mini|Gedenkstätte im „Gremberger Wäldchen“ (2026) mini|Findling mit kyrillischer Inschrift auf dem Gelände der Gedenkstätte (2026) Beim Massaker im Gremberger Wäldchen wurden am 8. April 1945 Zwangsarbeiter, die in einem dortigen Krankensammellager der „Deutschen Arbeitsfront“ untergebracht waren, von Angehörigen des Volkssturms ermordet. Die genaue Zahl der Opfer dieses Endphaseverbrechens und deren Identität sind zum Teil nicht bekannt, Zeugen sprachen von bis zu 35 Opfern. Mindestens 500 Menschen waren dort schon während des Lagerbetriebs ums Leben gekommen.

Das Lager befand sich im Süden des heutigen Landschaftsschutzgebietes Gremberger Wäldchen, am Rand des rechtsrheinischen Kölner Ortsteils Humboldt/Gremberg gelegen in der Nähe des Autobahnkreuzes Köln-Gremberg.

Das Lager In der Zeit des Nationalsozialismus wurden Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen nach einer ärztlichen Untersuchung an die jeweiligen Arbeitgeber übergeben; bei Krankheit standen sie wieder in der Verantwortung der Arbeitsämter, da diese offiziell für deren Gesundheitspflege zuständig waren. Im Oktober 1942 gab Fritz Sauckel, Generalbevollmächtigter für den Arbeitseinsatz, den Befehl, in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern und in „hochindustriellen“ Bezirken, in denen sich viele Zwangsarbeiter befanden, für diese Arbeiter Krankensammellager zu errichten, um die Krankenhäuser zu entlasten. Diese Lager wurden von den Arbeitsämtern betrieben, das Personal wurde von der Deutschen Arbeitsfront gestellt. Schwererkrankte kamen in solche Sammellager wie im Gremberger Wäldchen am östlichen Rand der Stadt Köln. Der überwiegende Teil des medizinischen Personals bestand aus den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern selbst, oftmals waren es Frauen, die früher als Sanitäterinnen gearbeitet hatten. Obwohl es einen für das Lager zuständigen Arzt gab, war er mutmaßlich nur selten vor Ort.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 198. Die meisten Insassen des Lagers waren bei Klöckner-Humboldt-Deutz eingesetzt.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 205.

Wann genau das Krankensammellager im Gremberger Wäldchen, das einzige seiner Art im Rheinland, errichtet wurde, ist nicht bekannt.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 216. Eine Luftaufnahme vom Mai 1942 zeigt das Lagergelände, während es zuvor wohl nur aus einzelnen Hütten bestand. Auf Luftaufnahmen aus dem Mai 1943 sind zehn Baracken und zehn Hütten zu erkennen. Später wurden weitere Baracken erbaut, andere durch Luftangriffe wiederum zerstört. Bei Kriegsende war das Lager weitgehend zerstört, nur drei Baracken und zwei Hütten standen noch.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 195/96.

Offiziell sollte das Krankensammellager dazu dienen, die kranken Menschen gesund zu pflegen und ihre Rückführung in die Heimatländer vorzubereiten. Die mehrwöchigen Rückführungstransporte, die unter katastrophalen Umständen stattfanden, wurden aber aufgrund der Kriegssituation 1943 eingestellt. Tatsächlich herrschten im Lager derart schlechte Bedingungen, dass ein großer Teil der Insassen den Aufenthalt in diesem „Sterbelager“ nicht überlebte.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 216. Der Zeitzeuge Sergej Stepanow (ein überlebender Zwangsarbeiter, der viele Jahre später Köln besuchte und vom NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln interviewt wurde) berichtete: „Die Kranken bekamen im Lager keine Behandlung und noch schlechtere Nahrung als im Lager beim Werk.“ In Untersuchungsberichten von Ärzten wurde der Zustand der Kranken als „elend“ bezeichnet; oft wurde bei ihnen „offene Tuberkulose“ diagnostiziert. Im Mai 1944 beklagte die Kölner Friedhofsverwaltung, sie könne die ungewöhnlich hohe Zahl der Toten aus dem Gremberger Wäldchen kaum noch bewältigen. In einem Schreiben an den Lagerarzt Ludwig Decker bat sie darum, die Leichen künftig verbrennen zu dürfen. Um den Prozess zu beschleunigen, verfasste der Lagerarzt ein Standardformular, das jedem Todesfall im Lager eine natürliche Ursache bescheinigte.

Die durchschnittliche Belegungsstärke des Lagers umfasste mindestens 150 Personen. Die Mehrzahl von ihnen stammte aus Polen und der Sowjetunion. Insgesamt durchliefen nach Schätzungen weit über 800 Menschen dieses Lager. Es gab auch eine Entbindungsstation; die Tochter einer ukrainischen Frau wurde in diesem Lager in einer Bombennacht im Juli 1944 ohne ärztliche Hilfe geboren. Die Mutter erkrankte an Typhus und das Kind an Diphtherie. Mutter und Tochter überlebten, weil der Vater – ein entflohener ukrainischer Zwangsarbeiter – ihnen in einer weiteren Bombennacht zur Flucht verhalf. Insgesamt sind 77 Geburten im Lager dokumentiert. Aufgrund von Forschungen zu der Situation in anderen Krankensammellagern ist es denkbar, dass bei werdenden Müttern Zwangsabtreibungen vorgenommen wurden oder man Neugeborene unversorgt sterben ließ.Schäfer, Durchgangs- und Krankensammellager, S. 220.

Der Kölner Historiker Fritz Bilz bilanzierte in einer Rede anlässlich der „Gedenkstunde am 23. Juni 2011“ (70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion): Anhand der Akten könne man errechnen, dass von März bis Juni 1943 monatlich rund zwölf Menschen gestorben – mit den Worten von Bilz: „krepiert“ – seien, ein Jahr später seien es rund 25 gewesen. Drei Viertel dieser Männer und Frauen seien unter 22 Jahren alt gewesen. Es könne von einer Zahl von über 500 Toten von 1943 bis 1945 ausgegangen werden. Wahrscheinlich sei, dass mindestens 60 Prozent der in diesem Krankensammellager eingelieferten Menschen starben. Die toten Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden bis zur Befreiung des linksrheinischen Kölns auf dem Westfriedhof in Massengräbern auf dem dortigen „Slawenfeld“ beerdigt, penibel getrennt von gestorbenen Gefangenen, die nicht aus Osteuropa stammten. Nachdem die US-Army das linke Rheinufer eingenommen hatte, erfolgten die Beisetzungen auf dem Kalker Friedhof im Kölner Osten.

Das Massaker mini|Gräber von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern auf dem Kalker Friedhof (2026) Am 5. März 1945 erreichten US-amerikanische Truppen von Westen aus zunächst das linksrheinische Köln.

Am 8. April erteilte NSDAP-Kreisleiter Alfons Schaller – Bruder des stellvertretenden Gauleiters Richard Schaller – den Volkssturm-Ortsgruppen von Poll, Deutz und Humboldt/Gremberg im Rechtsrheinischen den Befehl zur Räumung des Krankensammellagers wegen vermeintlicher Seuchengefahr.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 213. Angehörige des Volkssturms – meist Jugendliche der HJ und NSDAP-Funktionäre – zogen daraufhin gegen 5 Uhr morgens in das Gremberger Wäldchen und forderten die Insassen des Lagers auf, sich vor dem Lagertor zu sammeln. Die etwa zwölf Täter gaben Schüsse in die Luft ab, was bei den Lagerinsassen Panik auslöste. Einige von ihnen versuchten zu fliehen, während die Deutschen begannen, durch die Fenster in die Baracken zu schießen.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 213/14.

Laut späteren Aussagen einiger Täter warfen sie Handgranaten in einen Luftschutzgraben, in dem sich Menschen versteckt hatten. Andere Insassen wurden erschossen. Schließlich verstreuten die Täter Stroh in den Baracken, begossen es mit Benzin und legten Feuer, so dass schwerkranke Menschen bei lebendigem Leib in ihren Betten verbrannten. Die Täter schafften die Körper der erschossenen Menschen in die Baracken, so dass sie mit den noch lebenden Schwerkranken zusammen verbrannten. Einer der Täter war ein 18-Jähriger, der nicht nur in dieses, sondern auch in andere Verbrechen – öffentliche Hinrichtungen von Zwangsarbeitern – verwickelt war.Aders, Nationalsozialistische Tötungsverbrechen, S. 130.

Wie viele Menschen genau bei diesem Massaker ermordet wurden, ist nicht bekannt. Ein Bestattungsunternehmer gab an, vier erschossene und sieben verbrannte Körper beerdigt zu haben. Diese elf Leichname konnten nicht – wie zuvor üblich – auf dem Westfriedhof bestattet werden, da er linksrheinisch lag und wegen der dortigen alliierten Besatzung nicht mehr erreichbar war. Zeugen berichteten von bis zu 35 Opfern.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 214.

Am 14. April nahm die US Army auch die rechte Rheinseite Kölns ein. Im Herbst 1945 ging die Zuständigkeit über das besetzte Territorium an die British Army über. Mitte 1948 befragten Ermittler der „Field Investigation Section“ der British Army unter der Bezeichnung „Cologne Case IV“ Zeugen und Verdächtige. Aus Mangel an Beweisen wurden nur zwei Verdächtige der konkreten Tatbeteiligung überführt. Der Oberste Gerichtshof für die Britische Zone verhängte im Oktober 1948 Todesstrafen gegen diese beiden Täter. Das Urteil wurde allerdings nie vollstreckt, sondern der Fall später an die Kölner Staatsanwaltschaft übergeben, die jedoch keine eigenen Ermittlungen aufnahm, so dass der Fall nie vor ein deutsches Gericht kam. Die Täter lebten unbehelligt weiter in unmittelbarer Nachbarschaft des Gremberger Wäldchens, auch die anderen der mindestens zehn Tatbeteiligten wurden nicht belangt.

Aufarbeitung und Erinnerung Ab 1979 beschäftigte sich Gebhard Aders, damaliger Leiter der rechtsrheinischen Außenstelle Porz des Historischen Archivs der Stadt Köln, mit dem Fall eines 1944 mutmaßlich wegen Sabotage hingerichteten Zwangsarbeiters in Porz. Dabei erhielt er Hinweise auf ein Lager, das sich im Gremberger Wäldchen befunden habe, wo sich ein „größeres Verbrechen“ ereignet habe. Diese Berichte hielt er zunächst für ein „Gerücht“, bis er auf einen Gedenkstein aufmerksam gemacht wurde, der sich auf dem sogenannten „Russenfriedhof“ befinde, einem umzäunten Gelände im Wald.Aders, Nationalsozialistische Tötungsverbrechen, S. 149/50.

1989 entdeckte Aders das Lager auf Luftaufnahmen vom März 1945, die vom Porzer Archiv erworben worden waren.Aders, Nationalsozialistische Tötungsverbrechen, S. 152. Vor Ort fand er den Gedenkstein mit einer kyrillischen Aufschrift. Die „Projektgruppe Messelager“, eine Initiative zur Erforschung des Messelagers Köln, veranstaltete 1989 ein Symposium zur Geschichte dieses Lagers. Ehemalige Häftlinge und Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurden nach Köln eingeladen, um über ihre Verschleppung nach Deutschland und ihren Zwangsaufenthalt in Köln zu berichten. In Interviews mit Lidija Kiwwa, Tamara Stafitschuk, Sergej Stepanow, Iwan Manschilin und Irena Błażejewska wurde das Verbrechen im Gremberger Wäldchen bezeugt. 1998 machte Aders relevante Akten im britischen Staatsarchiv Public Record Office ausfindig und veröffentlichte seine Erkenntnisse 1999 in einem Aufsatz.Aders, Nationalsozialistische Tötungsverbrechen, S. 165. Die namentlich bekannten Täter waren inzwischen verstorben.

Wer den Findling mit der kyrillischen Schrift gesetzt hat, ist nicht bekannt. Vermutet wird, dass die Aufstellung des Steins durch die Sowjetische Militärmission erfolgte, die unmittelbar nach Kriegsende mehrere solcher Gedenksteine errichten ließ, so unter anderem auch auf den Friedhöfen in Porz und Porz-Urbach. Es könnten ehemalige befreite Zwangsarbeiter gewesen sein, die die ermordeten Menschen in einem Massengrab beigesetzt hatten. Die Aufschrift spricht von 74 sowjetischen Bürgern, die in ihrer Gefangenschaft hier den Tod fanden. Es ist anzunehmen, dass hier nur die Toten begraben sind, die im März und April 1945 im Gremberger Lager umgekommen sind. Das Schicksal von mindestens weiteren 136 Menschen konnte nicht abschließend geklärt werden.Lammers, Gefangen im „Wäldchen“, S. 236.

Die deutsche Gedenktafel wurde 1985 auf Initiative der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) errichtet. Dessen Inschrift ist eine deutsche Übersetzung der kyrillischen Zeilen auf dem Gedenkstein:

Die Tafel sowie eine dazugehörige Bronzefigur Trauernde Eltern wurden vom Kölner Künstler Klaus Balke gestaltet. Die Figur zeigt ein schmerzerfülltes Paar im ukrainischen Kertsch vor einem Berg von Leichen. Balke schuf sie angelehnt an ein Foto aus der Kriegsfibel von Bertolt Brecht. 2021 wurde die Bronzefigur gestohlen und später durch ein Keramikrelief ersetzt, das ebenfalls von Balke stammt. Die Bronzefigur trug die Zeilen: