten der Maskarenen-Insel Réunion endemisch. Das Artepitheton ehrt Sir Edward Newton, den damaligen britischen Kolonialadministrator von Mauritius.
Merkmale mini|Verbreitungsgebiet: Rot (früher), Blau (gegenwärtig) mini|Adultes Weibchen mini|Newtonraupenfänger, Illustration von Antoine Louis Roussin, 1878 Der Newtonraupenfänger erreicht eine Körperlänge von 22 cm. Das Gefieder des Männchens ist oberseits aschgrau, am Bürzel und den oberen Schwanzdecken heller. Vor den Augen ist ein schwärzlicher Fleck zu erkennen. Ohrdecken und Gesichtsseiten sind matt aschgrau. Der Bereich unter den Augen ist weiß gefleckt. Die Oberflügel sind schwarz, die Flügeldecken haben schmale graue Säume, die Handschwingen und Armschwingen weißliche Ränder und Spitzen. Die Steuerfedern sind schwarz mit weißen Spitzen. Kinn und oberer Kehlbereich sind grauweiß, die Unterseite blassgrau, Bauchmitte, Unterschwanzdecken und Unterflügeldecken sind weiß. Die Iris ist braun. Schnabel und Beine sind schwärzlich oder bläulich. Vom ähnlichen Mauritiusraupenfänger (Lalage typica) unterscheidet er sich durch eine hellere graue Oberseite.
Das Weibchen hat einen sehr auffälligen schmalen weißen Überaugenstreif. Die Oberseite ist dunkel rostbraun, an den Kopfseiten heller. Bürzel und obere Schwanzdecken schwach dunkel gebändert. Die oberen Flügeldecken sind dunkelbraun (außer den kleinen Decken), die Schwungfedern rostbraun gesäumt, die Handschwingen weißlichbraun gesäumt. Unterseits weißlich, fein matt schwärzlich gebändert, Brust und Flanken zeigen einen gelbbraunen Hauch.
Jungvögel ähneln den Weibchen. Nicht voll ausgefärbte Vögel sind unvollständig beschrieben.
Lebensraum Der Newtonraupenfänger kommt vor allem im Kronenbereich geschlossener montaner Feuchtwälder vor, auch in steilen bewaldeten Schluchten. Er ist zudem in Heideflächen mit Erica reunionensis (Synonym: Philippia montana) innerhalb von Waldgebieten sowie gelegentlich in Pflanzungen der Sicheltanne (Cryptomeria japonica) zu finden. Der Newtonraupenfänger kommt in Höhenlagen von 1150 bis 1850 m vor. Früher war er auch in Höhenlagen bis 800 m anzutreffen, doch sind die Wälder in tieferen Lagen inzwischen verschwunden.
Lebensweise Der Newtonraupenfänger ist ein Standvogel. Saisonale Nachweise auf Heideflächen werden auf die Ausbreitung nach der Brutzeit zurückgeführt. Der Newtonraupenfänger ernährt sich vorwiegend von Insekten, er frisst jedoch auch die Früchte einiger einheimischer Bäume, darunter Aphloia theiformis und Feigen. Zu seiner Nahrung zählen ausgewachsene Käfer und deren Larven, insbesondere Bockkäfer, ferner Schmetterlingsraupen und Falter, Fliegen, Hautflügler, Heuschrecken, Gespenstschrecken, Wanzen, Libellen und Spinnentiere. Auch Regenwürmer gehören zum Nahrungsangebot, die er möglicherweise am Boden aufpickt. Hauptnahrungsquelle waren früher Palmkäfer (Oryctes), doch die Zerstörung der Palmen führte zum Verschwinden dieser Beute. Die Brutzeit des Newtonraupenfängers erstreckt sich von September bis Februar. Der Nestbau kann bereits Ende August beginnen und bis zu einen Monat dauern. Vermutlich finden pro Jahr zwei Bruten statt. Die Art lebt monogam und verhält sich territorial. Die Reviergröße beträgt offenbar etwa sechs bis acht Hektar.
Das Nest wird von beiden Geschlechtern gemeinsam errichtet. Es handelt sich um einen kleinen, unauffälligen Napf, der aus Zweigen, Moosen, Flechten und Spinnweben besteht. Meist befindet sich das Nest in einer Astgabel nahe der Baumspitze in einer Höhe von vier bis siebzehn Metern über dem Boden. Das Gelege umfasst zwei bis drei Eier. Die Brutdauer beträgt etwa drei bis dreieinhalb Wochen. Die Jungvögel verlassen das Nest im Alter von ungefähr zwanzig Tagen, noch bevor sie flugfähig sind. Der Ausflugserfolg liegt bei durchschnittlich 0,93 Jungen pro Paar.
Die Nahrungssuche erfolgt meist in den oberen zwei Dritteln der Bäume, bevorzugt auf offenen Ästen. Dichte niedrige Vegetation wird gemieden. Die Beute wird von Blättern, Zweigen und Stämmen gepickt. Dabei bewegt sich der Vogel langsam, beobachtet aufmerksam und führt kurze Schnabelhiebe aus; manchmal untersucht er Rinde und Flechten und schwebt gelegentlich im Rüttelflug, um Blätter zu erreichen.
Lautäußerungen Das Männchen äußert ein schrilles, klares, wiederholtes gepfiffenes „tui“ sowie ein raues scheltendes „kek“, oft mehrfach wiederholt. Das Weibchen hat einen rauen Alarmruf. Beide Geschlechter äußern zudem ein aggressives Quietschen.
Gefährdung und Schutz BirdLife International stuft den Newtonraupenfänger in die Kategorie „vom Aussterben bedroht“ (critically endangered) ein. Die Art besitzt ein sehr kleines Verbreitungsgebiet und kommt in der Endemic Bird Area Réunion vor. Ihr Lebensraum umfasst eine Fläche von insgesamt etwa 16 km². Das Vorkommen ist auf zwei Gebiete beschränkt, in denen sich die Lebensraumzerstörung zunehmend ausbreitet. Im Jahr 1991 wurde die Zahl geschlechtsreifer Individuen auf 240 geschätzt; diese Zahl war seit 1974 ungefähr stabil geblieben. Die Anzahl der Brutvögel wurde im Jahr 2000 auf 60 bis 160 Paare geschätzt.
Bei einer Zählung in den Jahren 2003 bis 2004 wurden 100 singende Männchen festgestellt. Das Geschlechterverhältnis war jedoch unausgeglichen; 27 Prozent der Männchen waren unverpaart. Dadurch verringerte sich der Fortpflanzungserfolg, und nur ein Drittel der Weibchen zog Junge groß. In den Jahren 2004 bis 2005 stieg der Anteil unverpaarter Männchen auf 48 Prozent, während lediglich 30 Prozent der Weibchen Junge hervorbrachten. Zudem ergaben sich Hinweise auf einen Bestandsrückgang im östlichen Teil des Verbreitungsgebiets.
In den Jahren 2005 bis 2006 waren 57 Prozent der Männchen unverpaart, 2006 bis 2007 bereits 64 Prozent. Im Jahr 2007 wurden nur noch 25 Brutpaare festgestellt. Dies führte 2008 zur Hochstufung in die Kategorie „vom Aussterben bedroht“.
Nach Maßnahmen zur Bekämpfung von Beutegreifern wurden in den Jahren 2011 bis 2012 wieder 31 Brutpaare beobachtet. Elf davon waren erfolgreich und zogen zusammen 18 Jungvögel auf. Räuberische Ratten gelten als Hauptursache des geringen Bruterfolgs.
Der besetzte Lebensraum gilt als nicht optimal und begrenzt offenbar den Bestand. Die Art scheint neue Gebiete nicht besiedeln zu können. Schlechter Bruterfolg, eine geringe Überlebensrate sowie die Zersplitterung der Population können eine Ausbreitung verhindern. Ein weiterer Verlust von Lebensraum könnte daher schwerwiegende Folgen haben. Zu den Gefährdungen zählen Holzeinschlag, Landwirtschaft, touristische und Freizeitnutzung sowie Schäden durch eingeführte Hirsche. Auch Waldbrände stellen eine ernste Gefahr dar. Daneben können Wilderei und Jagd bedeutsam sein. Weitere Risiken ergeben sich durch Naturereignisse wie Stürme und Überschwemmungen.
Im Jahr 1999 wurde das Reservat La Roche Écrite mit einer Fläche von 36 km² eingerichtet, das den größten Teil des Verbreitungsgebiets umfasst. Dort waren Maßnahmen zur Lebensraumpflege vorgesehen.
Literatur
Erwan Solier, Society of Ornithological Studies of Reunion island (SEOR): Successes and challenges for the conservation of one of the rarest birds in the world. Society of Ornithological Studies of Reunion island, 2023 (SEOR). (PDF, online)
Weblinks
Kategorie:Raupenfänger Kategorie:Fauna und Flora (Maskarenen)