mini|Der Löwe von Kantza mini|Abbildung des Löwen von Kantza von Edward Dodwell mini|Der Löwe auf einem Bild von James Skene (ca. 1838–1845); es zeigt die umherliegenden Architekturfragmente und die verfallene Kirche. mini|Der Löwe von Kantza unter dem Schutzdach mini|Benachbarte Agios-Nikolaos-Kirche Der Löwe von Kantza (), auch Löwe von Pallini (), ist eine antike Marmorskulptur in Leontario (), einem im Großraum Athen in Nähe von Peania gelegenen Ort in Griechenland. Der Ort hieß ursprünglich Kantza () und wurde am 19. August 1954 nach dem Löwen in Leontario umbenannt.Κάντζα bei eetaa.gr. Die Bezeichnung Löwe von Pallini rührt daher, dass Leontario heute in der Gemeinde Pallini liegt.
Geschichte Der Löwe von Kantza wurde Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. aus pentelischem Marmor gefertigt und war sehr wahrscheinlich Teil eines Grabmonuments. Man vermutet, dass hier ein Friedhof des antiken attischen Demos OberpaianiaArthur Milchhoefer: Untersuchungen über die Demenordnung des Kleisthenes. 1892, S. 17 (Digitalisat). lag, da man bei Ausgrabungen weitere Grabanlagen fand. Ob die Löwenskulptur nie verschüttet wurde oder ob man sie irgendwann entdeckte und freilegte, ist nicht bekannt. Doch die vielen alten Legenden im Zusammenhang mit dem Löwen zeigen, dass er lange bekannt war.
Auch die ersten westeuropäischen Besucher berichteten von der Marmorplastik, wie zum Beispiel Edward Dodwell, der Griechenland Anfang des 19. Jahrhunderts besuchte und von dem eine erste Abbildung des Löwen stammt.Edward Dodwell: A classical and topographical tour through Greece, during the years 1801, 1805, and 1806. London 1819, S. 523 (Digitalisat). 1832–1833 bereiste Christopher Wordsworth Attika und besuchte den Löwen. Er vermutete, dass es sich hierbei um ein Tropaion handele, das an einen Sieg in einer Schlacht erinnern sollte wie zum Beispiel der Löwe von Chaironeia.Christopher Wordsworth, Athens and Attica. Journal of a residence, London 1837, S. 228–229 (Digitalisat). Das Bild des schottischen Künstlers James Skene, der zwischen 1838 und 1845 Griechenland bereiste, zeigt, dass damals noch weitere Architekturfragmente im Umfeld vorhanden waren.James Skene: Monuments and Views of Greece, 1838–1845, 1985. Von Christian August Brandis, der von 1837 bis 1839 am griechischen Hof Königs Otto I. diente, stammt eine Beschreibung des Löwen.Christian August Brandis: Mittheilungen über Griechenland. Verlag F. A. Brockhaus, Leipzig 1842, S. 345–346 (Digitalisat). 1841 zeigte sich Hans Christian Andersen von dem kunstvollen Löwen beeindruckt.Hans Christian Andersen: A poet's bazaar, New York 1871, S. 186 (Digitalisat). Arthur Milchhoefer datierte den Löwen in die römische Zeit. Ernst Curtius ergänzte dessen Beschreibung durch eine Skizze, die nach einer Zeichnung von Theophil von Hansen angefertigt wurde. Sie zeigt den Löwen vor der Kirche Agios Nikolaos liegend.Arthur Milchhoefer: Karten von Attika. Erläuternder Text. Heft II. Berlin 1889, S. 31 (Digitalisat).
Beim Bau der Straße zu einem Gelände des Energieversorgungsunternehmens DEI fand man 1981 etwa 30 m südwestlich des Löwen einen Marmorsarkophag aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. Neben den Knochen des Toten enthielt er ein Salbgefäß vom Ende des 4. Jahrhunderts v. Chr. Im Sommer 1984 wollte man die Theorie von Ursula Knigge überprüfen, wonach der Löwe Teil eines großen C-förmigen Grabmonuments war, auf dem sich zwei Löwen gegenübersaßen und das sich etwa 20 m südlich des heutigen Standorts des Löwen befunden haben soll. Damals stand die Löwenskulptur noch auf dem Betonsockel, der sich bei dem Olivenbaum vor der Kirche befindet. Knigge vermutete, dass dieses große Monument entweder das Grab des Demosthenes, der in Oberpaiania geboren war, oder ein Ehrenmal für ihn war. Die Grabungen ergaben jedoch, dass es sich bei den Blöcken an diesem Ort um ein Gebäude eines byzantinischen Klosters, das teilweise aus antiken Bausteinen errichtet wurde, handelte. In einem Grabungsschnitt in der Nähe des ursprünglichen Standorts des Löwen fand man ein 0,42 m langes Bruchstück seiner linken Hinterpfote.Xeni Arapogiannis: Ανασκαφή στην Κάντζα Αττικής. In: Πρακτικά Α΄ Επιστημονικής Συνάντησης Νοτιοανατολικής Αττικής. Athen 1984, S. 255–261 (Digitalisat).
Beschreibung Der Löwe von Kantza befindet sich heute unter einem Schutzdach etwa 12 m westlich der Agios-Nikolaos-Kirche von Leontario. Alle vier Beine, der Schwanz, die Zähne und die Zunge sind abgebrochen. Die Skulptur hat eine Länge von etwa 2,50 m, eine Höhe von 1 m und eine Breite von 0,70 m. Die ursprüngliche Höhe betrug etwa 1,50 m. Der Körper des Löwen sowie die Muskeln und die Rippen sind sehr realistisch ausgebildet.
Angeblich wurde der Löwe als Siegesmal von Peisistratos nach seinem Sieg über die Herrschaft der Dreißig 531 v. Chr. errichtet, so wie von Herodot überliefert.Inschrift neben dem Löwen. Allerdings regierten die Dreißig Tyrannen von August 404 bis März 403 v. Chr., also mehr als 120 Jahre nach Peisistratos’ Tod.Xenophon: Hellenika 2, 3, 20–2, 4, 23. Möglicherweise sollte hier Bezug auf die Schlacht von Pallene genommen werden. Zehn Jahre nach seiner zweiten Verbannung landete Peisistratos 546/545 v. Chr. mit seinem Heer in Marathon. Er traf bei Pallene auf die bei dem Heiligtum der Athene Pallenis lagernden, unvorbereiteten Athener und besiegte sie und konnte seine Tyrannis nun dauerhaft etablieren.Herodot: Historien, 1, 62–64. Dieser Tempel lag jedoch 2,75 km nordwestlich des Fundorts des Löwen.John M. Camp: The Archaeology of Athens. 2001, S. 116–117. Von einem Siegesmal im Zusammenhang mit dieser Schlacht berichtet Herodot auch nicht. Auch stilistisch ist es auszuschließen, dass der Löwe aus der archaischen Zeit stammt, da er klassische Merkmale aufweist. Die geläufige Bezeichnung Löwe von Pallini, die sich ja auf das moderne Pallini und nicht auf das antike Pallene bezieht, kann zur weiteren Verwirrung beitragen.Ο ΛΕΩΝ ΤΗΣ ΠΑΛΛΗΝΗΣ bei pallineus.gr.
Legenden Um den Marmorlöwen ranken sich verschiedene Legenden. Schon Christopher Wordsworth berichtete, dass ihm ein Einheimischer erzählte, dass der Löwe noch in einer Höhle im Hymettos haust und zum Jagen in die Ebene absteigt.
Der Schriftsteller Dimitrios Kambouroglou hat die Traditionen hierzu festgehalten. Die Höhle, die heute noch Löwenhöhle () genannt wird, liegt etwa 2 km westlich der Skulptur im Gebirge. Von hier suchte der Löwe die Menschen in den Dörfern in der Mesogeia am Fuße des Berges heim. Er forderte das zarte Fleisch eines Mädchens. Die Dorfbewohner weigerten sich zunächst, doch in Vertrauen auf den heiligen Nikolaus, dessen Kirche direkt neben der Skulptur steht, ließ man sich darauf ein. Die adelige Kantzaina willigte ein, ihre jungfräuliche Enkelin, die eine Waise war, dem Löwen zur Frau zu geben, und so versammelte man sich am 6. Dezember, dem Feiertag des Heiligen, bei der Kirche. Der Löwe erschien brüllend, um das Mädchen in Empfang zu nehmen. Dann jedoch kam es zu Blitzen und Donnergrollen: Ein heller Strahl traf den Löwen und zerfetzte ihn. So hatte der heilige Nikolaus die Menschen von dem Übel befreit.
Nach einer anderen Überlieferung soll ein Bildhauer das Werk für gefallene Männer aus Pallene geschaffen haben, die im Gefolge von Alexander dem Großen bei dessen Feldzug in Kleinasien den Tod fanden.
Literatur Ursula Knigge: Zum Löwen von Kantzas. In: Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Athenische Abteilung. Band 91, 1976, S. 167–173.
Weblinks
Kantza lion (Attica) Kantza bei topostext.org Nikolaos, Hagios (Leontarion), Kantza bei byzantineattica.eie.gr
Einzelnachweise
Kategorie:Löwenskulptur Kategorie:Pallini (Attika) Kategorie:Marmorskulptur (Antike) Kategorie:Skulptur (Griechenland) Kategorie:Skulptur (4. Jahrhundert v. Chr.) Kategorie:Geschichte (Attika)