Das Ostseewellenlied (Wo de Ostseewellen trecken an den Strand) ist ein populäres Heimatlied, das auf dem plattdeutschen Gedicht Mine Heimat der vorpommerschen Heimatdichterin Martha Müller-Grählert basiert. Die Melodie ist von Simon Krannig. Bekannt wurde das Ostseewellenlied in der bearbeiteten Version als Friesenlied oder Nordseewellenlied (Wo de Nordseewellen trecken an den Strand) von Friedrich Fischer-Friesenhausen.

Entstehung mini|hochkant|Die Dichterin Martha Müller-Grählert Die Dichterin Martha Müller-Grählert wurde 1876 in Barth geboren und wuchs auf der Zingst-Halbinsel an der Küste von Mecklenburg-Vorpommern auf. In der Berliner Diaspora, wo sie seit neun Jahren lebte, schrieb sie mehrere plattdeutsche Gedichte auf, die sie 1907 in dem Gedichtband Schelmenstücke – Plattdütsche Gedichte von Martha Müller Grählert veröffentlichte. Gleich das erste Gedicht der Schelmenstücke war Mine Heimat.

Das Heimatgedicht erschien 1908 in der Zeitschrift Meggendorfer-Blätter und erreichte somit ein größeres Publikum. Im Jahr 1911 wurde Mine Heimat in die Liedersammlung Plattdütsch Leederbok aufgenommen, jedoch unter dem Titel Sehnsucht nah de Heimat und zur etablierten Melodie des Liedes Freiheit, die ich meine.Claus Stephan Rehfeld: „Wo de Ostseewellen trecken…“ auf Deutschlandradio Kultur vom 4. Juli 2011.

Mine Heimat Mine Heimat (1907)

Wo de Ostseewellen trecken an den Strand, Wo de gele Ginster bleugt in’n Dünensand, Wo de Möven schriegen grell int Stromgebrus, – Da is mine Heimat, da bün ick to Hus.

Well- un Wogenrauschen wir min Weigenlied, Un de hohen Dünen sehgn min Kinnertied, Sehgn uck all min Sehnsucht un min heit Begehr, In de Welt tau fleigen oewer Land un Meer.

Woll hät mi dat Lewen dat Verlangen stillt, Hät mi allens gewen, wat min Herz erfüllt; Alles is verswunnen, wat mi quält un drev, Hev dat Glück nu funnen, doch de Sehnsucht blev.

Sehnsucht na dat lütte, kahle> Inselland, Wo de Ostseewellen trecken an den Strand, Wo de Möven schriegen grell int Stromgebrus, – Denn da is min Heimat, da bün ick to Hus!

— Quelle: Schelmenstücke, S. 5 f.Mine Heimat (1907) Die niederdeutsche Literatur – Klassiker online

Mine Heimat (1927)

Wo de Ostseewellen trecken an den Strand, Wo de gäle Ginster bleuht in’n Dünensand, Wo de Möwen schriegen grell in’t Sturmgebrus, – Da is mine Heimat, da bün ick tau Hus.

Well- un Wogenrunschen wir min Weigenlied, Un de hogen Dünen seg’n min Kinnertied, Seg’n uck mine Sehnsucht un min heit Begehr, In de Welt tau fleigen oewer Land un Meer.

Woll het mi dat Leben dit Verlangen stillt, Het mi allens geben, wat min Herz erfüllt; Allens is verswunden, wat mi quält un drew, Hev nu Freden funnen, doch de Sehnsucht blew.

Sehnsucht na dat lütte, stille Inselland, Wo de Wellen trecken an den witten Strand, Wo de Möwen schriegen grell in’t Sturmgebrus, – Denn da is mine Heimat, da bün ick tau Hus!

— Quelle: Sünnenkringel, S. 6Mine Heimat (1927) Die niederdeutsche Literatur – Klassiker online

Ostseewellenlied Ein Glaser aus Flensburg beauftragte um 1908 den Zürcher Komponisten Simon Krannig mit der Vertonung des Gedichts. Als Vorlage diente der Text aus den Meggendorfer-Blättern. Krannig komponierte die Melodie zu Wo de Ostseewellen trecken noch am selben Tag fertig. Die Uraufführung des Ostseewellenliedes durch den Deutschen Männergesangverein Zürich fand wenige Wochen später auf der Beerdigung des Flensburger Glasers in Zürich statt.Claus Stephan Rehfeld: „Wo de Ostseewellen trecken…“ auf Deutschlandradio Kultur vom 4. Juli 2011.

Krannigs Partitur erschien erstmals 1909 in Schondorf’s Verlag Braunschweig; der Text war verständnishalber auf Hoch- und Niederdeutsch abgefasst: Mine Heimat. Meine Heimat. Text: Müller-Grählert. Für Tenöre und Bässe / Innig und frei bewegt.Claus-Stephan Rehfeld: Die Ferne und die Heimat auf Deutschlandradio Kultur vom 18. November 2011.

Friesenlied mini|Wor de Nordseewellen… nach Friedrich Fischer-Friesenhausen Wor de Nordseewellen trecken an den Strand wor de gelen Blomen bleuhn int gröne Land wor die Möwen schrieen, hell im Stormgebrus dor is mine Heimat, dor bin ick tau Hus. — Friesenlied (1. Strophe)

Der völkische Schriftsteller und bekennende Antisemit Friedrich Fischer-Friesenhausen bearbeitete das Ostseewellenlied für die Nordseeküste. Aus Wo de Ostseewellen trecken machte er Wor de Nordseewellen trecken. Seinen Text ließ er ohne Nennung der Urheber auf Postkarten drucken, die Partituren seiner Bearbeitung gab Fischer-Friesenhausen in seinem Friesen-Verlag heraus, und 1922 sicherte er sich für Wo de Nordseewellen trecken die Musikrechte.Claus Stephan Rehfeld: „Wo de Ostseewellen trecken…“ auf Deutschlandradio Kultur vom 4. Juli 2011. Die Nordische Rundfunk AG (NORAG) spielte das Nordseewellenlied mehrmals, und im Mai 1934 war das Lied in dem Dokumentarfilm Heimat im Meer – Ein Filmlied von der Halligwelt zu hören.Heimat im Meer – Ein Filmlied von der Halligwelt bei filmportal.de

Der Komponist Simon Krannig erfuhr durch Freunde von dem dreisten Plagiat: „Als ich voriges Jahr die erste, von der Insel Pellworm als Friesenlied bezeichnete Nachahmung erhielt, hatte ich dies auch [dem Verleger] Schondorf mitgeteilt; der hat sich aber gar nicht darum gekümmert + gar keine Antwort gegeben.“Claus-Stephan Rehfeld: Die Ferne und die Heimat auf Deutschlandradio Kultur vom 18. November 2011. Krannig ging juristisch gegen Fischer-Friesenhusen vor und kämpfte um das Urheberrecht für das Ostseewellenlied. Er gewann den Prozess 1936, starb aber noch im selben Jahr. Auch die Texterin konnte finanziell nicht von ihrer Dichtung profitieren. Als 1939 die ersten Tantiemen eintrafen, starb Müller-Grählert kurz darauf erblindet und verarmt im Altenheim von Franzburg.Rudi Czerwenka: Von Boltenhagen nach Ahlbeck – Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste. Geschichte und Geschichten für Zugezogene, Touristen und andere Neulinge. BS-Verlag, Rostock 2009.

Nach dem Zweiten Weltkrieg interpretierten prominente Künstler wie Lale Andersen, Freddy Quinn und Heidi Kabel das Friesenlied. Inzwischen mussten alle drei Urheber genannt werden, doch nur Friedrich Fischer-Friesenhausen profitierte von den Tantiemen.

Auschwitzlied mini|Eingangstor zum KZ Auschwitz mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“ Zwischen Weichsel und der Sola schön verstaut, zwischen Sümpfen, Postenketten, Drahtverhau, liegt das KL Auschwitz, das verfluchte Nest, das der Häftling hasset, wie die böse Pest. — Auschwitzlied (1. Strophe)Michael Haas: Die Musik der Fremde. Komponisten im Exil. Komponistinnen und Komponisten auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus. Reclam-Verlag, Ditzingen 2025, ISBN 978-3-15-011501-5.

In den Konzentrationslagern wurden internierte Musiker häufig in Kapellen organisiert, die Musik für offizielle Anlässe wie Appelle oder zur Unterhaltung des Personals spielen mussten. Auch mussten die Gefangenen auf dem Weg zur Zwangsarbeit lautstark Marschlieder und volkstümliche Weisen singen.Helmke Jan Keden: Musik in nationalsozialistischen Konzentrationslagern bei Bundeszentrale für politische Bildung vom 7. März 2005. Als Begleiterscheinung entstanden in diesem Umfeld auch eigene Lieder, die das Leben im Konzentrationslager thematisierten, wie das Buchenwaldlied, das Dachaulied, das Ravensbrücklied, das Sachsenhausenlied oder das Moorsoldatenlied. Für das KZ Auschwitz schrieben Camilla Mohaupt, Camille Spielbichler, Aranka Heitlinger und/oder Margit Grossberg-Bachner zur Melodie von Krannig das sogenannte Auschwitzlied.

Internierte des KZ Esterwegen haben bereits 1934 aus dem Heimatlied ein Lagerlied gemacht, als sie den vorhandenen Text auf ihre Situation umdichteten. Nach der Auflösung des Konzentrationslagers Esterwegen im Jahr 1936 kamen die Häftlinge ins KZ Sachsenhausen. Sie brachten ihre Lieder mit, die dadurch Eingang in die dortigen Häftlingslagerliederbücher und somit weitere Verbreitung fanden.

Wo das Lager steht, so dicht am Waldesrand, wo das öde Moor sich weit erstreckt ins Land, wo man Moorsoldaten bei der Arbeit sieht, da ist meine schönste Lebenszeit verblüht. — Wo das Lager steht (1. Strophe)Fietje Ausländer: „Wir sind die Moorsoldaten.“ In: Hölle im Moor. Die Emslandlager 1933–1945. Wallstein Verlag, 2017, S. 63–64.

Fassatal-Hymne Lo che i pré d’istà l’é dut, l’é dut ’n fior e che monc e ciel i à ’l più bel color, lo che se pel gòder pash da paradis, lo l’é val de Fasha, lo ’lé mie paìsh. — La cianzon de val de Fasha (1. Strophe)

Durch den Hotelier Francesco Dezulian del Garber kam das Ostseewellenlied ins norditalienische Fassatal, ein Verbreitungsgebiet der Ladinischen Sprache in den Dolomiten. Dezulian del Garber war von September 1940 bis September 1942 als Dolmetscher in einem italienischen Arbeitslager im Deutschen Reich tätig. In seinem Tagebuch heißt es: „Während meines Aufenthaltes hatte ich die Möglichkeit, das Lied der Ostfriesischen Inseln kennenzulernen und mich in dieses Lied zu verlieben. Sofort dachte ich, zu dieser einprägsamen Melodie einen Ladinischen Text zu schreiben.“ Daraufhin entstand La cianzon de val de Fasha/Fascia, das Fassatal-Lied.Claus Stephan Rehfeld: „Wo de Ostseewellen trecken…“ auf Deutschlandradio Kultur vom 4. Juli 2011.

Versionen Wo man Kohle fördert. Text: Verfasser unbekannt (1930)Liedergeschichte: Wo die Nordseewellen im Volksliederarchiv Wo die grünen Wiesen leuchten weit und breit. Text: Verfasser unbekannt (1930) Immer seh’ ich dich (Ciagle widze cie). Text: Stanislaw Maslo, KZ Dachau, Übersetzung: Doris Radojewski (1943) Oberfrankenlied. Text: Verfasser unbekannt (1950)

Literatur Irene Blechle: Poesie und Ursprung des „Ostseewellenliedes“. Zum Gedenken an Martha Müller-Grählert (1876–1939). In: Pommern. Zeitschrift für Kultur und Geschichte. Heft 4/2007, , S. 42–43. Rudi Czerwenka: Von Boltenhagen nach Ahlbeck – Mecklenburg-Vorpommerns Ostseeküste. Geschichte und Geschichten für Zugezogene, Touristen und andere Neulinge. BS-Verlag, Rostock 2009. Claus Stephan Rehfeld: „Wo de Ostseewellen trecken…“ auf Deutschlandradio Kultur vom 4. Juli 2011 (Manuskript-pdf; 120 kB) Claus-Stephan Rehfeld: Die Ferne und die Heimat auf Deutschlandradio Kultur vom 18. November 2011 (Manuskript-pdf; 120 kB) Claus Stephan Rehfeld: Die Nordostseewelle bei Mare (2013)

Weblinks

Liedergeschichte: Wo die Nordseewellen im Volksliederarchiv Superhit des Nordens vom 15. Oktober 2025 (mit Reproduktionen der Originaltexte) In den Credits wird neben Martha Müller-Grählert und Simon Krannig auch „F. Fischer-Friesenhausen“ genannt.

Einzelnachweise

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