mini|Ausstellungsplakat „Sex. Jüdische Positionen“, Jüdisches Museum Berlin 2024 Sex. Jüdische Positionen war eine Ausstellung, die vom Jüdischen Museum Berlin in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Amsterdam konzipiert wurde und vom 17. Mai bis 6. Oktober 2024 im Jüdischen Museum Berlin zu sehen war. Ausgestellt waren Gemälde, Fotografien, Skulpturen und andere Objekte, Filmausschnitte, Tonträger und Plakate aus einem breiten Zeitfenster von der mittleren Bronzezeit bis in die Gegenwart. Die ausgewählten Exponate zeigten, dass Sexualität in der jüdischen Tradition weder explizit gutgeheißen noch unterdrückt wurde und wird, sondern dass sie im Judentum einen ambivalenten Charakter hat. Daher wurden bewusst unterschiedliche künstlerische und inhaltliche Ansätze gezeigt und sowohl die Innen- als auch die Außenperspektive berücksichtigt. Stereotype zum Thema jüdische Sexualität sollten hinterfragt werden.
Konzeption Die Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Jüdischen Museum Amsterdam. Kuratiert wurde sie von Joanne Rosenthal, Miriam Goldmann, Titia Zoeter und Mirjam Knotter.
Sex. Jüdische Positionen verfolgte das Ziel, Stereotype zum Thema jüdische Sexualität zu brechen, die etwa in Filmen oder TV-Shows vermittelt werden. Verwendet wurden dafür nicht nur historische Artefakte aus dem Bestand der beiden Museen, sondern auch etwa 150 Kunstwerke, die Museen oder privaten Sammlerinnen und Sammlern in Europa, Israel und den USA gehören und als Leihgaben die Ausstellung bereicherten. Auslegungen der religiösen Gesetze wurden im breiten Spektrum von Tradition und Moderne gezeigt und sowohl aus der Innen- als auch aus der Außenperspektive dargestellt. Im Mittelpunkt stand dabei die These, dass Sexualität in der jüdischen Tradition ambivalent aufgefasst wird, also weder explizit unterdrückt noch gutgeheißen wird. Daraus folgte für die Umsetzung, dass eine Vielzahl von Stimmen aus unterschiedlichen Epochen und Richtungen zu Wort kommen sollten. Inmitten der Vielfalt wurden auch Bereiche gezeigt, in denen Konsens herrschte und herrscht, etwa die heterosexuelle Ehe als exklusiver Ort des gutgeheißenen Geschlechtsverkehrs und das Verbot von Sex unmittelbar nach und während der Menstruation.
Die Ausstellung war in vier Sinneinheiten mit je drei Unterkapiteln gegliedert. Darin wurden Anschauungen aus dem Talmud und frühen rabbinischen Schriften mit der Kunst der Gegenwart und unterschiedlichen medialen Umsetzungen zusammengebracht, sodass voneinander abweichende Standpunkte deutlich wurden, aber auch Verbindungen:
Sinneinheit Pflicht und Vergnügen mini|Jozef Israëls: Eine jüdische Hochzeit, 1903 In Pflicht und Vergnügen mit den Unterkapiteln Paare, Kinder und Lust steht die Rolle von Ehe und Fortpflanzung im Zentrum. Durch Gottes Auftrag an Eva und Adam in Genesis 1,28 Seid fruchtbar und mehret euch wird der Fortpflanzungstrieb zum göttlichen Gebot, das auch in der Gegenwart das Leben streng orthodoxer verheirateter Paare bestimmt. In den rabbinischen Schriften sind die Standpunkte zur Sexualität durchaus unterschiedlich: Vor allem aus dem Umkreis der kabbalistischen Tradition gibt es Stimmen, die in sexueller Lust die Verwirklichung göttlichen Willens sehen. Restriktive Anschauungen dagegen halten Sexualität für Sünde und sind bestrebt, sie zu begrenzen. Dazwischen spannt sich ein weites Feld. Der Philosoph Maimonides aus dem 12. Jahrhundert beispielsweise nahm gegenüber Einzelfragen des Sexuallebens eine offene Haltung ein, verurteilte aber in der Mischne Tora sexuelle Ausschweifung als tierisch. Dagegen wurde im 13. Jahrhundert die anonyme kabbalistische Iggeret ha-kodesch (deutsch: Heiliger Brief) verfasst, der das Sexualleben als von Gott inspiriert sieht und Ratschläge für die Umsetzung gibt.
Wo bestimmte sexuelle Praktiken verboten werden, sind es meist solche, die nicht der Fortpflanzung dienen. mini|Gräfenberg-Ring Einige Exponate standen mit dem Recht auf reproduktive Selbstbestimmung in Verbindung, etwa eines der ersten Verhütungsmittel, der Gräfenberg-Ring. Der deutsch jüdische Gynäkologe Ernst Gräfenberg, nach dem das Pessar benannt ist, hatte es in den 1920er Jahren erfunden.
Traditionell ist Sex nur im Rahmen der Ehe erlaubt, dort aber eine religiöse Pflicht. Die Eheschließung hat eine große Bedeutung. Traditionell halten die Anwesenden bei der Zeremonie die Chuppa, den Traubaldachin, über das Paar. Auf dem Gemälde Eine jüdische Hochzeit von Jozef Israëls aus dem Jahr 1903 steckt der Bräutigam zum Zeichen des „Erwerbs“ der Braut dieser einen Ring an den Finger. Über das Brautpaar ist ein Tallit, ein traditioneller Gebetsschal, gebreitet, was als Zeremonie weniger üblich ist als die Variante mit der Chuppa. In der Ausstellung wird diesem Gemälde das Foto A Jewish Wedding von Yitzchak Wolf (2008) gegenübergestellt, das die Trauung von zwei Männern zeigt. Darin wird die weniger übliche Variante des Hochzeitsbrauchs aus dem Gemälde von Israëls aufgegriffen, um auf den ungeklärten Status von homosexuellen Paaren aufmerksam zu machen.
Ausgestellt war auch A Recontextualized Ketubbah von Gay Block und Malka Drucker, die Kombination eines traditionellen Ehevertrags (Ketubah) mit einem lesbischen Hochzeitsfoto. So wurde diese religiöse Dokumentenart in Richtung auf eine inklusive Zukunft umgepolt.
Übereinstimmung herrscht in zwei Punkten: Zum einen muss Sex einvernehmlich sein, Vergewaltigung in der Ehe ist ausdrücklich verboten. Zum anderen ist der Ehemann zur Ona verpflichtet, zur regelmäßigen sexuellen Befriedigung seiner Frau. Das Wort bedeutet wörtlich Zeit, meint hier aber sexuelle Intimität. Erstmals kommt es in Exodus 21:10 vor.
Prüfstein für die Zulässigkeit sexueller Gepflogenheiten sind Ehefrieden und häusliche Harmonie, Schalom Bajit genannt. Wenn etwas den Ehefrieden stärkt, wird es oft mit deutlich mehr Toleranz betrachtet.
Sinneinheit Kontrolle und Begehren Der Abschnitt Kontrolle und Begehren mit den Einheiten Trennung, Versuchung und Neue Wege beleuchtet Konzepte körperlicher Reinheit, die Beherrschung des Sexualtriebs und das Ausloten einer möglichen Vereinbarkeit von sexueller Befreiung und Kontrolle in der Gegenwart.
Das Zölibat wird im Judentum abgelehnt, nicht einmal Toragelehrte können Gott nur mit ihrem Geist dienen.
Die Gesetze der Familiären Reinheit, die aus der Bibel kommen und im Talmud weiterentwickelt wurden, verbieten jeglichen körperlichen Kontakt während und unmittelbar nach der Menstruation. Vor der ersten sexuellen Begegnung des Ehepaares nach dieser Phase muss die Frau sich in einem rituellen Bad in der Mikwe reinigen.
Weibliche und männliche Sexualität gelten als grundverschieden und angeboren. Der Talmud stellt an den Mann die Anforderung, sein sexuelles Begehren zu kontrollieren und für gute Zwecke einzusetzen. Der Trieb zum Bösen, Yetzer hara, wird oft mit der Verletzung von Geboten zur Sexualethik in Verbindung gebracht. Frauen wird die Verantwortung dafür zugesprochen, dafür zu sorgen, dass Männer nicht in Versuchung geraten. Dafür müssen sie ihre Beine, Arme und andere Körperteile bedecken, die Männern Anlass zu sexuellen Phantasien geben könnten.
Orthodoxe Gemeinschaften lehnen sexuellen Kontakt ohne Fortpflanzungswillen ebenso ab wie Masturbation und Homosexualität. Doch zwischen Theorie und Praxis klafft hier, wie die Ausstellung zeigte, eine erhebliche Lücke: So sind ein großer Teil der hebräischen Gedichte aus dem Mittelalter homoerotisch, beispielsweise die von Jehuda ha-Levi und Solomon ibn Gabirol. Von Dorothea Moerman war der Linoldruck Holy (2023) ausgestellt, auf dem sich zwei Frauen hinter einer Mechiza lieben. Die Künstlerin verfolgt das Ziel, die lange ausgeschlossenen queeren Jüdinnen und Juden sichtbar zu machen. Von der lesbischen Künstlerin Susan Kaplow stammt das ausgestellte Foto Wrestling With Leviticus (2012/2013). Darauf hüllt sie sich in die vergrößerte Talmudseite ein, auf der die rabbinische Diskussion zu Levitikus Vers 18:22 abgedruckt ist, der die männliche Homosexualität verdammt.
Sinneinheit Sexualität und Macht In der dritten Sinneinheit Sexualität und Macht mit den Teilen Tabu, Sexualwissenschaften und Identitäten geht es um die Rolle von Tabu und Phantasie. Einbezogen werden hier der Einfluss der Psychoanalyse und der Zusammenhang zwischen Sexualität und Identität.mini|Claude Cahun – I Am in Training Don't Kiss Me, 1927Im biblischen Buch Levitikus wird in einer Liste verbotener Handlungen auch Sex zwischen Männern genannt. Auch Ehebruch, Sex während der Menstruation, Sodomie und Inzest werden aufgeführt. Die Ausstellung greift Beispiele für die häufigen Fälle auf, in denen Verstöße gegen diese Gesetze positive Folgen haben: So sind etwa Davids Ehebruch und der Inzest von Lots Töchtern mit ihrem Vater die Grundlagen für die Sicherung von Königreichen und politischer Kontinuität. Gezeigt wurden auch Werke, in denen Eindeutigkeiten und starre Normen in Frage gestellt wurden. So wurde es möglich, die eigene sexuelle Identität neu zu definieren. Unter anderen wurden hier Claude Cahun und Gluck gezeigt, die schon vor 100 Jahren eindeutige Geschlechtszuschreibungen ablehnten. Der Tumtum-Turm des israelischen Künstlers Gil Yefman, als Blickfang im Lichthof ausgestellt, bezog sich in seinem Titel auf eine Person, deren Geschlechtsorgane versteckt oder verdeckt sind. Damit sollte die „körperliche Diversität“ gefeiert werden.
Eingegangen wurde auch auf die beiden Juden Sigmund Freud und Magnus Hirschfeld, die einen neuen Blick auf Sexualität und die Normierung von sexuellem Verhalten ermöglichten. Ebenso wurden die antisemitischen Klischees von der verführerischen, exotischen Jüdin, genannt belle juive, und dem raubtierähnlichen, sexhungrigen Juden gezeigt. Diesen Zuschreibungen von außen standen in der Ausstellung Bilder gegenüber, denen das jüdische Selbstverständnis vor dem Hintergrund des Zionismus zugrundeliegt: Der Schriftsteller und Mitbegründer der Zionistischen Weltorganisation Max Nordau stellte den Juden in der Diaspora als schwach und machtlos dar, während der neue sogenannte Muskeljude kraftvoll das neue Israel aufbaute.
Sinneinheit Erotik und das Göttliche mini|hochkant|Die feministische US-amerikanische Künstlerin Judy Chicago, 2012Die Sinneinheit Erotik und das Göttliche beschäftigte sich in den Kapiteln Heiliger Sex, Hingabe und Das Lied der Lieder mit Sinnlichkeit und Spiritualität in Gebet, Ritual und Mystik und setzte einen Fokus auf den Einfluss des Lieds der Lieder.
In der Mystik der Kabbala wurde Gott als spirituelle Einheit angesehen, die aus zehn göttlichen Emanationen, den Sephiroth, besteht. Diese sind männlich und weiblich. Der menschliche Sexualakt wurde in seiner Vereinigung der beiden Geschlechter als Wiederherstellung des Göttlichen gesehen. Die spirituelle Dimension rechtfertigt die Erotik. Die Verbindung zwischen Gebet und Spiritualität mit erotischen Zügen stellte zum Beispiel Baal Schem Tow, der Begründer des Chassidismus, heraus.
Erotische Komponenten lassen sich in einigen jüdischen Ritualen wie dem Küssen der Mesusa, dem Hüllen der Torarolle in mehrere Lagen kostbarer Stoffe oder dem Anlegen der Tefillin um den Arm finden. So wird zum Beispiel in der Fotografie Tefillin schel Jad von Benyamin Reich die erotische Komponente der rituellen Riemen spürbar.
Von der feministischen US-amerikanischen Künstlerin jüdischer Herkunft Judy Chicago war eine Serie von sechs Illustrationen zum Hohenlied der Bibel mit dem Titel Voices from the Song of Songs ausgestellt. Symmetrie und Ausgewogenheit in den Darstellungen stehen für die Ausgewogenheit der sexuellen Lust von Frau und Mann.
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