hochkant=1.4|mini|Saint-Martin de Chapaize
Als ehemalige Prioratskirche ist St-Martin (Chapaize) eine der schönsten Kirchen in Burgund. Sie steht inmitten des nur aus wenigen Häusern und Höfen bestehenden Ortes Chapaize, etwa 15 km westlich von Tournus (an der Saône) und etwa 15 km nördlich von Cluny, in der hügeligen Landschaft des Charollais und des nördlichen Mâconnais.
Bedeutung Die frühromanische Kirche ist allein schon wegen ihres Alters und ihrer schlichten Schönheit sehenswert, berühmt ist sie aber wegen ihrer kunsthistorischen Bedeutung, die vor allem mit der nahe gelegenen Abtei Cluny zusammenhängt. Besonders beeindruckt sie durch ihre harmonische Architektur, aus der der überraschend hohe Glockenturm hervorsticht, der lombardische Einflüsse aufweist. Steinmetze aus der norditalienischen Region rund um Mailand waren um die Jahrtausendwende in ganz Europa berühmt.
Geschichte mini|Fassade von Nordwest
Günstig in der Nähe einer Kreuzung zweier Römerstraßen, einer Quelle (Source St-Léger)Diese Quelle existiert bis auf den heutigen Tag. Dort steht immer noch ein altes Waschhaus. und des Baches Brioux gelegen, war Chapaize schon in der Antike bekannt. Der frühere Name Capasia, Campasia oder Chapasia geht vermutlich auf das lateinische „campus“ (= Feld) zurück. Der Ort wurde wohl von den Benediktinermönchen so benannt, die hier im 10. Jahrhundert zunächst eine kleine Eremitage gegründet hatten. Dieses wurde ein Jahrhundert später zu einem Kloster erweitert – kirchenrechtlich ein Priorat von St-Pierre in Chalon-sur-Saône.lt. einem Dokument aus dem 14. Jahrhundert Damals stand der Ort Chapaize unter der Lehnsherrschaft der Herren der 2 km westlich gelegenen Burg Uxelles.
Über die Gründung und Erbauung von Saint-Martin de Chapaize sind keine schriftlichen Daten überliefert. Allerdings lässt sich die Entstehung der Kirche etwa „um 1030“ schlüssig in die Chronologie des nahen St-Philibert (Tournus) einfügen. Grundriss und Pfeilerform sowie die Maße stimmen mit denen der Michaelskapelle von St-Philibert überein, so auch mit denen von Romainmôtier (Schweiz) und den rekonstruierten Maßen von Cluny II.Rolf Tomann (Hrsg.): Burgund. Architektur, Kunst, Landschaft. Text von Ulrike Laule. Fotografien von Achim Bednorz. Könemann, Köln 2000, S. 254.
In einer wissenschaftlichen Abhandlung von Didier Méhu und David Girard, von der Universität Laval vom 1. August 2007 findet sich auf Seite XIV ein Grundriss der Kirche, in dem die Entstehungsdaten der einzelnen Bauglieder kenntlich gemacht sind (siehe Handskizze).Didier Méhu, David Girard: L'église Saint-Martin de Chapaize. (PDF; 3,0 MB) Université Laval, 1. August 2007.
Die ältesten Bauteile werden auf „um 1030“ datiert. Es sind die beiden Reihen der runden Säulen unter den Scheidewänden zwischen den Schiffen, ergänzt durch die Scheidewände über den Arkadenbögen. Hinzu kommen nach der Einwölbung die Gurtbögen des südlichen Seitenschiffs und wahrscheinlich auch die aufliegenden Kreuzgratgewölbe. Diejenigen im nördlichen Seitenschiff sind nur teilweise aus dieser Zeit, die gegen 1100 einem Brand zum Opfer gefallen sind.
Die vorgeblendete Fassade und die Gurtbögen vor und hinter dem Turmjoch, zusammen mit dessen Kuppelgewölbe werden „gegen 1040 / 1050“ datiert.
Die Außenwand des nördlichen Seitenschiffs wurde offensichtlich nach dem oben genannten Brand „gegen 1100“ erneuert. Die Außenwand des südlichen Seitenschiffs wurde damals in den ersten beiden Jochen gänzlich erneuert, in den übrigen Jochen wurde lediglich die äußere Schale der Wand erneuert.
Infolge eines Einsturzes der ursprünglichen Rundtonne des Mittelschiffs wurde das Gewölbe der Joche 1 bis 5 als angespitzte Tonne erneuert, zusammen mit den Gurtbögen, und zwar „nach 1125“. Zur gleichen Zeit wurden die äußeren Strebepfeiler des „Querhauses“ angefügt, die oberhalb der Dächer bis zum Turm hinaufreichen.
Das Chorhaupt mit seinen drei Apsiden wird „Anfang 12. Jahrhundert“ datiert, einschließlich kurzer Wandanschlüsse der Außenwände und der Scheidewände. Über die Gestalt des ursprünglichen Chorhauptes gibt es keine Auskunft. Das in der Südapsis in beachtlichen Ausmaß vorhandene Bruchsteinmauerwerk bezeugt allerdings, dass zumindest die seitlichen Apsidiolen den ursprünglichen Grundriss übernommen haben. Das trifft wahrscheinlich auch auf die Chorapsis zu.
Die teilweise Erneuerung des Gewölbes des nördlichen Seitenschiffs mit seinen Gurtbögen wird auf das 14. Jahrhundert datiert.
mini|St-Martin de Chapaize, Grafik von Sagnot gegen 1830
Schwierigkeiten der Mutterabtei zwangen die Mönche im 16. Jahrhundert das Kloster zu verlassen. Die Äbte von St-Pierre de Chalon hatten unter den Religionskriegen stark gelitten und mussten das Gebiet von Chapaize bereits 1556 verlassen. Im Jahr 1603 sind die Äbte von Chalon gezwungen, Chapaize zu veräußern, „da es am entferntesten von Chalon ist, am meisten ruiniert und am wenigsten gewinnbringend ist“.
Die Nachkommen der früheren Besitzer, die Herren von Uxelles, bekamen für 3360 Livres und eine alljährliche Rente von 255 Livres Chapaize mit allen Nebengebäuden, das Recht Gericht zu halten, den Zins, die Steuer, den Zehnten, die Ackerländer, Wiesen und Wälder. Die Mönche verpflichteten sich nur zur Schirmherrschaft und der Vertretung im Pfarramt der Kirche. Das bestehende Pfarrhaus am Waldrand wurde 1740 erweitert und restauriert. Abt Nicolas Genost de Laforest, Pfarrer von Chapaize, bewohnte es von 1751 bis 1783 und erlangte Berühmtheit durch seine Jagdleidenschaft. Er wurde unter dem Namen des Abtes Duverger in den Novellen des Marquis de Foudras „Pauvre défunt Monsieur de Curé de Chapaize“ (Armer verstorbener Herr Pfarrer von Chapaize) und „Hommes des bois“ (die Männer der Wälder) verewigt. Ende des 17. Jahrhunderts hatten die Äbte große Schwierigkeiten die Jahressteuer einzutreiben und forderten deshalb mehrmals, aber erfolglos, die Rückgabe des Gebietes von Chapaize.
Aber dieses sollte nicht mehr lange der Lehnsherrschaft von Uxelles abhängig bleiben, da es nach der Revolution an einen Landwirt veräußert worden ist.
Die vier äußeren Strebepfeiler des südlichen Seitenschiffs sollen im Jahr 1846 angefügt worden sein.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts hat eine sorgfältige Restaurierung vorzüglich die Frische des ursprünglichen Konzepts wieder herausgearbeitet, ohne die Patina der alten Steine zu zerstören, auch ohne störende Eingriffe in den etwas verblichenen Charme des Kirchplatzes mit seinen Gräbern, den alten Ahornbäumen und den halb verfallenen Bauernhäusern, deren Gemäuer noch mittelalterliche Gutshöfe erahnen lassen.Klaus Bußmann: Burgund. Kunst, Geschichte, Landschaft. 11. Auflage. DuMont, Köln 1990, S. 51. Dabei wurden die Obergadenfenster wieder geöffnet.
Bauwerke mini|hochkant=1.6|St-Martin de Chapaize, Grundriss, Handskizze mit Datierungen
Unter Geschichtliches wird die Gesamtlänge mit 34,50 m und die Breite mit 13,20 m angegeben. Die Höhe des Glockenturms soll 35,00 m betragen.
Allgemeines Die dreischiffige Kirche weist einen basilikalen Aufriss auf. Die niedrigeren Seitenschiffe werden von einem wesentlich höheren Mittelschiff überragt. Das Langhaus ist fünfjochig. Die Grundrisse der Mittelschiffjoche sind breite Rechtecke, die der Seitenschiffe sind quadratisch. Das Vierungsjoch ist etwas tiefer als die Joche der Schiffe, es wird innen von einer Kuppel bekrönt, über der sich der hohe Glockenturm erhebt. Da die Seitenschiffe in gleicher Dimension bis zum Chor durchlaufen, kann man beim Vierungsjoch nicht von einem Querhaus sprechen. Im Osten schließt sich daran ein dreiteiliges Chorjoch an, das durch einen Staffelchor abgeschlossen wird, dessen halbrunde Apsiden die Breiten der Schiffe übernehmen. Hingegen bleiben ihre Höhen deutlich unter denen der Schiffe.
Über die Lage und den Umfang der Konventsgebäude geben die bekannten Quellen keine Auskünfte. Die beiden Türdurchlässe auf der Südseite der Kirche lassen aber darauf schließen, dass sich an dieser Seite der Kreuzgang des Klosters befand, der einen Hof umschloss und von den Konventsräumen wie Kapitelsaal, Refektorium, Küche, Dormitorium, Arbeitsräume, Toiletten und anderen umgeben war. Von alledem ist nichts übrig geblieben. Möglicherweise haben diese Räumlichkeiten vor der Revolution (1789) noch bestanden.
Äußere Erscheinung mini|St-Martin de Chapaize, Fassade von W mini|St-Martin de Chapaize, Hauptportal
Langhaus und Fassade Die Traufen des Mittelschiffs liegen etwa doppelt so hoch, wie die der Seitenschiffe. Das Regenwasser tropft von ihnen frei ab. Sie kragen ein gutes Stück über die Außenwände hinaus und liegen auf breiten Traufgesimsen auf, die von kräftigen Kragsteinen unterstützt werden, deren Sichtseiten nach innen ausgerundet sind.
Das Satteldach des Mittelschiff und die Pultdächer der Seitenschiffe weisen Neigungen von etwa dreißig Grad auf und sind mit grauen Steinplatten eingedeckt. Die Fassadenwand des Mittelschiffs ragt ein kurzes Stück über die Dachflächen hinaus und ist wie diese eingedeckt. Die Eindeckung der Pultdächer kragt knapp über die Ortgänge hinaus. Die Enden der Fassadenwände ragen seitlich geringfügig über Längswände der Schiffe hinaus.
Die Unterteilung der Längswände der Schiffe in fünf Joche übernehmen kräftige, im Querschnitt leicht rechteckige Strebepfeiler, deren Oberseiten überwiegend in Neigung der Dächer mit Steinplatten abgedeckt sind. Die Strebepfeiler der Seitenschiffe enden knapp unter der Eindeckung der Dächer, die des Mittelschiffs enden ein kurzes Stück unter den Kragsteinen der Traufen. Der Pfeiler zwischen Joch vier und fünf der Südseite endet etwa in Höhe der Fensterbögen. Einige Pfeiler der Nordseite tragen Abdeckungen in Satteldachform. Im Erdgeschoss ist etwa in mittlerer Höhe der Seitenschifflängswände mittig in den Jochen 1 bis 5 ein schlankes rundbogiges Fenster ausgespart, dessen Gewände auswärts aufgeweitet sind. Das ursprünglich vorhandene Fenster im ersten Joch der Nordseite ist bei der Erneuerung der Außenwand nicht wiederhergestellt worden. Auf der Innenseite der Wand im ersten Joch ist die Kontur einer Laibungskante des ehemaligen Fensters zu erkennen. Im vierten Joch der Südseite liegt die Brüstung des Fensters etwas höher, um darunter eine ausreichende Höhe für ein rechteckiges Südportal zu schaffen. Unmittelbar über den Firsten der Pultdächer ist in jedem Joch ein ähnliches Fenster wie im Erdgeschoss ausgespart, mit etwas geringerer Höhe.
mini|St-Martin de Chapaize, nördl. Seitenschiff, Joch 1, Rest der ursprüngl. Außenwand, mit Bogenfries
Auf der Außenwand der nördlichen Seitenschiffs ist im ersten Joch noch ein kurzes Stück der ursprünglichen Außenwand mit drei Bögen eines Bogenfrieses unter der Traufe erhalten, wie er einst auf allen Längswänden der Seitenschiffe existierte, der aber bei einem Brand um 1100 bis auf diesen Rest zerstört worden ist und danach nicht mehr erneuert wurde.