Die Fußabdrücke von Happisburgh (Englisch Happisburgh footprints) sind die bisher ältesten menschlichen Fußspuren, die außerhalb Afrikas gefunden wurden. Sie wurden im Jahr 2013 bei Happisburgh in Norfolk entdeckt und besitzen ein Alter von 850.000 bis 950.000 Jahre vor heute.
Entdeckung mini|hochkant=1.6|Die freigelegten Fußabdrücke im Gebiet A – oben Blick nach Norden, unten Blick nach Süden
Die Fußabdrücke wurden im Mai 2013 von Nicholas Ashton (Kurator am British Museum) und von Martin Bates (Student an der University of Wales Trinity Saint David in Wales) entdeckt. Die beiden führten im Zusammenhang mit dem Forschungsprojekt Pathways to Ancient Britain (abgekürzt PAB) Untersuchungen an der Küste Norfolks durch.
Die Fußabdrücke fanden sich bei Ebbe am Strand bei Happisburgh. Das sie enthaltende Sediment war teilweise noch von frischem Sand bedeckt. Es entstammte einem ehemaligen Ästuarbereich eines seit langer Zeit verschwundenen Flusslaufes (hierbei dürfte es sich um die Themse gehandelt haben, welche damals ihren Lauf nach Nordosten verlegt hatte und nicht wie heute in den Ärmelkanal entwässerte. Kurz vor ihrer Einmündung in die Nordsee nahm sie noch den von links kommenden River Bytham auf.) Später wurde das Sediment von Sand eingebettet – wodurch die Sedimentoberfläche präserviert wurde.
Das Sedimentpaket liegt zwar unterhalb eines Kliffs, jedoch wurden bei Sturmlagen die beschützenden Sandlagen weggewaschen, so dass das Sediment mit den Fußspuren schließlich frei lag. Stratigraphisch gehören die in Frage kommenden Sedimente zum Cromer Forest Bed.
Einführung Dass menschliche Fußabdrücke im Sediment konserviert werden, kommt nur sehr selten vor. In der Abwesenheit von Knochenresten können sie dennoch wertvolle Anhaltspunkte über Bipedalismus, Haltung, Gangart und Größe der Beteiligten liefern. Bei mehreren Abdrücken ist es möglich, die Zahl der infrage kommenden Individuen zu bestimmen, aber darüber hinaus auch ihre Geschlechtszugehörigkeit und die Alterspanne der jeweiligen Gruppe.
Vorkommen Die ältesten erhaltenen menschlichen Fußabdrücke kommen aus Laetoli in Tansania und wurden in vulkanischer Asche hinterlassen. Sie beweisen, dass Australopithecus afarensis vor 3,6 Millionen Jahren bereits aufrecht auf zwei Beinen ging.
Aus dem Frühpleistozän (um zirka 1,5 Millionen Jahre vor heute) sind zwei Fundstätten von Fußspuren bekannt. Sie liegen östlich des Turkana-Sees in Kenia, die Fußspuren wurden von Homo erectus, möglicherweise auch von Paranthropus boisei verursacht. Die erste Fundstätte befindet sich in Sedimenten der Koobi-Fora-Formation. Zusammen mit den menschlichen Abdrücken finden sich hier auch andere Tierabdrücke wie beispielsweise Flusspferd. An der zweiten Fundstätte Ileret 70 Kilometer weiter nördlich sind die Spuren von sechs Individuen zu sehen. Die Fußabdrücke bewahren anatomische Details, die eine vorwärts orientierte Große Zehe und ein deutlich entwickeltes Längsgewölbe erkennen lassen. Die Fußspuren sind größer als in Laetoli und legen nahe, dass Menschen um 1,5 Millionen Jahren vor heute bereits einen modern anmutenden Gang bei vergleichsweise ähnlicher Statur entwickelt hatten.
Fußabdrücke aus dem Mittleren und Oberen Pleistozän sind genauso selten. In der Umgebung des Roccamonfina-Vulkans in Süditalien haben sich drei menschliche Fußabdrücke – die Ciampate del Diavolo – in zirka 350.000 Jahre alten vulkanischen Tuffen erhalten, welche über Gang und Schrittlänge in steilem Gelände Auskunft erteilen.
In Südafrika datieren die Fundstätten Langebaan und Nahoon mit zirka 125.000 Jahren ins letzte Interglazial (Eemium). Bei beiden Fällen haben sich die Fußabdrücke in kalkhaltigen Äolianiten erhalten und geben Aufschluss über Körpergröße und Statur – zu einem kritischen Zeitpunkt, als anatomisch moderne Menschen erstmals in Erscheinung traten. Der einzige erhaltene Fußabdruck von späten Neandertalern stammt aus kalkhaltigem Schlamm der Vărtop-Höhle in Rumänien und wird auf 97.000 bis 62.000 Jahre vor heute datiert.
Geologischer Hintergrund Die Früh- bis Mittelpleistozänabfolge in East Anglia wird durch ästuarine, fluviatile und alluviale Sedimente der Cromer Forest-bed Formation (CF-bF) gekennzeichnet, welche sich am Rande des Crag Basins mit strandnahen marinen Sedimenten verzahnen. Diese Abfolge besitzt ein Alter von 2,0 bis 0,5 Millionen Jahre vor heute. Sie wird anschließend von glazialen Sedimenten überlagert – darunter Geschiebemergel der Lowestoft-Formation und der Happisburgh-Glacigenic-Formation, die mit zirka 450.000 Jahren vor heute ins MIS 12 datiert werden.
In der Cromer Forest-bed Formation sind ferner mehrere bedeutende interglaziale Fundstätten enthalten, welche für ihre Fossilien des Früh- und Mittelpleistozäns bekannt sind. Erst vor kurzem wurden in Schichten des Altpaläolithikums auch archäologische Überreste aufgefunden – insbesondere in Pakefield in Suffolk (datiert auf 700.000 bis 750.000 Jahre vor heute – MIS 15) und im Happisburgh Site 3 (HSB3), der ein Alter von 850.000 bis möglicherweise 950.000 Jahre vor heute aufweist. Hierdurch wurde die menschliche Besiedlungsgeschichte Nordeuropas um mindest 350.000 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Gleichzeitig konnten wertvolle Einblicke in die Umweltbedingungen der menschlichen Besiedlung nördlicher Breiten gewonnen werden.
Die Fußabdrücke liegen innerhalb des Hill House Members der Cromer Forest Bed Formation. Sedimentologisch handelt es sich hier um graue bis dunkelgraue, laminierte Sand-, Silt- und Tonsteine. Die Sedimentoberflächen sind gewöhnlich flach bis leicht gewellt und können kleine Rippeln bilden. Palynologisch verweisen die Laminite auf eine interglaziale Vegetationsabfolge, die von R. G. West (1980) ins Frühpleistozän gestellt worden war.
An der Fundstätte HSB3 verfüllen die Laminite Rinnen, die an ihrer Basis bis zu 20 Zentimeter an Geröllrückstand enthalten. Aus den Geröllen konnten Artefakten geborgen werden, darunter insgesamt 80 Feuersteinabschläge, Abschlagswerkzeuge und Kerne, die alle einen erstaunlich frischen Erhaltungszustand aufwiesen.
Beschreibung mini|hochkant=1.6|Lageplan der Fundstätte
Auf einer Fläche von nahezu 40 Quadratmeter wurden an die fünfzig Fußabdrücke gefunden. Davon waren 12 nahezu vollständig erhalten und zwei zeigten Details von Zehen. Als Verursacher konnten 5 Individuen ausgemacht werden – Erwachsene und auch Kinder. Die Fußabdrücke waren zwischen 14 und 26 Zentimeter lang und zwischen 3 und 15 Zentimeter breit. Es kann somit auf eine Größe der Individuen zwischen 80 und 172 Zentimeter rückgeschlossen werden. Als Verursacher wurde Homo antecessor vorgeschlagen, welcher vor 800.000 Jahren in der Sierra de Atapuerca im Norden Spaniens lebte. Durchaus mögliche Verursacher sind auch Homo heidelbergensis und Homo neanderthalensis.
In Happisburgh wurden jedoch außer den Fußspuren bisher noch keine homininen Überreste aufgefunden. Eine spätere Untersuchung der Fußspuren im Jahr 2020 ergab, dass sie den Homo-erectus-Spuren aus Ileret in Kenia durchaus ähnelten.
Eine Auswertung ergab, dass die Gruppe von fünf Individuen im Schlick gen Süden gewandert waren – stromaufwärts im bereits angesprochenen Ästuar der damaligen Themse. Archäologen sind der spekulativen Ansicht, dass die Gruppe auf Nahrungssuche war und nach Wattwürmern, Muscheln, Krabben und Seetang Ausschau hielt. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Gruppe auf einer schützenden Insel im Ästuar lebte und dann bei Ebbe zum Ufer des Festlands hinübersetzte.
Fehlgeschlagene Konservierung mini|hochkant=1.6|Die Fußabdrücke vor ihrer Zerstörung – Blickrichtung nach Nordosten
Das Sediment mit den Fußabdrücken lag unterhalb des Tidenhochwasserstandes. Aufgrund seiner Weichheit wurde es von den Gezeiten stark angegriffen. Bereits nach nur zwei Wochen waren die Fußabdrücke zerstört.
Es war nicht möglich, die Fußabdrücke zu erhalten. Trotz intensiver Arbeit bei Ebbe – und oft bei strömenden Regen – gelang es wegen der andauernden Wasserbedeckung nicht, eine vollständige, dreidimensionale Photogrammetrie zu erstellen. Dennoch konnte Isabelle De Groote von der Liverpool John Moores University die Vertiefungen im Sediment eindeutig als menschliche Fußabdrücke identifizieren.
Paläogeographie mini|hochkant=1.6|Lage des Fundorts vor zirka 800.000 Jahren vor heute
Zur Zeit der Hominine von Happisburgh bestand noch eine Landbrücke zwischen den Britischen Inseln und Frankreich. Der Ärmelkanal war erstmals ab 450.000 Jahren vor heute in Erscheinung getreten. Die Deviation der Themse wurde bereits eingangs erwähnt. Die Landschaft eines Großteils des heutigen East Anglias baute sich aus einer Abfolge tonreicher Rücken und Senken auf, welche als East Anglian Crag Basin bekannt sind. Happisburgh selbst befand sich an einem Ästuar 24 Kilometer weiter ins Inland zurückversetzt – im Vergleich zu seiner heutigen Küstenlage.
Paläoenvironment Die Sedimente enthalten eine reichhaltige Flora und Fauna. Als die Fußabdrücke entstanden, lag der Ästuar inmitten einer offenen, grasbewachsenen Talung, umgeben von Kiefernwäldern. Koprolithen von Hyänen enthalten beispielsweise Graspollen. Pollen, Holz- und andere pflanzliche Reste deuten auf eine regionale Vegetationsabfolge von Laubwald hin zu Koniferenwäldern. Lokale Environments können anhand von Insektenresten rekonstruiert werden. Diese lassen eine Schwemmebene erkennen, welche von einem Mosaik aus Graslandschaften, Erlenbeständen, kleinen Tümpeln und Marschen durchsetzt war.
Zugegen waren wahrscheinlich Mammute (beispielsweise Südelefant Mammuthus meridionals), Wollnashörner, Hippopotamus antiquus und Flusspferd (Hippopotamus amphibius), Breitstirnelch (Alces latifrons), Rothirsch (Cervus elaphus), eine ausgestorbene zebraähnliche Pferdeart Equus suessenbornensis und Wisente, die von Säbelzahntigern, Löwen, Wölfen und Streifenhyänen gejagt wurden. Neben dem reichhaltigen Nahrungsangebot an Wildbret und essbaren Pflanzen fand sich unter den Flussgeröllen viel Feuerstein (engl. Flint), der für die damaligen Menschen eine überaus wertvolle Ressource darstellte.
Dass es sich um einen recht tiefen, oberen Ästuarabschnitt eines großen Flusses handelte, wird durch Brackwasseranzeiger sowie Schädelfunde von Europäischen Stören (Acipenser sturio) nahegelegt, welche heutzutage in tiefen Ästuaren laichen.
Der Vegetationsumschwung hin zu Koniferenwäldern lässt darauf schließen, dass der Fundplatz bei Happisburgh als Interglazial anzusehen ist und in einen Zeitabschnitt mit kühlerem Klima fiel. Auch Käferreste sprechen durchaus für diese Annahme. Sie indizieren, dass die damaligen Sommertemperaturen mit rund 17 °C den heutigen Verhältnissen in East Anglia sehr ähnlich waren. Die Wintertemperaturen schwankten zwischen 3 und 0 °C und waren etwas kälter als die jetzigen 4 °C. Ein hierzu analoges Klima findet sich heutzutage im Süden Skandinaviens und in Dänemark. Diese relativ harten klimatischen Bedingungen werfen die Frage auf, wie die Menschen überlebten, wie ihre Behausungen, ihre Kleidung und ihre Wärmequellen (Feuerstellen) beschaffen waren.
Archäologischer Kontext mini|hochkant=1.6|Paläolithischer Faustkeil aus Flint von Happisburgh
Über mehrere Jahre hinweg konnten in Happisburgh bedeutende archäologische Funde gemacht werden. Da die Küste einer ernsthaften