Wilhelm van Ackern (geboren 25. September 1916 in Essen, gestorben nach 1992) war ein deutscher Kaufmann in Westberlin und hauptamtlicher Mitarbeiter der Organisation Gehlen. Er wurde 1955 nach Ost-Berlin verschleppt und zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Seine Haft verbrachte er bis zu seinem Freikauf 1964 größtenteils in der Sonderhaftanstalt Bautzen II.
Biografie Nach Besuch eines Realgymnasiums machte Wilhelm van Ackern eine kaufmännische Lehre in der Maschinenfabrik Sielaff (Berlin-Neukölln). Im Jahr 1938 wurde er zum Reichsarbeitsdienst, dann zur Wehrmacht eingezogen.Klaus Bästlein: Der Fall Mielke, Baden-Baden 2002, S. 158; Karl Wilhelm Fricke, Silke Klewin: Bautzen II, Leipzig 2002, S. 136. Nach einer schweren Verwundung 1941 brachte er ein Jahr in einem Lazarett zu. Er heiratete 1943; die Eheleute hatten eine 1944 geborene Tochter. Im gleichen Jahr geriet van Ackern in britische Kriegsgefangenschaft, aus der er im Sommer 1945 entlassen wurde. Die Familie van Ackern zog 1947 nach West-Berlin.Klaus Bästlein: Der Fall Mielke, Baden-Baden 2002, S. 158; Karl Wilhelm Fricke, Silke Klewin: Bautzen II, Leipzig 2002, S. 136.
Im Jahr 1949 wurde van Ackern Teilhaber einer Fotohandlung in Berlin-Schöneberg (Wartburgstr. 41Karl Wilhelm Fricke, Silke Klewin: Bautzen II, Leipzig 2002, S. 136; Berliner Stadtadressbuch, Ausgabe 1952, Teil 3 Branchen-Adressbuch, S. 351 (Digitalisat)). Seit 1952 war er Mitarbeiter der Organisation Gehlen mit dem Decknamen „Willi Bruck“. Er führte als „Filialleiter“ von West-Berlin aus 15 Agenten in der DDR, der Volksrepublik Polen und der Sowjetunion.Roland Schißau: Strafverfahren wegen MfS-Unrechts, Berlin 2006, S. 167; Klaus Bästlein: Der Fall Mielke, Baden-Baden 2002, S. 158.
Im Rahmen der MfS-Verhaftungsaktion „Blitz“ wurde van Ackern am 23. März 1955 nach Ost-Berlin verschleppt: Einer der von ihm geführten Agenten, Fritz Weidemann, berichtete als GM „Schütte“ dem MfS bereits seit Oktober 1952 über die Aktivitäten van Ackerns. Er lud ihn in eine Wohnung ein, wo er ihm die Meldetasche eines sowjetischen Offiziers übergeben wollte. Zunächst wurden dort alkoholische Getränke konsumiert. Dann servierte Weidemann van Ackern einen Kaffee, dem er ein Betäubungsmittel zugesetzt hatte. Als van Ackern schläfrig wurde und keinen Widerstand mehr leisten konnte, setzte man ihn in ein Auto, das ihn zur Untersuchungshaftanstalt Hohenschönhausen fuhr.Roland Schißau: Strafverfahren wegen MfS-Unrechts, Berlin 2006, S. 167. Van Ackern war nun Dauerverhören mit Schlafentzug ausgesetzt.
Bei dem folgenden Schauprozess vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR im Juni 1955 drohte van Ackern die Todesstrafe, wenn er seine Verschleppung zur Sprache bringen würde. Im Festnahmebericht hieß es nämlich fälschlicherweise, van Ackern sei „bei der Ausübung einer Spionagetätigkeit im demokratischen Sektor von Berlin verhaftet“ worden. Van Ackern spielte die ihm zugedachte Rolle, um sein Leben zu retten, und bekundete in seinem Schlusswort Reue. Der Generalstaatsanwalt beantragte eine lebenslange Zuchthausstrafe; das Oberste Gericht der DDR urteilte am 13. Juni 1955 entsprechend.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 230 f.
Mitangeklagt war einer der von van Ackern geführten V-Leute, der bei der Reichsbahn angestellte Zugbegleitschaffner Johann Baumgart aus Forst (Lausitz). Van Ackern räumte vor Gericht ein, dass Baumgart über die Beschaffenheit der Gleisanlagen auf der Strecke Frankfurt an der Oder – Brest berichtete, inklusive Fabrikanlagen, Kasernen oder Flugplätze an der Strecke, Brücken und militärische Güter- und Truppentransporte. Für diese Militärspionage wurde Baumgart zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt.Karl Wilhelm Fricke, Roger Engelmann: „Konzentrierte Schläge“: Staatssicherheitsaktionen und politische Prozesse in der DDR 1953–1956. Ch. Links, Berlin 1998 S. 144 und 148. (PDF)
Van Ackern saß zunächst in der Haftanstalt Brandenburg-Görden ein und wurde im August 1956 in einem Konvoi, der größtenteils aus politischen Gefangenen bestand, in die Haftanstalt Bautzen II überstellt.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 244.
Am 31. August 1964 verkürzte der Staatsrat der DDR in einem Gnadenentscheid van Ackerns Haftzeit auf 15 Jahre; am Folgetag gewährte ihm das Oberste Gericht der DDR eine bedingte Haftaussetzung – er hatte ja bereits mehr als neun Jahre verbüßt. Van Ackern kehrte am 5. September nach West-Berlin zurück. Im Hintergrund steht ein Häftlingsfreikauf durch die Bundesrepublik, der aber aus den Gefängnis- und Haftunterlagen nicht direkt zu belegen ist.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 259.
Da van Ackern der Westberliner Polizei misstraute, wandte er sich an den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen und berichtete detailliert über seine Verschleppung. Insbesondere legte er eine Liste von politischen Häftlingen an, die in Bautzen II einsaßen.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 309 f.
Am 31. August 1992 stellte van Ackern Strafanzeige gegen Erich Mielke, der 1955 den Plan, ihn zu verschleppen, genehmigt hatte. Das Verfahren wurde jedoch, da Mielke verhandlungsunfähig war, vom Landgericht Berlin 1996 vorläufig, 1998 endgültig eingestellt.Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub, Göttingen 2015, S. 585.
Literatur Klaus Bästlein: Der Fall Mielke: Die Ermittlungen gegen den Minister für Staatssicherheit der DDR. Nomos, Baden-Baden 2002. Karl Wilhelm Fricke, Silke Klewin: Bautzen II :Sonderhaftanstalt unter MfS-Kontrolle 1956 bis 1989 ;Bericht und Dokumentation. 2., durchgesehene Auflage. Kiepenheuer, Leipzig 2002. Susanne Muhle: Auftrag: Menschenraub: Entführungen von Westberlinern und Bundesbürgern durch das Ministerium für Staatssicherheit der DDR (= Analysen und Dokumente, Band 42). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, ISBN 978-3-647-35116-2. Roland Schißau: Strafverfahren wegen MfS-Unrechts: Die Strafverfahren bundesdeutscher Gerichte gegen ehemalige Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (= Berliner Juristische Universitätsschriften, Strafrecht, Band 22). Berliner Wissenschafts-Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-8305-1140-X.
Anmerkungen
Kategorie:Opfer der Diktatur in der DDR Kategorie:Entführungsopfer Kategorie:Deutscher Kriegsgefangener der Briten Kategorie:Person (Organisation Gehlen) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1916 Kategorie:Gestorben im 20. oder 21. Jahrhundert Kategorie:Mann