Kurt Hermann Friedrich Brüssow (* 9. Dezember 1910 in Stettin; † 14. März 1988 in Penzberg) war ein deutscher Schauspieler und Konditor. Wegen seiner Homosexualität wurde er in der Zeit des Nationalsozialismus mehrfach verhaftet und 1943 im KZ Auschwitz zwangskastriert.

Biographie NS-Zeit und Lagerhaft Kurt Brüssow war der Sohn von Hermann Friedrich Ernst Brüssow (1885–1952), Kellner von Beruf, und von dessen Frau, der Köchin Ida Anna Marie Witt (1890–1967). Er hatte eine Schwester. Der Vater hatte im Ersten Weltkrieg seinen linken Arm verloren. Kurt Brüssow besuchte die Volksschulen in Greifswald und Stettin sowie später die Mittelschule und bis zur Sexta das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium in Stettin. Da seinen Eltern die Mittel fehlten, konnte er das Gymnasium nicht weiter besuchen und er kehrte auf die Volksschule zurück, die er 1925 verließ. Anschließend machte er eine Ausbildung zum Konditor. Ab 1931 studierte er Schauspiel am Theater in Greifswald. Bis 1937 arbeitete er dort als Schauspieler, Sänger und Statistenführer.Jürgen Wenke: „Was bleibt, wenn der Vorhang fällt?“ (PDF; 36 MB) auf stolpersteine-homosexuelle.de. Abruf am 8. März 2026.

Nach einer Denunziation durch den Hausmeister des Theaters wurde Brüssow 1937 nach § 175 StGB, der in der NS-Zeit weiter verschärft worden war, am 27. Juni 1937 wegen „widernatürlicher Unzucht“ festgenommen und zu sechs Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Er verlor seine Anstellung am Theater und wurde aus der Reichstheaterkammer ausgeschlossen, womit ihm eine weitere Tätigkeit als Schauspieler verschlossen blieb.

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis arbeitete Brüssow bei einer Versicherung, wurde jedoch 1938 erneut verhaftet: Im Dezember wurde er in Stargard nach § 175a Nr. 3 wegen der Verführung Minderjähriger zu einem Jahr und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt, im Juni 1939 folgt in Stettin eine erneute Anklage nach § 175. Aus beiden Urteilen wurde eine Gesamtstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus gebildet. In dieser Zeit wurden Brüssow und seine Kontakte so lange „befragt“, bis sie weitere Namen preisgaben. Nach seiner Verhaftung und der folgenden Deportation versuchte die Stadtverwaltung in Greifswald vier Jahre lang, einen Gehaltsvorschuss, den Brüssow zuvor erhalten hatte, von diesem einzutreiben.

Zur Verbüßung der Zuchthausstrafe von 2½ Jahren wurde Brüssow zunächst in das Emslandlager Aschendorfermoor gebracht, von dort ins Lager Rollwald. Nach der vollen Verbüßung der Haftstrafe wurde er jedoch am Entlassungstag, dem 11. April 1941, von der Polizei erneut verhaftet und als „Vorbeugehäftling“ in das KZ Auschwitz deportiert. Dort erhielt er die Häftlingsnummer 16642 und wurde mit einem Rosa Winkel als Homosexueller gekennzeichnet, später mit einem Roten Winkel als politischer Häftling. Wie es dazu kam, ist nicht bekannt, es bedeutete aber einen „Aufstieg“ in der Häftlingshierarchie. Vom 29. Dezember 1942 bis zum 6. Januar 1943 befand er sich auf Anordnung des Lagerführers Hans Aumeier zur Strafe im „Stehbunker“. Er erinnerte sich später daran, mit 50 Stockhieben bestraft worden zu sein. Er erkrankte an Flecktyphus. Am 31. Januar 1943, nachdem Brüssow drei Mal seine Zustimmung verweigert hatte, wurde er gegen seinen ausdrücklichen Willen kastriert. Der Lagerarzt Friedrich Entress vermerkte in Brüssows Akte, dieser habe sich der Operation verweigert, da er glaube, bereits durch den Aufenthalt im KZ „geheilt“ zu sein.

Während dieser Zeit schrieben die Eltern von Kurt Brüssow Briefe an die Lagerverwaltung und die Behörden in Berlin und schickten für den Sohn Geld nach Auschwitz. Sie beschwerten sich beim Lagerkommandanten in Auschwitz, dass sie keine Auskunft erhalten hätten, ob das Geld angekommen sei, und fragten nach, warum der Sohn keine Briefe beantwortet hätte. Ida Brüssow schrieb an das Reichskriminalpolizeiamt in Berlin und ersuchte um Entlassung des Sohnes. Tatsächlich erreichten es die Eltern, dass sie am 16. Januar 1944 den Sohn 15 Minuten lang besuchen durften. Im Februar 1944 wurde Brüssow ins KZ Flossenbürg verlegt, im März 1944 entlassen und in Stettin unter Polizeiaufsicht gestellt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrte Brüssow 1945 nach Greifswald zurück. Dort heiratete er 1946 Margarete Gutjahr, eine verwitwete Jugendfreundin, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte, für die Brüssow als Vormund eingesetzt wurde. Er stellte in Greifswald den Antrag, als Opfer des Faschismus anerkannt zu werden, was dort zunächst abgelehnt wurde. Seinem Einspruch wurde jedoch in Schwerin stattgegeben. In einem Schreiben aus dem März 1946 wies er darauf hin, dass er aufgrund der Kastration ein „lebenslang Verurteilter“ sei. Seit der OP sei er „in einem körperlich und seelisch kranken Zustand“ und eine Anerkennung als „Opfer des Faschismus“ ermögliche ihm, die notwendigen Hormonpräparate zu beschaffen. Die Familie zog nach Putbus auf Rügen, wo Brüssow erfolglos versuchte, als Leiter das Theater Putbus wieder aufzubauen. 1947 verließ die Familie die sowjetische und ging in die amerikanische Zone nach München, wo schon weitere Familienmitglieder lebten. Hier wurde Brüssow, der dort als politisch Verfolgter in der NS-Zeit galt, in einer Spruchkammer des Bayerischen Staatsministeriums zur Entnazifizierung angestellt. Nach der Auflösung der Spruchkammern machte er sich mit einem eigenen Kurierunternehmen selbstständig.

1949 stellte Brüssow in München einen Antrag auf Entschädigung. Der Antrag wurde auf der Basis der Akten aus der NS-Zeit abgelehnt, da er kein politisch Verfolgter gewesen sei, sondern ein „mehrfach vorbestrafter Sittlichkeitsverbrecher“. 1960 machte er im Zuge des ersten Frankfurter Auschwitzprozesses eine schriftliche Zeugenaussage. Der Schwulenaktivist und Historiker Jürgen Wenke, der Schicksale verfolgter Homosexueller in der NS-Zeit erforscht, findet diesen „Zynismus“ staatlicher Stellen „schwer erträglich“: „Einerseits möchte die Strafverfolgungsbehörde seine Zeugenaussage in einem weiteren Auschwitz-Prozess, andererseits aber versagt das Entschädigungsamt und das Gericht Brüssow die Anerkennung als NS-Opfer in seinem eigenen Entschädigungsverfahren, hält seine Angaben nicht für glaubwürdig.“

Ab Mitte der 1960er Jahre lebte die Familie in Seeshaupt am Starnberger See. Margarete Brüssow starb 1980, und Kurt Brüssow lebte anschließend in einem Altenheim im nahegelegenen Penzberg. Dort starb er 1988 im Alter von 77 Jahren. Die Aufhebung von § 175 im Jahr 1994 erlebte er nicht mehr.

Rezeption und Stolperstein mini|hochkant|Stolperstein Anlässlich des 110. Geburtstags von Kurt Brüssow wurde am 9. Dezember 2020 vor dem Theater in Greifswald ein Stolperstein für ihn verlegt.

Im Januar 2026 strahlte das ZDF die Dokumentation Queere Überlebende der NS-Diktatur aus, in der auch das Schicksal von Kurt Brüssow dargestellt wird.

Weblinks

Stolpersteine in Greifswald (PDF; 13 MB) auf greifswald.de

Einzelnachweise

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