mini|Thor Heyerdahl (um 2002) mini|Thor Heyerdahl in Kiel (1967)

Thor Heyerdahl (* 6. Oktober 1914 in Larvik, Norwegen; † 18. April 2002 in Colla Micheri, Andora, Italien) war ein norwegischer Forschungsreisender, Archäologe, Anthropologe, Ethnologe und Umweltaktivist. Er gilt als der Wissenschaftler, der die experimentelle Archäologie etablierte und einer breiten Öffentlichkeit bekannt machte, sowie als einer der bekanntesten Vertreter des modernen Diffusionismus.

Leben

Thor Heyerdahl wurde in Larvik geboren, wo sein aus Christiania (heute: Oslo) stammender Vater eine Brauerei betrieb. Als einziger Nachkomme ältlicher ElternThor war der einzige Nachkomme aus dieser Ehe; aus früheren Ehen beider Eltern gab es etliche Halbgeschwister zu denen kein Kontakt bestand. Einzig Ingerid, elf Jahre ältere Halbschwester mütterlicherseits, lebte auch im Haus Heyerdahl, Larvik, Stengate 7. Ragnar Kvam: Biografie Heyerdahl, … S. 44. Im Folgenden abgekürzt mit RK + Seitenzahl. wuchs er sehr behütet und verhätschelt auf,Heyerdahl, auf Adams Spuren, im Folgenden mit Adam abgekürzt; S. 35 hatte aber auch große Freiheiten: Für Thors Sammlung von Kleintieren, Käfern, Insekten und Vogeleiern stellte der Vater auf dem Brauereigelände einen renovierten Raum zur Verfügung, den der Junge stolz „Zoologisches Museum“ nannte.Adam 45 Als Kind hatte er Angst vor dem Wasser, nachdem er zweimal beinahe ertrunken wäre. Sogar als Jugendlicher weigerte er sich, Schwimmen zu lernen, bis er 1937 auf Tahiti in einen reißenden Fluss stürzte und um sein Leben kämpfen musste.Zu Heyerdahls Schwimmkenntnissen existieren unterschiedliche Auffassungen: Er selber gibt in Adam S. 131 zu, seine Schwimmkünste seien noch ~1943 „miserabel“ gewesen. Knut Haugland bezeichnet ihn für die Zeit der Kon-Tiki-Fahrt, 1947, geradewegs als „Nichtschwimmer“ (Interview mit Ragnar Kvam).

Für Sport, ausgenommen Laufen und Klettern, interessierte er sich im Gegensatz zu seinen Schulkameraden nicht, war aber gern mit Zelt und Schlafsack im nahen Gebirge unterwegs. Ola Bjørneby, ein erwachsener Einzelgänger, der auf der verlassenen Alm Hynna im Åstadal in einem Schafstall hauste und sich mit einem Mobiliar aus Baumstümpfen, Steinen und Tannenzweigen zu begnügen verstand, brachte den Jungen auf den Geschmack für ein Leben unter primitivsten Bedingungen.Adam 60f; RK 67ff Bereits zu dieser Zeit entstand der ernsthafte Wunsch, einige Zeit in einer von der Zivilisation möglichst unberührten Gegend zu verbringen.

Im Jahr 1933 begann Heyerdahl das Studium der Zoologie und der Geografie an der Universität Oslo. Seine Zoologieprofessorin Kristine Bonnevie befasste ihre Schüler aber auch mit physischer Anthropologie. Auch stand Heyerdahl die damals größte Bibliothek über Polynesien von Bjarne Kroepelien zur Verfügung.Adam 82ff: Der Weinhändler Bjarne Kroepelien hatte in jungen Jahren auf Tahiti mit einer Häuptlingstochter zusammengelebt und, nachdem sie an der Spanischen Grippe verstorben und er nach Oslo zurückgekehrt war, alles Gedruckte über diese Inselwelt zusammengetragen dessen er habhaft wurde. Nach Kroepeliens Tod kam die Bibliothek in das Kon-Tiki-Museum. Der Student Heyerdahl war bereits vor seiner Abreise so belesen, dass er Vorträge über die Marquesas halten konnte.

Am Weihnachtsabend 1936 heiratete Thor Liv Coucheron Torp, mit der er am nächsten Tag nach Tahiti aufbrach – zugleich Hochzeitsreise und Vorbereitung für das Staatsexamen über die Herkunft der dortigen Fauna. Die Reise ging zunächst über Marseille nach Tahiti, wo die gut vierwöchige Wartezeit auf einen Kopra-Schoner zur Weiterreise bei Häuptling Teriieroo, Kroepeliens Schwiegervater, verbracht wurde: Das junge Ehepaar wurde von Teriieroos Familie in die Lebensweise der Polynesier eingeführt.

Ziel dieser ersten Reise war die Insel Fatu Hiva, auf deren Nachbarinsel Hiva Oa um die Jahrhundertwende Paul Gauguin einige Zeit verbracht hatte. Während des Aufenthalts wandte Heyerdahl sich zusehends der Ethnologie zu und begann die Herkunft der Insulaner „aus einem großen Land im Osten“ ernsthaft in Erwägung zu ziehen.

Im Frühjahr 1938 kehrte das Paar nach Norwegen zurück, wo im September Sohn Thor jun. geboren wurde. Heyerdahls Forschung zur Herkunft der Polynesier führte ihn 1939 nach Amerika. Aus Kroepeliens Bibliothek hatte er ein erstmals fächerübergreifendes Puzzle zusammengestellt, das als englischsprachiges Manuskript nahezu publikationsreif war: Polynesia and America.Adam S. 108f Der Reeder Thomas Olsen interessierte sich für Heyerdahls revolutionäre Idee und ermöglichte der Familie die Überfahrt nach Vancouver „für einen symbolischen Beitrag“.

Nachdem Norwegen 1940 von deutschen Truppen besetzt worden war, saß die Familie zunächst ohne Geld in Kanada fest. Heyerdahl konnte nicht heimreisen, bekam aber auch keine Arbeitserlaubnis, weil er mit einem Studentenvisum eingereist war. Die Norweger waren auch „bestenfalls unwillkommen“, da in den USA und in der Folge auch in Kanada kolportiert worden war, Norwegen habe sich den Nazis freiwillig angeschlossen. Wieder griff der Reeder ein, indem er die Adresse seines Freunds in Erfahrung brachte und ihm von sich aus überlebensnotwendige Geldbeträge vorstreckte, bis dieser wieder selbst für seine Familie sorgen konnte.

Um am Kampf für die Befreiung Norwegens teilzunehmen, meldete Heyerdahl sich freiwillig im norwegischen Rekrutierungsbüro, wofür er allerdings in die USA reisen musste: Der deutschstämmige norwegische Konsul in Kanada, von Stahlschmidt, half nicht. Nach einer Ausbildung zum Funker und im Fallschirmabsprung wurde Heyerdahl als Rekrut knapp vor Kriegsende kurzzeitig in der Finnmark eingesetzt, ohne einen Schuss abzugeben; kurz zuvor hatte er in England Knut Haugland kennengelernt, der sich wenig später auf der Kon-Tiki einfand.

mini|Gedenkstein für Heyerdahl bei Colla Micheri Im Jahr 1947 wies Heyerdahl mit der Kon-Tiki-Expedition nach, dass Balsaflöße und Schilfboote interkontinentale Kontakte bereits vor Kolumbus’ Zeiten ermöglicht haben konnten. Er initiierte eine Vielzahl weiterer Expeditionen und archäologische Projekte und wurde mit zahlreichen Medaillen und Preisen ausgezeichnet: Universitäten in Europa, Nord- und Südamerika verliehen ihm insgesamt elf Ehrendoktorate.

Die Fahrzeuge Kon-Tiki und Ra II sind im Kon-Tiki-Museum zu besichtigen, das Teil des Norwegischen Seefahrtsmuseums in Oslo ist. Im Park Piramides de Güimar (Teneriffa) befindet sich ein weiteres, kleines Museum mit dem Nachbau eines Schiffes.

Thor Heyerdahl starb am 18. April 2002 in seinem 88. Lebensjahr an einem Gehirntumor. Er weilte in Colla Micheri, einer frazione von Andora, das im Nordwesten Italiens liegt, wo er Ostern mit einigen seiner engsten Familienangehörigen verbrachte. Ein Staatsbegräbnis durch die norwegische Regierung fand am 26. April 2002 in der Kathedrale von Oslo statt. Sein Grab befindet sich im Garten des Familiengrundstücks in Colla Micheri.

Heyerdahl war dreimal verheiratet. Mit seinen Ehefrauen hatte er zwei Söhne und drei Töchter:

1936 mit Liv Coucheron Torp (* 1916; † 1969), Söhne Thor (1938–2024) und Bjorn (* 1940). 1949 mit Yvonne Dedekam-Simonsen (* 1924; † 2006), Töchter Anette (* 1953), Marian (* 1957) und Helene Elisabeth, genannt Bettina (* 1959). 1991 mit Jacqueline Beer (* 1932).

Einer der Navigatoren der Tigris-Expedition, Detlef Soitzek, benannte 1982 sein dreimastiges Traditionssegelschiff nach dem Forscher und Abenteurer.

Expeditionen Fatu Hiva (1937) mini|Die Marquesas

Seit seiner Kindheit hatte Heyerdahl vom „natürlichen“ Leben geträumt. Mit seiner ersten Frau Liv verwirklichte er diesen Traum 1937 auf der Insel Fatu Hiva im südlichen Teil der Marquesas-Gruppe. Dort und auf der 100 km NNW gelegenen „Nachbarinsel“ Hiva Oa verbrachten sie mehr als acht Monate, wobei sie auf technische Hilfsmittel weitgehend verzichteten. Der Versuch, auch auf Medikamente zu verzichten, hätte allerdings fast im Fiasko geendet. Auf Fatu Hiva ohne jede medizinische Betreuung, mussten sie unter abenteuerlichen Bedingungen in einem altersschwachen Rettungsboot nach Hiva Oa segeln, kehrten aber nach einigen Wochen nach Fatu Hiva zurück.

Neben dem Versuch, den Kindheitstraum zu verwirklichen, standen für Heyerdahl anfangs zoologische Untersuchungen im Mittelpunkt. Nachdem er auf den beiden besuchten Inseln steinerne Artefakte (Statuen und Flachreliefs) gefunden hatte, die Ähnlichkeiten mit Statuen in Südamerika aufwiesen, und ihm außerdem ein alter Einheimischer von der mythischen Herkunft seines Volkes aus dem Osten erzählt hatte, begann Heyerdahl die zwar bekannte aber als unglaubwürdig bezeichnete These einer Besiedelung Polynesiens aus dem Osten zu vertreten, was sein Leben grundsätzlich veränderte: Ab jetzt widmete er sich der Ethnologie und der Archäologie.

Zur sechswöchigen Rückreise schiffte sich das Paar am 27. Dezember 1937 in Tahiti ein – am Jahrestag der Abreise aus Oslo.RK 173. Kvam standen Heyerdahls handschriftliche Tagebücher zur Verfügung.

Bella Coola (1939–1940) Um sein nahezu publikationsreifes englischsprachiges Manuskript zur Besiedlung Polynesiens zu vollenden, reiste Heyerdahl an die Nordwestküste Kanadas. Es gab damals mindestens zwei relevante einander widersprechende Thesen: Der Neuseeländer Sir Peter Buck vertrat die Ansicht, Polynesien sei über Melanesien besiedelt worden, mit der scheinbar einzigen Begründung, dass dies keinesfalls über Mikronesien geschehen sein könne. Dem widersprach der Ethnologe Alfred Métraux, weil Blutgruppen von Melanesiern und Polynesiern nicht zusammenpassten. Heyerdahl erklärte aufgrund seiner Kenntnisse über Meeresströmungen beide Fachmeinungen für überflüssig (!), da der Philippinenstrom (Japanstrom) von Asien Richtung Nordwestamerika verläuft, wo er dann nach Hawaii und Polynesien abbiegt. Einen Großteil der Strecke von Amerika nach Polynesien hätten die Seefahrer neben der Strömung auch den Passatwind im Rücken gehabt. Diesen möglichen Verlauf der Besiedelung hatte zuvor noch niemand bedacht, obwohl bekannt war, dass eine maritime Bevölkerung der Inseln British Columbias aus Asien gekommen sein musste und „noch in der Steinzeit lebte“, als erste Europäer eintrafen.Adam S. 108f

Zunächst studierte Heyerdahl in Vancouver Material, das es in Norwegen nicht gab:

Fotos und Objekte aus dem Bella-Coola-Tal erinnerten frappant an polynesische Arbeiten. Weitere Übereinstimmungen von Polynesiern und Ureinwohnern der Nordwestküste Amerikas waren das Fehlen von Keramik und Webarbeiten, Erdöfen zum Kochen, Kleidung aus Rinde, die in Wasser eingeweicht und dann mit Schlegeln weichgeklopft wurde, Steinäxte, Ähnlichkeiten bei Angelhaken, Streitkeulen, Musikinstrumenten und anderen Gebrauchsgegenständen, seetüchtige Doppelkanus sowie ähnliche Gebräuche. Heyerdahl ließ sich also in Bella Coola nieder, um seine Forschungen vor Ort zu vervollständigen.

Ein Artikel der New York Times über Heyerdahls Arbeit wurde gleichzeitig mit einem vernichtenden Kommentar der populären Ethnologin Margaret Mead abgedruckt, was den Auftakt zu jahrelangen Anfechtungen von Heyerdahls Theorien gab.Adam S. 112. Erst Jahrzehnte später trafen die beiden einander und konnten sich darüber amüsieren, dass Mead von den Steinzeichnungen in British Columbia ebenso wenig Ahnung hatte wie Heyerdahl von Meads Fachgebiet, dem Liebesleben der Samoaner.

Kon-Tiki (1947) mini|Kon-Tiki, 1947. mini|Kon-Tiki-Museum, Oslo

Weltweit bekannt wurde Heyerdahl durch seine Kon-Tiki-Expedition. Sie bewies, dass es den präkolumbischen Indianern Südamerikas technisch möglich war, Polynesien zu besiedeln. Heyerdahl hielt eine Besiedlung Polynesiens von Asien aus zwar nicht für unmöglich, aber für schwieriger, da sie gegen den Humboldtstrom und gegen den Passatwind gerichtet gewesen wäre.