mini|Geografische Lage von Singapur mini|LGBT in Singapur mini|Die LGBT-Gemeinschaft versammelt sich im Hong Lim Park in Singapur anlässlich des Pink Dot Singapur 2014
Geschlechtliche und sexuelle Vielfalt in Singapur ist rechtlich und gesellschaftlich geduldet aber nicht diskriminierungsfrei.
Geschichte Bis 2022 waren einvernehmliche, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen zwischen Männern strafbar.
Kolonialzeit Ein entsprechender Tatbestand wurde 1871 von der britischen Kolonialmacht mit dem Strafgesetz für die Straits Settlements eingeführt, zu denen Singapur damals gehörte. Der Tatbestand wurde als „immoral acts“ (unmoralische Handlungen) in § 377 Strafgesetz definiert und beschrieben. Damals war das Verhalten allerdings nur strafbar, wenn es von Dritten wahrgenommen werden konnte. Bei Neufassungen des Strafgesetzes für die Straits Settlements 1938 – ab dann unter der Bezeichnung § 377 A – wurde der Tatbestand verschärft: Nun waren auch einvernehmliche, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen strafbar, ohne, dass Dritte sie wahrnehmen konnten. Im Singapore Penal Code von 1955 blieben einvernehmliche, gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen weiter strafbewehrt und waren nun als „Verstöße gegen die Sittlichkeit“ (Outrages on decency) und „unnatürliches Verhalten“ (unnatural offences) definiert.Radics (Weblinks), S. 2f.
Nach der Unabhängigkeit Bis in die 1990er Jahre setzte die Polizei in Singapur verdeckte Ermittler ein, um Schwule zu Verstößen gegen § 377 A Strafgesetzbuch zu provozieren und sie dann zu verhaften.Radics (Weblinks), S. 17. Seit 1994 formierte sich eine schwule Szene, die sich zunächst gegen Polizeiwillkür richtete.Radics (Weblinks), S. 20.
Eine Umfrage der Nanyang Technological University von 2005 ergab, dass 69 % der Einwohner von Singapur Homosexualität negativ und 23 % positiv gegenüberstanden. 2010 hatten sich diese Zahlen auf 64,5 % negativ zu 25 % verändert.Faris Mokhtar: The Big Read: With a house still divided over 377A, time to seek common ground. In: CNA today vom 16. September 2018; abgerufen am 16. April 2026.
2007 wurde eine Reihe von Bestimmungen des zuvor geltenden Sexualstrafrechts in Singapur gestrichen, § 377 A Strafgesetzbuch aber nicht. Dafür fehlte gesellschaftliche Unterstützung noch in ausreichendem Maß und die Regierung wollte konservative Kreise nicht verschrecken. Gleichzeitig aber wurde die Strafverfolgung seitens des Staates faktisch eingestellt.Radics (Weblinks), S. 4f. In den 2000er Jahren entspannte sich das Verhältnis zwischen Staat und schwuler Bewegung zunehmend.Radics (Weblinks), S. 21. Öffentliche Unsittlichkeit und der Schutz von Minderjährigen waren die einzigen Fälle, bei denen seit 2007 § 377 A Strafgesetz noch angewandt wurde.Jonathan Wong: Government has not curbed public prosecutor's discretion for Section 377A: A-G Lucien Wong. In: The Straits Times vom 2. Oktober 2018.Section 377A: Public Prosecutor retains 'full prosecutorial discretion', says Attorney-General. CNA vom 2. Oktober 2018 / überarbeitet am 25. November 2022; abgerufen am 16. April 2026.
Gegenwehr Betroffener Tan Eng Hong wurde 2010 von der Polizei verhaftet, als er in einer Toilettenkabine der CityLink Mall, einem beliebten Einkaufszentrum in der Innenstadt von Singapur, mit einem anderen Mann „grobe Unzucht“ (gross indecency) beging. Er blieb einen Tag in Haft und wurde mit einer Geldstrafe von 3000 SGD (ca. 2000 €) belegt. Dagegen wehrte sich Tan Eng Hong gerichtlich. Hauptargument der Klage war, dass § 377 A Strafgesetzbuch gegen die Verfassung der Republik Singapur verstoße, insbesondere gegen die Grundsätze von Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz und Vereinigungsfreiheit. In erster Instanz wurde das Begehren abgelehnt. Die Berufungsinstanz, der High Court (Singapur), wollte sich mit der Angelegenheit inhaltlich nicht mehr befassen, da die Staatsanwaltschaft mittlerweile die Anklage aufgrund von § 377 A Strafgesetzbuch zurückgezogen, aber mit anderer Begründung aufrechterhielt. Tan Eng Hong rief daraufhin den Court of Appeal von Singapur an. Der hielt einen Verfassungsverstoß durch § 377 A Strafgesetzbuch für möglich und verwies das Verfahren zur Sachentscheidung an den High Court zurück.Radics (Weblinks), S. 5–8. Der wiederum erkannte keinen Verstoß durch § 377 A Strafgesetzbuch gegen die Verfassung.Radics (Weblinks), S. 10f.
2011 reichte ein schwules Paar, Lim Meng Suang und Chee Mun-Leon, Klage gegen § 377 A Strafgesetzbuch ein und forderten Gleichbehandlung mit heterosexuellen Paaren. Es wurde zusammen mit dem Verfahren von Tan Eng Hong 2013/14 durch den Court of Appeal verhandelt. Der Richter kam zu dem Ergebnis, das zwar Zweifel daran bestehen, dass die Bestimmung des § 377 A Strafgesetzbuch vernünftig sei, im UrteilJudgement: Lim Meng Suang und Chee Mun-Leon ./. Attorney-General and Tan Eng Hong ./. Attorney-General vom 28. Oktober 2014 (SGCA 53). verwarf das Gericht aber beide Klagen mit dem Argument, dass angesichts des Prinzips der Gewaltenteilung die Legislative tätig werden müsse, auch wenn das Gericht deutlich durchblicken ließ, dass es an der Zeit sei, dass das geschehe.Radics (Weblinks), S. 8f.
Weg zur Straffreiheit 2014 entfernte die Nationalbibliothek Singapur drei Kinderbücher aus ihrem Bestand, die von gleichgeschlechtlichen Beziehungen erzählten. Dagegen wurde eine Petition mit 5000 Unterschriften eingereicht. Allerdings gab es auch eine Gegenpetition, die die Entscheidung der Nationalbibliothek stützte, und 26.000 Unterschriften erhielt. Der politische Kompromiss war, dass die Bücher aus der Kinderabteilung in die für Erwachsene umgestellt wurden.Radics (Weblinks), S. 23f.
§ 377 A Strafgesetzbuch wurde zwar inzwischen de facto nicht mehr angewandt. Eine Meinungsumfrage von 2018 ergab aber, dass 55 % der Befragten § 377 A Strafgesetz beibehalten wollten.Gilaine Ng: 55 per cent of Singapore residents still support gay law. In: The Straits Times vom 11. September 2018; abgerufen am 16. April 2026. Im gleichen Jahr erklärte Generalstaatsanwalt Lucien Wong, dass er immer noch die rechtliche Befugnis habe, gemäß § 377 A Strafgesetz gegen Schwule vorzugehen. Die Aussage erfolgte in der öffentlichen Debatte über die Abschaffung der Bestimmung und als Reaktion auf die Meinung früherer Generalstaatsanwälte, dass die Staatsanwaltschaft faktisch von der Verfolgung solcher Fälle abgehalten werde. Wong sagte, dass „die Staatsanwaltschaft zwar keine Fälle zwischen einvernehmlich handelnden Erwachsenen und an privaten Orten verfolge, da dies nicht im öffentlichen Interesse liege“, dass aber ein Generalstaatsanwalt eine solche Strafverfolgung anordnen könne, „wenn bei der Polizei Anzeige erstattet wird, insbesondere in Bezug auf Minderjährige“. Und 2019 bekräftigte Premierminister Lee Hsien Loong, dass Singapur den § 377 A Strafgesetz weiter beibehalten werde: Was auch immer Ihre sexuelle Orientierung ist, Sie sind willkommen, nach Singapur zu kommen und dort zu arbeiten … Sie kennen unsere Regeln in Singapur. So ist diese Gesellschaft nun einmal: Wir sind nicht wie San Francisco, und wir sind auch nicht wie einige Länder im Nahen Osten. [Wir sind] etwas dazwischen, so ist unsere Gesellschaft.Rik Glauert: Singapore will keep anti-gay law Section 377A 'for some time' says PM. In: GayStarNews vom 27. Juni 2019; abgerufen am 16. April 2026.
Der Court of Appeal of Singapore kam 2022 zu der Erkenntnis, dass § 377 A Strafgesetzbuch bei einvernehmlichem Sex zwischen Männern nicht mehr angewendet werden dürfe.Selina Lum: Court of Appeal rules Section 377A stays but cannot be used to prosecute men for having gay sex. In: The Straits Times vom 28. Februar 2022; abgerufen am 16. April 2026. Am 21. August 2022 kündigte Premierminister Lee Hsien Loong auf der Kundgebung zum Nationalfeiertag an, dass die Regierung beabsichtige, § 377 A Strafgesetz aufzuheben, und wies darauf hin, dass ein erhebliches Risiko bestehe, dass das Gesetz sonst seitens der Gerichte aufgehoben werde, es verstoße gegen Artikel 12 der Verfassung – die Bestimmung zum Schutz der Gleichheit.NDR 2022: Tham Yuen-C: Govt will repeal Section 377A, but also amend Constitution to protect marriage from legal challenges. In: The Strait Times vom 22. August 2022; abgerufen am 16. April 2026.Dewey Simin: Singapore to scrap anti-gay sex law, amend constitution to prevent marriage equality. In: South China Morning Post vom 22. August 2022; abgerufen am 16. April 2026.Singapore will decriminalize sex between men, prime minister says. Reuters vom 21. August 2022; abgerufen am 16. April 2026. Lee fügte hinzu, dass die Aufhebung im Parlament beraten werde.Singapore will decriminalize sex between men, prime minister says. Reuters vom 21. August 2022; abgerufen am 16. April 2026. Nach einer zweitägigen Debatte am 28. und 29. November 2022 strich das Parlament die Bestimmung aus dem Strafgesetz.Section 377 A Penal Code (Singapore), repealed.
Rechtliche Lage Strafrecht Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen sind sowohl für Männer als auch für Frauen legal.
Zivilrecht Ehe und Partnerschaft Gleichgeschlechtliche Ehen oder zivile Lebensgemeinschaften werden in Singapur nicht anerkannt. Diesbezüglich gilt immer noch ein Gesetz von 1961.Women's Charter.
Laut einer Umfrage des Institute of Policy Studies von 2013 waren 78 % der Bewohner von Singapur gegen die gleichgeschlechtliche Ehe.Wear white to protest pink gay rally, religious groups say. Reuters vom 2. November 2015; abgerufen am 16. April 2026. 2019 ergab eine Umfrage mit 1.033 Teilnehmern, dass 34 % gleichgeschlechtliche Partnerschaften befürworteten, sich aber 43 % gegen eine rechtliche Gleichstellung aussprachen und die restlichen 23 % unentschieden waren. Die Unterstützung durch Jüngere für die Gleichstellung war deutlicher: 50 % der 18- bis 34-Jährigen befürwortete das, 20 % waren dagegen. Im Gegensatz dazu befürworteten eine Gleichstellung nur 22 % der Personen im Alter von 55 Jahren und darüber.Kim Ho: Singaporeans split on same-sex civil partnerships. YouGov vom 18. Februar 2019; abgerufen am 16. April 2026.