Nabo (Untertitel Der Neger, der die Engel warten ließ, Originaltitel: Nabo. El negro que hizo esperar a los angeles) ist eine erstmals 1951 in El EspectadorGabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 159. veröffentlichte Kurzgeschichte des kolumbianischen Literatur-Nobelpreisträgers Gabriel García Márquez und eine Episode in seinem Erzählband Ojos de perro azul.
Kurzbeschreibung Beim Kämmen eines Pferdes wird der Pferdebursche Nabo von einem Huf getroffen und durch die Verletzung geistig schwer geschädigt. Nachdem man ihn gefunden hat, sperrt man ihn isoliert ein, fesselt ihm anfangs Hände und Füße an einen Balken, behandelt ihn wie ein Tier und lässt ihn 15 Jahre lang verkommen. Parallel dazu erlebt Nabo eine andere Wirklichkeit, in der er in einem Stall erwacht und ein Mann ihm wiederholt sagt, man erwarte ihn im Chor. Mit Unterstützung des Mannes – und in der Realität – bricht Nabo schließlich aus, zieht zerstörerisch zum Pferdestall, wo er den Kamm suchen will, fällt dort ins Innere und bricht im Todeskampf zusammen.
Inhalt Der schwarze Pferdebursche Nabo hat zwei Leidenschaften: die Pferde und die Musik. „Es war das einzige, was er nach dem Pferdestriegeln tat: den Neger sehen“, Saxophonist in einer Kapelle, den Nabo bewundert, so sehr, dass Nabo auch nach dessen Ausscheiden aus der Kapelle eine Zeitlang auf dessen Wiederkehr hofft: „Nabo ging dennoch zwei oder drei Wochen auf den Platz, obwohl der Neger nicht mehr in der Kapelle spielte.“ Die andere Leidenschaft, die Pferde, stoßen den gerne singenden Nabo ins Verderben an dem Tag, „an dem er dem Pferd den Schweif gekämmt hatte und fürs ganze Leben verblödet worden war“, weil ihn ein Hufschlag an der Stirn traf. Als man den weinenden Nabo findet, bemerkt man „die kalten toten Augen“, und „der mit grünem Schaum bedeckte Mund“ redet viel, erst „fieberheiß, irreredend“, dann fieberfrei: Nabo „redete einfach weiter, bis wir ihm ein Taschentuch in den Mund stopften.“ Der Umgang mit dem durch den Pferdeunfall Behinderten ist rau: „Wir hatten ihn eingesperrt, als sei er ein Pferd, als hätte der Schlag des Hufs ihm dessen Unbeholfenheit eingeimpft und ihm die ganze Sturheit der Pferde in die Stirn gegraben: die Vertiertheit. Und wir isolierten ihn in vier eigenen Wänden, als hätten wir beschlossen, ihn hinter Schloß und Riegel sterben zu lassen, weil wir nicht kaltblütig genug waren, ihn auf andere Weise zu töten.“ Anfangs sind Nabos „Füße und seine Hände […] an einem Stützbalken angebunden. Gefesselt begann Nabo zu singen.“
Nabo aber hat eine andere Wirklichkeit. Die Erzählung beginnt damit, dass er in einem vermeintlichen Stall aufwacht, in der Nähe ein Mann, dessen Aussehen Nabo später mit dem des Saxophonisten gleichsetzt. „Du schläfst seit gut drei Tagen“, sagt der Mann und entgegnet auf Nabos Sorge um die Pferde: „Aber die Pferde sind nicht mehr da, und wir erwarten dich im Chor.“ Die Pferde seien nicht von Interesse: „Uns interessiert nur, eine Stimme wie deine mitzubringen.“ Immer wieder döst Nabo aus dieser Alternativ-Wirklichkeit weg, immer wieder ist beim vermeintlichen Aufwachen der Mann bei ihm. Mal sagt er: „Wir erwarten dich, Nabo. Du hast fast zwei Jahre lang geschlafen und willst immer noch nicht aufstehen.“ Ein andern Mal: „Wir erwarten dich, Nabo. Wir können schon nicht mehr nachrechnen, wie lange du geschlafen hast.“ Der Mann gesteht, dass der Hufschlag erwünscht gewesen sei: „Wir wollten es so, damit du bei uns im Chor singst.“ Doch Nabo geht auf das Engagement noch nicht ein, will erst den Kamm finden, mit dem er das ausschlagende Pferd gestriegelt hatte. „Wenn du erst zum Chor kommen kannst, nachdem du den Kamm gefunden hast, dann suche ihn eben [...] Los, Nabo. Ich werde dafür sorgen, daß dich keiner davon abhält.“
Nach 15 Jahren Isolation bricht sich somit „die entfesselte schwarze Gewalt“ Bahn: Nabo bricht aus seiner Isolation aus, „und der riesige vertierte Neger mit der tiefen rauhen Narbe auf der Stirn […] kam heraus [...], hob drohend die Fäuste, an denen noch die Stricke hingen, mit denen man ihn vor fünfzehn Jahren festgebunden hatte – als er ein Negerbursche war, der die Pferde pflegte.“ Auf seinem Weg zum Pferdestall, wo Nabo den Kamm vermutet, lässt Nabo „Verwüstung hinter sich […], Verhängnis und Wirrsal“, bis er schließlich „an die Türen des Pferdestalls gelangte“ und „drinnen aufs Gesicht fiel, vielleicht im Todeskampf“. Textanalyse Die Erzählperspektive in der Kurzgeschichte Nabo „wechselt zwischen einer Erzählung in der dritten Person aus Nabos Sicht und einer Erzählung in der ersten Person Plural aus der Sicht eines Familienmitglieds, für das er gearbeitet hat.“„shifts between a third person narration from Nabo’s point of view and a first person plural narration from the point of view of someone in the family for whom he worked“ – Mariajosé Rodríguez-Pliego: García Márquez’s early short stories. In: Mariajosé Rodríguez-Pliego: Reading Faulkner south of the South. The Latin American boom’s roots and legacy. Wellesley College, Wellesley MA 2016. S. 32–45. Hier S. 43. (pdf). Der Ort der Handlung wird nicht genannt, zeitlich ist die Handlung auf jeden Fall nach der Erfindung des mehrfach erwähnten Grammophons zu verorten.
Themen Gabriel García Márquez‘ Nabo legt „einen Fokus auf Rasse und Musik in Kolumbien“„a focus on race and music in Colombia“ – Rodríguez-Pliego, García Márquez’s early short stories, S. 34. und ist damit laut der Literaturwissenschaftlerin Mariajosé Rodríguez-Pliego (Northwestern University) seine „erste Kurzgeschichte, die sich mit Rassen- und Klassenunterschieden auseinandersetzt“.„first short story to address race and class differences“ – Rodríguez-Pliego, García Márquez’s early short stories, S. 43. Neben Entmenschlichung und Ausgrenzung der Titelfigur ist dessen erst geistiger, dann wohl auch körperlicher Tod Thema der Erzählung:„‚Nabo el negro que hizo esperar a los ángeles‘ presents yet another approach to a protagonist’s death. It is Faulknerian in its interest in race and place, as well as in its use of non-linear time“ – Rodríguez-Pliego, García Márquez’s early short stories, S. 43. Nabo weiß nichts von den Folgen des Hufschlags, nichts von seinem geistigen Tod, und „so wiederholt sich der Tod in ihm, ereignet sich in seinem Leben, das er selbst nicht als Leben erkennt“, so die Romanistin Paola Cadena Pardo (University of Cincinnati).„Así, la muerte de Nabo no se sabe muerta y el personaje tampoco está ahí como ente de la representación, como conocedor e intérprete de su concepto; de este modo, la muerte se repite en él, acontece dentro de su vida que tampoco se sabe a sí misma como vida“ – Paola Cadena Pardo: Ojos de perro Azul. La muerte como mecanismo de lo poético a partir de la repetición deleuzina. In: Hipertexto, Jg. 20, Verano, 2014, , S. 64–75. Hier S. 69. (pdf). Figuren (Auswahl) Nabo: Nabo, der seine eigene Entwicklung vom „Negerjungen“ zum Jüngling oder sogar Erwachsenen mit einer „grauen glänzenden Haut“ nicht mitbekommen hat, wirkt körperlich gezeichnet und narbig, geistig traumatisiert und in einer regressiven, teils halluzinatorischen Wirklichkeit gefangen.
Der Mann: Mit einer „kalten beharrlichen Stimme“ will der Mann (oder Engel) Nabo in den im Untertitel der Kurzgeschichte erwähnten Engelschor holen. Er, dessen „Gesicht von geduldigem Hochmut verdunkelt“ ist, erscheint als kontrollierende Figur mit manipulativer Absicht.
Literatur Adelaida López Mejía: Los personajes afrodescendientes en “Nabo, el negro que hizo esperar a los ángeles”. In: Estudios de Literatura Colombiana, Nr. 37, Julio-Diciembre, 2015, , S. 15–27. (pdf) Donald McGrady: Nabo. In: Thesaurus. Jg. 27, Nr. 2, 1972, S. 305–310. (pdf) Liisi Niisuke: Nabo, el negro que hizo esperar a los ángeles (1951). In: Liisi Niisuke: Gabriel García Márquez y el tema del amor en sus cuentos. (Tesina de grado.) Tartu Ülikool, Tartu 2013. S. 13–14 (pdf) Disfing Ohoud Armel Yapi: La africanidad desde la perspectiva del realismo mágico en la narrativa de Gabriel García Márquez. Caso de „Nabo, el negro que hizo esperar a los ángeles“. In: Jao Jean-Arsène, Victorien Lavou Zoungbo, Luis Mancha San Esteban (Hrsg.): Áfricas, Europas, Américas, Caribes, Asias. Reescritura-s de Africa dans le Tout-Monde (siglos XX–XXI). Universidad de Alcalá, Alcalá de Henares 2022. ISBN 978-84-18979-31-6. S. 339–352.
Deutschsprachige Textausgaben (Auswahl) Nabo. In: Gabriel García Márquez: Die Erzählungen. Aus dem kolumbianischen Spanisch von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1990. ISBN 3-462-02054-4. S. 77–87. Nabo. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 113–128. Nabo. In: Gabriel García Márquez: Das Leichenbegräbnis der Großen Mama und andere Erzählungen. Herausgegeben, aus dem Spanischen übersetzt und mit einem Nachwort von Curt Meyer-Clason. Kiepenheuer und Witsch, Köln 1974. ISBN 3-462-01001-8. S. 9–20.
Weblinks Volltext des Einzelwerks, originalsprachig Volltext des übergeordneten Werks Ojos de perro azul, deutschsprachig
Einzelnachweise Gabriel García Márquez: Nabo. In: Gabriel García Márquez: Augen eines blauen Hundes. Frühe Erzählungen. (= KiWi, Band 26.) Kiepenheuer und Witsch, Köln 1982. ISBN 3-462-01554-0. S. 113–128.
Kategorie:Literarisches Werk Kategorie:Literatur (20. Jahrhundert) Kategorie:Literatur (Spanisch) Kategorie:Erzählung Kategorie:Werk von Gabriel García Márquez Kategorie:Kolumbianische Literatur