Die Geschichte von Gāmanicanda ist ein indisches Märchen und ein buddhistisches Jataka (257: Gāmanicanda-Jātaka).Johannes Mehlig (Hrsg.): Buddhistische Märchen, Drei Lilien Verlag, Wiesbaden 1982, S. 249–265, 518–120. Aus dem Pāli übertragen und kommentiert von Johannes Mehlig.

Handlung Als der Bodhisattva als der Sohn des Königs Janasandha von Benares wiedergeboren worden war, erhielt er den Namen Ādāsamukha, Spiegelantlitz. Nach dem Tod seines Vaters befanden ihn die Minister, trotz seines jungen Alters, für sehr weise und so regierte er in großer Gerechtigkeit.

Damals, als König Janasandha gestorben war, beschloss dessen alter Diener Gāmanicanda das Leben am Hof aufzugeben, um Bauer zu werden. Er borgte sich dafür von einem Freund zwei Ochsen, doch nachdem er sie wieder zurückgebracht hatte, wurden sie gestohlen und ihm, wohl wissend, dass er unschuldig war, die Schuld dafür gegeben. So musste er also mit zum König gehen, der ein Urteil fällen sollte. Auf dem Weg dorthin kehrte er bei einem weiteren Freund ein, um etwas zu essen, wobei dessen hochschwangere Frau, die hastig etwas zubereiten wollte, fiel und in der Folge eine Fehlgeburt erlitt. Da waren es schon zwei Kläger, die mit Gāmanicanda zum König reisten. Kurz darauf ging einem Fuhrmann ein Pferd durch und dieser rief Gāmanicanda zu, er solle etwas nach ihm werfen, um es anzuhalten. Gāmanicanda warf daraufhin einen Stein, wodurch dem Tier ein Fuß zerschmettert wurde, also waren es derer drei. Gāmanicanda beschloss sodann sich umzubringen, stürzte sich von einem Fels und landete auf dem Rücken eines Korbflechters, der dadurch starb. Sein Sohn aber verlangte nach Gerechtigkeit also gingen sie zu fünft zum Hofe des Königs.

Unterwegs trafen sie einen armen, von der Gelbsucht geplagten, Dorfvorsteher, der Gāmanicanda bat beim König in Erfahrung zu bringen, warum es ihm so schlecht ginge. Weiterhin begegneten sie einer Dirne, die kein Geld mehr erhielt, einer jungen Frau, die weder zu Hause bei ihrem Mann, noch bei ihren Eltern wohnen mochte, einer Schlange, der es hungrig und geschwächt schwer fiel einen Ameisenhaufen zu verlassen, wenn sie aber gesättigt war und einen dicken Leib hatte, mühelos wieder in diesen hineingleitete, einer Gazelle, die nur das Gras an einem bestimmten Baum fressen wollte, einem Rebhuhn, das nur auf einem bestimmten Ameisenhügel schön schreien konnte, einer Baumgottheit, die sich fragte, warum sie nicht mehr verehrt wird, einem Nāga-König, der wissen wollte, warum sein Teich trüb ist, einigen Asketen, denen die Früchte aus ihrem Garten nicht mehr schmeckten sowie einigen Brahmanenjünglingen, die sich ihre Weisheiten nicht mehr merken konnten und alle erhofften sich Antworten vom weisen König.

Gāmanicanda trat also mit vierzehn Auflagen vor den König, dem er alles erzählte und der den alten Diener erkannte. Da sprach der Bodhisattva, dass Gāmanicanda dem lügenden Ochsenbesitzer die Augen herausreißen, die Ochsen aber bezahlen solle, woraufhin der Ochsenbesitzer Gāmanicanda anflehte ihm das Augenlicht zu lassen, ihm viele Kahāpanas gab und das Weite suchte. Dem Mann, dessen Frau eine Fehlgeburt erlitten hatte und der Gāmanicanda bezichtigt hatte sie geschlagen zu haben, wurde aufgetragen dem alten Diener seine Frau auszuhändigen, damit dieser ihr ein neues Kind machen könne. Noch reicher geworden kam die Reihe an den Fuhrmann, der zunächst behauptete, er habe Gāmanicanda nicht dazu aufgefordert etwas zu werfen. Als er seine Lüge jedoch zugab, wurde es Gāmanicanda erlaubt ihm die Zunge herauszureißen, woraufhin der Fuhrmann ihm Geld gab floh. Der Sohn des verstorbenen Korbflechters verlangte dann vor dem König einen Vater zu haben, sodass dieser entschied, dass Gāmanicanda dessen Mutter zur Frau nehmen solle, wodurch er einen erhalten würde. Um Nachsicht flehend gab auch dieser Gāmanicanda Geld und eilte von dannen und der alte Diener hatte den Rechtsstreit gewonnen.

Da teilte Gāmanicanda dem König die zehn Fragebotschaften mit, die ihm mitgegeben worden waren und dieser antwortete, dass die Brahmanenjünglinge sich wieder einen Hahn zulegen sollen, der am frühen morgen kräht und nicht in der Nacht oder Nachmittags, da sie nur so ihre Sprüche behalten können. Den Asketen ließ er ausrichten, dass sie sich auf ihre Tugenden zurückbesinnen sollen und ihnen die Früchte nicht mehr schmecken, weil sie sich nun von Almosenspenden ernähren. Dass der Teich trüb ist, so meinte er, liege daran, dass die Nāga-Könige Streit führen. Lebten sie wieder in Frieden zusammen, würde er wieder aufklaren. Die Baumgottheit aber solle die Menschen, die in den Wald gehen wieder schützen; nur dann würden die Menschen sie wieder verehren. Danach gab er Gāmanicanda auf, den Baum der verwöhnten Gazelle aufzusuchen und aus dem dortigen Bienennest den Honig, der auf das Gras tropft, zu entfernen, womit er dem Tier einen Gefallen tun würde.

Den Fall des Rebhuhns erklärte der König mit einem Schatz, der sich im inneren des Ameisenhügels verbirgt und den sich Gāmanicanda nehmen solle. Selbiges betraf den Fall der Schlange, die sich beim Verlassen des Ameisenhügels nicht von ihrem Schatz trennen wollte, danach aber trieb sie die Gier umso schneller wieder zurück. Der jungen Frau solle er ausrichten, dass es nicht rechtens ist, nur kurz bei ihrem Manne zu bleiben und dann vorzugeben zu ihren Eltern zu reisen und umgekehrt, nur um so lange wie möglich bei ihrem Liebhaber zu verweilen. Die Dirne aber hatte sich zu leicht zu vielen Männern hingegeben, sodass die Preise verfielen. Zuletzt klärte er auch den Zustand des armen Dorfvorstehers auf, dem es so schlecht ging, weil er bestechlich geworden war und ungerechte Entscheidungen traf.

Gāmanicanda bekam daraufhin das Dorf, in dem sich der Ochsendiebstahl ereignet hatte geschenkt und ging als reicher Mann dorthin zurück, während König Janasandha weiterhin mit großer Weisheit regierte.

Hintergrund Das Märchen entspricht dem Jataka 257 (Gāmanicanda-Jātaka) und erhielt in Johannes Mehligs Buddhistische Märchen (Wiesbaden 1982) den deutschen Titel Die Geschichte von Gāmanicanda. Nach Mehlig dürfte dieses Jātaka, der vergleichenden Literaturgeschichte nach, eines der bedeutendsten sein. Es sei die indische Variante etlicher Geschichten, die sich vom russischen Shemjaka-Zyklus bis hin zu William Shakespeares Ein Pfund Fleisch in Der Kaufmann von Venedig finden. In nahezu gleicher Form existiert eine Variante im tibetischen Dsanglum, das buddhistische Märchen enthält und aus der indischen Vorlage heraus entstand, woraus sich dann das mongolische Uligerun Dalai, das Meer der Gleichnisse entwickelte. Über die Mongolen gelangte die Geschichte in große Teile des unterworfenen Asiens und Europas. In Russland entstand daraus das Sprichwort Das ist das Urteil des Schemjaka.

Russische Varianten finden sich in Propst Heidekes Janus, oder Russische Papiere, Eine Zeitschrift für das Jahr 1808 (Riga 1808, I, 147) und Anton Dietrichs Russische Volksmärchen (Leipzig 1831, Nr. 14, S. 187). Eine indische umgewandelte Variante von Lutfullah erschien unter dem Titel Ausland (Stuttgart / Augsburg 1857, Nr. 48, S. 1142). An diese anlehnen tut sich eine deutsche Bearbeitung, die schon 1493 in Bamberg in dem Meistergesang von Kaiser Karls Recht (Von der Hagen, Gesamtabenteuer, III, CXXXVIII) erschien und nach Mehlig zweifellos indischen Ursprungs ist. In Else Lüders’ Die Märchen der Weltliteratur – Buddhistische Märchen aus dem alten Indien (Düsseldorf / Köln 1961) bekam das Märchen den Titel Gāmanitschanda.Else Lüders (Ausw. und Übert.): Die Märchen der Weltliteratur – Buddhistische Märchen aus dem alten Indien. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1961, S. 82–95.

Literatur Johannes Mehlig (Hrsg.): Buddhistische Märchen, Drei Lilien Verlag, Wiesbaden 1982, S. 249–265, 518–120. Aus dem Pāli übertragen und kommentiert von Johannes Mehlig. Else Lüders (Ausw. und Übert.): Die Märchen der Weltliteratur – Buddhistische Märchen aus dem alten Indien. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf / Köln 1961, S. 82–95.

Einzelnachweise

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