Die Straßenbahn Catanzaro, italienisch Automotofunicolare di Catanzaro, war eine städtische Straßenbahnlinie, die durch die Besonderheit eines Abschnitts mit Standseilbahn-Antrieb (Funicolare) gekennzeichnet war. Sie verband den Hauptbahnhof der kalabrischen Stadt Catanzaro mit ihren nördlichen Vororten.

Die 1910 in Betrieb genommene Linie wurde 1914 verlängert und blieb bis nach dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb, bevor sie 1954 endgültig eingestellt wurde. Lediglich der Standseilbahn-Abschnitt wurde rekonstruiert und 1998 reaktiviert.

Geschichte mini|links|Die ursprüngliche Endstation an der Piazza Indipendenza Mit der Eröffnung der Bahnstrecke Catanzaro Marina–Sant’Eufemia am 31. Juli 1899 erhielt Catanzaro einen Bahnhof im Ortsteil Sala, der sich in Küstennähe fast auf Meeresniveau befand.

Da dieser abseits des Stadtzentrums lag, entstand das Problem einer Verbindung zwischen Bahnhof und Stadt. Der Bahnhof Sala lag etwa 200 Höhenmeter unterhalb der Stadt, und die Entfernung von über 3 km sowie die mangelhaften Straßenverbindungen erschwerten zudem den Gütertransport. Stadt und Provinz Catanzaro suchten nach Lösungen. Vorschläge wie Standseilbahnen, Oberleitungsbusse oder Zahnradbahnen wurden bewertet, jedoch als zu teuer abgelehnt.

Am 25. Juli 1906 beauftragte die Stadt Catanzaro das Büro Studio Strada aus Turin mit dem Entwurf einer elektrischen Straßenbahn in Normalspur mit gemischtem Antrieb (Adhäsion und Seilzug) zwischen dem Bahnhof Sala und dem Viertel Pontegrande. Am 27. Mai 1907 wurde die Betreibergesellschaft „Società Tranvia Automotofunicolare di Catanzaro“ (STAC) mit Sitz in Turin gegründet.

Am 10. August 1910 wurde der erste, 2,260 km lange Abschnitt bis zur Piazza Indipendenza (heute Piazza Matteotti) eröffnet. 1914 folgte die 5,733 km lange Verlängerung nach Pontegrande im Norden der Stadt.

Ab 1933 erwuchs der Linie Konkurrenz durch die neue Schmalspurbahn Cosenza–Catanzaro der Ferrovie Calabro Lucane, die ebenfalls eine Verbindung zwischen Sala und dem Stadtzentrum anbot.

Am 13. Juni 1949 wurde der nördliche Abschnitt der Straßenbahn zwischen Piazza Roma und Pontegrande stillgelegt und durch Busse ersetzt. Nach einem Defekt am Zugseil am 26. Oktober 1954, bei dem dank der Notbremssysteme keine Personen zu Schaden kamen, wurde der gesamte Betrieb eingestellt und durch Busse der SMA ersetzt.

Nach der Stilllegung 1998 wurde der Steilabschnitt als reine Standseilbahn modernisiert wiedereröffnet. Zwei Bremswagen blieben noch Jahrzehnte am Bahnhof Sala stehen, wurden aber kurz vor der Jahrtausendwende verschrottet.

Einer der vierachsigen Straßenbahnwagen blieb ebenfalls lange erhalten. Um die Jahreswende 2004/2005 wurde das Fahrzeug anlässlich der Errichtung eines Fußgängerwegs, der den Bahnhof Sala FS mit der Station der Standseilbahn verbinden sollte, endgültig abgebrochen.

Erinnerungskultur Auf der Piazza Galluppi befindet sich ein original erhaltenes Gleisstück als Erinnerungsgleis.

In Sala hat ein Zimmervermieter seinen Betrieb La vecchia tranvia – die alte Straßenbahn – benannt.

Merkmale mini|links|Bremswagen (carro scudo) schiebt einen Triebwagen auf dem Steilabschnitt Um den Höhenunterschied zwischen dem Bahnhof im Tal des Fiumarella-Baches und der auf einem Plateau gelegenen Stadt zu überwinden, wurde ein teilweise im Tunnel verlaufender Standseilbahn-Abschnitt mit einer Länge von 689 Metern realisiert. Auf dieser Strecke, deren Durchfahrt 13 Minuten dauerte, wurden die Straßenbahntriebwagen von speziellen, an das Zugseil gekoppelten Bremswagen (italienisch: carri freno oder carri scudo) geschoben. Ein ähnliches System kam bei der Straßenbahn Monreale zum Einsatz und wird heute noch bei der Straßenbahn Triest–Opicina verwendet.

mini|links|Via Pontegrande

Der Oberbau bestand in den straßenbündigen Abschnitten aus Phoenix-Rillenschienen (26 kg/m) in 12-Meter-Längen. Auf den Abschnitten mit eigenem Bahnkörper wurden Vignolschienen (23,4 kg/m) in 10-Meter-Längen auf Holzschwellen verwendet. Der Standseilbahn-Abschnitt war eingleisig mit einer Ausweiche in der Mitte ausgeführt. Er war mit speziellen Schienen für Zangenbremsen der Firma „Ceretti & Tanfani“ (26 kg/m) ausgestattet, die auf vernieteten Eisenböcken und Eisenschwellen montiert und in ein Beton-Längsprofil eingelassen waren. Die engsten Kurven hatten einen Mindestradius von 15 m und waren mit Leitschienen versehen. Die maximale Steigung betrug 76 ‰ in den Adhäsionsabschnitten und 274,5 ‰ auf der Standseilbahnstrecke. Die vorgeschriebene Höchstgeschwindigkeit betrug 12 km/h bzw. 7 km/h im Seilabschnitt. Als Spurweite wurde der damalige italienische Standard für Straßenbahnen von 1445 mm gewählt. Das Stahlseil der Standseilbahn hatte einen Querschnitt von 40 mm², war nach dem System Albert gefertigt und wurde von der St. Egydyer Eisen- und Stahlindustriegesellschaft aus Österreich geliefert.

Streckenverlauf Die blaue Linie stellt die StraßenbahnCatanzaro dar, die rote dieBahnstrecke Cosenza–Catanzaro

Der südliche Endpunkt lag am Staatsbahnhof Catanzaro Sala, wo sich auch das Depot und die Werkstatt der STAC befanden. Die Strecke gliederte sich in drei Abschnitte:

1. Abschnitt: Vom Bahnhof Sala ca. 534 m Adhäsionsstrecke entlang des Musofalo bis zur Station Pie’ Sala. 2. Abschnitt: Der 689 m lange Standseilbahn-Abschnitt bis zur Piazza Roma. Hier wurde der Triebwagen an den Bremswagen angekuppelt. 3. Abschnitt: Erneut Adhäsionsstrecke (1090 m) von der Piazza Roma über den Corso Mazzini bis zur Piazza Indipendenza.

Rollmaterial Für den Betrieb erwarb die STAC zunächst fünf vierachsige Triebwagen von Carminati & Toselli mit AEG-Ausrüstung (zwei Motoren à 52 kW). Diese Wagen (Nr. 1–5) wurden zwischen 1905 und 1909 gebaut. 1–3 dienten dem Personenverkehr (55 Plätze, inkl. 1. Klasse und Gepäckabteil), 4 und 5 waren Gütertriebwagen.

1914 kamen für die Verlängerung nach Pontegrande drei zweiachsige Triebwagen (Nr. 6–8) hinzu, die aufgrund der geringeren Masse eine höhere Geschwindigkeit von 24 km/h (statt 11 km/h) erreichten. Die Bremswagen für den Seilabschnitt konnten zur Erhöhung der Traktionskraft mit 5 m³ Wasser befüllt werden.

Einheit Baujahr Hersteller Anmerkungen 1–3 1905 Carminati & Toselli Personentriebwagen (4-achsig) 4–5 1905 Carminati & Toselli Gütertriebwagen (4-achsig) 6–8 1914 Carminati & Toselli Personentriebwagen (2-achsig) – 1905 Ceretti & Tanfani Bremswagen (carri scudo) – 1934 Ceretti & Tanfani Reserve-Bremswagen

Literatur Mario De Prisco: Funicolare ieri e oggi. In: I Treni, 1998. Marco Cacozza: La tranvia di Catanzaro. In: Tutto treno & storia, Nr. 10, 2003, S. 36–49. Salvatore Rongone: Una tranvia elettrica ad aderenza mista da Catanzaro alla stazione ferroviaria di Catanzaro Sala. Bari, Fratelli Zonno, 1980. Walter Hefti. Schienenseilbahnen in aller Welt, Birkhäuser Verlag, Basel 1975, ISBN 3-7643-0726-9 (Digitalisat)

Weblinks

Catanzaro: c'era una volta il tram...

Einzelnachweise

Catanzaro Kategorie:Verkehr (Kalabrien) Kategorie:Catanzaro Kategorie:Spurweite 1445 mm Catanzaro