Pfälzisch (Eigenbezeichnung Pälsisch) ist ein Sammelbegriff für die Dialekte der beiden Dialektgruppen Westpfälzisch und Ostpfälzisch (Vorderpfälzisch und Kurpfälzisch).Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 20 fasst das Vorderpfälzische und das Kurzpfälzische unter Ostpfälzisch zusammen. Pfälzisch gehört zu den rheinfränkischen Mundarten innerhalb der westmitteldeutschen Mundarten und zählt somit zu den mitteldeutschen Mundarten.
Sprachgeographie mini|Verbreitung der Rheinfränkischen Dialekte. Pfälzische Dialekte sind mit 2 markiert.
Von den benachbarten Mundarten kann Pfälzisch mittels folgender Isoglossen abgegrenzt werden (vgl. Rheinischer Fächer):Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 14–16.
im Süden vom Lothringischen durch die Hus/Haus- bzw. die Is/Eis-Linie, die Mundarten mit und ohne neuhochdeutsche Diphthongierung scheiden im Westen vom Moselfränkischen durch die dat/das-Linie (Sankt Goarer Linie) im Norden vom Hessischen durch die feschd/fest-Linie im Osten vom Südfränkischen und Ostfränkischen durch die Abbel/Apfel-Linie (Speyerer Linie) oder die Pund/Pfund-Linie (Germersheimer Linie)
Nach dieser Abgrenzung spricht Pfälzisch, wer Haus (oder Hous), das, feschd und Abbel (bzw. Pund) sagt.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 16. Zum pfälzischen Sprachgebiet zählen damit Mundarten im ehemaligen Regierungsbezirk Pfalz in Rheinland-Pfalz und im westlich angrenzenden Saarpfalz-Kreis – mit Ausnahme einiger Mundarten im südlichen Teil, die lothringische Merkmale aufweisen – und Teile des übrigen Saarlandes, weiter die Region Kurpfalz in Baden-Württemberg (Kurpfälzisch), an die Pfalz grenzende Teile des Hunsrücks, die Region Bergstraße in Hessen sowie Teile des Odenwalds und fast ganz Rheinhessen. Damit reicht der pfälzische Sprachraum über die Grenzen der Pfalz hinaus; andererseits werden die in der Pfalz gesprochenen Dialekte, die südöstlich der Appel/Apfel-Linie bzw. der Pund/Pfund-Linie liegen (Verbandsgemeinde Hagenbach), zum Südfränkischen gezählt.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 14–17.
Die sprachgeographische Abgrenzung weist dem Pfälzischen einen Sprachraum zu, der auch Gebiete umfasst, deren Sprecher ihre Mundart nicht als Pfälzisch bezeichnen, darunter Teile des Saarlandes mit Saarbrücken, den Großteil Rheinhessens, den Rheingau mit Rüdesheim und den Odenwald. Dieses Dilemma fasste Ernst Christmann schon 1926 in den Satz: Das Pfälzische ist ein Teil des Pfälzischen.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 13.
Die Dialekt-Wörterbücher legten ihre Untersuchungsgebiete – aus praktischen Erwägungen – nach politischen Grenzlinien fest. Das Pfälzische Wörterbuch beinhaltet das Pfälzische innerhalb der Grenzen der ehemaligen bayerischen Pfalz, wie sie zwischen 1816 und 1920 und insbesondere zu Projektbeginn im Jahr 1912 bestanden.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 222–238. Die Sprachgeographie des linksrheinischen Pfälzischen in Rheinland-Pfalz und im Saarland wird beschrieben im Mittelrheinischen Sprachatlas.
Ein dritter Ansatz für die Abgrenzung und Darstellung des Pfälzischen kann das Selbstverständnis der Sprecher sein, die ihre Mundart als Pfälzisch bezeichnen. Diesen Ansatz legte Rudolf Post seiner Darstellung des Pfälzischen zugrunde.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 21.
Die Übergänge zwischen den Mundarten sind fließend, und auch innerhalb des Pfälzischen gibt es charakteristische Unterschiede, vor allem zwischen dem Vorder- und Westpfälzischen. Die gebroch-gebroche-Linie quer durch den dünn besiedelten Pfälzerwald teilt das Pfälzische in Westpfälzisch und Ost- bzw. Vorderpfälzisch. Im Westpfälzischen hat das Partizip der Vergangenheit bei starken Verben keine Endung (gebroch, gesung, kumm), im Vorderpfälzischen endet es auf -e (g(e)broche, g(e)sunge, kumme).Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 20.
Wie bei anderen Dialekten auch hat jeder Ort seine eigene Dialekttradition. So gibt es bestimmte Lautungen, die in dem einen Dorf zu finden sind, aber bereits im Nachbarort nicht mehr. Aktuell ist die Tendenz messbar, dass der Grad der Dialektalität bei jüngeren und mobilen Sprechern abnimmt, ortseigene Sonderformen aufgegeben werden und der Sprachgebrauch tendenziell in einen großräumigen Regiolekt mündet.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 73–74.
Während der Auswanderungswellen nach Südost- und Osteuropa und nach Nord- und Südamerika emigrierten, beginnend mit der Massenauswanderung der Pfälzer (1709), im 18. und 19. Jahrhundert zahlreiche Pfälzer. Sie sprachen ihren mitgebrachten Dialekt teilweise über viele Generationen hinweg bis weit in das 20. Jahrhundert hinein. In den US-Bundesstaaten Pennsylvania, Ohio, Indiana und 29 weiteren US-Staaten sowie im kanadischen Ontario hält sich der Dialekt bei Mennoniten alter Ordnung und bei Amischen bis heute. Mehrere hunderttausend Amerikaner und Kanadier sprechen bzw. verstehen noch heute diesen Dialekt, der dem rezenten Pfälzisch sehr ähnlich ist und den die Sprecher selbst „Deitsch“ nennen. Auf Englisch heißt er Pennsylvania German, wird aber häufiger Pennsylvania Dutch genannt.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 44–49. Eine Reihe pfälzischer Sprachinseln innerhalb des geschlossenen deutschen Sprachgebietes entstand durch gezielte Anwerbeprojekte, z. B. Viereck (Vorpommern), oder ausnahmsweise, so die Pfälzische Sprachinsel am Niederrhein, durch Auswanderer, deren Mittel zur Weiterreise nicht reichten.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 30–36. Sie sind – ebenso wie zahlreiche pfälzische Sprachinseln in Südost- und Osteuropa, deren Geschichte mit Umsiedlung, Flucht und Vertreibung um 1945 endete – heute nur noch relikthaft nachweisbar.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 36–44.
Phonetik mini|hochkant|Schild einer Gaststätte in Hainfeld an der Weinstraße
Im Pfälzischen wurde, wie bei allen mitteldeutschen Dialekten, die hochdeutsche Lautverschiebung nicht vollständig durchgeführt; charakteristisch sind die erhaltenen p-Lautungen im Anlaut, wie in dem bekannten Spruch: In de Palz geht de Parrer mit de Peif in die Kerch.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 16.
Weitere Eigentümlichkeiten des Pfälzischen:
Konsonanten Binnendeutsche Konsonantenschwächung: Tendenz zur Stimmhaftigkeit bei Plosiven; im In- und Anlaut: /t/ → [d]; im Inlaut: /p; k/ → [b; g]Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 99–102. Althochdeutsch t im Anlaut wird zum d, außer in relativ jungen, aus dem Hochdeutschen entlehnten Wörtern: Diir, Deer „Tür“; rischdisch „richtig“; aber: Tee, Terror, Tuub „Tube“ Spirantisierung von intervokalischem b, d, g; siwwe „sieben“ (Zahl), auch zwischen l oder r und Vokal; Kolwe „Kolben“, Bärwel „Bärbel“ Besonderheiten bei der Aussprache von intervokalischem gRudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 88–89. intervokalisches g wird zum (ch); Nachel „Nagel“, im Norden entfällt es ganz, dort sagt man Naal; draan (westpfälzisch) bzw. draache, draae (vorderpfälzisch) „tragen“. Besonderheiten bei der Aussprache von intervokalischem d, ehemals verbreitet, seit dem 20. Jahrhundert weithin im Rückgang begriffenRudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 90–95. Rhotazismus in der westlichen Vorderpfalz, der Zentral- und Nordpfalz und der Westpfalz, zum Beispiel guude → guure //, Wedder → Werrer Lambdazismus in Teilen der Kurpfalz, der Nordwestpfalz und in vereinzelten Ortschaften in der Saar- und Vorderpfalz (beispielsweise Altrip), zum Beispiel Wedder → Weller Ersetzen des d durch ein in einzelnen Ortschaften in der Vorderpfalz. Dieses Phänomen ist so gut wie verschwunden, der Laut wird von der jüngeren Generation durch d, r, l oder sogar j ersetzt. Gelegentlich fällt das d ganz aus (im 20. Jahrhundert zunehmend auch bei der 2. Person Singular der Verben)Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 127. unner „unter“; furch(d)bar, forch(d)bar „furchtbar“; du bisch(d) „du bist“ Schriftsprachliches „sk, sp, st, rs“ wird im In- und Anlaut zu schg, schb, schd, rsch: Muschgel „Muskel“; Weschb „Wespe“; feschd „fest“; Wersching „Wirsing“Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 102. Koronalisierung (verbreitet sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts): Zusammenfall der Phoneme (ch) und (sch) zu (sch) oder oder einem Laut zwischen sch und chRudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 95–96. Die Kombination gh wird vorderpfälzisch meist wie k gesprochen, bh selten wie p ghowe „gehoben“ → kowe (Des hab isch ghowe/kowe „Das habe ich gehoben“), gherd „gehört“ → keerd (Hoschd des ned kerd? „Hast du das nicht gehört?“). In geschriebenen Texten wird die Graphie gh- benutzt, um die Morphologie sichtbar zu machen und damit das Lesen zu erleichtern (ghowe, gheerd). bhalde „behalten“ → palde (Des konnscht palde „Das kannst du behalten“)
Vokale Im Standarddeutschen sind die mittelhochdeutschen Vokale/Diphthonge ei [] und î [] zum Diphthong ei [] zusammengefallen, während diese im Pfälzischen unterschieden werden. Dem mittelhochdeutschen ei entspricht zentralpfälzisches ää (kurpfälzisch aa/åå/ee): Schdää, Sääf, Klääd „Stein, Seife, Kleid“. Dem mittelhochdeutschen î entspricht westpfälzisch ai, ostpfälzisch oi: Woi, doi, soi „Wein, dein, sein“.Rudolf Post: Pfälzisch. Einführung in eine Sprachlandschaft. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Pfälzische Verlagsanstalt, Landau/Pfalz 1992, ISBN 3-87629-183-6, S. 75–77.
mini|Der Vokal in laufen in der Pfalz