Das Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH-Gebiet) Rheinniederung Neuburg-Wörth liegt in den Gemeinden Berg (Pfalz), Neuburg am Rhein, Hagenbach und Wörth am Rhein in der Rheinaue im Landkreis Germersheim im Südosten von Rheinland-Pfalz. Es handelt sich um einen waldreichen Rheinauenbiotopkomplex mit stehenden und durchströmten Gewässern, Röhrichtzonen und Feuchtwiesen. Der Vorschlag zur Ausweisung als FFH-Gebiet wurde im Mai 2004 der EU gemeldet. Die Ausweisung wurde im November 2011 von der EU bestätigt. Das Gebiet zählt zum länderübergreifenden Netz besonderer Schutzgebiete Natura 2000 der Europäischen Union (EU). Dieses hat den Erhalt der biologischen Vielfalt zum Ziel und soll dem anhaltenden Rückgang von wildlebenden Arten und ihrer natürlichen Lebensräume entgegenwirken. Das Gebiet beherbergt neun Lebensraumtypen (LRT), fünf Naturschutzgebiete (NSG), vier Naturdenkmale und drei Vogelschutzgebiete. Die in den Roten Listen Deutschlands als stark gefährdet ausgewiesenen Neunaugen, die Zwergdommel, die Große Teichmuschel, die Pappelglucke und die Wasserfeder finden sich im Schutzgebiet. Der Wörther Altrhein ist das einzige Auengewässer am rheinland-pfälzischen Oberrhein, in dem Wassernuss, Großes Nixenkraut und Seekanne gemeinsam vorkommen. Die Weichholz-Auenwälder haben deutschlandweit einen Alleinstellungsstatus und überragende europäische Bedeutung.
Geographie Lage mini|Lage des FFH-Gebietes zwischen Wörth und Neuburg Die Gebiete liegen in enger Nachbarschaft zum östlich verlaufenden Rhein mit einem etwas isoliert liegenden Bereich nordnordöstlich von Wörth, rund um Hagenbach, Neuburg und Berg bis zum südlichsten Punkt von Rheinland-Pfalz, wo die Lauter von rechts den Mühlgraben aufnimmt und westlich davon die Grenze zu Frankreich bildet.
Beschreibung In der südlich an die Hördter Rheinaue anschließenden und mit dieser eine funktionale Einheit bildenden Rheinniederung Neuburg–Wörth sind aquatische, amphibische und terrestrische Lebensräume eng verzahnt. Die Vielfalt der Habitate ist maßgeblich für den großen Artenreichtum im Gebiet. Kennzeichnende Vegetation der Altrheine und ihrer Verlandungszonen sind die großflächigen Schilfröhrichte und Großseggenriede. An den Altrheinen ist diesen eine Schwimm– und Tauchblattvegetation wie beispielsweise die Teichrosen–Gesellschaft, die Wassernuss–Gesellschaft und die Froschbiss–Gesellschaft vorgelagert.
mini|Schematische Darstellung der Zusammenhänge von Wasserstand und Auenwaldart.
Naturräumliche Gliederung Das FFH-Gebiet liegt gemäß dem Handbuch der naturräumlichen Gliederung Deutschlands im Naturraum Nördliche Oberrheinniederung (laut den Blättern 160 - Landau in der Pfalz und 169 - Rastatt) in der Großregion des Oberrheingrabens. Oberrheinisches Tiefland (20–23) Nördliches Oberrheintiefland (22/D53c) 220 – Haardtrand 222 – Nördliche Oberrheinniederung 224 – Neckar-Rhein-Ebene
Klima Das Klima der Rheinniederung ist aufgrund der Lage im nördlichen Oberrheintiefland durch eine mittlere Jahrestemperatur von über 10 Grad Celsius und einem Mittelwert im Winter von über 1 Grad Celsius gekennzeichnet und unterstreicht die Wärmegunst des Oberrheingrabens im mitteleuropäischen Vergleich. Das Oberrheingebiet zeichnet sich durch eine lange Vegetationsperiode, warme Sommer und relativ kurze kühle Winter und niederschlagsreiche Sommermonate aus, in welchen das Maximum an Niederschlägen erreicht wird. Der mittlere Jahresniederschlag beträgt 750 mm. Die Hauptwindrichtung ist West bis Südwest. Der Haardtrand liegt im Lee des Pfälzerwalds, so dass übermäßige Niederschläge häufig ausbleiben. Die Thermik lässt die Luft, die sich tagsüber erwärmt hat, nachts an den Hängen emporsteigen, während kalte Luft in die Ebene abfließt.
Geologie mini|Sedimente der Niederterrasse an der Böschung eines Baggersees Die Rheinniederung Neuburg Wörth liegt innerhalb des durch einen Grabenbruch entstandenen Rheingrabens. Laut der „Geologischen Übersichtskarte von Rheinland-Pfalz 1:300000“ ist die quartärgeologische Einheit Rhr petrograpisch geprägt durch kiesige Sande und sandige Kiese, die lehmig bis tonig (in Altarmen) sein können. Auf der im Westen an das Schutzgebiet angrenzenden Niederterrasse (geologische Einheit Rha) dominieren kaltzeitliche (pleistozäne) Ablagerungen aus kalkarmen Schwemm- und Flugsanden oder Flussschottern der Lauter.
Böden Die Böden im Überflutungsgebiet (laut „Geologischer Übersichtskarte von Rheinland-Pfalz 1:300000“) sind vorwiegend kalkig und je nach Entstehung und Alter sehr vielgestaltig. Die sandig-tonigen oder lehmigen Böden sind in der Altaue des Rheins durch zunehmende Entkalkung im Oberboden und durch Verbraunung gekennzeichnet. Die im alluvialen Überschwemmungsbereich des Rheins liegenden Böden sind in Folge regelmäßiger Überflutung und Materialablagerung durch einen hohen Kalkgehalt gekennzeichnet. In der Randsenke der Rheinniederung dominieren schwere Anmoorgleyböden, die in ein kleinräumiges Mosaik aus schweren Lehmen und Tonen in den alten Rheinschlingen und Lehm und lehmigen Sanden auf den Höhenrücken und lokal in lehmigen Sand übergehen. Stellenweise stehen unter Höhenrücken oberhalb der Deckschichten Kiese und Sande an.
Hydrologie Die Rheinniederung zwischen Wörth und Neuburg ist durch eine Vielzahl großer und kleiner Stillgewässer, alte Rheinmäander oder Kiesabbaustellen geprägt (gemäß „Hydrologischer Übersichtskarte HÜK300“). Der Grundwasserstrom verläuft im Gebiet von Südost nach Nordwest von der Niederterrasse zum Rhein. Der Grundwasserflurabstand ist mit Werten zwischen 1 und maximal 4 m gering. Die geringsten Flurabstände sind in den alten Rheinmäandern und am Hochgestade in der Randsenke zu finden. Das Maximum des Grundwasserstands wird im zeitigen Frühjahr erreicht, mit teilweise flächigen Überstauungen in der Randsenke und den Senken der alten Mäander.
Lebensraumtypen (LRT) und deren Erhaltungs–/Verbesserungmaßnahmen Süßwasserlebensräume Natürliche nährstoffreiche Seen (LRT 3150) mini|LRT 3150 im Goldgrund, Hagenbacher Altrhein Pferzenwört (Biotop 69154010)() Der LRT 3150 ist im gesamten Schutzgebiet in Form von Altrheinen unterschiedlicher Verlandungsstadien und Schluten sowie Weihern vorhanden. In besonders hoher Dichte kommt dieser LRT im Goldgrund und den Rheinauen bei Neuburg vor. Den arten- und strukturreichsten Typ stellt der Wörther Altrhein mit seinen ausgedehnten Wasserpflanzenbeständen und Röhrichten dar. Weitere landesweit bedeutsame Altrheinsysteme sind die Altrheine um Neuburg (Kleines und Großes Altwasser, Westlicher und Südlicher Altrhein). Beeinträchtigung und Entwertung der ausgedehnten Röhrichtflächen entstehen durch Verbuschung mit Grauweiden und Erlen an den Neuburger Altrheinen, Austrocknung der verlandeten Altrheinschlingen durch Entwässerung mittels Gräben und Ausbleiben der Sommerhochwässer im südlichen Neuburger Altrhein. Weitere Beeinträchtigungen gehen von intensiver Landwirtschaft mit Eintrag von Gülle am Wörther Altrhein aus. Auch die intensive Angelnutzung im gesamten Gewässer führt zur Beeinträchtigung der Makrophytenbestände und Ufervegetation sowie der Fauna.
Ziel des im Schutzgebiet in Form artenreicher, stark verlandeter Altrheinarme mit ausgedehnten Verlandungszonen aus submerser Vegetation, Schwimmblattvegetation und Röhrichten vorkommenden Lebensraumtyps ist die Erhaltung und Wiederherstellung der Altrheingebiete und Seen in einem günstigen Erhaltungszustand. Maßnahmen sind die Verminderung der Freizeitnutzungen (insbesondere Angeln), der Rückbau von Angelstegen im Wörther Altrhein sowie die Förderung der Ausbildung der artenreichen Wasserpflanzen und Verlandungsvegetation insbesondere am Wörther und den Neuburger Altrheinen. Eine besondere Bedeutung kommt dem Wörther Altrhein zu, der das landesweit größte Wassernussvorkommen aufweist.
Im Biotop „Altrhein S Maximiliansau“ (Goldgrund) (Biotopnummer: 69154010, Fläche: 54 ha) kommen unter anderen die Wassernuss, die Malermuschel (Unio pictorum) und der Große Abendsegler (Nyctalus noctula) als erwähnenswerte Pflanzen und Tiere vor.
Fließgewässer mit flutender Wasservegetation (LRT 3260) mini|LRT 3260 Einmündung eines Entwässerungskanals in die Alte Lauter(Biotop 70151030)() Der LRT 3260 ist im Schutzgebiet nur im Südteil in Form der Alten und Neuen Lauter entwickelt. Die besterhaltene Fläche stellt der Grenzfluss Alte Lauter mit seinen Auwaldrelikten und Verlandungszonen und reicher Makrophytenflora dar. Beeinträchtigungen bestehen in einer Beunruhigung der Uferzonen und Zerstörung der Ufervegetation durch Angelstege.
Ziel ist die Erhaltung und Wiederherstellung arten- und strukturreicher Uferzonen der Alten und Neuen Lauter mit typischer Verlandungsvegetation und Erhaltung der Längsdurchgängigkeit sowie die Verzahnung mit angrenzenden Weichholzauenwäldern, Röhrichten und natürlicher Uferstrukturen mit Steil- und Flachufern.
Im Biotop „Alte Lauter zwischen Lauterbourg und Mündung“ (Biotopnummer: 70151030, Fläche: 18,2 ha) kommen unter anderen das Schwimmlebermoos (Ricciocarpos natans), die Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), der Europäische Schlammpeitzger (Misgurnus fossilis) und der Eisvogel (Alcedo atthis) als gefährdete und/oder besonders erwähnenswerte Pflanzen und Tiere vor.
Natürliches und naturnahes Grasland Naturnahe Kalktrockenrasen und deren Verbuschungsstadien (Festuco-Brometalia) (LRT 6210) mini|Kalktrockenrasen mit Verbuschung (LRT 6210) südöstlich von Berg (Pfalz) im Juli 2026 nach längerer Trockenheit Halbtrockenrasen kommen nur kleinflächig bei Neuburg nördlich der Alten Lauter in der Schiffhecke und am Kleinen Altwasser vor. Ihr Flächenanteil ist mit 0,73 ha sehr gering und liegt weit unter dem Potenzial. Jenseits des Rheinhauptdeiches liegen weitere Potenzialflächen in Bereichen von Kiesrücken zwischen Neuburg und Berg. Beeinträchtigungen der Halbtrockenrasen durch Mahd mit Düngung finden sich in den Abschnitten südlich Neuburg.
Maßnahmen zur Erhaltung der Bestände des LRT 6210 sind eine angepasste Nutzung der Flächen durch späte einmalige Herbstmahd ab August und Einstellung jeglicher Düngung zur Erhaltung der Artenvielfalt. Angrenzend an das Schutzgebiet wird eine Wiederherstellung von Halbtrockenrasen auf ehemaligen Standorten empfohlen.
Feuchte Hochstaudenfluren (LRT 6430) Hochstaudenfluren kommen entlang der Gewässer und Wege in den Auen im gesamten Gebiet und in gutem Erhaltungszustand verbreitet vor.
Ziel für diesen im Gebiet weit verbreiteten Lebensraumtyp ist die Erhaltung der teilweise artenreichen Vorkommen an Weg-, Wald- und Gewässerrändern.
Magere Flachland-Mähwiesen (LRT 6510) mini|Magere Flachlandwiese (LRT 6510) im hochsommerlichen Natternkopf-Aspekt (Biotop 70151026)() Flächen des LRT 6510 kommen im FFH-Gebiet v. a. am Rheinhauptdeich zwischen Maximiliansau und Berg sowie am neuen Lauterdeich vor. Weitere Flächen liegen nördlich der Lohbuschwiesen in der Randsenke der Rheinaue. Insgesamt wurden knapp 30 ha dieses LRTs im Gebiet erfasst. Das Potenzial und die historische Verbreitung des LRTs liegen mit bis zu 50 ha deutlich höher. Die größten Potenzialflächen liegen um Neuburg und in den Lohbuschwiesen bei Hagenbach. Die Landesanstalt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht hat zwischen dem Auerwald und der Kreisstraße eine wechseltrockene Stromtalwiese betreut, auf der zunächst eine selektive Mahd von Goldrutenbeständen erfolgte und nun der Weidenalant (Inula salicina) gute Bestände bildet.
Ziel für diesen Lebensraumtyp ist die Erhaltung im bisher vorhandenen Flächenumfang und Artenreichtum und Wiederherstellung auf Potenzialflächen insbesondere auf den Deichen und in den Wiesengebieten zwischen Neuburg und Berg und in den Lohbuschwiesen. Bedeutende Maßnahme ist die Beibehaltung der zweifachen Mahd Anfang Mai und Ende September auf den Deichen.