Karimunnesa Khanam Chaudhurani (; * April 1855 in Pairaband im heutigen Distrikt Rangpur; † 6. September 1926 in Kalkutta) war eine bengalische Dichterin und eine der frühesten Wegbereiterinnen muslimischer Frauenbildung in Bengalen. Sie ist die ältere Schwester der Schriftstellerin Rokeya Sakhawat Hussain, der sie die Grundlagen des Bengalischen vermittelte und die ihr den zweiten Band ihrer Essaysammlung Motichur widmete.Elora Shehabuddin: Sisters in the Mirror. A History of Muslim Women and the Global Politics of Feminism. University of California Press, Berkeley 2021, ISBN 978-0-520-97464-7, S. 132–135.

Leben Karimunnesa Khanam wuchs in Pairaband in der Zamindar-Familie des Maulvi Zahiruddin Mohammad Abu Ali Saber auf. In ihrer Kindheit erhielt sie Unterricht im Arabischen, soweit es für die Rezitation des Korans erforderlich war. Das Persische und das Bengalische eignete sie sich eigenständig an, indem sie dem Unterricht ihrer jüngeren Brüder folgte und bengalische Schriftzeichen in den Boden zeichnete. Ihr Vater duldete diese Lektüre zunächst, beendete sie aber unter dem Druck des dörflichen Umfelds.Mohammad A. Quayum (Hrsg.): The Essential Rokeya. Selected Works of Rokeya Sakhawat Hossain (1880–1932). Brill, Leiden 2013, ISBN 978-90-04-25585-2, S. 133–135.

1869 wurde sie im Alter von 14 Jahren mit Abdul Hakim Khan Ghaznavi aus der in Delduar ansässigen Zamindar-Familie der Ghaznavi verheiratet. Im Schwiegerhaus vertiefte sie, von ihrem Ehemann und dessen Familie ermutigt, ihre Kenntnisse des Bengalischen. Neun Jahre nach der Eheschließung starb ihr Mann und hinterließ sie mit zwei Söhnen. Um ihnen eine moderne Ausbildung zu ermöglichen, zog sie nach Kalkutta. Den älteren Sohn Abdul Karim Ghaznavi schickte sie gegen erhebliche Widerstände nach England, später auch nach Frankreich und Italien. Der jüngere, Abdul Halim Ghaznavi, besuchte das St. Xavier’s College (Kalkutta) und trat später als einer der führenden muslimischen Unterstützer der Swadeshi-Bewegung in Bengalen hervor.

Auch während ihrer Witwenzeit setzte Karimunnesa neben der Verwaltung des Familienbesitzes das Selbststudium fort, neben dem Bengalischen im Persischen, Arabischen und Englischen. Mit 67 Jahren nahm sie das Arabische systematisch wieder auf, um den Koran verstehen und nicht nur rezitieren zu können. Sie starb am 6. September 1926 im Alter von einundsiebzig Jahren an einem Herzinfarkt.

Wirken Für Rokeya war Karimunnesa die entscheidende Vermittlerin des Bengalischen. Rokeya hielt in der Widmung des zweiten Bandes ihrer Essaysammlung Motichur fest, dass sie ihr das Erlernen und Bewahren der Sprache gegen die Feindseligkeit der Umgebung und während ihrer eigenen 14 Jahre in Bhagalpur verdanke. Damit steht Karimunnesa neben Nawab Faizunnesa als eine der wenigen identifizierbaren Vorläuferinnen Rokeyas in der muslimischen Frauenbildung Bengalens.Sonia Nishat Amin: The World of Muslim Women in Colonial Bengal, 1876–1939. Brill, Leiden 1996, ISBN 978-90-04-10642-0, S. 219.

Ihr lyrisches Werk ist durch zwei handschriftliche Bände bezeugt, die zuletzt im Besitz eines Neffen nachgewiesen und heute verschollen sind. Der erste, Dukhsatarangini (Strom des Leids, 118 Seiten), entstand zwischen 1878 und 1881 und steht zeitlich unmittelbar neben dem Tod ihres Ehemanns. Der zweite, Manasbikash (Entfaltung des Geistes), versammelt Gedichte der Jahre 1881 bis 1901. Nazirul Islam Muhammad Sufian konnte die Bände für seine Literaturgeschichte Bangla Sahityer Natun Itihas (Dhaka 1950) noch einsehen und beschrieb die Gedichte als überwiegend an Gott und den verstorbenen Ehemann gerichtet, in gepflegtem Bengalisch und mit Einflüssen des puthi-Stils.

Nach Angaben von Rokeya veröffentlichte Karimunnesa gelegentlich Prosa unter Pseudonym. Um 1923/24 veröffentlichte sie auf Drängen der Schwester auch einige Gedichte als „Eine Tochter der Familie Saber“ in einer Zeitung.

Karimunnesa unterstützte darüber hinaus die 1886 gegründete Zeitschrift Ahmadi, die für die hindu-muslimische Verständigung eintrat. Der Schriftsteller Mir Mosharraf Hossain, bis 1894 Verwalter des Familienbesitzes, gestaltete in seinem Roman Gazi Miar Bostani (1899) eine gebildete aristokratische Muslimin nach ihrem Vorbild.

Literatur Sonia Nishat Amin: The World of Muslim Women in Colonial Bengal, 1876–1939. Brill, Leiden 1996. ISBN 978-90-04-10642-0. S. 14f.; 219; 233; 280 Fayeza Hasanat: Arts: Women as Writers: Bengal: 19th century to early 20th century. In: Suad Joseph (Hrsg.): Encyclopedia of Women & Islamic Cultures Online, Brill 2017. Shahanara Husain: Karimunnessa Khanam Chaudhurani: A Notable Bengali Muslim Lady of the 19th Century. In: Rajshahi University Studies, Band 9 (1978) und Band 10 (1979). Mohammad Quayum (Hrsg.): The Essential Rokeya: Selected Works of Rokeya Sakhawat Hossain (1880–1932). Brill, Leiden 2013. ISBN 978-90-04-25585-2. S. 133–135 Majeda Saber: Rokeyar purbasuri Karimunnessa. In: Dinkal samayiki, 8. Dezember 1994. Muhammad Abdus Salam: Karimunnesa Khanam (1855–1926): A Forgotten Muslim Lady Poet of 19th Century Bengal. In: Itihas Prabandhamala, Februar 2010. Elora Shehabuddin: Sisters in the Mirror: A History of Muslim Women and the Global Politics of Feminism. University of California Press, 2021. ISBN 978-0-520-97464-7. S. 132–135

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