Werner Wilhelm Haase (geboren 2. August 1915 in Berlin-Steglitz; gestorben nach 1971) war ein ehemaliger Major der Wehrmacht, der ab April 1953 für die Organisation Gehlen tätig war, wo er kurz die für militärische Beschaffung zuständige Filiale 120/A leitete. Am 13. November 1953 wurde er nach Ost-Berlin verschleppt, im Dezember 1953 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt und im Dezember 1956 im Rahmen eines Agentenaustauschs freigelassen.
Leben Familiärer Hintergrund und Kriegseinsatz Haase wuchs als Sohn des Diplom-Ingenieurs Hermann HaaseHans Joachim Wefeld: Ingenieure aus Berlin: 300 Jahre technisches Schulwesen. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, Berlin 1988, S. 316. Der Diplomingenieur Hermann Albert Hugo Haase, geboren 1878 in Wesel, starb 1961 in Berlin-Steglitz, vgl. Sterberegister Steglitz von Berlin, Jg. 1961, Nr. 428. und dessen Ehefrau Elfriede geb. BarthMartha Elfriede Haase geb. Barth, geboren 1893 in Köslin, starb 1978 in Berlin-Steglitz, vgl. Sterberegister Steglitz von Berlin, Jg. 1978, Nr. 1815. in gutbürgerlichen Berliner Verhältnissen auf; seine Eltern vermittelten ihm nach eigener Aussage eine „nationale Gesinnung“. Als Achtzehnjähriger trat er als überzeugter Nationalsozialist in die Brigade Ehrhardt ein und wurde dadurch später auch Mitglied der SS. Kurz vor dem Abitur schickte ihn die SS zu einem Erholungsurlaub, den er im Haus des Direktors der Waffen- und Munitionsfabrik Treuenbrietzen („Metallwarenfabrik Treuenbrietzen GmbH“) verbrachte; dabei lernte er dessen Tochter kennen, seine zukünftige Frau. Er legte das Abitur ab und meldete sich als Rekrut zur Wehrmacht. Im März 1935 begann sein Dienst in einem Infanterieregiment in Rastenburg. Seine Offizierausbildung in München und Halle (Saale) war kurz vor Beginn des Zweiten Weltkrieges abgeschlossen. Haase wurde zur 4. Kompanie des Infanterieregiments 162 versetzt, das in Polen, Frankreich und der Sowjetunion eingesetzt wurde. Für seine Rolle bei der Einnahme Warschaus im September 1939 erhielt er das Eiserne Kreuz. Zum Oberleutnant befördert, war er im Stab des Regiments tätig und nahm als Nachrichtenoffizier am Kriegseinsatz in Frankreich teil. Im Frühjahr 1941 führte er seine alte Kompanie und wurde mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse ausgezeichnet. Im August 1942 folgte die Beförderung zum Hauptmann. Für seine Leistungen bei der Verteidigung des Brückenkopfs bei Grusino (Wolchow) wurde ihm das Deutsche Kreuz in Gold verliehen; anschließend wurde sein Truppenteil nach Leningrad verlegt. Im September 1943 wurde Haase zum Major befördert und zum Bataillonskommandeur ernannt. Haase erlitt 1944 bei Ausweichgefechten in Lettland eine schwere Verwundung. Knapp entging er der sowjetischen Kriegsgefangenschaft und kam in ein Lazarett in einem südbrandenburgischen Ort, in dem auch seine Frau mit den Kindern lebte. Die Familie floh vor der vorrückenden Roten Armee nach Schleswig-Holstein. Von Mai bis August 1945 war Haase dort in englischer Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung kehrte die Familie 1946 nach Berlin zurück, wo Haases Eltern lebten.Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland, Berlin 2016, S. 107 und 297 f.; Urteilsbegründung im Schauprozesses gegen Werner Haase und Weitere wegen Spionage für die Organisation Gehlen
Tätigkeit in der Organisation Gehlen Haases Vater leitete die Technische Privatschule von Barth in Berlin-Mitte (Chausseestraße 1).Vgl. Bundesarchiv, BArch R 4901/10194: Technische Privatschule von Barth, Inh.: Haase, Berlin 174, Chausseestr. 1. Nachdem sich Haase erfolglos um einen Studienplatz an der Technischen Hochschule Berlin beworben hatte, legte er an der väterlichen Schule 1948 das Ingenieursexamen in Maschinenbau ab. Kurz unterrichtete er dort, aber 1950 schlossen die Ost-Berliner Behörden die Schule wegen „politischer Unzuverlässigkeit“. Zwar wurde sie in West-Berlin wieder eröffnet, litt aber unter großen Finanzproblemen und musste im Sommer 1952 endgültig schließen. Werner Haase trat nun eine Stelle beim Westberliner Zoll an.Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland, Berlin 2016, S. 108.
Einem Netzwerk alter Kriegskameraden war es zu verdanken, dass Werner Haase von der Organisation Gehlen angeworben wurde und dadurch erstmals seit 1945 wieder ein gesichertes Auskommen hatte: Ex-Generalmajor Helmut Kleikamp empfahl Haase dem Leiter der Bezirksvertretung E der Organisation Gehlen, Ebrulf Zuber, der ihn an Friedrich Sturz vermittelte und dieser wiederum an einen Westberliner Filialleiter, Karl-Heinz Hesse. Haase unterschrieb seine Verpflichtungserklärung im April 1953 mit dem Decknamen „Wilhelm Heisler“. Hesse, der sein Studium der Rechtswissenschaft fortsetzen wollte, machte Haase zum stellvertretenden Leiter der Filiale 120/D. Er bewährte sich schnell und im September 1953 stellte ihm Sturz die Leitung einer eigenen Filiale in Aussicht. Die Übergabe geschah unter Zeitdruck schon im Oktober. Fürs Erste wurde Haases Privatwohnung zum Filialbüro 120/A, seine Frau war als Schreibkraft eingesetzt. Hesse machte sich nun daran, sein Agentennetzwerk kennenzulernen, und traf einige nachrichtendienstliche Verbindungen persönlich.Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland, Berlin 2016, S. 108 f.; vgl. ebd. S. 299: „Sturz und Hesse, die beide der SS angehört hatten und aus ihrer politischen Vergangenheit keinen Hehl machten, ermöglichten Haase, seine eigene NS-Vergangenheit in eine Art Komplizentschft umzumünzen.“
Verschleppung nach Ost-Berlin mini|Laubengelände am Heidekampgraben; in diesem Bereich sollte die „Drahtschleuse“ verlegt werden Unter den von Haase geführten nachrichtendienstlichen Verbindungen war Heinz Busse (geboren 1924). Nach Heimkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft war er 1947 kurz bei der Kasernierten Volkspolizei tätig, wurde aber wieder entlassen, machte eine Ausbildung zum Sprengtechniker bei der Wismut AG, floh aber im Januar 1953 nach West-Berlin. Dort fand er eine Stelle als Bügler in einer Spandauer Wäscherei und war zugleich als Werber für die Organisation Gehlen tätig. Er hatte den Eindruck, dass die Organisation Gehlen nicht dauerhaft an ihm interessiert war und ihm das Staatssekretariat für Staatssicherheit eine Zukunftsperspektive bieten werde. Die Gelegenheit war günstig, als Busse betraut wurde, in einer Kleingarten-Anlage an der Sektorengrenze zwischen den Stadtbezirken Kreuzberg und Treptow eine geheime Telefonverbindung der Filiale 120/A der Organisation Gehlen nach Ost-Berlin zu installieren. Diese „Drahtschleuse“ sollte den immer gefährlicher werdenden Kurierweg ersetzen. Am 11. November besprach Haase mit Busse die von der Organisation Gehlen genehmigte Aktion; am 12. November meldete sich Busse telefonisch beim Staatssekretariat für Staatssicherheit und ließ sich zusichern, dass er als Bürger der DDR eine Stelle als Sprengmeister und bis zu deren Antritt finanzielle Unterstützung erhalten werde. Am 13. November schlug Busse Haase auf Westberliner Gebiet nieder, und eine im Gebüsch versteckte Operativgruppe der Staatssicherheit verschleppte Haase daraufhin nach Ost-Berlin in die Untersuchungshaftanstalt II in der Magdalenenstraße. Haase wurde gezwungen, seiner Frau einen Brief zu schreiben, in dem er sie aufforderte, dem Überbringer des Briefes alle Filialunterlagen auszuhändigen. Busse führte den Auftrag durch und aufgrund dieser Unterlagen verhaftete die Staatssicherheit 23 Agenten der Filiale 120/A.Karl Wilhelm Fricke, Roger Engelmann: Konzentrierte Schläge, Berlin 1998, S. 120; Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland, Berlin 2016, S. 109–114; vgl. NN: Auf frischer Tat ertappt. In: Neues Deutschland, 17. November 1953, (Digitalisat.) Demnach war Haase nicht etwa verschleppt, sondern beim Einrichten einer „Drahtschleuse“ an der Sektorengrenze „auf frischer Tat im demokratischen Sektor von Berlin“ festgenommen worden. Möglicherweise in der Hoffnung, ihrem Mann helfen zu können, gab Frau Haase nicht nur die Unterlagen der Filiale 120/A heraus, sie machte auch weder gegenüber der Westberliner Polizei noch gegenüber dem Counter Intelligence Corps der Vereinigten Staaten oder der Organisation Gehlen klare Angaben über das Verschwinden ihres Mannes. Erst 48 Stunden, nachdem Haase verschleppt worden war, wurden die gefährdeten nachrichtendienstlichen Verbindungen durch Kuriere oder Telegramme zur Flucht aufgefordert, jedoch zu spät. Trotzdem war der Schaden für die Organisation Gehlen geringer, als er hätte sein können, denn Haase gab in den Verhören nicht preis, dass er zuvor in der Filiale 120/D tätig gewesen war; so wurde keiner der dortigen nachrichtendienstlichen Verbindungen enttarnt.Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland, Berlin 2016, S. 161 f. Unter den Unterlagen, die dem SfS in die Hände gefallen waren, befand sich eine Anweisung an die Agentenführer, ihren V-Leuten gegenüber zu dementieren, dass sie für die Organisation Gehlen tätig waren. Das Neue Deutschland druckte den Text am 17. November 1953 unter dem Titel Dienstanweisung der Spionageorganisation Gehlen „streng vertraulich“ in voller Länge ab.
In der Organisation Gehlen war im November 1953 die „Pannenursache“ (also die Rolle Busses) weitgehend geklärt. Da Haase sein Amt als Filialleiter nur kurz innehatte, konnte er nicht viel über die Agentenrekrutierung preisgeben. Problematisch waren aber seine privaten und dienstlichen Kenntnisse über den „Meldekopf Berlin“. Um ihre Enttarnung zu verhindern, mussten dessen Leiter Helmut Kleikamp und sein Stellvertreter Wilhelm Schreyer abgezogen werden.Ronny Heidenreich, Daniela Münkel, Elke Stadelmann-Wenz: Geheimdienstkrieg in Deutschland, Berlin 2016, S. 163 f.
Schauprozess