Hans Hubert „Sammy“ Maedge (* 16. August 1940 in Stolberg) ist ein antifaschistischer Aktivist, der durch zahlreiche Aktionen auf Gräuel der NS-Zeit und die Spuren davon in Köln aufmerksam machte. So bewirkte er mit Mitstreitern, dass die Gefängniszellen der Gestapo im Gebäude des heutigen NS-Dokumentationszentrums als Ort der Erinnerung erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.
Leben Nach Abschluss einer Volksschule in Köln besuchte Sammy Maedge die Glasfachschule in Rheinbach und arbeitete später als Kunstglaser, nach anderen Quellen als „Vergolder von Kirchturmhähnen“. Politisch geprägt bezeichnet er sich in seinen Erinnerungen durch seinen „linken“ Adoptivvater, einen Professor für Wirtschaftskunde und Unternehmungslehre an der RWTH Aachen. Kurz vor Kriegsende sei dieser in die Kölner Gestapozentrale einbestellt worden. Ihm sei jedoch die Flucht gelungen, und er habe sich bis Kriegsende bei Freunden verstecken können. Durch diese Beziehung fühlte sich Sammy Maedge „widerständigen Sozialdemokraten, Juden und Edelweißpiraten“ seit seiner Jugend verbunden. Ab Ende der 1950er Jahre versuchte er mit spektakulären Einzelaktionen immer wieder das Schweigen über die Zeit des Nationalsozialismus in Köln zu brechen.
Wirken Anfang der 1960er Jahre zeigte Sammy Maedge eine „Ausstellung“ auf dem Kölner Neumarkt mit Material aus dem 1960 erschienenen Buch „Der gelbe Stern“ von Gerhard Schoenberner. In Gesprächen mit Passanten erfuhr er von den ehemaligen Gestapo-Zellen im EL-DE-Haus, in denen die Stadt Köln damals Akten lagerte. In dem Gebäude waren das städtische Rechts- sowie das Rentenamt untergebracht, was Maedge als „gänzlich unzumutbaren Zustand“ für NS-Opfer empfand. 1967 machte er dort erste Fotos der noch zu sehenden Inschriften der damaligen Inhaftierten, die er übersetzen ließ. Da die etablierte Medienlandschaft das Thema nicht aufgriff, war es letztendlich die Schülerzeitung des Hansagymnasiums, die erstmals dazu berichtete, wie er später in einem Interview im NS-Dokumentationszentrum berichtete. Mehrfach wurde von der Stadt Köln auf Grund der Protestaktionen Strafanzeige gegen Maedge erstattet. In einem Aktenvermerk der Kölner Polizei von 1966 heißt es, seine Aktionen würden dem Ansehen der Bundesrepublik im Ausland schaden. 1978 gründete sich um Maedge und Kurt Holl die „Initiative für ein Dokumentationszentrum im El-De-Haus“,Dauerausstellung des NS-Dokumentationszentrums eröffnet, undat., siehe: . und 1979 führte er eine „illegale Begehung“ als Führung durch die Zellentrakte durch. alternativtext=In einem karg gestalteten Ausstellungsraum steht zentral eine in Acryl gefasste Quaderförmige Stele aus Pappkarton mit verschiedenen Flugblättern und Fotos, darunter eine Beschriftung V.i.S.d.P Samuel Maedge. Dahinter verschiedene Menschen, die die Ausstellung besichtigen|mini|Protestobjekt von Sammy Maedge in der Dauerausstellung des NS-DOK (2026) Nach der Ausstrahlung des dritten Teils der Serie „Holocaust“ am 25. Januar 1979 durch den WDR prangerte Sammy Maedge auf dem Wallrafplatz und dem Appellhofplatz vor dem Funkhaus des WDR mit selbstgebastelten Protestplakaten aus Pappe die im EL-DE-Haus begangenen Unrechtstaten und den Umgang mit ihnen als historisches Erbe an. Der mehrseitig beklebte Original-Karton ist – neben anderen Informationen zu Maedges Engagement – im NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln an zentraler Stelle im ersten Raum ausgestellt, wo sie sich in ihrer „Bastel-Ästhetik“ in die bewusst kahle Gedenkstättengestaltung einfügt, was dahingehend interpretiert werden könnte, „dass sich die Institution in gewisser Weise in der Nachfolge von Maedges Zivilcourage sieht […]“.
Anlässlich des Prozesses gegen Kurt Lischka, von Januar bis August 1940 Leiter der Kölner Gestapo, im November 1979 organisierte Maedge zusammen mit Peter Finkelgruen und der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit eine Ausstellung im Schauspielhaus, die sich mit den nationalsozialistischen Verbrechen im besetzten Frankreich beschäftigte. Die erweiterte Ausstellung unter dem Titel Kennzeichen J organisierte und finanzierte er von Februar bis April 1980; sie wurde in der Kölner VHS gezeigt. In Folge nahmen Schulklassen aus ganz NRW an Führungen durch die Ausstellungen und zu Orten der Verfolgung und des Widerstandes in Köln teil.
Weitere Protestaktionen umfassten Anzeigen gegen Verkäufer und Käufer von NS-Devotionalien auf Flohmärkten, oder der Recherche von Namen und Taten von NS-Tätern die noch nach dem Kriegsende bei der Kölner Polizei weiterhin Karriere machten, außerdem tauchten 1980 auf der Photokina von ihm produzierte Flugblätter auf, die auf die Nutzung der Messehallen als Außenlager des KZ Buchenwald aufmerksam machten – diese Initiative führte ein Jahr später zur ersten Gedenkplakette am Messegelände seitens der Stadt. 1985, am Vorabend des Jahrestags der Novemberpogrome 1938, verbrannte er einen Großteil seiner Protestplakate im Haubrichhof.
Ende der 1980er Jahre zog sich Sammy Maedge aus dem öffentlichen Leben zurück, anscheinend auch, weil er sich von Mitstreitern aus der antifaschistischen Bewegung der Spät-68er ausgegrenzt fühlte.
Debatten Den zusätzlichen Vornamen Samuel (Sammy) gab sich Maedge offenbar selbst, was von manchem aufgrund des jüdischen Bezugs dieses Namens als Selbstanmaßung angesehen wurde.
Seine radikale Protestformen, teilweise mit Androhung von Selbstverbrennung, wurden von anderen Gruppen, wie bspw. der Initiative Dokumentationszentrum im EL-DE-Haus, als zu radikal angesehen, da diese wohl politische oder auch strafrechtliche Konsequenzen fürchteten.
Würdigung 2018 würdigte etwa der Evangelische Kirchenverband Köln und Region Sammy Maedge als einen der Kämpfer „gegen das Vergessen und Verdrängen der Verbrechen“. Früh habe er die Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen Gestapogebäude EL-DE-Haus gefordert und die Straffreiheit von NS-Verbrechern angeprangert. Doch sein Engagement sei kaum gewürdigt, Maedge auch von der Justiz als Querulant diffamiert worden. Gleichwohl habe er den Kampf Mann gegen Behörde gewonnen. Heute etwa sei die professionelle Arbeit des NS-Dokumentationszentrums im EL-DE-Haus nicht mehr wegzudenken.
Anlässlich des 40. Geburtstags des NS-Dokumentationszentrum im Jahr 2019 nannte der damalige Leiter des Zentrums Werner Jung Maedge einen „einsamen Rufer in der Wüste“.
Schriften
Einzelnachweise
Kategorie:Person (Köln) Kategorie:Person des Antifaschismus Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1940 Kategorie:Mann