Verónica Gago (* 1976 in Chivilcoy) ist eine argentinische Politikwissenschaftlerin, Geschlechterforscherin und feministische Aktivistin. Sie erforscht vor allem soziale Bewegungen und wie diese sozialen Wandel anstoßen können.

Werdegang Gago absolvierte an der Universidad de Buenos Aires ein Studium in Politikwissenschaft, welches sie im Jahr 2000 abschloss. Danach engagierte sie sich im Colectivo Situaciones, einem Zusammenschluss von Aktivisten, die mit sozialen Bewegungen zusammenarbeiten, um mit ihnen gemeinsam Aktionsforschung zu betreiben. Darüber hinaus wurde sie 2004 Teil des Verlagskollektivs Tinta Limón (Deutsch: „Zitronentinte“), welches vor allem Bücher über Feminismus und Politik in Lateinamerika publiziert. Von 2006 bis 2011 war sie vom Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas (CONICET) geförderte Doktorandin an der Universidad de Buenos Aires, wo sie ihren PhD in Sozialwissenschaften erhielt. Anschließend war sie an derselben Universität Professorin für internationale Ökonomie. 2015 wechselte sie zum Institut für interdisziplinäre Geschlechterforschung der Universidad de Buenos Aires, bevor sie 2016 die Professur für Kritische Theorie und Geschlechterforschung an der Universidad Nacional de San Martín übernahm. Im selben Jahr wurde sie auch Co-Direktorin des Consejo Latinoamericano de Ciencias Sociales (CLACSO), einer Organisation, die die Sozialwissenschaften in Lateinamerika fördern will. Heute lehrt Gago sowohl an der Universidad de Buenos Aires als auch an der Universidad Nacional de San Martín.

Forschung In ihrem 2014 veröffentlichten Buch La razón neoliberal analysiert Gago den Neoliberalismus in Lateinamerika. Hierbei unterscheidet sie zwischen einem Neoliberalismus von oben und einem Neoliberalismus von unten. Während Ersterer sich vor allem in der Politik von Staaten widerspiegele und vom internationalen Finanzwesen sowie multinationalen Konzernen vorangetrieben werde, betreffe Letzterer die Menschen in ihrer eigenen Subjektivität. Diese gründe zunehmend auf individuellen Freiheitsidealen sowie marktwirtschaftlich orientierten Kalkül und Rationalität.

Des Weiteren beschäftigt sich Gago mit Care-Arbeit und feministischer Ökonomie. So analysiert sie in ihrem Buch La potencia feminista (2019), das Potenzial feministischer Streiks für revolutionäre Umwälzungen patriarchaler Strukturen. Ihr zufolge erhält der Kapitalismus sich selbst durch einen ungezügelten Extraktivismus und die Ausbeutung von Frauen sowie deren Körpern. Hierbei spricht sie von einem „Krieg gegen Frauen und feminisierte Körper“. Da sich dieser Krieg vor allem gegen arme und indigene Frauen richte, seien lateinamerikanische Feminismen gleichzeitig auch immer antikolonialistisch. Gago plädiert außerdem dafür, nicht wie bei marxistischen Überlegungen üblich vor allem die Sphäre der Produktion zu betrachten, sondern sich stattdessen der Reproduktion zu widmen. Denn Letztere ermögliche nicht nur den Fortbestand des kapitalistischen Systems, sondern auch den Widerstand dagegen. In diesem Zusammenhang beschäftigt sich Gago insbesondere mit den Piquiteras, den Frauen, die an den Streiks und den Straßenblockaden als Reaktion auf die argentinische Wirtschaftskrise 2001 teilnahmen. Gago zufolge liegt die Haupterrungenschaft der Piquetero-Bewegung darin, Reproduktionsarbeit, beispielsweise das Kochen von Mahlzeiten oder die Betreuung von Kindern, auch auf den Straßenbarrikaden ausgeübt und so aus dem Privaten in die Öffentlichkeit getragen zu haben. So sei die gängige Überzeugung, dass nur entlohnte Arbeit auch produktiv sei, grundsätzlich infrage gestellt worden. Feministische Streiks haben laut Gago den Vorteil, dass sie Unterdrückungsverhältnisse gleichzeitig sichtbar machen und anprangern können. Diesen Mechanismus könne man auch bei Ni una menos, einer sozialen Bewegung, die sich gegen Femizide richtet, beobachten.

Im ebenfalls 2019 veröffentlichten Buch Una lectura feminista de la deuda, welches Gago gemeinsam mit Luci Cavallero verfasste, plädieren die beiden Autorinnen für einen feministisch orientierten Perspektivwechsel beim Thema Schulden. Sie betrachten Schulden als Machtinstrument, mit dem sich ökonomische Autonomie, insbesondere von Angehörigen marginalisierter Gruppen, einschränken lässt. So seien Schulden beispielsweise einer der Gründe, weshalb Frauen Beziehungen, in denen sie sexualisierte Gewalt erleben, nicht beenden (können). Gago und Cavallero kritisieren zudem die Praxis, dass der argentinische Staat Frauen ohne Erwerbsarbeit Kredite gewährt, um die Kinderbetreuung zu gewährleisten. So gebe der Staat seine Staatsverschuldung zunehmend an vulnerable Privatpersonen weiter, anstatt in öffentliche Infrastrukturen zu investieren und Frauen ein existenzsicherndes Erwerbseinkommen zu ermöglichen.

Aktivismus Verónica Gago engagiert sich bei Ni una menos. Die feministische Bewegung erstarkte im Jahr 2016 in Argentinien, Gago ist seitdem an der Organisation einer Reihe von feministischen Streiks beteiligt gewesen. Als ihre persönlichen Vorbilder gibt sie Rita Segato, Raquel Gutiérrez und Silvia Federici an.

Schriften (Auswahl) La razón neoliberal. Economías barrocas y pragmática popular. Tinta Limón, Buenos Aires 2014, ISBN 978-987-3687-03-7 (spanisch; online). Englisch: Neoliberalism from Below: Popular Pragmatics and Baroque Economies. Übersetzt von Liz Mason-Deese. Duke, Durham 2017, ISBN 978-0-8223-6883-0. La potencia feminista. O el deseo de cambiarlo todo. Tinta Limón, Buenos Aires 2019, ISBN 978-987-3687-55-6 (spanisch; online). Englisch: Feminist International: How to Change Everything. Übersetzt von Liz Mason-Deese. Verso, London/New York 2020, ISBN 978-1-78873-968-9 (online). Deutsch: Für eine feministische Internationale. Wie wir alles verändern. Aus dem Englischen übersetzt von Katja Rameil. Unrast, Münster 2021, ISBN 978-3-89771-335-2. mit Luci Cavallero: Una lectura feminista de la deuda ¡Vivas, libres y desendeudadas nos queremos! Tinta Limón, Buenos Aires 2021, ISBN 978-987-3687-73-0 (spanisch; online). Englisch: A Feminist Reading of Debt. Übersetzt von Liz Mason-Deese. Pluto, London 2021, ISBN 978-0-7453-4172-9. mit Yayo Herrero: Eco-feminismos. La sostenibilidad de la vida. Icaria, Barcelona 2023, ISBN 978-84-18826-94-8 (spanisch).

Weblinks Episode des CLACSO-Podcasts mit Verónica Gago zu staatlichem Antifeminismus (spanisch).

Einzelnachweise

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