alternativtext=das im Text beschriebene Objekt vor hellem Hintergrund|mini|hochkant|Georgskruzifix im Museum Schnütgen (2020) Der Kruzifixus aus St. Georg in Köln, auch Georgskruzifix, früher auch Holzkruzifix aus St. Jakob, ist eine als Torso erhaltene, geschnitzte Holzskulptur eines monumentalen gekreuzigten Christus, die in das letzte Drittel des 11. Jahrhunderts datiert wird und aus der romanischen Kirche St. Georg in Köln stammt. Das Kruzifix befindet sich seit 1922 im Kölner Museum Schnütgen (Inv.-Nr. A 9).
Beschreibung alternativtext=Kopf der beschriebenen Skulptur|links|mini|hochkant|Kopf des Gekreuzigten Der erhaltene Torso des Kruzifixes ist aus Weidenholz geschnitzt und ist 189,5 Zentimeter hoch, 52 Zentimeter breit und 38 Zentimeter tief. Er ist bis auf den Armansatz aus einem Stück gefertigt, vollrund konstruiert und am Rücken in zwei großen Fächern ausgehöhlt; auch der Kopf enthält einen Hohlraum, der als Reliquienrepositorium diente. Es fehlen neben dem Kreuz auch beide Arme (bis auf den linken Armstumpf) sowie die rückseitigen Verschlussbretter.
Der Körper des Gekreuzigten ist in einer „sanften Ausbiegung“ geformt; die Hüfte ist sanft nach links und die leicht angewinkelten Knie etwas nach rechts ausgerichtet. Der Kopf ist nach unten rechts geneigt. Der schmal und scharf geschnittene Kopf des Gekreuzigten hat mittig gescheiteltes Haar, das in feinen Rillen hinter den Ohren fast bis auf die Schulter fällt. Die Augen sind geschlossen, die Mundwinkel nach unten gezogen und tiefe Nasen- und Mundwinkelfalten ziehen sich rechts und links senkrecht durch das bärtige Gesicht.
Die gesamte Figur, vor allem der Kopf, ist auf Untersicht ausgelegt, also die Betrachtung von einem tieferen Standpunkt aus. In der Gestaltung kontrastiert die weich modellierte Form des Oberkörpers mit dem eher kantig ausgeführten Lendenschurz, der von einem Gürtel mit wohl ursprünglich zwei Knoten gehalten wird.
Provenienz und Ausstellungsgeschichte mini|Rekonstruierte Kopie (!) des Kruzifixes in der Basilika St. Georg, eine der historisch denkbaren Positionen als Triumphkreuz im Kirchenraum (2006) Der ursprüngliche Aufstellungsort des Kruzifixus in St. Georg ist nicht bekannt, aber anhand der Gestaltung ist es sicher, dass die Position erhöht gewesen sein muss. Ob es in seiner Funktion als Triumphkreuz sehr hoch und mittig vor dem Chor oder – wie in der jüngeren Forschung eher angenommen wird – niedriger über einem Kreuzaltar angebracht war (ähnlich wie beim Gerokreuz), lässt sich nicht mehr rekonstruieren.
Um 1916 wurde das Georgskruzifix in vernachlässigtem Zustand in der Krypta der romanischen Basilika St. Georg in Köln aufgefunden und in das von Paul Clemen herausgegebene Denkmalinventar der Rheinprovinz als „eine der hervorragendsten frühen Holzskulpturen von Köln“ aufgenommen.
Als „Wiederentdecker“ des Kruzifix wird in der Literatur allerdings meist Museumsdirektor Fritz Witte genannt, der es 1921 an derselben Stelle vorfand und 1922 durch Ankauf für das Museum Schnütgen erwerben konnte.
Das Kruzifix wurde als eines der Hauptexponate des Museum Schnütgen spätestens in den 1932 eröffneten Räumen im Heribertskloster ausgestellt. Während des Zweiten Weltkriegs war es 1939 bis 1942 im Tresor der Kreissparkasse ausgelagert, dann kurzzeitig in den Kasematten der Festung Ehrenbreitstein untergebracht. Noch 1942 wurde sie mit zahlreichen weiteren Objekten der Kölner Museen auf Burg Hohenzollern in Sicherheit gebracht. Bevor diese nach dem Krieg zurück ins Rheinland kamen, wurden sie ab September 1946 im Tübinger Kunstgebäude ausgestellt – wobei dem Georgskruzifixus eine besondere Rolle zukam, nicht erst als „Höhepunkt des Erlebnisses“ im romanischen Saal, wie sich einer der Mitarbeiter des Landesamts für Denkmalpflege erinnerte, sondern schon beim Auspacken:
alt=Seitenschiff einer romanischen Kirche, weiße Wände, in der Mitte ein Taufbecken, rechts und links an den Wänden Kruzifixe|mini|hochkant|Erstaufstellung 1957 in St. Cäcilien Nach 1946 kam der Georgskruzifixus mit den anderen Kunstwerken zunächst im Schloss Alfter bei Franz zu Salm-Reifferscheidt-Dyck unter. Als das Museum Schnütgen als erstes der Kölner Museen 1956 wiedereröffnete, wurde der Torso im Kirchenschiff der romanischen Basilika St. Cäcilien platziert, über die Jahrzehnte an verschiedenen Positionen im Raum. Nach der umfassenden Neukonzeption im Jahr 1977 unter der Leitung von Museumsdirektor Anton Legner wurde er beispielsweise von seiner bisherigen erhöhten Position „heruntergeholt“ und im Zentrum des Mittelschiffs „auf Augenhöhe“ platziert, rechts und links flankiert von den beiden Trauernden der Sonnenburger Triumphkreuzgruppe. Erstmals war der Torso von allen Seiten öffentlich sichtbar und zugänglich ausgestellt. Neben schockierten Reaktionen des Publikums ist von Anton Legner ein Ausspruch des damaligen Kardinals Joseph Höffner überliefert:
Danach gab es weitere museale Experimente mit dem Torso, etwa 1997 in der Ausstellung Beuys und das Mittelalter, bei dem er mit der Beuys-Installation Straßenbahnhaltestelle in Beziehung gesetzt wurde. Anlässlich der Expo 2000 in Hannover war er im „Christus-Pavillon“ erstmals seit langem im liturgischen Kontext über einem Altar platziert, wenn auch in einer klimatisierten Vitrine und im Rahmen einer (Welt-)Ausstellung.
Während der nächsten großen Sanierung des Museums (2001–2003) wurde der Georgskruzifixus umfassend untersucht und restauriert. Bei der Wiedereröffnung erhielt er einen Platz an einem Pfeiler des südlichen Seitenschiffs in St. Cäcilien.
Inzwischen (Stand 2026) hängt er an der Ostwand des nördlichen Seitenschiffs.
Stilistische Einordnung und Datierung Die Datierungsgeschichte des Georgskruzifixus ist mangels schriftlicher Zeugnisse von stilkritischen Methoden geprägt, mit allen damit verbundenen Unsicherheiten.
Nach der ersten Auffindung datierte Hugo Rahtgens 1916 in Paul Clemens Denkmalinventar das Kruzifix auf das Ende des 12. Jahrhunderts. Fritz Witte hingegen stellte das Kruzifix 1921 in einen stilistischen Zusammenhang mit Metallkreuzen aus dem Essener Stiftsschatz und einem aus Hildesheim, das sich im Victoria and Albert Museum befindet und datierte das Georgskruzifix auf „keinesfalls nach 1150“. 1932 korrigierte er diese Einschätzung und stellte als erster einen historischen Zusammenhang mit der Weihe der von Erzbischof Anno gestifteten Kirche St. Georg her, also das Jahr 1067.Diese Frühdatierung fand in der Folgezeit überwiegend Zustimmung. Eine erneute Diskussion kam im Zusammenhang mit der Ausstellung Monumenta Annonis 1975 im Museum Schnütgen auf, anlässlich derer in Kolloquien viele Bildwerke des 11. und 12. Jahrhunderts direkt verglichen werden konnten. Eine holztechnische Untersuchung an der Universität Marburg im Jahr 1982 legte erneut eine Datierung in das 12. Jahrhundert nahe, so dass die Frühdatierung in der Folge wieder hinterfragt wurde. Allerdings sah Anton Legner weiterhin gute Argumente für das 11. Jahrhundert, etwa die Ähnlichkeit der Ausarbeitung der Rückseiten im Vergleich zum Nettlinger Kruzifix, außerdem stilistische Übereinstimmungen mit der Holztür von St. Maria im Kapitol in Köln oder dem Kopftypus des Werdener Kruzifixes. Herangezogen wurden vereinzelt auch Vergleiche mit der Kölner Wand- und Buchmalerei dieser Zeit, zu denen zumindest Rückschlüsse auf die Farbigkeit möglich seien.Bei der umfassenden Untersuchung und Restaurierung des Kruzifixes in den Jahren 2001 bis 2003 fanden sich zumindest keine Widersprüche zu der Frühdatierung. Manuela Beer fasste zuletzt 2018 den Forschungsstand dahingehend zusammen, dass das Kruzifixus aus St. Georg „innerhalb der Kölner Denkmäler weitgehend isoliert“ stehe. Aus den motivischen Zusammenhängen mit der Holztür von St. Maria in Kapitol ergebe sich kein direkter Werkstattzusammenhang, und es gebe nur wenige Parallelen zum älteren Gerokreuz im Kölner Dom. Es scheine verschiedene Traditionslinien bei den Großkreuzen der Region zu geben, die sich in einzelnen überlieferten Stücken zeige. So sei das Kruzifix in der Basilika St. Margaretha in Düsseldorf-Gerresheim etwa dem Georgskruzifix näher, das zeitnähere Kreuz aus St. Laurentius in Bergheim-Büsdorf (um 1070) hingegen orientiere sich eher am Gerokreuz.
Erhaltungszustand und Restaurierung Der Torso des Georgskruzifix ist aus Weidenholz geschnitzt, einem gegenüber Pilzen und Insekten besonders empfindlichen Holz. Sein Zustand bei der Auffindung 1916/1921 war desolat („Das kunstgeschichtlich wichtige Stück leider sehr vernachlässigt“). Ein Bericht von 1988 nennt Schäden durch Wurmfraß, Trockenfäule, zugekittete und geleimte Schäden sowie einen „gleichmäßig grau-braunen Farbüberzug“. Diese letzte „Rettungsschicht“ verhinderte offenbar weitere Insektenschäden; die noch aktiven Schädlinge wurden mit der Fassungsschicht buchstäblich eingeschlossen und getötet.
Bevor das Georgskruzifix auf der Expo 2000 ausgestellt wurde, fertigte man ein Computertomogramm, um die Transportfähigkeit zu prüfen und nahm grundlegende Sicherungsmaßnahmen vor. Der Holzkern war der CT-Analyse zufolge erstaunlich stabil sowie frei von Rissen und Einschlüssen.
Die danach durchgeführte Restaurierung 2001 bis 2003 wurde durch die Irene und Sigurd Greven Stiftung, die Annemarie und Helmut Börner Stiftung und den Freundeskreis Museum Schnütgen gefördert. Der Torso wurde dabei bis auf die erste Fassungsschicht freigelegt, wobei sich für die verbliebenen unteren Fassungsreste am Lendentuch eine ursprünglich kräftig blaue Farbe mit einem gelben und rotem Saum ergeben. Das Erscheinungsbild des Georgskruzifixus ist seitdem deutlich verändert.
Literatur (Auswahl)
Weblinks
Eintrag auf Kulturelles Erbe Köln, Bilder des Rheinischen Bildarchivs Thema „Kreuz und Kruzifix“ im Museum Schnütgen
Einzelnachweise
Kategorie:Skulptur (Museum Schnütgen) Kategorie:Skulptur (13. Jahrhundert) Kategorie:Holzskulptur Kategorie:Kruzifix (11. Jahrhundert)