Thierry de Roucy (* 1957 in Noyon, Frankreich) ist ein französischer ehemaliger katholischer Priester und Gründer der geistlichen Gemeinschaft Points Cœur. Er wurde 2011 vom kirchlichen Gericht in Lyon wegen sexuellen Missbrauchs und Machtmissbrauchs verurteilt. Das Urteil wurde zunächst unter den Schutz des päpstlichen Geheimnisses gestellt und erst 2013 öffentlich bekannt. 2018 wurde er laisiert.
Herkunft und Ausbildung Thierry de Roucy wuchs im Schloss Morlincourt bei Noyon (Oise) auf. Nach einer Vorbereitungsklasse am Lycée Louis-le-Grand in Paris trat er 1975 mit 18 Jahren in die französische Gemeinschaft der Diener Jesu und Mariens () im Kloster Ourscamp ein. Er studierte Philosophie am Institut für vergleichende Philosophie (IPC) in Paris sowie Theologie an der Päpstlichen Universität Angelicum in Rom, wo er einen Magister in Theologie erwarb. 1983 wurde er zum Priester geweiht.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. Macht und Missbrauch in Neuen Geistlichen Gemeinschaften. Herder, Freiburg im Breisgau 2023, S. 50–52. Er begann in Rom auch ein Doktorat in Philosophie und Theologie, das er nach seiner Wahl zum Oberen nicht abschließen konnte.
Von 1988 bis 2001 war er Oberer der Diener Jesu und Mariens in der Abtei von Ourscamp, bis er seine Kongregation mit einer größeren Anzahl von Mitbrüdern verließ, um sich ganz dem von ihm gegründeten Werk Points Cœur zu widmen.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 118. Die Gemeinschaft der Diener Jesu und Mariens beschreibt auf ihrer Website den Entstehungskontext von Points Cœur ohne Angaben zu den näheren Umständen des Weggangs de Roucys.
Einfluss von Thomas Philippe Prägend für sein spirituelles Denken war der Dominikanerpater Thomas Philippe, eine zentrale Figur bei der Gründung der Arche internationale und geistlicher Lehrer von Jean Vanier. De Roucy besuchte Philippes Kurse in Trosly-Breuil, wo dieser an der Arche lehrte, und betrachtete sich selbst als dessen spirituellen Sohn. Im Oktober 1994 gründete er das Institut Thomas Philippe, ein Zentrum für philosophische und theologische Ausbildung, das sich den Werken des Dominikaners widmete, der ein Jahr zuvor verstorben war.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 209–211. Thomas Philippe hatte seit 1956 wiederholt Verbote des Heiligen Offiziums wegen sexuellen Missbrauchs erhalten. Spätere kirchliche und unabhängige Untersuchungen bestätigten, dass er Frauen im Rahmen der geistlichen Begleitung sexuell missbraucht hatte.Commission d'Etude indépendante: Emprise et abus, enquête sur Thomas Philippe, Jean Vanier et L'Arche (1950–2019). 30. Januar 2023, S. 82–83. Der Untersuchungsbericht der Arche internationale von 2023 dokumentiert den theologischen Einfluss Thomas Philippes auf de Roucy sowie auf weitere Gründer neuer geistlicher Gemeinschaften.Commission d'Etude indépendante: Emprise et abus, S. 705.
Gründung von Points Cœur Am 4. Januar 1990 empfing de Roucy nach eigenen Angaben beim gemeinsamen Rosenkranzgebet mit seinen Brüdern im Park des Klosters Ourscamp einen inneren Ruf, die Gemeinschaft Points Cœur zu gründen.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 51. Schon im selben Jahr wurden die ersten Häuser für Freiwillige in Argentinien und Brasilien gegründet. 1992 wurde der zivilrechtliche Rahmenverein in Frankreich konstituiert. Der deutsche Verein Points-Cœur/Offenes Herz e.V. wurde 1995 ins Leben gerufen.
De Roucy gründete in der Folge drei Zweige innerhalb von Points Cœur für Stände geweihten Lebens. 1999 errichtete der Bischof von Beauvais, Guy Thomazeau, eine Gemeinschaft von Ordensschwestern als öffentliche Vereinigung von Gläubigen, die Dienerinnen der Gegenwart Gottes (). Als die Satzungen des Gesamtwerks Points Cœur in derselben Diözese ausgearbeitet wurden, bat Bischof Thomazeau de Roucy, die Seminaristen für einen Teil ihrer Ausbildung in das Diözesanseminar zu schicken. De Roucy wandte sich daraufhin an Erzbischof Karlic von Paraná in Argentinien, der die Laien und geweihten Laien von Points Cœur 2000 als private Vereinigung von Gläubigen seiner Diözese anerkannte. 2002 erkannte derselbe Erzbischof auch die Priesterbruderschaft Molokai an – die Priester im Dienst von Points Cœur.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 118.
2008 beantragte und erhielt de Roucy den Transfer aller kirchlichen Zweige von Points Cœur in das Bistum Fréjus-Toulon unter Bischof Dominique Rey, der dem Werk und allen seinen Zweigen die kanonische Anerkennung gab.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 118–119. Alle kirchlichen Zweige wurden zwischen 2017 und 2020 kirchenrechtlich aufgelöst.
Kirchenrechtliche Verurteilung und Laisierung Ab den frühen 2000er Jahren erreichten die kirchlichen Behörden erste Zeugenaussagen über interne Missstände bei Points Cœur. In den Jahren 2004 bis 2005 leitete die Kongregation für die Glaubenslehre ein kircheninternes Verfahren ein, nachdem ein Priester sexuellen Missbrauch seinem Bischof gegenüber gemeldet hatte.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 51f.
Am 21. Juli 2011 wurde de Roucy vom Kirchengericht in Lyon wegen „Machtmissbrauch, sexueller Missbrauch und Absolution des Mittäters“ verurteilt. Das letztgenannte Delikt bezeichnet im kanonischen Recht die unerlaubte Lossprechung in der Beichte von einer Person, mit der der Beichtvater selbst in eine sexuelle Straftat verwickelt war (vgl. Codex Iuris Canonici can. 977Canon: 977, auf codex-iuris-canonici.de und can. 1384Canon: 1384, auf codex-iuris-canonici.de).
Das Urteil beinhaltete ein dreijähriges Beichtverbot gegenüber Mitgliedern von Points Cœur sowie eine Entschädigungszahlung an das Opfer. Die Höhe dieser Zahlung wird in den Quellen unterschiedlich angegeben: Hoyeau nennt 60.000 Euro,Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 52. während ein Kommuniqué des Collectif Appel de Lourdes 2013 von 70.000 Euro berichtet.
Das Verfahren offenbarte laut Hoyeau über den sexuellen Missbrauch hinaus die spirituelle Machtstruktur, die de Roucy über die Mitglieder ausübte: Er war gleichzeitig Vorgesetzter der Gemeinschaft und „Beichtvater jedes einzelnen“ Mitglieds – eine Vermischung von Ämtern, die kirchenrechtlich untersagt ist. Ebenso deutlich wurde der übergroße Platz, den er in der von ihm beanspruchten „spirituellen Vaterschaft“ eingenommen hatte.Céline Hoyeau: Der Verrat der Seelenführer. S. 105. Nach Codex Iuris Canonici can. 984 § 2Canon: 984, auf codex-iuris-canonici.de darf, wer eine leitende Stellung einnimmt, die aus der Beichte gewonnene Kenntnis von Sünden „auf keine Weise bei der äußeren Leitung gebrauchen“.
Das Verfahren war ausschließlich kirchenrechtlicher Natur; eine Strafanzeige bei der staatlichen Justiz wurde nicht erstattet.
Das Urteil stand zunächst unter dem Schutz des päpstlichen Geheimnisses, das für kirchliche Missbrauchsverfahren erst im Dezember 2019 durch Papst Franziskus aufgehoben wurde.
Im Jahr 2003 wurde de Roucy zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Am 31. Dezember 2012 wurde er zum Offizier befördert. Am 9. April 2013 berichtete La Croix erstmals überregional über die Verurteilung. Im September 2014 ordnete Bischof Rey den Rückzug de Roucys aus allen Leitungsgremien sowie die Unterbrechung jeglichen Kontakts zur Gemeinschaft an. De Roucy schied daraufhin auch als Vorsitzender des Vorstands von Heart's Home USA aus. Rey stützte sich dabei auf den Untersuchungsbericht von Pater Loïc-Marie Le Bot OP, der die Anwesenheit des Gründers als „Hindernis für jede Entwicklung und möglicherweise für jede ernsthafte Kontrolle der Aktivitäten“ bezeichnete.Dominique Rey: Brief an die Mitglieder und Familien der mit Points-Cœur verbundenen Vereinigungen, Toulon, 29. September 2014.
Am 5. Mai 2015 bestätigte das kirchliche Berufungsgericht des Erzbistums Montpellier die Verurteilung in vollem Umfang und erhöhte die Entschädigungssumme auf 80.000 Euro. Laut dem Kommuniqué des Collectif Appel de Lourdes 2013 – der einzigen hierfür gefundenen Quelle – wurde zudem die Kongregation der Diener Jesu und Mariens, deren Oberer de Roucy zur Tatzeit gewesen war, zur Zahlung weiterer 15.000 Euro an das Opfer verurteilt.
Anfang 2016 forderte Rey de Roucy auf, in sein Inkardinationsbistum Fréjus-Toulon zurückzukehren. Da de Roucy dies verweigerte, verhängte Rey im Februar 2016 die Suspension a divinis wegen Ungehorsams, was de Roucy das Recht entzog, Sakramente zu spenden oder öffentlich die Messe zu feiern. In einem Droit de réponse im Courrier picard vom 24. März 2016 bezeichnete de Roucy die Vorwürfe als „Verleumdungskampagne“ und erklärte, er sei von der zivilen Justiz seines Landes „weder verurteilt noch angeklagt worden“.
Am 22. Juni 2018 wurde de Roucy auf Antrag von Bischof Rey durch die Kongregation für den Klerus laisiert, womit ihm jegliche priesterliche Tätigkeit dauerhaft untersagt wurde. Da er die zugesprochene Entschädigung nicht gezahlt hatte, riskierte er zudem eine Exkommunikation. Nach eigenen Angaben sei er zahlungsunfähig gewesen. Im November 2018 wurde ihm die Légion d’honneur aberkannt. Points Cœur entfernte nach der Laisierung alle Verweise auf den Gründer von der Website.
Im Jahr 2019 entstand eine Kontroverse, nachdem Berichte über eine mögliche Zweckentfremdung von Spendengeldern für das International Center for a Culture of Compassion (ICCC) in Woodbourne, New York, erschienen waren, das de Roucy zeitweise bewohnt hatte. Die Gemeinschaft wies diese Vorwürfe zurück.
Über den weiteren Verbleib de Roucys gibt es seit 2019 keine öffentlichen Informationen mehr.
Auflösung von Points Cœur Im Jahr 2017 löste der zuständige Bischof die Priesterbruderschaft Molokai auf; die Bruderschaft legte Berufung ein, die von der Kongregation für das geweihte Leben im Mai 2018 abgewiesen wurde. Im März 2020 erließ Bischof Rey das Dekret zur Auflösung der Schwesterngemeinschaft der Dienerinnen der Gegenwart Gottes, nachdem sich deren Mitgliederzahl auf eine Person reduziert hatte. Daraufhin beschloss die geistliche Dachgemeinschaft Points Cœur im April 2020 mit einer Dreiviertelmehrheit in einer außerordentlichen Generalversammlung ihre eigene Auflösung. Seit April 2020 besteht Points Cœur ausschließlich als zivilrechtlicher Verein ohne kanonische Anerkennung.
Literatur
Einzelnachweise
Kategorie:Römisch-katholischer Geistlicher (20. Jahrhundert) Kategorie:Römisch-katholischer Geistlicher (21. Jahrhundert) Kategorie:Person (sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche) Kategorie:Verurteilte Person (sexueller Missbrauch) Kategorie:Franzose Kategorie:Geboren 1957 Kategorie:Mann